Mälzer und Co. – Fernsehköchen auf die Finger geschaut

Der Hype der Kochshows scheint noch immer ungebrochen. Was finden nur so viele Menschen daran, den verschiedenen Herdakrobaten bei der Zubereitung ihrer Speisen zuzusehen? Einer im Auftrag des Fernsehsenders VOX schon im Jahre 2007 durchgeführten Studie entnehme ich, dass damals immerhin mehr als jeder zweite Deutsche dem fröhlichen Treiben in den Studioküchen zusah. Von denen, die sich da am Bildschirm Anregungen holten, kochten immerhin 69 Prozent gar täglich. 72 Prozent derer, die mehr als 3mal wöchentlich in eine Kochsendung zappten, probierten regelmäßig neue Rezepte aus.

Interessant scheint mir der im Jahre 2007 noch äußerst mittelmäßige Bekanntheitsgrad eines Horst Lichter: Mit 19 Prozent kannte den damals nämlich gerade mal nur jeder fünfte Deutsche – das dürfte sich mittlerweile wohl geändert haben. Was ist es nun, was die Attraktivität der Kochshows ausmacht? Wenn wir in der jüngeren Fernsehgeschichte wühlen, lässt sich der Trend vom Solo-Cooking eines meist mit Sternen dekorierten Patrons à la Witzigmann hin zum gemeinsamen Kollektiv-Erlebnis mit Show-Faktor und ganzer Koch-Armada erkennen.

Kennen Sie beispielsweise noch die Sendung „Essen wie Gott in Frankreich“ mit Eckart Witzigmann? Deren größtes Manko bestand darin, dass man – wollte man das, was da gekocht wurde selber nachkochen – die in der Sendung präsentierten durchaus vorzüglichen Rezepte möglichst schnell auf einen Block abkrizzeln musste, denn sie wurden nur relativ kurz eingeblendet. Bedenken Sie: Das Internet war noch unbekannt und einen frankierten Rückumschlag an die Sendeanstalt schicken? Das Geld wollte man sich sparen… Eckart Witzigmann steht als „Koch des Jahrhunderts“ ohnehin über den Dingen.

Nachdem der Gault Millau ihm diesen Titel zuteil werden ließ, fand er sich fraglos wieder in einer Reihe mit den größten Köchen dieser Welt. Vor ihm hatten diesen Adelsschlag übrigens nur Paul Bocuse, Joel Robouchon und Fredi Girardet erhalten. 1979 wurde Witzigmanns legendäres Münchener Lokal „Aubergine“ als erstes Restaurant in Deutschland mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Nun aber zurück in die Welt des TVs.

Alfred Biolek reformierte das Fernsehkochen als solches, indem er aus dem formals singulären Erlebnis ein duales werden ließ: Weit weg vom Normalzuseher war man freilich noch immer, denn wer da mitkochen durfte, der war prominent oder man hielt ihn dafür. Die wichtigste Erkenntnis dieser Sendung war die, dass zum Kochen auch der richtige Küchenwein gehört. Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Wort mittlerweile schon im Duden aufgenommen wurde. Biolek rückte also langsam, aber sicher, ab von der gediegenen Seriosität der großen Meister und fokusierte, statt Kochhandwerk, in seiner Sendung auf die Konversation mit und um den Gast.

Schließlich nahmen sich auch die privaten Sender dem Thema Kochen an und das, was dem geneigten Fernsehzuschauer zunächst vorzugsweise nachmittags serviert wurde, kam noch mal mit jüngeren Gesichtern daher: Ralf Zacherl, Tim Mälzer und der Brite Jamie Oliver brachten frischen Wind in verstaubte Küchen und erschlossen den privaten Medienkonzernen längst verlorenen geglaubte neue, junge Zielgruppen. Credo: Mit einfachen Mitteln, Leckeres kochen.

