The Purge: Anarchy – Eine kleine Filmkritik

Gestern habe ich mir im örtlichen Cinestar „The Purge: Anarchy“ angesehen. Die Fortsetzung des im Jahr 2013 so erfolgreich durchgestarteten Teil eins – damals noch mit Ethan Hawk und Lena Headey in den Hauptrollen – kann sich meines Erachtens nach durchaus sehen lassen. In einer Zeit, in der eine alljährliche „Säuberung“ von einer Regierung erlaubt, ja sogar gewünscht ist, wird für eine Nacht jegliche Form von Moralität außer Kraft gesetzt. Und eben diese permanente Bedrohung ist es, die den Zuschauer von der ersten Minute an in eine Atmosphäre der Angst hineinwirft und ihn durch einen metertiefen Sumpf von Gewalt und Hass warten lässt. So bedient sich der Film wohlbekannter Elemente à la „Running Man“ und auch an den ein oder anderen Zombie-Streifen musste ich durchaus öfter denken.

Aber dennoch ist es vielmehr die gesellschaftliche Dimension, das Schranken-fallen-lassen-für-eine-Nacht, die dem Streifen sein Eigenleben verleiht. Eine Regierung, die die Armen tötet, die das Töten selbst als „Säuberung“ deklariert, da werden gewisse Parallelen zu zeitgeschichtlichen Ereignissen spürbar. Denn wo jeder für eine Nacht lang gottgleich über Leben und Tod bestimmen kann, dort wird das menschliche Biest entfesselt und wütet ganz unverhohlen zum Wohle des Systems, das jene, die scheinbar ihre Freiheit ausleben, doch nur als Sklaven für seine Zwecke verwendet.

Die grausame Dekadenz, die selbst beim Tötungsritual noch Klassenunterschiede erwachsen lässt, betont das Irrspiel, dessen Akteure sogleich Täter und Opfer sind. Denn während die Armen um ihr Leben fürchten, lassen sich die Reichen ihre elesenen Opfer quasi nach Hause liefern, um sie dann im trauten Heim abzumetzeln. Frei Nach Oscar Wilde: Jeder von uns ist sein eigener Teufel und wir machen uns diese Welt zur Hölle. Fazit: Nicht gerade tiefgründig, nichts was man mit der Realismus-Brille analysieren sollte, aber durchaus sehenswert und kein Sujet für weichgespülte Soap-Fans.

Hinter Amazons Lächeln

Wer die Diskussion um den amerikanischen Online-Riesen Amazon ein wenig mitvervolgt, wird Zeuge von allerlei Unstimmigkeiten hinter den Kulissen des selbsternannten „Erverything Stores“. Da sind zum einen die Beschäftigten, die unter den Gängel-Methoden des Unternehmens und unter den hohen Erwartungen in Sachen „Performance“ leiden. Zur Erinnerung: Während einer Schicht legt ein „Picker“, also derjenige, der die Ware komissioniert, rund 20 Kilometer zurück. Wird fünf Minuten nichts über den Handscanner gezogen, dürfen sich Mitarbeiter auf ein Gespräch mit dem „Lead“, dem Abteilungsleiter, freuen. Überhaupt spielt das amerikanische Wording beim Versand-Riesen eine große Rolle. So wird dort nicht verladen, sondern „geshipt“, morgens „badged“ man sich mit der Zeitkarte ein und so weiter und so weiter.

Hinter all dem stehen harte Fakten. Waren letztes Weihnachten noch 4100 Menschen allein am Standort Koblenz beschäftigt, sind es heute noch gerade mal 1200, wovon die meisten Ketten-Befristungen erhalten und Saisonkräfte sowie Leiharbeitskräfte sind. (ver.di Publik, Ausgabe 4, 2014).

Zum anderen lodert unter der Oberfläche des Versandhauses mit dem Smily auf dem Paket auch ein handfester Rechtsstreit mit namhaften Verlagen. So gingen die Verlagsgruppen Hachette und Bonnier an die Öffentlichkeit, nachdem Amazon still und leise die Preise für Hachette-Bücher erhöht hatte. Auch der von J.K. Rowling unter dem Namen Robert Galbraith verfasste Roman „The Silkworm“ ist seltsamer Weise zurzeit nicht verfügbar. Aber auch deutsche Verlage leiden unter den Amazons Geschäftspraktiken – darunter Carlsen, Ullstein und Piper. Ja, da werden selbst Bestellbuttons entfernt.

