Hey Joe: Der Abgang des Vorzeige-Kapitalisten

Am Ende wurde er ein Opfer der Geister, die er selber gerufen hatte: Josef Ackermann, Deutsche Bank-Chef und Kapitalismus-Gesicht par excellence, wird wohl demnächst seinen Hut nehmen (müssen). Nicht die Medien, nicht die Kapitalismus-Gegner oder die Politik gar führten den Schweizer ins Aus – nein: Vielmehr die größenwahnsinnigen Gewinn-Ziele, die der Sepp ausgegeben hatte, waren es, die ihn das Genick kosteten. Während „Joe“ nämlich immer noch von einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent tönte, raste die Deutsche Bank im allgemeinen Marktvergleich immer rasanter in unterirdische Kellerregionen. Nun haben die Aktionäre endgültig die Nase voll – Vorstandsposten ade – spätestens im Jahr 2013 ist in Sachen Deutsche Bank Schluss für den Schweizer. Wir werden dich nicht vermissen, Josef.

Karikatur Copyright by Pit Hammann

Überlegungen zur gesellschaftlichen Ungleichheit

Ich glaube, wir brauchen einmal eine neue Begriffdefinition davon, was Reichtum im eigentlichen Sinne des Wortes überhaupt bedeutet. Ich meine, es ist doch so, dass sich unsere Welt in unglaublichen Polaritäten und Gegensätzen repräsentiert. Wie kann es denn sein, dass es in einem Teil dieser Welt das höchste Ziel ist, einen Teller Suppe zu ergattern, während in einem anderen die Sucht nach übertriebenem Pomp und Luxus herrscht? Die Frage ist an dieser Stelle nicht populistisch gemeint, sondern in ihrer ganzen Brutalität formuliert. Es ist doch eine Welt der Ungleichheiten, in der das „Geboren-Sein in“ immer noch über die kollektive Stellung und die gesellschaftliche Daseinsberechtigung entscheidet. Ich meine das nicht fatalistisch. Doch grundlegend scheint für den daraus resultierenden gesellschaftlichen Determinismus des Einzelnen, der Kapitalismus Rechnung zu tragen, indem nämlich die Auswirkungen dieses Systems eine Maschinerie in Gang setzen, die sich vom niedrigen Lohn der Einen und der Profitgier der Anderen schmiert. Das, was das System des Kapitalismuns am erfolgreichsten in den letzten Jahrzehnten praktiziert hat, ist die ständige Ausbreitung seiner selbst unter dem Paradigma des Wachstums und der Gewinnmaximierung. Der Kapitalismus dominiert unsere westliche Sphäre auch, weil er rein strukturell jedem Einzelnen das Trugbild des tendenziellen materiellen Reich-Werden-Könnens vorgaukelt – ganz nach amerikanischem Vorbild.

Der Kapitalismus macht sich dabei das Prinzip der tendenziellen Belohnung zu Nutze. In dem Versprechen der möglichen, allgegenwärtigen Bedürfnisbefriedigung und des materiellen Reichtums werden aber essentielle, kollektive Problemstellungen weniger wahrgenommen, haben keinen Stellenwert. Das System des Kapitalismus kennt keine soziale Komponente und reagiert lediglich non-human auf das sich ständig wandelnde Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Auch die Medien entziehen sich seinen suppressiven Auswüchsen nicht, lenken sie doch einen Großteil ihrer Nachtrichtenströme zunehmend einseitig. Wann haben Sie das letzte Mal eine Meldung über die Not in Afrika im Radio oder in Zeitungen vernommen? In Europa, und in kapitalistisch geprägten Ländern überhaupt, ist die öffentliche Wahrnehmung meist vollends auf den eigenen Deutungshorizont beschränkt. Selbiger wiederum ist geprägt von einer fast schon redikulös wirkendenden Wechselhaftigkeit: Die Wichtigkeit einer Nachrichtenmeldung scheint sich gänzlich an deren Aktualität zu bemessen und der eigentliche Inhalt, die Quintessenz, wird scheinbar zur Nebensache degradiert. Unser Weltbild, die Art des gesellschaftlichen Erlebens, prägt unser Denken und Handeln – das ist längst nicht neu. Und zwar in der Form, dass sich Fragen über gesellschaftliche Ungleichheit für die meisten von uns überhaupt nicht stellen.