Das fand Anklang – auch bei den mikrowellen-geschädigten Geschmacksknospen der damaligen Twens – und Kochen als solches wurde langsam trendy. Scheinbar sensibilisierte diese junge Kochschule mit ihren coolen Lehrenden die Menschen wieder für eine kulinarische Lust am Genießen, was nicht zuletzt auch einem gut inszinierten Auftritt zu schulden ist. Die alte Kochmütze – vormals Statussymbol ganzer Koch- und Köchinnen-Generationen – hatte ausgedient und es folgte das Bruzzeln in nett anzusehenden Klamotten.

Die Küchenmeister sind mittlerweile aber auch zu echten Restaurant-Managern und gar Marketing-Experten geworden, die dann kommen, wenn die Hütte und die Kasse leer bleiben. Das Mantra „Frisch-Ist-Besser-Als-Konserve“ beten sie allesamt vor sich her und dass die Dunstabzugshaube einer Großküche mal sauber gemacht werden muss, das habe auch ich verstanden. Es drängt sich die Frage auf, was denn die unzähligen Restaurantbetreiber gemacht haben, als es noch keine gut bezahlten Task-Force-Einheiten für Kochanfänger oder Nichtkönner gab…

Ich persönlich denke, wir finden in den verschiedenen Sendeformaten rund ums Thema Kochen eine gewisse appolaustische Ablenkung von den Wesentlichen Dingen des Lebens. Unsere Augen erblicken auf dem Bildschirm das, was wir eigentlich gerne essen würden, aber vor uns steht noch immer meist die Tiefkühlpizza – bei 12 Minuten auf 220 Grad erwärmt.

Mit der medialen Aufbereitung des Phänomens Kochen findet auf mehreren Ebenen dessen gleichzeitige Trivialisierung statt, die sich einerseits auf die immer einfacheren Gerichte, und andererseits in der Pseudo-Witzelei der TV-Köche am Herd zeigt.

Wohlgemekt: Mit Sterneküche hat das, was da gezeigt wird, selten etwas zu tun. Kochshows rangieren in ihrer intellektuellen Anspruchslosigkeit gleich hinter dem Sommerfest der Volksmusik. Ungern erinnere ich mich da an die krampfhaft-humoristischen Einlagen eines Herrn Lichter, der sich mit Johann Lafer verbale Pseudo-Gefechte lieferte – banal, dümmlich, vorurteilsbelastet. Jedoch: Das Studiopublikum grölte vor Lachen und ich dachte unweigerlich an das römische Credo panem et circenses, Brot und Spiele, das wohl noch immer Gültigkeit besitzt…

Vielleicht, ja vielleicht, sind diese Sendungen auch deshalb für den Durchschnittsbürger so wichtig, um damit zurecht zu kommen und zu kompensieren, dass er den Eingang in echte Gourmet-Tempel à la Wohlfahrt oder Bourgueils selten oder wohmöglich nie finden wird – alleine schon des dafür benötigten finanziellen Polsters wegen. Merklich nimmt auch die echte Sterneküche fühlbare Distanz zu dem ein, was den Massen da via die verschiedenen Kochanimateure serviert wird. Man bleibt unter sich, schweigt und widmet sich dem, was Kochen wirklich ausmacht: Der Leidenschaft für die Sache selbst.

Kubicki: FDP hat ‚verschissen‘. Die liberale Odysee…

Was war denn da bloß loß, Herr Kubicki? Aus Ihrem erhrlichen, wenngleich neoliberalen Munde, musste ich Worte vernehmen, die ich sonst nie und nimmer Ihrer Sprach-Attitude zugeordnet hätte. So stellten Sie fast schon subsumtionslogisch fest: Die FDP als Brand, ja als Marke habe „generell verschissen“. Ich würde noch weiter gehen: Die FDP hat sich ihrer politischen Sinnhaftigkeit beraubt und zwar, indem sie sich nicht zuletzt auf bundespolitischer Ebene völlig demontiert. Im Mai noch votierten auf dem Rostocker Parteitag 619 Abgeordnete pro Rösler – immerhin 93 Prozent. Heute sind die damaligen Röslerianer wohl schlauer. Auch wenn Rösler sich damals noch in der Rolle eines dynamisch-passionierten Mannschaftsführers sah, so muss man (und er) sich heute eingestehen, dass er es nicht geschafft hat, die Partei zu reformieren. Ob es nun der strategisch oftmals unkluge Kurs eines selbstherrlichen noch Außenministers oder letztlich Röslers eigenes zu mildes Krisenmanagement war, die dem FDP-Chef das politische Genick brachen, sei dahingestellt. Die Sehnsucht nach Struktur und politischem Halt besteht bei den Liberalen jedenfalls weiter, denn eine politische Galionsfigur ist er nicht gerade, der stille Philipp.

