Zombie-Droge? Mit Cloud Nine garnicht auf Wolke 7

Immer wieder lese ich in letzter Zeit Schlagzeilen über eine sogenannte Zombie-Droge, durch die Menschen sogar Körperteile ihres Gegenübers aufessen sollen. So sei es in den USA bereits zu ersten Übergriffen durch die Designer-Droge „Cloud Nine“ (zu deutsch: „Wolke 7“) gekommen. Im Zeitalter von Serien wie „The Walking Dead“ und Co. will ich herausfinden, was es mit dieser Droge auf sich hat und ob es sich wieder mal nur um eine medial-gehypte-zombinöse-Trittbrett-Meldung oder gar um eine echte Gefahr handelt.

Recherchiert man ein wenig den Begriff Cloud Nine, erkennt man schnell, dass die Droge schon vor längerer Zeit in Erscheinung getreten ist. So schrieb die Frankfurter Rundschau schon im Jahr 2012 über die Chemie-Keule. Cloud Nine, heißt es in dem Bericht, sei im Internet als Badesalz und Kräutermischung zu beziehen. Und schon damals habe es in Florida erste Fälle von Kannibalismus gegeben.

Genauer hätten Polizisten im Mai 2012 einen Mann erschossen, der sich nackt über einen Obdachlosen hergemacht und dessen Gesicht zerfleischt hätte. Ebenfalls in Miami hätte ein zweiter Mann unter dem Einfluss der Droge einen Polizisten angefallen. Nach Polizeiangaben habe der Mann den Polizisten angeknurrt wie ein tollwütiger Hund.

Konsumenten schwören auf die euphorisierende Wirkung von Cloud Nine. Zwar ist der Bestandteil Mephedron in Deutschland verboten, die Zusammensetzung der Formel wird jedoch von den Herstellern immer wieder so verändert, dass sie als Badelsalz legal erworben werden kann. Diese Praxis ist in den USA schon länger üblich. In Downunder ist der Besitz der Droge übrigens legal.

Hinter dem Begriff Cloud Nine (auch bekannt als Monkey Dust, MTV, Magic, Super Coke und Peevee) steckt die chemische Bezeichnung Methylendioxyprovaleron (MDPV). Dabei handelt es sich um eine psychotrope Substanz, die als Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer wirkt. Diese Wiederaufnahmerhemmer hemmen die präsynaptische Aufnahme des Botenstoffs Dopamin und erhöhen dadurch dessen extrazelluläre Konzentration, was wiederum stimulierend wirkt.

Cloud Nine gehört damit logischerweise zur Wirkstoffgruppe der Stimulanzien. Physisch spiegelt sich die Einnahme beispielsweise in einem erhöhten Herzschlag, Vasokonstriktion und Schwitzen. Psyschiche Effekte sind eine erhöhte Wachsamkeit, Unterdrückung der Müdigkeit und bei höheren Dosierungen intensive Panikattacken und Übelkeit.

Im „Psychonaut Web Mapping Research Project“ aus dem Jahre 2010 wird die Kokain-änliche Wirkung der Droge betont. Aber neben einer gesteigerten Libido, Nierenschmerzen und den üblichen Verdächtigen konnte ich die Nebenwirkung „Kannibalismus“ nirgends entdecken.

Mir scheint es so, als würden die Medien dankbar auf die Zombie-Drogen-Schiene aufspringen. Klar ist Cloud Nine gefährlich und man sollte davor warnen. Doch ist dessen Darstellung als Substanz, die einen Menschen willenlos macht und zur gedankenlosen Maschine werden lässt m. E. leicht übertrieben und nur in Einzelfällen tatsächlich nachweisbar. Zwar gab es diese schrecklichen Ereignisse in den USA scheinbar, doch gerade Quellen wie 1&1, Bild.de usw. greifen Cloud Nine immer dann auf, wenn sich wieder mal sonst nichts als Sensations-Meldung eignet und sind ihrer Natur nach alles andere als seriös. Auch die famose Therorie eines massenhaft geklickten Youtube-Videos, Cloud Nine ließe die Harnstoff-Konznetration im Blut anzeigen, ist absoluter Humbug.

Und eine solche carnivore Substanz ist allemal gut genug, um darüber zu diskutieren, Foren zu füllen und – wie Sie es sich am eigenen Leibe selbst erlesen haben – Artikel zu schreiben.

Grundsätzlich sollte noch immer die alte Weisheit gelten: Finger weg von den Drogen. Dann braucht man auch keine misanthropen Essgewohnheiten à la Hannibal Lecter.

Lexikon der Drogen-Szenenamen:

Amphetamine / Speed
Arbeiterkoks, Black Beauty, Cappies, Crank, Crystal, Free Base Speed, Ice, Line, Pep, Peppers, Pink, Power, Speed, Uppers, “Vitamin A”.

Cannabis
Bon, Bendsch, Bhang, Brown, Dope, Gage, Ganja, Gras, Grass, Hasch, Haschisch, Kiff, Kraut, Grünes, Gunjah, Maconha, Marihuana, Marijuana, Mary Warner, Muggles, Piece, Pot, Riefer, Shit, Skunk, Stoff, Tea, Weed, Wood

Crack
Steine, Cracker, Rocks

Crystal Speed
Crystal, Crystal Meth, Pulver, Glass, Ice, Glass, Hard Pep, Meth, Crystal Ecstasy und alle gängigen Synonyme für Amphetamine

Heroin
Braunes, Brown Sugar, Dope, Gift, H, Mat, Material, Matti, Schnee, Schore, Shore, Speedball, Stoff

Kokain
Base, C, Cocktail, Baseball, Coke, Crack, Free Base, Koka, Koks, Lady, Line, Puder, Rocks, Roxane, Schnee, Snow, Speedball