Gesellschaftliche Not lindern wir im Einzelnen, wenn überhaupt, nur punktuell. Natürlich geben wir gerne – an Weihnachten oder bei der Kollekte in der Kirche. Aber ist es nicht so, dass wir alle – im Vergleich zu anderen Menschen auf dieser Welt – reich sind und oftmals mehr geben könnten – materiell und sozial gesehen? Haben die Meisten von uns nicht mehr als sie brauchen und ist eben das nicht eine Form von Reichtum? Unsere individuelle und kollektive Gendankenwelt widmet sich jedoch, im Stile infantilen Egozentrismus, ganz und gar sich selbst und scheint en gros kein Bewußtsein von einem empathischen Miteinander zu entwickeln. Wir machen uns täglich Gedanken um das eigene Dasein, die Welt in und um uns und verlieren dabei ein Wesentliches, ein Essentielles, aus den Augen: die Anderen.

Tut es nicht Not einen neuen, einen utopischen Gesellschaftsbegriff zu entwickeln, der humanen Idealen wieder deutlicher Rechnung trägt? Ganz egal, wie man es nennt, sei es Altruismus oder Agape: Es geht doch darum, die Formen der gesellschaftlichen Ungleichheit aufzudecken, um ihre Wurzeln zu entkräften. Das beginnt auch schon im Kleinen. Es geht um eine Form des Widerstandes, um einen Ausdruck der Empörung, die sich vom Einzelnen quasi systemisch fortsetzt und kanalasisiert. Sicher: Wir alle sind Teil des Systems und können uns insofern nicht gänzlich von gewissen sachlichen und existentiellen Zwängen freisprechen. Allerdings können wir zumindest versuchen, der Welt offener einseitig entgegen zu treten, uns weniger um uns selbst zu drehen und bemerken dann vielleicht, wie wirklich barbarisch unsere gegnwärtige gesellschaftlich Hackordnung schon geworden ist.

Heinz von Foerster – Alles Gute zum 100. Geburtstag

Der Kybernetiker Heinz von Foerster war Biologe des Erkennens und prägte die spätere Kognitionswissenschaft ungemein. Foerster arbeitete bei seinen Forschungen mit Größen wie Ernst von Glaserfeld und Gregory Bateson zusammen – die heutzutage mit ihren Werken den Lehrkanon der psychologischen Fakultäten dieser Welt prägen. Foerster brach in seinen Studien mit der herkömmlichen Trennung von Beobachter und Beobachtetem und ließ die Grenzen von der eintradierten Subjekt-Objekt-Schranke hinter sich. Er, der waschechte Wiener, ging im Jahre 1949 in die USA und gründete dort 1957 das Biological Computer Laboratory. Als Konstruktivist war er davon überzeugt, dass es beim Wahrnehmen nicht um objektive Wirklichkeiten, sondern um die Konstruktion erfundener Wahrheiten gehe – nicht die Außenwelt konfrontiere uns mit ihren absoluten Realitäten, sondern das Erleben selbst entstehe sozusagen innenweltlich, in uns selbst. Somit relativierte Foerster auch rein beavioristische Thesen und bereicherte den damals neuen, systemischen Ansatz mit seiner Kybernetik der 2. Ordnung, indem er darin ein demokratisches, offenes Weltverhältnis einspeiste. Der Erkennende wird darin zum zentralen Punkt in der ihn umgebenden Welt und das Verhältnis zum Anderen zum gesellschaftlichen Mörtel. Der Begründer des „Radikalen Konstruktivismus“ wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Ausgeglichen: Ein Waldspaziergang