Mit dem Programmpunkt der neuen „bürgerlichen Mitte“ sucht er verbissen und scheinbar zunehmend hilfloser nach inhaltlichen Eckpunkten, während die Wähler diesen Selbstfindungsprozess per Votum abstrafen. Fragt sich, ob man bei den Berliner Landtagswahlen die Trias der landespolitischen Wahlniederlagen vervollständigen wird: 3 Niederlagen in 4 Monaten – das wäre fast schon Rekord. Auch die Umfragewerte in Bayern lassen die 5-Prozent-Marke scheinbar in unerreichbare Distanz rücken. Einzig in Hamburg konnte man mit 6,7 % den Einzug ins Landesparlament feiern – immerhin.

Ein Philipp Roesler tut sich jedenfalls merklich schwer in diesen Tagen und liefert nicht das, was sich potentielle Wähler seiner Partei wünschten. Vielleicht aber, offenbart die politische Odysee auch weit mehr: Könnte es nicht sein, dass die FDP, die jahrelang eine sogenannte Klientel-Partei war und noch ist – nach und nach ihren politischen Nährboden verliert? Immerhin waren es die großen Steuersenkungsversprechen, die großen Mittelstandsentlastungen, die man sich von den Liberalen versprochen hatte. Diese Versprechen wurden gebrochen, die Wählerschaft desillusioniert. Die Koalition mit dem ehemaligen Wunschpartner CDU brachte der sich selbst so dynamisch einschätzenden Partei den hausgemachten Macht- und Imageverlust ein. Auf großem Regierungsbankett bewegte man sich unbeholfen und zuweilen provinziell.

Damals – noch vor der Bundestagswahl – auf dem Hannoverschen Parteitag warb ein kämpferischer Guido Westerwelle für eine gemeinsame Koalition mit der CDU und verteufelte nebenbei die Abwrackprämie als ein Denkmal gescheiterter Politik. Schon diese Polemik im Kleinen bewies dem geneigten Zuhörer, dass man sich in der FDP schon da wohl nicht ganz über die eigene potentielle Wählerschaft bewusst war: Die deutschen Autohersteller dürften über Westerwelles Urteil jedenfalls nicht gerade sehr erfreut gewesen sein, spülte die Geld-für-Schrott-Prämie doch endlich wieder Geld in deren „klammen Kassen“ – und zwar alleine bei BMW rund anderthalb mal soviel, wie man ursprünglich erwartet hatte.

Zum bundespolitischen Wahlgewinner 2009 wurde die FDP jedoch nicht durch eigenes Zutun, weitmehr hatte sie die 14 plus einem Umstand zu verdanken, der eigentlich ihrem eigenen Verstädnis eines freien, liberalen Marktes geschuldet war: Die Wirtschaftskrise rollte wie eine neurotische Lawine über das Land hinweg und trieb einige Menschen, die das Wahlprogramm der FDP wohl nicht gelesen hatten, in deren offene liberalen Arme. Übrigens: In ihrem konzeptionellen Grundwerk, dem FDP-Wahlprogramm, hätte man sie schon damals lesen können, die wirtschaftlichen Zielsetzungen der FDP: So hatte man auf dem 60. ordentlichen Parteitag mal wieder ordentlich dagegen gewettert, dass die Bundesregierung aus einem falschen Verständnis umfassender Staatsfürsorge heraus (…) immer mehr Aufgaben [übernimmt], die ihr nicht zukommen, und sich im Etatismus des Interventionsstaates [verstrickt]. Kurz: In der Zeit, in der die freien Märkte ihre Radikalität und zerstörerische Macht eindrucksvoll unter Beweis stellten, mahnte die FDP zu noch weiterer Zurückhaltung. Ganz nach liberalem Laisser-Faire-Prinzip würden sich die Märkte schon selber irgendwie regulieren, irgendwo, irgendwann… Umso unverständlicher wird aus meiner Sicht das damalige Glanz-Ergebnis bei den Bundestagswahlen.