LSD
Acid, Cubes, Deep Purple, Löschpapier, Mikros, Micros, Papers, Plättchen, Pappen, Speedball, Trip

PCP /Angel Dust
Angel Dust, Crystal, Dust, Engelsstaub, Flakes, Hog High as a Dog), Hyperdust, Killerjoint, Magic Wack, Mist, Monkey, Peacepill, Peace Powder, Space Base, Star Tripper, Superweed, Wack

Immer `nen dummen Spruch auf Lager

Ja, ja die Schwarmintelligenz. Also irgendwie glaub ich daran nicht mehr so recht. Nehmen wir mal Facebook. Das 1 Milliarde-Mega-Nutzer-Netzwerk sollte ja eigentlich für den Massengeschmack repräsentativ genug sein, oder? Was muss – na ja – was kann ich da mit meinen Augen immer wieder für schöne Sprüche über den Bildschirm flimmern sehen, die heftigst geliked, geteilt und kommentiert werden.

Das sind aber auch philosophische Ergüsse der besonderen Art: „This is a Nudelholz, take it an hau it on a kopp of a bekloppt person“, „11 Gründe, warum Männer Fußball besser finden als Sex“…

Gut, gut. Das mag ja vielleicht noch ganz witzig sein. Richtig schön wirds dann aber erst, wenn der Poster oder die Posterin des sogenannten fiktiven Charakters (schöne Worthülse, nicht wahr???), dann tief in die Herz-Schmerz-Ich-bin-doch-so-verletzt-worden-Kiste greift. „Du wirst eines Morgens wach werden und merken, dass ich dir fehle, doch dann bin ich weg“, „Sei doch selbst mal perfekt, bevor du dir über mich dein Maul zerreisst“. Seufz…. Die Macher dieser Seiten sind garnicht mal so blöd: Immerhin finden sich in den meist inhaltsleeren Plattitüden die meisten Menschen wieder. Und was nicht passt, wird eben passend gemacht.

So verwundern die hohen Nutzer-Zahlen nicht, da die Leutchen eben nach Cyber-Emotionalität streben, da das im Real-Life mehr als ein simples Like bedingt. Hobbypsychologen aufgepasst: Ihr könnt nämlich jetzt ganz leicht auf die psychischen Befindlichkeiten eurer ‚besten‘ Freunde schließen. Schaut euch einfach mal an, welchen Spruch sie geliked haben – übrigens sollte man das Facebook-Monitoring auch in jeder Personalabteilung einführen.

Wie??? Die ganzen vielen Facebook-Freunde sind garnicht alle eure Freunde? Na dann: Noch besser. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Lieschen S schreibt, dass sie ihren Schatz soooo doll vermisse… 100 Punkte für uns! Denn wir kommentieren einfach mal unter den Post: „Komisch, habe ihn gerade mit n’er blonden Beauty in der Stadt gesehen“. Du wirst sehen: Dieses direktive Verhalten entwickelt relativ schnell eine besondere Eigendynamik.

Aber den absolut besten Spruch – read ever – muss ich hier unbedingt wiedergeben:

„Manche Leute verstehen nicht, dass Facebook kein Tagebuch ist…“ Dazu das Foto einer ernst drein blickenden Frau. Wow!

Na dieser Sprücheklopfer sollte sich bitteschön doch dringend mal mit den Ansichten Mark Zuckerbergs beschäftigen und dann schleunigst aus Facebook austreten.

Fettes „Dislike“ meinerseits….

AI at its best – Die Idee der technologischen Singularität

Die Theorie der technologischen Singularität ist nicht neu und greift eine populäre Idee auf, die wir schon längst aus dem Kino kennen: Die Maschinen haben die Macht und bedrohen unser Dasein… Doch was ist wissenschaftlich dran an der Hypothese?

Interessanterweise stieß ich vor kurzem auf das Konzept der technologischen Singularität. Während mir die Singularität als solche bereits aus der Systemtheorie bekannt war, ist sie im technologischen Kontext Teil der Futurologie und bezeichnet den Zeitpunkt, ab dem sich Maschinen via künstlicher Intelligenz selbst verbessern können und eine Eigendynamik entwickeln.

Die Grundannahmen der Theorie stützen sich darauf, dass sich Technik und Wissenschaft seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte immer schneller weiterentwickeln. So verdoppelt sich die für 1.000 US-Dollar erhältliche Rechenleistung alle 18 Monate (vgl. GORDON MOORE). Diesem exponentiellen Wachstum der künstlichen Leistungsfähigkeit steht eine weitestgehend konstante Leistung des menschlichen Geistes gegenüber. RAYMOND KURZWEIL beziffert die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns auf 10.000 Terraflops – und die wurden von einigen Supercomputern schon erreicht. Alleine die Leistungsfähigkeit als Gesamtgröße zu nennen, reicht hier jedoch nicht aus. Vielmehr kommt es auf die Vernetzung, auf das Verpacken relevanter Operationen in diverse Algorithmen und die daraus resultierende Eigendynamik – oder auch Denkfähigkeit – des Systems Computer an. Immerhin ist ja die Reflexivität (vgl. hierzu auch PIAGET, MEAD et. al.) – also die Fähigkeit, Distanz zum Selbst aufzubauen und Sachverhalte auf diese Art zu betrachten, dafür eine Basisvariable.