Als ich heute Morgen mit meinem Hund durch den Wald ging, da wurde mir wieder einmal bewusst, wie wesentlich das vermeintlich Unwesentliche sein kann: Wann nehmen wir uns eigentlich noch die Zeit dafür, das was uns umgibt, tatsächlich und mit allen Sinnen zu erfahren? Genau das ist es, was echten Luxus m. E. überhaupt erst aus macht. Und dieses Abschweifen in die Natur, in die Einsamkeit, kann – wenn man einmal davon absieht, dass unsere Landschaften natürlich meistens in irgendeiner Form vom Menschen kultiviert und somit beeinflusst wurden – ganz neue Horizonte eröffnen. Mit der Brille eines Kindes die Welt zu entdecken, das soll an dieser Stelle keinerlei romantisierende Gefühlsduselei sein, heißt doch, voll und ganz wahrzunehmen, das Auge für die schönen und bezaubernden Kleinigkeiten dieser Welt nicht zu verlieren. Wie konnte man sich früher über die blühende Hecke am Wegesrand oder einen neu entdeckten Kletterbaum freuen. Und brachte diese Form der infantilen Freude und Arglosigkeit uns damals nicht einen Mehrgewinn, eine besondere Form des unmittelbaren Erlebens?

Genau so war es heute im Wald: Die Blätter fielen getragen von einer seichten Brise sanft zu Boden, die Sonne durchfuhr mit ihren goldenen Strahlen die Baumwipfel, die sich dem tiefblauen Himmel entgegenstreckten. Goldenes Laub bedeckte den Waldboden und federte jeden meiner Schritte im Hall, sodaß nur ein dumpfes, kaum wahrnehmbares Geräuch beim Aufsetzen und Abrollen meines Fußes zu fernehmen war. Ein Birkenhain säumte den Weg, dessen Ausläufer mit ihrer schwarz-weißen Rinde einen starken Kontast zu dem prächtig-warmen Farbenspiel seiner hölzernen Nachbarn bildeten. Diese Auszeit, diese Form der inneren Einkehr, sollte man sich öfter gönnen.

Wie sagte schon Tucholsky: „Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.“ Und auch Muriel Barbery formuliert in ihrem Meisterwerk Die Eleganz des Igels ein Plädoyer für des Blickes für die bezaubernden Kleinigkeiten des Lebens:

„Die Kamelie auf dem Moos des Tempels, das Violett der Berge von Kyoto, eine Tasse aus dem blauen Porzellan, dieses Aufblühen der reinen Schönheit inmitten vergänglicher Leidenschaften, ist es nicht das, wonach wir alle streben? Und was wir, die Zivilisationen des Westens, nicht zu erreichen vermögen? Die Betrachtung der Ewigkeit in der Bewegung des Lebens.*

* Barbery, M., Die Eleganz des Igels, S. 108, dtv (2010).

Mindestlohn: CDU goes links?

Die öffentliche Diskussion um einen flächendeckenden Mindestlohn erhält durch die neuerlichen CDU-Bekundungen von Frau Merkel wieder eine neue Brisanz. Doch um was es der lieben Angela geht, ist kein allgemeines Mindestlohn-Konzept, sondern vielmehr die Einführung von Lohnuntergrenzen in den Branchen, in denen es die Tarifparteien bisher nicht geschafft haben, sich auf Entsprechendes zu einigen. Immerhin ein Schritt in die richtige Richtung und ein Beweis dafür, dass die LINKE, ganz im Sinne Gysis, eben doch recht hat. Auch die schwarz-konservative Arbeitsministerin Ursula von der Leyen stellt fest, dass es sich hier um eine „logische Weiterentwicklung innerhalb der sozialen Marktwirtschaft“ handelt. Leider feht es der CDU eben an der nötigen Courage, aus den Zwängen der neo-liberalen Mühlen auch sprachlich zu entfliehen und diese deutliche Bekenntnis zu einem Mehr-an-Links auch in ihr Wording zu übernehmen.