Vielleicht, ja vielleicht, sind die damaligen Wähler nun endlich aufgewacht aus ihrer Schockstarre und haben verstanden, dass mit einem solchen um Selbstdefinition bemühten Verein wie dem der FDP, kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Was der Partei droht, ist ihre Auflösung und politische Pulverisierung – daran können auch Alt-Liberale wie Brüderle und Niebel wenig ändern. Und da sind wir wieder bei Herrn Kubicki und können ihm nur zustimmen, denn in der Tat: Für die FDP sieht es generell beschissen aus.

SPD gewinnt in Meck Pomm

Meisterstück gelungen! Die SPD geht aus den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern als klarer Wahlsieger hervor. Eine Partei der Widersprüche bleibt sie damit zwar – aber sie beweist auch ihre Fähigkeit des „Gewinnen Könnens“: 36 bis 36,4 Prozent neuesten Hochrechnungen zufolge – das wird bei einigen Genossen Lust auf mehr machen.

Das Ergebnis der FDP allerdings schockiert: 2,8 Prozent – Einzug in den Landtag verpasst. Die desaströse Bundespolitik und das innerparteiliche Zinnober scheinen auch auf landespolitischer Ebene immer weitere Kreise zu ziehen und werden von den Wählern konsequent abgestraft. Honi soit qui mal y pense, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Berlin calling

An dieser Stelle wieder einmal eine kleine Filmkritik meinerseits. Letzten Freitag strahlte Einsfestival den Film Berlin Calling mit Paul Kalkbrenner alias Ickarus (mit „ck“) aus. Ickarus, aka Martin Karow, ist ein Berliner Elektrokomponist, der um die Welt tourt und immer mehr seinem Drogenkonsum verfällt. Letztlich diagnostiziert ihm die Ärztin Prof. Dr. Petra Paul (Corinna Harfouch) drogeninduzierte geistige Verwirrtheit. Martins Leben wird in seinen Grundfesten erschüttert, der groß angekündigte Release-Termin für sein neues Album scheint in Gefahr.

Nach einem mäßigen Fernsehabend hat mich dieser Streifen völlig in seinen Bann gezogen: Neurotisches Großstadt Feeling, Berlins neue elektronische Avantgard mit viel Gefühl, Drogen und Sinn für Haus(ouse)musik. Kalkbrenner verkörpert den neurotisch-dümpelnden Künstler hervorragend und lässt den Zuseher teilhaben an seinem morbiden Innen- und Außenleben. Nicht zuletzt durch seine einfühlsamen musikalischen Untermahlungen wird dieser Film zur stimmungshaften Momentaufnahme Berliner Jugendkultur – im Schatten des Brandenburger Tores und pseudo-intellektuellen Polit-Gewäschs. Meisterhaftes junges deutsches Kino, das den Beweis dafür liefert, dass Sentimentalität auch in einer von Bässen durchzuckten Industrial-Szenerie nicht zu kurz kommen muss.