Was geschieht in dem Moment, in dem Maschinen anfangen, zu denken? Wie müssen wir ein ‚Ding‘ betrachten, dass seine Entscheidungsprozesse, seine Urteile und seine Handlungen völlig ohne die uns bis daher bekannten Grundgrößen – wie Sozialisation, soziale Gruppierung, persönliche Erfahrung usw. – trifft? Auch damit haben sich einige Theoretiker schon befasst. So schrieb I. J. GOOD 1965:

„Eine ultraintelligente Maschine sei definiert als eine Maschine, die die intellektuellen Fähigkeiten jedes Menschen (…) bei weitem übertreffen kann. Da der Bau eben solcher Maschinen eine dieser intellektuellen Fähigkeiten ist, kann eine ultraintelligente Maschine noch bessere Maschinen bauen (…). Die erste ultraintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat.“

Auch VERNOR VINGE sprach bereits in den 80er Jahren von einer Singularität. Von ihm stammt die Prognose, dass wir „innerhalb von 30 Jahren über die technologischen Mittel verfügen, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Wenig später ist die Ära der Menschen beendet.“

In seinem Artikel „The Law of Accelerating Returns“ stellt RAYMOND KURZWEIL 1993 die These auf, dass das Moorsche Gesetz ein Spezialfall ist und dass eben dieser für die gesamte technologische Entwicklung gilt.

Die These der technologischen Singularität ist also alles andere als neu und – das muss gesagt werden – schaut man sich im Netz ein wenig um, so spinnen sich rund um Kurzweil et al. einige Endzeitgläubige ein perfides Netz, das aus Verschwörungstheorien, Apokalypse und Mad Max-Fantasien geknüpft ist.

Nichts desto trotz wirft die sprunghafte technologische Entwicklung einige philosophische Fragen auf, denen wir uns ernsthaft widmen müssen. Es wird in nicht ferner Zukunft darum gehen, sich mit einer neuen dinghaften Wesensform auseinanderzusetzen – wie auch immer diese dann aussehen mag. Diese neuartige Wesensform könnte tendenziell zu einem Bruch in der bisherigen Menschheitsgeschichte führen. Man stelle sich vor: Eine Art Super-Maschine kontrolliert die Gesellschaft und strebt vielleicht das Ziel an, das auch uns Menschen zur Selbsterhaltung dient: die Reproduktion. Wir werden also nicht umhin kommen, uns dieses gesellschaftlich völlig neuartige Szenario auszumalen – vielleicht ganz à la Matrix. Wird es künstliches Bewusstsein geben, und wenn ja, wie wird dieses aussehen?

So ist es seltsamerweise gerade das Streben des Menschen nach Entlastung, dass seine eigene Beschränktheit maßgeblich aufzeigt und wohl irgendwann auch seine Existenz bedrohen könnte. Andererseits bietet das humanistische und maschinelle Miteinander vielleicht auch Chancen, die zur gesellschaftlichen Entwicklung führen. Man stelle sich vor: Maschinen, die sich uns in ihrer Appearance anpassen und uns imitieren.

Die technologische Singularität ist – Gott sei Dank – (noch) ein theoretisches Konzept.

Warum nur fällt mir dazu immer wieder folgender Vers ein?

„Und sie laufen! Naß und nässer,
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsätzliches Gewässer!
Herr und Meister hör mich rufen! –
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.“

(Goethe, Der Zauberlehrling)

Gegen den akkustischen Klangsalat von Katy Perry und Co.

Es ist schon frustrierend: Wenn ich das Radio einschalte und mit dem von unseren Gebühren bezahlten sogenannten musikalischen Programm berieselt werde, kriechen die immer wieder gleichen Klänge der Top-Twenties in meinen Gehörgang, um sich in den neuronalen Netzen meines Gehirns ein lauschiges Plätzchen zu suchen. Nicht etwa, weil das medial verbreitete Convenience Food qualitativ so überragend wäre, sondern weil diese Massenkost profilloser ist als das Wahlprogramm von FDP und CDU zusammen und damit einprägsamer – leider.

So erweckt beispielsweise ein Bon Jovi schon über Jahrzehnte mit den immer gleichen, nichtssagenden Seusel-Sounds den Anschein, ein echter Rocker zu sein, während tausende sexuell frustrierter Hausfrauen dem kleinen Italo-Amerikaner das dann dankend abkaufen. Eine Katy Perry und Bands wie Blue und Co. reihen sich schamlos in die Riege musikalisch weichgespülter, synthetischer Filtrate der Musikindustrie ein und MTV, VIVA und andere musikwirtschaftlich gesponserte Sendeanstalten vermitteln uns, dass es sich bei diesen kleinen Sternchen wirklich um echte Stars handele – welcher Irrglaube.
Irgendwie scheint sich das musikalische Treiben auf den vorderen Rängen der Charts in zwei große Lager zu spalten: Die nichtssagende, immer gleich klingende Gute-Laune-Abteilung und die pseudo tiefgründige „Es ist alles so tragisch, aber wir können eh nix dran ändern“-Fraktion à la Unheilig, die ihre Gesellschaftskritik aufs Notwendigste beschränkt und damit reichlich konformistisch wirkt.

Nein: Musik muss ja nicht immer gleich Biermann-like sein, es geht auch ganz unpolitisch. Eher ist es die Wiederholung der immer gleichen Titel, während die von sich so überzeugten Sender mit Einspielern dann echte Programmvielfalt suggerieren. Mein Gott: Und das Schlimme daran ist, dass viele Hörer ihnen das auch noch glauben und im Worst Case in den Handel rennen, um sich die inhaltsleeren Klangschablonen noch zu kaufen.