Interessant auch, dass diese Forderung strategisch äußerst günstig platziert scheint: Mitte November findet in Leipzig nämlich der Bundersparteitag der CDU statt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Auch der Mindestlohn-Kritiker par excellence, Arbeitgeberpräsident Hundt, sollte irgendwann einmal verstehen, dass es in Sachen Lohnpolitik um mehr geht als darum, die unbegründeten Ängste der Menschen vor Entlassungen zu schüren. Fakt ist: Wer einer geregelten Arbeitstätigkeit von 8 Stunden am Tag nach geht, soll und muss von dieser Arbeit auch leben können. Dies ist aber in vielen Branchen noch längst nicht der Fall. Arbeitgeber und vor allem Großkonzerne die diesen Aktivtausch – gerechter Lohn für gerechte Arbeit – nicht verstehen, sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Randnote: Andrea Nahles ‚lobte‘ die neue Marsch-Route der CDU als Politik der „späten Erkenntnis“. „Wenn Frau Merkel umfällt, dann tut sie es hier wenigstens in die richtige Richtung“, sagte die SPD-Generalsekretärin.

Mein Zitat das Tages stammt übrigens von dem (heutzutage) wohl links gerichtesten Unions-Politiker und attac-Mitglied Heiner Geißler:

„Gott sei Dank ist die CDU nicht mehr so in der Koalition drin, dass sie jeden Vorschlag der FDP übernehmen muss.“

Gefeierter Kürbiskopf

Heute werde ich mich der origin irischen Tradition des Halloween-Feierns ergeben und einen Tag verfrüht dieses Fest vor-zelebrieren. Irische Einwanderer hatten es in die USA transferiert und die dazugehörigen Bräuche weiter ausgebaut. Zur Erinnerung: Halloween bezeichnet die Nacht vor Allerheiligen, also vom 31. Oktober auf den 1. November, und hat sich, wie wohl jeder mittlerweile durch diverse Horror-Schocker-Werke der amerikanischen Filmindustrie weiß, neben Weihnachnachten zu dem US-Fest schlechthin entwickelt. Der Relegionstheologie James Frazer entdeckte dann gewisse Bezüge des Halloweeen-Rituals zu alten, heidnischen Bräuchen. Aus Frazers Feder stammen so „bekannte“ Werke wie The Belief in Immortality and the Worship of the Dead oder The Worship of Nature. Seine Kontinuitätshypothese wird mittlerweile sehr kritisch betrachtet. Who cares? Spaß macht dieser irisch-heidnisch-US-amerikanische Brauch allemal, auch wenn damit eine nicht zu verachtende Kommerzialisierung einhergeht. Wie sagte Herr Frazer so treffend: „Letzten Endes ist das, was wir Wahrheit nennen, doch nur die Hypothese, die sich am besten bewährt hat.“ Happy Halloween.

Working poor im Wachgewerbe

ch bin seit seit langer Zeit schon Gewerkschafts-Mitglied. Soweit so gut. Allerdings habe ich nie ganz verstanden, dass gewisse Problem-Gruppen von dieser keinerlei Beachtung finden. Nehmen wir das große Feld der Sicherheitsdienst-Branche, das von Bsirske und Co. aus irgendwelchen unverfindlichen Gründen quasi in verhandlungspolitisches Niemandsland gerückt wurde. Hier waren die Positionen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern seit Jahren schon fest gefahren. Ergo: Die Beschäftigten erhielten seit Jahrzehnten den gleichen, niedrigen Stundenlohn, während die Lebenshaltungskosten exponentiell stiegen. Existentielle Nöte und die Angst vor Entlassungen prägen und prägten deren Lebenswelten, denn nicht selten arbeiten die Wachunternehmen über Jahre hinweg mit Zeitverträgen, die bei Bedarf verlängert oder beendet werden. Die meiste ihrer Lebensszeit verbringen die Wach-Sklaven übrigens auf der Arbeit: 12-Stunden-Dienste sind die Regel, tagaus, tagein. Deren Sozial- und Privatleben verdorren zu einem Beiwerk – Scheidungen, Schulden und Alkoholismus zeugen nicht selten davon. So wird die Arbeit zu einem Hamsterrad, aus dem es kaum Fluchtwege gibt: Immer weg von zu Hause und doch nur knapp oberhalb der Armutsgrenze.