Einige weitere Kritiken:

„Auch das lebendige Gefühl von Authentizität, das sich vor allem bei den an Originalschauplätzen während regulärer Partys gedrehten Clubaufnahmen einstellt, unterscheidet „Berlin Calling“ von manchen genreverwandten Werken.“ Spiegel Online (Christoph Cadenbach)

„Paul Kalkbrenners wunderbarer Soundtrack spricht eine andere Sprache. Vielleicht ist es der sentimentalste Techno aller Zeiten, aber er liefert dem Film eine nuancierte emotionale Struktur. Und Kalkbrenners zurückgenommenes Schauspiel ist dem ebenbürtig. Aber auch Rita Lengyel als Freundin Mathilde ist nicht zu übersehen. Sie ist ebenso glaubhaft in ihrem Zustand konservierter Mädchenhaftigkeit.“
– Frankfurter Rundschau (Daniel Kothenschulte)

Musik: Paul Kalkbrenner
Kamera: Andreas Doub
Buch und Regie: Hannes Stoehr

Alte Gewohnheiten…

… gehen über Bord. Schneller als einem wirklich lieb ist. Beispielhaft merkte ich das wieder mal daran, dass ich vorzugsweise mein Handy nutze, um online zu gehen, während mein Rechner in der Ecke nur noch ein jämmerliches Dasein fristet. Web 2.0, das verkommt immer weiter zum „Facebook-Anschau-Web“. Eigener Content wird kaum noch produziert, das Individuelle geht m. E. immer mehr verloren. Obendrein hat Facebook sogar noch seine Privacy Einstellungen angepasst – noch mehr Daten, noch mehr kommerzielle Kernbotschaften, die auf den User unversehens einhämmern. Nun gut: Wollen wir mal nicht zu sehr den Schwarzseher markieren. Gleichzeitig entwickeln sich ja neue Synergien, die Medienkonvergenz schreitet voran.

Medienkonvergenz – das nennen wir [die Marketer] die Annäherung verschiedener Einzelmedien zueinander. Wohl wird es darauf hinauslaufen, dass es „das Netz“ als losgelöste Surfinstanz bald nicht mehr geben wird. Viel mehr wird sich das Web 3.0 zu einer alltagsrelevanten Kerngröße entwickeln, die letztlich omnipräsent ist – beim Fernsehen, beim Lesen, immer und überall. Und da haben wir auch wieder die Parallele zu meinem Surfverhalten: Um sich weiter zu entwickeln, um echtes Mitmach-Web zu werden, wird sich das Netz noch weiter öffnen müssen. Da ist es mit einer 500 MB-Limitierung für das MobileNetz noch nicht getan, liebe Mobilfunkkonzerne. Das wird dann auch der Zeitpunkt sein, an dem Unternehmen erkennen, dass sich Synergieeffekte nicht gänzlich steuern lassen, denn Zugangsschranken zu senken, heisst gleichzeitig noch schneller ein Feedback erhalten zu können, sei es positiv oder negativ.

Gadhafi: Vom Geschäftspartner zum Feind

Zu dem Libyen-Konflikt möchte ich mal festhalten: Vor dem Krieg war für die westlichen Staaten die Terror-Herrschaft des Diktators humanitär gesehen überhaupt kein Problem. Nun begehrt das libysche Volk auf und besteht auf seine Autonomie – völlig zurecht. All die großen Staatsmänner, die vormals Gadhafi mit großem Tamtam empfingen, distanzieren sich plötzlich von ihm und haben moralische Gewissensbisse.

Doch ob Schröder, Berlusconi oder Blair: Es klebt Blut an ihren Händen. Sie haben sich längst schuldig gemacht durch Nichtstun und Unterlassung. Einmal mehr beweist die Bühne der Weltpolitik in diesen Tagen, wie launenhaft sie sein kann. Wer heute als gut und tendenziell „vertrauenswürdig“ eingestuft wird, ist morgen böse und vice versa. Beispielhaft wurde das bei Libyen nach dem fallen gelassenen Handelsembargo zelebriert, als die Großen dieser Welt sogleich das big business witterten – obwohl das libysche Volk schon Jahrzehnte lang unter dem supressiven Regime gelitten hatte. Doch da konnte man weg sehen und hatte die Moral-Brille einfach mal beiseite gelegt…

Eigentlich sollten die sogenannten Diplomaten sich dafür allesamt schämen – erklärten sie sich doch lange Zeit dazu bereit, mit dem Führungsstil Gadhafis konform zu gehen – den eigenen Geschäftsinteressen zuliebe.