Ich möchte nicht alles schlecht reden, was da musikalisch so verzapft wird. Aber warum zur Hölle, lassen diese Sender immer wieder das Gleiche laufen? Haben die kein Archiv, machen die sich nicht die Mühe, in den Keller zu gehen, um dort nach auditiven Schätzchen zu suchen oder will der Durchschnittshörer einfach nicht mehr, als seinen Gehörgang auf einem kaugummihaften Klangteppich auszuruhen? Irgendwie kommt mir da Marx in den Sinn: Musik ist wie Opium fürs Volk – oder wie war das nochmal …

Ach ja: Über das oft selbstbeweihräuchernde Gesülze selbstverliebter Radiomoderatoren und -innen habe ich mich in diesem Blog ja bereits ausgelassen – daher an dieser Stelle nicht mehr davon. Nur eines vielleicht: Nein, Ihr braucht euch nicht in offenen Briefen, die obendrein noch voller Rechtschreibefehler sind, öffentlich zu irgendwelchen Plattitüden eures Privatlebens zu äußern. Nein, mich interessiert es nicht, was Eure beste Freundin euch bedeutet oder was Euer Chihuahua gerade macht oder ob Ihr euch gerade ne Flasche Wasser übergegossen habt. Bitte, bitte: Legt doch einfach mal bessere und abwechslungsreichere Musik auf, das wäre doch schon was.

Und bis dahin? Machen wir unser Programm einfach selber und lauschen den Klängen unseres alten Mix-Tapes, da gibt`s statt monotonen Klang- höchstens mal Bandsalat… Guten Appetit.

Winter, Winter, überall

Heute mal ein kurzes Geständnis meiner Unverständnis. Ich meine, wir haben uns doch alle schon daran gewöhnt, dass uns CNN, NTV und RTL, ja zuweilen sogar ARD und ZDF, mit melodramatischen Nachrichten-Schnipseln unseren Alltag versüßen. Da wird eine leichte Windböe zum Tornado upgegradet, dauerhaft höhere Temperaturen zum „Jahrhundersommer“ erklärt und jährlich wiederkehrende Hochwasser stets zur „Jahrhundert-Flut“ gekürt. Meist unterlegt man die zurechtgeschnittenen Trailer dann noch mit einer appellierenden Alarm-Stimmungsmusik, um die Brisanz der filmischen Eindrücke nochmal kräftig zu unterstreichen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch der Winter, diese stets sensationelle Jahreszeit gleich nach dem Herbst und vor dem Frühling, immer wieder das Opfer der investigativen Nachrichtenfalle wird. So tragen sämtliche Sendeanstalten aus allen Teilen der Republik, nach den ersten Schneefällen sämtliche Bilder zusammen, die sie von dem frostigen Gesellen so bekommen können.

Aus Bayern, vom Weißwurst-Äquator, treffen laut RTL-Mittagsmagazin erschreckende Neuigkeiten ein: So sei Rentnerin Ilse P., beim Versuch mit ihrem Dackel Waldi P. über die Straße zu gehen, ausgerutscht, und habe sich den Knöchel verstaucht, was wiederum den Münchener Oberbürgermeister dazu veranlasst haben soll, eine Winterdienst-Taskforce einzuberufen, deren Schlagkraft man sich für einen eventuellen Erstschlag des Winters in der Hauptstadt vorbehalte. NTV berichtet live aus dem Münchener Lagezentrum und führt erste Live-Interviews mit den lanjährigen Streuwagen-Fahrern Horst B. und Yusuf Z.

Auch Gerhard K., ein passionierter Langzeitarbeitsloser aus Magdeburg erblickt eine Schneeflocke, was ihn dazu motiviert, seinen zwanzigtausend Twitter-Followern den vielversprechenden Satz: „Hier schneit’s“, mitzuteilen. Diese Botschaft löst im Netz wiederum einen echten Schneesturm aus. In Sekundenschnelle weiß Chef Ferdinand H., aka DarkShadow, leidenschaftlicher Leser der tiefgründigen Kurzbotschaften, nun, dass seine Mitarbeiter Nico C., Schantalll F. und Co. wohl morgen eher nicht zur Arbeit erscheinen werden, um der Gefahr eines drohenden Blechschadens und dem Risiko eines Wegeunfalls aus dem Weg zu gehen.

ZDFneo entschließt sich nach einer rasch einberufenen Redaktionssitzung dazu, dem Wintereinbruch eine Online-Spezial-Sendung zu widmen, während die ARD sich durchringt, einen ihrer Meterologen dramaturgisch korrekt auf dem Feldberg zu platzieren, denn da soll die bis dato einzig geschlossene Schneedecke existieren. Meteorologe Wiegald D. stellt sich für das Unterfangen zur Verfügung – vorausgesetzt, der Sender stelle ihm Thermo-Unterwäsche und kuschelige Ohrenschützer zur Verfügung, so D..

Die arte-Redaktion verabschiedet derweil einen Winter-Thementag, der die Bedeutung des Winters in der Postmoderne untersuchen soll.

Das gesteigerte mediale Interesse an dem tendenziell bevorstehenden Wintereinbruch bleibt auch in Deutschlands Baumärkten nicht unbemerkt: Pflichbewusst pilgern diejenigen in langen Wagenkolonnen zu den Einkaufsoasen des Landes, denen die Liberalität der Fußwege ein echtes Anliegen ist: die deutschen Rentner. Der Absatz von Streusalz und der Verkauf von Schneeschippen der Marke „PermaFrost“ steigen daraufhin im Minutentakt, aus einigen Märkten wird von regelrechten Hamsterkäufen berichtet.

Auch in den dritten Programmen möchte man dem Winter, diesem brandheißen Thema, nun gerecht werden, weiß aber nicht wie. Ilse Z., seit sechzig Jahren Sekretärin beim Sudwestfunk, wirft ein, man könne sich ja mal im Archiv umsehen. Und tatsächlich entschließen sich die Programmchefs nach minutenlanger Recherche des Praktikanten Thorsten A. einhellig dazu, eine winterliche Folge der allseits beliebten Sendung „Kein schöner Land…“ mit Günter Wewel auszustrahlen – in Endlosschleife, Hauptsache Schnee.