Im gesellschaftlichen Bewusstsein ist nun die Arbeit derer, die uns da schützen und nachts auf die so geschätzten, wertvollen Besitztümer ein Auge werfen nicht wirklich hoch angesehen. Doch was es heißt, 12 Stunden lang regelmäßig wach zu sein und nachts seine Arbeit zu tun, dass sollte jeder im Selbstversuch erfahren.

Grundsätzlich empfinde ich es als einen Hohn, dass Menschen bei einem Stundenlohn von (im Saarland seit dem 1. Juli) 6,53 € (!) ihr Dasein mit teilweise mehr als 240 (!) Arbeitsstunden pro Monat fristen müssen, damit dann überhaupt noch was über bleibt. Hier vermisse ich das dauerhafte, gewerkschaftliche Engagement sehr und würde mir auch solidarische Bekundungen anderer Beschäftigungszweige wünschen. Nun gab es immerhin eine Lohnerhöhung. Als Erfolg kann sich VERDI das Ergebnis der Lohnverhandlungen dieses Jahres aber wohl wirklich nicht an die Fahne heften, denn diese waren dringend notwendig und kamen für viele verschuldete Beschäftigten zu spät.

Immerhin: Die Sätze steigen in allen Bundesländern in zwei Stufen zum 1. März 2012 und zum 1. Januar 2013 auf 7,50 Euro bis 8,90 Euro an. Doch die Crux folgt auf den Fuße: Viele Auftragsgeber haben bereits Entlassungen bei ihren Wachmannschaften angekündigt. Solidarität tut also Not!

Zurück auf die Straße

Auf New Yorks Straßen entlädt sich schon seit einigen Wochen der Unmut der Massen. Zu Tausenden postuliert hier eine stets heterogene Gruppe von Menschen ihren Unmut über die Banken-Willkür. So weit ist dieses Phänomen nicht neu. Was den Protest in den USA jedoch genuin von den Willensbekundungen der Menschen in anderen Ländern unterscheidet, ist dessen stringente Vernetzung über die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Strukturen hinweg. Hier geht der Lehrer genau so auf die Straße, wie die enttäuschte Krankenschwester oder der arbeitslose Akademiker. Was sich on the road manifestiert, ist der Unmut der Mittelschicht, des Bürgertums und das ist stets etwas Besonderes.

Der Motor dieser Frustrations-Entladungen wird geschmiert von linken Idealen und entlarvt somit die Radikalität des Kapitalismus. Den Straßenkämpfern geht es um eine gerechtere Gesellschaftsordung, um die Veränderung des großen Ganzen und es scheint, als würde man gerade im Mutterland des Neoliberalismus erwachen, um erschreckt festzustellen: Wir haben verstanden. Umso hoffnungsvoller, wenn mediengerechte Charaktere zu einer Unterwanderung der konservativen Haushalte weichgespülter US-Vororte beitragen können. Naomi Klein, das Sprachrohr dieser Protestbewegung, ist so eine Figur: Attraktiv und intelligent wird sie von den Kameras geliebt und ist das Zentrum der sogenannten: „Occupy Wall Street“-Bewegung. In ihren kurzen aber mitreißenden Reden versteht sie es, den Nerv der Massen freizulegen und schonunglos ins Licht der Erkenntnis zu zerren.