In Libyen wurden im Jahr 2010 77,5 Millionen Tonnen Erdöl gefördert – da lockt es wieder: Das Big Business.

Merkel die gefährlichste Frau Europas?

Wie sich die Dinge doch gleichen. Oskar Lafontaine bezeichnet Merkel in einem Interview als gefährlichste Frau Europas. Noch im Jahr 1998 war er es, den die britische „Sun“ als den gefährlichsten Mann Europas betitelt hatte. Nun kritisiert er Mekels Unfähigkeit in Sachen Finanzverständnis und fordert unablässig die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Gut – über deren Implementierung ist man sich, neuesten Medienberichten zufolge, zumindest im deutsch-französischen ‚Bussi-Bussi“-Verhältnis Merkel-Sarkozy einig. Aber was tun mit dem griechischen Schuldenhaushalt? Auch darauf gibt Lafontaine eine unmissverständliche und klare Antwort: Millitärausgaben streichen, einen mehr oder minder freiwilligen Finanzobolus der 200 reichsten griechischen Familienclans einforden, grundsätzliche Abkopplung der Krisenländer vom Finanzmarkt und direkte Kreditvergabe durch öffentlich-rechtliche Banken. Lafontaine: „Würden die Reichen Europas die Hälfte ihres Vermögens abgeben, wären die Schulden deutlich reduziert und die Reichen wären immer noch reich.“

Frankreich denkt derzeit übrigens über die Einführung einer Reichensteuer nach. – Lieber Herr Lafontaine, recht bzw. links so.

Proteste:Weltjugendtag in Madrid

Wie ‚von oben bestellt‘ ging über Papst Benedikt XVI. ein heftiger Platzregen nieder, als er die Gangway herunterschritt, um seinen Besuch in Madrid zu absolvieren. Was ein friedliche Visite mit himmlischen Segen werden sollte, verkam unverhohlen zu einer Art Manifestation politisch-juveniler Unzufriedenheit. Tausende Jugendliche in Madrids Straßen hatten zuvor gegen den Papstbesuch demonstriert. Grund dafür sind die Kosten, mit der die Visite des Kirchenoberhaupts zu Buche schlägt, gepaart mit der hohen Arbeitslosigkeit, der gerade Spanier zum Opfer fallen.

Was mich an diesen Protesten ein wenig irritiert, ist ihre scheinbare Naivität. Natürlich ist es immer angebracht, zum Zwecke des Meinungsausdrucks und der Verfolgung politischer Ziele auf die Straße zu gehen. Aber haben die Protestler sich einmal Gedanken darüber gemacht, wo – gerade in ihrem Lande – sonst noch sinnlos Geld verpulvert wird? Zu nennen ist da als Erstes die obsolete Adelsinstitution Königshaus, die die Spanier jährlich ein Vielfaches mehr kostet als der Besuch des Kirchenchefs. Seltsam, dass sich darüber noch keiner beklagt hat. Früher hieß die Parole: Friede den Hütten – Krieg den Palästen. Irgendwie scheint man das in Spanien vergessen zu haben. Heute ging der Weltjugendtag mit einer großen Abschlussmesse zu Ende. Viva Espagna….

Mehdorn geht von der Schiene in die Luft

Air Berlin ist Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft und soll nun von dem Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn saniert werden. Das Berliner Unternehmen schreibt seit dem Jahr 2008 rote Zahlen. Mehdorn kann sich damit erneut auf einen hoch dotierten Posten freuen und beweist mit dem Wechsel in die Luftfahrtbranche einmal mehr, dass es in der Vorstandsetage Deutscher Großunternehmen nur selten echten Fortschritt gibt. Wo sind sie denn bitteschön, unsere jung dynmaischen Manager, unsere Web 2.0 Jungs, die den Markt wirklich kennen oder zumindest jene, die sich durch jahrelange Fleißarbeit ein Mindestmaß an Erfahrung in Sachen Luftfahrtbusiness aneeignen konnten? Klar, dass es im Kern keinen betriebswirtschaftlichen Unterschied macht, wer nun für die tendenziellen Entlassungen der Air-Berlin Mitarbeiter verantwortliich sein wird, denn diese stehen an, will sich der Konzern wieder einigermaßen von seiner Negativentwicklung erholen.