All das lässt bei dem geneigten RTLII-Zuschauer und Talkshow-Liebhaber Werner K. den durchaus berechtigten, fragend-anprangernden Einwurf verstehen: „Lisbäth, dat schneit schon bald. Haben die’n Winter denn nich kommen sehn?“

Die neuen Rundfunkgebühren – ein „Service“, den keiner braucht

Wenn nun bald schon die Rundfunkgebühren endgültig für alle zu einer Art Pflichtsteuer erhoben werden, und zwar unabhängig davon, ob derjenige, der da zahlt,einen Fernseher respektive ein Radio hat oder nicht, ist das für mich schon blanker Hohn. Worin liegt eine solche Pflichtabgabe denn bitteschön begründet?

Es hat schon etwas von umgekehrtem Sozialismus – also quasi von einer Plutokratie – wenn sich die obsoleten Senderbosse anmaßen, der breiten Masse einen solchen Betrag aufzuerlegen. Gerade, weil der zunehmende Bedeutungsverlust der öffentlich-rechtlichen Sender offenkundig ist. Ich meine: Der mit Heile-Welt-Pathos geschwängerte Musikanten-Stadl-Irrsin und die actiongeladenen Serien-Monster der Marken „Der Alte“ und „Rosamunde Pilcher“ finden in meinem persönlichen TV-Zeitplan jedenfalls keinen Platz. Warum auch? Neunzig Prozent des öffentlich-rechtlichen Programms sind ohnehin an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Ich erinnere an solch tolle Formate wie „Lafer! Lichter! Lecker!“, wo ein komplexitärer Sternekoch mit einer kahlköpfigen Kölner Pseudo-Frohnatur Witze reisst, die keiner hören will. Wenn man füher von öffentlich-rechtlicher Seite den Informationswert als Alleinstellungsmerkmal anführte, ist es heute gerade noch ein flaches Programm-Potpourri für ältere Herrschaften, mit dem man sich hervortut. Information und coole Serien – dafür gibt’s schon längst die Privaten. So taumeln die „Großen Zwei“ und leiden – kaum verwunderlich – unter rückläufigen Quoten. Anstatt ihre Programm-Konzepte endlich mal auf ein jüngeres Publikum zuzuschneiden, bleibt es langweilig, monoton, beliebig – bis auf wenige Ausnahmen wie die Heute-Show vielleicht. Witzig nur, dass die bald ehemalige GEZ nun auch noch „Beitragsservice“ heißen soll, dass im Jahr 2011 allein 7,5 Milliarden Euro über die staatlich-organisierte Geldeintreibe-Mafia erschlichen wurden und dass davon dann erstklassige Fernehunterhaltung wie das „Adventsfest der 100 000 Lichter“ bezahlt wird. Und was noch viel spaßiger ist: Aus dem großen Gebühren-Wunschpunsch nähren sich dann diejenigen, die einem wirklichen Programm-Relaunch im Wege stehen und ihr eigenes Süppchen kochen wollen: Neun Intendanten, zehn Fernseh-Programmdirektoren, dreizehn Fernseh-Chefredakteure und viele andere – allein bei „Das Erste“. Da muss man schon überlegen, ob man nicht dem Appell eines alten TV-Urgesteins nachkommen soll, das damals, in grauer Vorzeit, mit seiner Sendung dem ach so wichtigen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag wirklich noch nachkam: Peter Lustig. Dieser zeigte dem althergebrachten Kinderprogramm seinen „Löwenzahn“, schuf was Neues, und forderte seine jungen Zuschauer zum „Abschalten!“ auf – nach seiner Sendung natürlich. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, seinem prophetischem Credo wieder nachzukommen…

Die Neurose als systemstabilisierender Mechanismus im Sinne des Autopoiesis-Begriffs sensu MATURANA

Manchmal ist es schon sehr verwunderlich, in welchem Hamsterrad wir uns bewegen: In dem immer gleichen Wechselspiel von Arbeit und Haushalt bleibt uns eigentlich kaum noch die Zeit, Luft zu holen und wirklich mal zu entspannen. Oder wann haben Sie das letzte Mal mal in aller Ruhe ein Buch gelesen? Bei mir ist das schon etwas länger her, das kann Ihnen versichern. Ich frage mich dann manchmal, ob es an meiner Art der Selbstorganisation (interessanter Begriff der Systemtheorie, die um 1950 von BERTALANFFY entwickelt wurde) liegt, oder ob wir den Umstand, dass so wenig Zeit für dies und das vorhanden ist, einfach ganz allgemein auf die (post-)moderne Zeit schieben sollen… Ich meine: Solch eine Schuldzuweisung ist nun mal schnell ausgesprochen… Aber dennoch wäre das m. E. eine sehr starke Generalisierung. Sicher sind wir in einen Trott eingebunden, aus dem wir, wenn die entsprechenden Ausgleichmechanismen nicht vorhanden sind, subjektiv nicht herauskommen. Aber das war doch auch in anderen Zeiten so. Ich meine: Denken Sie nur einmal zurück an die Industrialisierung, als der stickige Qualm der Schornsteine den Himmel über den Städten verdunkelte und die Menschen zwischen zehn und zwölf Stunden schufteten und sich abmühten. Auch sie waren dem Diktat der Arbeit unterworfen und noch stärker essentiell an sie gebunden, an das Wohlwollen des Fabrikbesitzers. Aber was sich seit diesen Zeiten wohl geändert hat, um ganz bei der Systemtheorie zu bleiben, ist die ständig gestiegene Komplexität des Systems Gesellschaft und seiner Attraktoren – quantitativ und qualitativ.