In der Vergangenhheit hatte die 41-Jährige mit ihrem Buch „No Logo“ viel Erfolg und avancierte schnell zur Leitfigur der Anti-Globalisierungsbewegung. Die Besetzung des Parks im Süden von Manhatten mündete kurzehand in die Errichtung einer kompletten Zeltstadt, die von tausenden Menschen bevölkert wird – immer streng flankiert von Hundertschaften der Polizei, die jeden Regelverstoß der Demonstranten schonungslos mit voller Staatsmacht ahnden. Waren die Emanzipations-Tendenzen im Orient zumindest gefühlt weit weg, zeigen uns diese Menschen in den Straßen von New York, dass es auch in unserem westlichen Kulturkreis durchaus revolutionär zugehen kann.

Begonnen hat die Protest-Aktion übrigens am 17. September mit dem eher ironisch gemeinten Aufruf der kanadischen Zeitschrift „Adbusters“. Mittlerweile karren alle großen US-Gewerkschaften ihre Mitglieder in den Big Apple, das kraftvoll schlagende Herz der amerikanischen Finanzbranche. Bleibt zu hoffen, dass die Demonstranten durchhalten, denn der New Yorker-Winter hält bald Einzug – dann wird es verdammt kalt. Aber ich bin recht zuversichtlich. Schon Frank Sinatra sagte ja bekanntlich über die Stadt am Hudson River: „If you can make it there, I’ll make it anywhere.“

Die devote Angela

Die Einsicht der Bundesregierung kam spät: Griechenland steuert in eine Pleite und eine Umschuldung unvermeidlich. Zur Erinnerung: Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Parteivorsitzende und wirtschaftpolitische Sprecherin der LINKEN, hatte das schon längst prophezeit.

Aber Gott sei Dank gibt es ja den Euro-Rettungsschirm mit dem wohlklingenden Namen EFSF, sollte man meinen. Also alles gut? Weit gefehlt. Wenn Angela Merkel das Mantra des „Ohne Euro, kein Europa“-Kurses fast schon stupide hinunter betet, sollte man sich bewusst machen, um welches Europa es der Kanzlerin da wirklich geht. Es sind nicht die gemeinsamen Werte oder die gemeinsame Leitidee, die der Frau aus der Uckermark am Herzen liegen. Vielmehr sind es die Finanzmärkte, die Banken, zu deren Spielball sich die schwarz-gelbe Koalition inklusive sozial-demokratischem D’accord längst gemacht hat. Unlängst verkündete Steinmeyer im SPIEGEL-Interview, der Kanzlerin die weitere Gefolgschaft bei Euro-Abstimmungen zu verweigern – wenigstens ein Funke sozial-demokratischer Rückbesinnung zu alten Werten also.

Der Wähler wird bei allem finanzpolitischen Bestreben der Regierenden leider immer wieder mit leeren Begriffsschachtelungen versorgt, die ihm vermeintliche Sicherheit suggerieren sollen. Wenn da von der „Gläubigerhaftung“ die Rede ist, wird gerne unterschlagen, dass sich hinter dem – in diesem Falle positiv konnotierten Begriff – ein weiteres Milliardengeschenk an die Großbanken und Kapitalgeber versteckt. Diese dürfen nämlich ihre Forderungen an Griechenland zukünftig gegen sichere Anlagen tauschen – Gesamtwert der tendenziellen Finanzsspritze: 150 Milliarden Euro.

Unnötig zu erwähnen, dass dieser ominöse Rettungsplan von dem internationalen Bankenverband, unter dem Vorsitz von Josef Ackermann, ausgearbeitet wurde. Wieder einmal beweist die Bundesregierung, wie sehr sie sich abhängig macht von dem Dikatat der Großbanken, während sie den Griechen ein schon monströs anmutendes Sparpaket verordnete. Doch wo gespart wird, kein Konsum, wo kein Konsum da keine Wirtschaft und wo keine Wirtschaft, kein Handel …. Resultat: Existenzängste, Verzweiflung und Not. Davon zeugen längst schon die Massenproteste der Menschen auf Athens Straßen.