Was an der Personalie Mehdorn jedoch wieder einmal deutlich wird, ist die Omnipräsenz einer Wirtschafts-Aristokratie, die sich gegenseitig fördert und ihre Macht fest in Händen hält. Wir erinnern uns: Bei der Bahn wollte man Herrn Mehdorn nicht mehr haben, nachdem sich dieser allerlei management-strategische Fehlerchen hatte zu Schulden kommen lassen. Was für Lieschen Müller und Ulrich Schmidt von Nebenan nun zweifelsfrei das endgültige Karriereaus bedeutet hätte, wird für Mehdorn zum Erfolgsgaranten mit Entwicklungspotential. Interessant erscheint mir dabei auch immer der Aspekt, der suggeriert, durch den Wechsel eines Einzelnen können Unternehmensziele erreicht und Umsätze wieder gesteigert werden – von heute auf morgen. Gut – zumindest die Aktienkurse des Unternehmens dürfte der Führungswechsel beflügeln – eine gewisse Zeit lang. Doch dann wollen auch Aktionäre und Händler valide Ergebnisse sehen. Hoffen wir, dass sich Herr Mehdorn mit dieser Aufgabe nicht verkalkuliert hat – nicht etwa um seinetwillen – sondern um den der Air-Berlin Mitarbeiter…

Glaubenssache…

Heute Morgen bin ich in der Kirche über einen Satz gestolpert, der mich wieder mal den absolutistischen Glaubenanspruch der Katholischen Kirche spüren ließ: Extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche, kein Heil. Er wurde in der Allgemeinen Kirchenversammlung zu Florenz (1438–1445) als Dogma festgeschrieben und manifestiert unmissverständlich, dass jeder Mensch, der nicht dem Katholischen Glauben angehört,„dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist“. Anders formuliert: Nur, wer mittels Taufe und Glaube in die Una Sancta Catholica et Apostolica Ecclesia aufgenommen wurde, hatte damals die Chance auf sein Seelenheil. Auch im Laufe der Geschichte hat sich daran zunächst nichts gändert. So stellte Papst Pius IX. (s. Bild) in seiner Ansprache „Singulari Quadam“ 1854 fest:

„Im Glauben müssen wir festhalten, daß außerhalb der apostolischen, römischen Kirche niemand gerettet werden kann; sie ist die einzige Arche des Heils und jeder, der nicht in sie eintritt, muß in der Flut untergehen. Aber ebenso müssen wir sicher daran festhalten, daß von dieser Schuld vor den Augen des Herrn niemand betroffen wird, der da lebt in unüberwindlicher Unkenntnis der wahren Religion.“

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Jahre 1966 hat man sich dann wieder mit den Verhältnissen der einzelnen Religionen untereinander auseinandergesetzt und fand dafür das Bild konzentrischer Kreise, die in sich alle den gleichen Mittelpunkt haben. Mit dieser philosophischen Vorstellungswelt hatte das Konzil endlich mit dem absolutistischen Glaubengrundsatz der Vergagenheit gebrochen.

Zwar ist die Katholische Kirche – laut den Vorstellungen des Konzils – der Wahrheit und damit dem Seelenheil immer noch am Nächsten, aber auch andere Religionen finden darin ihren Platz – natürlich entsprechend abgestuft und weiter entfernt vom „Mittelpunkt“, aber immerhin… Dass andere Religionen schließlich von der Katholischen Kirche überhaupt in gewisser Form akzeptiert wurden und werden, wirft allerdings die Frage auf, ob es nicht völlig egal ist, welcher Religion wir uns schließlich anschließen… oder nicht.