Betrachten wir Menschen uns auf der Individual-Ebene als ständig um Ausgleich bemühte Teile des Systems, die ganz im Sinne des Autopoiesis-Konzepts (MATURANA, 1972) immer darin bestrebt sind, das System als solches und damit den gesamtgesellschaftlichen Kontext zu erhalten, werden gleichwohl die Zwänge offensichtlich, die mit einer solchen Ausgleichbewegung einhergehen. Mit ihr tritt nämlich ein signifikantes Charakteristikum eines Systems zutage: Dessen Emergenz (HOLLAND et. al., 1990), also die Entstehung von neuen systemischen Teilelementen aus sich selbst heraus, ohne dass sich die Existenz der neuen Elemente auf die bereits vorhandenen Teilelemente im einzelnen stützen ließe. Nicht ohne Grund wird in der Philosophie des Geistes das Konzept der Emergenz auch zur Erklärung für die Entstehung von Bewußtsein angewandt, zumindest von einigen Philosophen. Wenn wir nun die Genese des Bewußtseins also als emergenten Prozess verstehen, und dessen Resultat als quasi generiertes Filtrat des Systems begreifen, wird ersichtlich, wie sehr menschliches Bewußtsein im gesellschaftlichem Kontext verwoben ist.

Nun ist in unserer Zeit die Zahl der Attraktoren innerhalb des Systems in der Form gestiegen, als dass wir durch eine hoch spezialisierte Infra- und Kommunikationsstruktur sowie im Allgemeinen einen höheren Lebensstandard usw. erst ein Bewußtsein davon entwickeln, was unsere Möglichkeiten sind. Durch einen permanenten Prozess der Rückkopplung werden wir dabei ständig adjustiert und readjustiert und wirken ebenso auf andere Elemte des Systems. Das gesamtgesellschaftliche Bewußtsein, mit dem wir z. B. mittels Werbung und Medien konfrontiert werden, vermittelt uns schließlich einen idealtypischen Eindruck davon, welche scheinbar erstrebenswerten Ziele (z. B. Sachwerte) es zu erreichen gilt, während uns unsere Sozialisatoren einen eben solchen normativen Grundrahmen in der Kindheit gezeichnet haben. Sind die in diesen beiden Prozessen generierten unerreichbaren normativen Gebote für das Individuum irritierend, können Momente entstehen, in denen die persönliche Selbstorganisation nur unzureichend erfolgen kann und das Individuum das Systemgleichgewicht gefährdet sieht. Doch ist das Bestreben des Subjekts hin zum Gleichgewicht noch immer so stark, dass die Herstellung eben dieses Gleichgewichts durch internalisierte Normen und Werte als oberste Prämisse definiert wird. Die Internalisierung und die durch weitere Attraktoren auf das Subjekt einströmende gesellschaftliche Informationsflut geht mit einer wachsenden Zahl von Obligationen einher, das Gefühl der Überforderung entsteht.

So denke ich doch, dass die Verwendung des Autopoiesis-Konzepts schließlich auch für die Erklärung neurotischer Bewältigungsstrategien herangezogen werden kann, nämlich dann, wenn wir die Neurose als nicht rational-zweckgebundene Handlung begreifen, die aus dem System Mensch heraus als pathologische Bewußtseinsform entsteht, und ihrer Natur nach doch zutiefst der Erhaltung des gesellschaftlichen Systems dient. Die Neurose führt eine partielle, aber temporär bruchstückhafte Homöostase herbei. Bruchstückhaft deshalb, weil die Stabilisierung des Systems zwar erfolgt, jedoch das Individuum sich über die fehlgeleitete Ausgleichbewegung seines Bewusstseins stets gewahr wird und aus diesem Erkenntnisprozess heraus in seinem Empfinden Prozesse des Erleidens entstehen, die sich in neuen emergenten Formen des Bewusstseins manifestieren.

TV aus der Retro-Konserve

Ich frage mich wirklich manchmal, in welchem Licht wir später auf unsere heutige Zeit blicken werden, auf das Hier und Jetzt. Medial scheinen wir uns jedenfalls ausnahmslos im Rückblende-Modus zu befinden – zumindest in den zahlreichen Retro-Shows, die gefühlt an jedem Arbeit über die Mattscheibe – pardon – den Flachbildschirm flimmern. Da wird in schwärmerischem Pathos von irgendwelchen D-Promis über pseudo-nostalgische Gefühle gefaselt, die besagte Personen mit Musik-Hit X oder Ereignis Y verbinden, nichtssagend, beliebig. Es ist gerade dieser permanente Wunsch nach Rückbesinnung, der in der Illusion des „Früher war doch alles besser“-Wahns gipfelt, der mich ein wenig nachdenklich werden lässt. Haben wir das nötig, uns ununterbrochen umzudrehen und über unsere Schultern zu gucken? Ist das Ganze nicht ein wenig verklärend? Oder drückt die Verklärung der Vergangenheit nicht vielleicht sogar aus, wie überdrüssig die Menschen der Gegenwart geworden sind? Während es früher die großen, aufwendig inszenierten Unterhaltungs-Shows waren, die die Zuschauer aus der Realität in einen weichgespülten Unterhaltungs-Kosmos beamten, scheint für eine Realitätsflucht heutzutage weniger auszureichen, was die Produzenten solcher Shows sehr freuen dürfte. Immerhin wird so ein Maximum an Quote mit minimalem Einsatz erreicht – ökonomische Effizienz nennt man das wohl. Olli Geissen und Co. dürften uns wohl noch weiter erhalten bleiben, und das nicht zuletzt auch deshalb, weil wir die kleine Entführung ins Reich der romantischen Jugend oder des Erwachsenwerdens so lieben. Wirklich neuartige Sende-Konzepte mit echtem Gegenwarts-Bezug bleiben dabei vorerst auf der Strecke, leider…