Die Interventionen der Bundregierung in der Griechenland-Frage werden zweifelsohne zu einem gestärkten Finanzmarkt führen – der auf jeden Fall gewinnt – unabhängig davon, wie Griechenland aus der Schuldenfalle entlassen wird. Ein gemeinsames Europa, das scheint für Merkel in realitas jedoch eine abstrakte Vorstellung zu sein, die sie – gewohnt devot gegenüber den Casino-Zockern der Finanzmafia – innerlich längst aufgegeben hat.

Steve has gone…

Einer der meiner Meinung nach größten Marketing Visionäre und Marken-Bildner ist heute von uns gegangen: Steve Jobs. Der ehemalige Apple-Vordenker war nicht nur der Wegbereiter einer neuen, innovativen Produktidee, sondern erschuf ein völlig neues Produkt-Erleben, im Marketing-Slang oft „Brand Awareness“ genannt. Apple war Jobs – Jobs war Apple und diese Symbiose verzückte die Apfel-Evangilisten so sehr, dass sich bei einer Produkteinführung schon Tage zuvor lange Menschenketten vor den Geschäften bildeten. Ob iPad, iPhone oder iPod – nicht nur die Usability der Apple-Devices ist anders, sondern auch ihr Design.

Kurz gesagt bewies man bei Apple schon sehr früh, dass Elektronik nicht unbedingt einen klinisch-klotzigen Anstrich haben muss. Was die Welt mit dem grünen Apfel aus Cupertino, Californien, verbindet, ist weniger das Produkt, als viel mehr der damit implizierte Lebensstil.

Gut erdacht und schön gemacht – allemal. Gerne wird dabei vergessen, dass das Unternehmen, allen Lobeshymnen zum Trotz, noch im Jahre 1997 fast eine Milliarde Dollar abschreiben musste, die ihm sein ehemaliger CEO Michael Spindler eingefahren hatte. Doch dann übernahm Herr Jobs das Ruder und machte aus dem vor sich hin dümpelnden High-Tech-Unternehmen für Insider das, was es heute ist. Er vereinbarte mit Microsoft einen Mega-Deal und brachte den Software-Riesen dazu, 150 Millionen Dollar in das angeschlagene Unternehmen zu investieren – der Startschuss für einen beispiellosen Siegeszug.

Durch Jobs zog letztlich eine völlig neue Unternehmenskultur in die Apple-Hallen ein und schon mit der MacBook-Produktreihe wurde endlich die wertvollste Klientel erschlossen: Die Heimanwender. Heute sind es die iPhones und iPads, denen Apple stets satte Gewinne verdankt – klassische Lean-Back-Devices eben, die uns mit Spielereien und ansprechendem Design in ihren Bann ziehen. In dem vom TV-Inspektor Columbo geborgten Satz „Da ist noch eine Sache“, hatte Jobs im Jahr 2007 auf der Apple-Hausmesse das iPhone, ein internetfähiges Mobiltelefon, vorgestellt. Drei Jahre später folgte das Ipad. Ja die Auftritte des Mannes mit Bart, legèrer Blue Jeans und schwarzem Rolli waren schlicht aber spektakulär, denn sie versprachen Innovationen und nicht selten läuteten sie in Sachen Technik ein neues Zeitalter ein.

Längst sind die mobilen Apple-Flaggschiffe zum Must-Have der leicht narzistisch veranlagten Businesspeople dieser Welt geworden. Ein Freund von Jobs sagte einmal: „Steve ist ein Genie. Der weiß, was sich am Markt durchsetzt, bevor die Kunden überhaupt eine Ahnung haben, was es gibt und was sie wollen.“ Wie recht er hat.