Das Facebook-Dilemma

Was haben sich die Zeiten doch geändert. Wenn Sie sich so manch ältere TV-Sendung auf einem der zahlreichen Sparten-Kanäle anschauen, wird das offensichtlich. Als ich vor kurzem die Sendung „Formel Eins“ noch einmal vor meinen Augen vorbeirauschen sah, wurde mir wieder bewusst, wie schnell die Zeit doch voranschreitet und was sich seit dem Datum der Ausstrahlung so alles getan hat. Damals war es der Kalte Krieg, der allgegenwärtig das gesellschaftliche Bewusstsein prägte und es herrschte – für uns Kinder war das Gott sei Dank kaum spürbar – ein politisches Klima des Misstrauens und der Ablehnung. Die Supermächte Russland und USA ließen sich gerade noch dazu hinreißen, über den heißen Draht miteinander zu kommunizieren. Hätten Herr Reagan und der ein oder andere Kreml-Chef ein Facebook-Konto gehabt, vielleicht wäre da so Manches einfacher gewesen. Man stelle sich das nur mal vor: Mr. Ronald Reagan „added“ Herrn Gorbatschow zu seiner Freundesliste, verpasst dessen gerade gepostetem Kommentar über den Fortschritt von „Glasnost“ ein fettes „Like“ und gründet schließlich die Gruppe „Supermächte unter sich“…

Ach ja: Die Konflikte der Welt über ein Facebook-Profil zu lösen, das wäre wohl auch der Traum eines Mr. „Ich-trage-exemplarisch-nur-T-Shirts“, Mark Zuckerberg, gewesen. Alles hätte so schön sein können: An der Börse, so war es in den Zuckerbergschen Visionen jedenfalls fest vorgesehen, sollte die Kapitalisierung des Online-Unternehmens eine Milliarden-Dividende in die Gesichts-, ach nein, Geschichts-Bücher spülen. Doch was dann passierte, trieb nicht nur Zuckerberg den Schrecken in die Glieder, sondern auch dessen Aktionären Tränen in die Augen: Das Wertpapier rutschte binnen weniger Tage tief in den Keller der New Yorker Börse. Auch U2-Sänger und Ganztags-Weltverbesserer Bono dürfte sich darüber wohl kaum gefreut haben – denn der Posten als reichster Musiker der Welt bleibt somit nämlich beim Alt-Beatle McCartney. Aber hätte man das Facebook-Dilemma nicht erahnen können? War es nicht abzusehen?

Ich meine: Ja, das war es. Was Facebook von anderen Unternehmen schon grundlegend unterscheidet, ist, dass das Online-Portal als solches nichts, aber auch gar nichts, produziert. Es stellt lediglich eine Nutzoberfläche und die zur Aufrechterhaltung des Dienstes notwendigen Server-Strukturen zur Verfügung. That’s it. Die Idee der globalen Vernetzung ist dabei zwar schön und gut, aber auch die Konkurrenz schläft ja bekanntlich nicht. Ein wirklicher USP fehlt – bis auf den „Like-Button“ vielleicht. Und vergessen wir nicht: Auf dem deutschen Markt ist uns das Phänomen des Social-Network-Flopps schon längst bekannt. Spätestens als Holtzbrinck die VZ-Kanäle an sich riss, brachen deren Userzahlen ein. Heute hat die Verlagsgruppe Probleme, die Communities wieder loszuwerden. Auch die RTL-Vermarkter-Tochter IP hat sich mit dem Kauf von WKW, Wer-Kennt-Wen, nicht wirklich einen Gefallen getan. Sicher: Noch kann Facebook von den Verlusten der anderen Netzwerke profitieren, noch gilt es als „Must“, dort ein Profil zu besitzen. Aber gerade in jüngster Zeit wandelt sich das Bild des Konzerns im öffentlichen Bewusstsein zusehends: Ständige Veränderungen an der Nutzeroberfläche, undurchsichtige Datenschutz-Richtlinien und nicht zuletzt die zunehmende Kommerzialisierung des Netzwerks durch Werbeschaltungen bewegen viele Nutzer dazu, sich wieder aus dem „Gesichter-Buch“ auszutragen, auch wenn ihre Daten in den Server-Tiefen des Unternehmens wahrscheinlich für immer verloren sind. Facebook gilt nicht zuletzt aufgrund dieser Praktiken als Datenkrake, als eine Art Sekte, die mit allen Mitteln versucht, die Weltherrschaft zu erringen. Und sind wir mal ehrlich: Zuckerbergs Auftreten und sein Narzissmus, der sich vor allem in dem Glauben daran äußert, dass sein Netzwerk es ist, in dem wir alle unser Leben peinlich genau darlegen (müssen), sind es, die diesen Gedanken gar nicht mal als so abwegig erscheinen lassen. Im Übrigen lässt auch die Werbe-Branche keine Gelegenheit aus, um zu betonen, wie wichtig ein Facebook-Aufritt für das Unternehmens-Portfolio sei und dass jeder, der dort nicht vertreten ist, besser gleich den Insolvenz-Verwalter bestelle… Ironischerweise ist es genau die Institutionalisierung des Facebook-Phänomens, die letztlich ganz schnell dazu führen kann, dass der Run auf das Netzwerk nachlässt.

Grundlegend wird die Idee des Sozialen Netzwerks, des sich Findens und sich Verbindens, wohl bestehen bleiben, aber sie wird wahrscheinlich zukünftig um einiges transparenter: Datenschutz-Richtlinien müssen entsprechend aufgeweicht werden, die Dienste, wie auch immer sie schließlich heißen mögen, werden sich zunehmend über ihren Mehrwert definieren müssen und weniger über ihren Selbstzweck. Wie dieser Mehrwert letztlich aussehen mag, das steht noch in den Sternen. Doch sind für mich zwei wesentliche Merkmale entscheidend: Zukünftige Soziale Plattformen müssen dem Prinzip der Medienkonvergenz stärker Rechnung tragen und auch dem Bedürfnis nach mobiler Kommunikation. Sollte Facebook entscheidende Trends verschlafen, wird das einigen Shareholdern wohl kaum wirklich gefallen. Vielleicht hat sich Herr Zuckerberg auch deswegen noch nicht zur Einführung eines „Dislike-Buttons“ hinreißen lassen…

Ist Mutter-Sein out?

Interessant, dass unsere Familien-Ministerin nun ein Buch herausgegeben hat mit dem ominösen Titel „Danke, emanzipiert sind wir selber.“ Gut, der Grundgedanke dieser kleinen Schrift ist nicht wirklich neu und in unzähligen anderen Werken – die in der Buchhandlung ihres Vertrauens meist unter der Rubrik „Ratgeber“ zu finden sind – wirkt ziemlich ausgelutscht. Aber was sich da auf dem literarischen Gebiet des femininen Selbstverständnisses insgesamt tut, ist wahrlich interessant und hat mit dem alt hergebrachten Gedanken der 68er-Power-Emanzen à la Alice Schwarzer nicht mehr viel zu tun. In der neuen, schönen, postmodernen femininen Welt verkommt die Institution Familie zu einem schnöden Wort-Konglomerat mit negativer Konnotation: Kinder kriegen –Mutter sein – Erziehen – die früheren Grundpfeiler des weiblichen Selbst- und, zugegeben, auch männlichen Fremdverständnisses weichen zunehmend auf und verflachen. Wer sich heute noch als Frau dazu entscheidet, ein Kind zu bekommen, der gibt sich meist der Häme seiner sogenannten Freundinnen preis. Und wagt man als Frau den Schritt hin zur Großfamilie, so wird man förmlich stigmatisiert und – hinter vorgehaltener Hand – als asozial abgestempelt.

An die Stelle der treu sorgenden und Liebe spendenden Mutter scheint ein nie dagewesener Irrglaube über die sogenannte Selbstverwirklichung getreten zu ein. Irrglaube deshalb, weil es in dem Selbstverständnis, das den Frauen da in vielen Büchern suggeriert wird, nicht um echte Selbstbestimmung oder gar individuelle Lebensentwürfe zur Verwirklichung von Lebensträumen geht, sondern vielmehr um eines: Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Es ist die Karriere, die für jede Frau das höchst erstrebenswerte Ziel zu sein hat – das jedenfalls, posaunen en gros viele Ratgeber – geschrieben meist von Frauen, wohlgemerkt. Das Leben für den Job und für die Firma wird darin zur allgemeingültigen Prämisse erhoben: Eine gute Mutter ist demnach nur diejenige, die zwischen Karriere, Golfplatz und Shopping-Touren ihrem Kind die Fünf in Mathe mit einer légèren Unterschrift signiert, um es dann lächelnd an den Ganztagshort zu opfern. So erwecken nun also Frauen bei Frauen den Eindruck, die höchste Stufe der Glückseligkeit sei im Job zu finden, ganz ohne Kind und Kegel, was gleich aus zwei wesentlichen Gesichtspunkten heraus problematisch ist. Erstens: Mit der Aufweichung des Mutterbegriffs begeben sich die Frauen erneut in eine Abhängigkeit, nämlich in die des neo-liberalen Arbeitsmarktes. Das hat nichts Emanzipatorisches, sondern vielmehr etwas Rigides. Sie machen sich somit verwertbar für diesen Markt, erheben ihn gleichsam zur neuen, heilbringenden Religion und vergessen dabei ganz sich selbst. Viele von uns Männern sind über dieses Stadium der Arbeitsgläubigkeit übrigens auch nie hinaus gekommen und definieren sich ausschließlich über das, was sie tun, statt zu sagen, wer sie sind. Alle Aufsichtsräte und Bosse dieser Welt dürften sich über so viele Glücksgefühle beim Arbeiten wirklich freuen und forcieren die Power-Worker-Mentalität mit tollen Coachings und teambildenden Maßnahmen. Na super…

Was ich generell einmal klarstellen will ist: Karriere mag für manche Frauen ja ein nettes Lebensideal sein, das noch dazu viel schicker sein kann, als die Windeln eines schreiendes Babys zu wechseln. Aber warum zur Hölle erwecken denn gerade Frauen bei Frauen den Eindruck, eine Familie zu gründen und sich der verantwortungsvollen Aufgabe der Erziehung zu stellen, sei ein gesellschaftliches Knock-Out-Kriterium? Und (damit läute ich Punkt zwei ein): Beschneiden diese Frauen, die sich so für eine Überhöhung des Berufs zum absoluten Lebensmodell einsetzen, in ihren Büchern nicht die Lebensskizzen der vielen anderen Geschlechts-Genossinnen, die ihr Glück eben in der eigenen Familie finden und bereits gefunden haben? Nun: Ich denke schon, denn Glück ist nun mal für jeden Menschen etwas völlig Subjektives, was sich nicht in irgendwelche Schablonen pressen lässt. Das sollten auch die Autorinnen der vielen Ratgeber bitteschön anerkennen – sonst werden aus ihren Werken nämlich ganz schnell Anleitungen zum Unglücklichsein.

Anmerkung meinerseits: So, und damit hier kein Mißverständnis entsteht: Ja, ich finde ‚echte‘ Emanzipation etwas Tolles und Wichtiges. Somit bin ich auch selbstverständlich dafür, dass man mehr Führungspositionen mit Frauen besetzt und diesen generell die gleichen Löhne zahlt wie ihren männlichen Kollegen (Stichwort: equal pay) und so fort. Emanzipation, das hat jedoch immer etwas mit Eigenständigkeit, Freiheit, Mündigkeit und Autonomie zu tun. Mit diesen Eigenschaften haben die oben gemeinten Bücher jedoch nichts gemein, vielmehr sind sie eine neue Form der Fremdbestimmung und somit das Gegenteil davon, was sie sein wollen.