Bei der ganzen Debatte geht es um ein gwinnträchtiges literarisches Neuland, genauer: um E-Books. Denn Amazon fordert von den Verlagen satte 50 Prozent Provision (üblich sind hingegen 30 Prozent). Das gleicht einem Donnerschlag und ist kaum tragbar, denn gerade die Autoren sind es, die eine solch invasiven Maßnahme zu spüren bekommen. Träumte Amazon mit der Einführung des Kindle im Jahr 2007 noch von einem Festpreis von 9,99 Dollar pro E-Book, musste es sich durch die Einführung des iBook-Stores von Apple notgedrungen mit dem Agency-Modell – der Verlag legt den Verkaufspreis fest, Amazon erhält davon 30 Prozent – zufrieden geben. Auf Betreiben Amazons verklagte das US-Justizministerium im Jahr 2012 daraufhin Apple, die großen Verlage kauften sich durch riesige Zahlungen frei, Aplle wurde zur Zahlung von 840 Millionen Dollar verurteilt und, wer hätte das gedacht, Amazon darf zu seiner alten Geschäftspraxis – der „flexiblen“ Preisstategie – zurückkehren. Auch in Europa kam es zu einer solchen Klage, bei der die EU-Komission gegen Apple und diverse Verlage ermittelte.

Nun könnte man ja denken, dass Amazons Zutun mit einer überaus kundenzentrierten Taktik zu begründen ist, immerhin geht es um den niedrigsten Preis für den Verbraucher. Aber hinter dem Betreiben des US-Unternehmens steckt jedoch viel mehr, eine Tendenz nämlich, die wir bei allen großen Web-Companies entdecken können: die Ausdehnung des Herrschaftsanspruchs. Denn der geht dem Unternehmen über alles. So wird heftig dazu gekauft, gerne auch zulasten des Gewinns. Dieser Lag bei einem im Jahr 2013 verzeichneten Umsatz von 75 Milliarden Dollar gerade mal bei 274 Millionen Dollar.

Die Gefahr, dass hierunter eine ganze Branche leiden könnte, ist dabei unbedeutend für Amazon. Ich will hier nicht den moralischen Zeigefinger heben, denn natürlich zählt für uns Verbraucher unterm Strich der Preis. Doch wenn sowohl Beschäftigte als auch Autoren durch die repressiven Maßnahmen eines Unternehms unter Druck geraten, dann sollte zumindest in Grundzügen ein gewisses Umdenken einsetzen. Denn Amazon will nicht nur verkaufen, sondern auch auch die Verlage aus dem Weg räumen. Welche kulturellen Einbußen das bedeuten könnte, wäre kaum auszumachen und den Einfluss, den Amazon auf die Werke zur Optimierung des Verkaufs nehmen könnte, käme dann wohl einer Zensur gleich – angefangen vom diktierten Buchtitel bis hin zum Streichen ganzer Kapitel. Aber die Aktionäre wollen schließlich mal Gewinne sehen, und ob dann, wenn diese erst eingefahren werden, der Smily auf der Pappkiste noch angebracht ist, wage ich zu bezweifeln.

Es ist Zeit zu überdenken, ob wir uns wirklich langfristig in eine solche Abhängigkeit begeben möchten. Ich gebe zu: Die Verlockung ist groß, denn der nächste Artikel steht ja schon zur Auslieferung bereit. Aber selbst ich als Everytime-Onliner musste feststellen: Hey, der nächste Buchladen ist ja garnicht so weit weg…

Facebook-Rollout Mai 2014


Auch wenn Facebook-Seiten-Administratoren in den letzten Monaten nicht mehr viel Neues zu Gesicht bekamen, muss ich sagen, dass das aktuelle Facebook-Rollout und die damit verbundene Layout-Anpassung deutlich gelungener erscheint, als so manch anderer zwanghafter Umstyling-Versuch. Du hast noch keine Veränderung bemerkt? Das hat eben damit zu tun, dass die Anpassungen sukzessive vorgenommen werden. Hier nun die auffälligsten Changes auf einen Blick.

Lästiges „Im Namen von“-Umswitchen entfällt
Wer kennt das nicht? Wollte der Administrator etwas auf seiner Seite posten, musste er immer daran denken, zuvor den Button „Posten im Namen von“ anzuklicken. Ansonsten postete er nämlich gradewegs in seinem Namen – und zwar an die Chronik der von ihm verwalteten Seite. Dieses Problem, das in der Mobile-Version schon länger nicht mehr besteht – wurde jetzt endlich auch für die Desktop-Version gelöst. Einfach auf die Seite gehen und posten. I like!

Verbesserung der Übersichtlichkeit
In Sachen Übersichtlichkeit hat Facebook für Seiten-Admins wohl bisher keinen Blumentopf gewonnen. Nun hat sich das – zumindest ein wenig – verbessert. Auf der rechten Seite erhaltet ihr nun ganz bequem eine Übersicht über neue Likes, Beitragsreichweite, Nachrichten (also Kommentare und Co.) sowie Nachrichten (also Unternehmensnachrichten). Das empfinde ich jedenfalls als eine schöne Veränderung. Auch hierfür ein fettes Like!

Vier Reiter gegen den Rest der Welt
Nun stehen vier Reiter da, wo man sich zuvor mühsam durchklicken musste – namentlich „Seite“, „Aktivität“, „Statistiken“ und „Eintstellungen“. Während wir beim Reiter „Seite“ die von uns verwaltete Seite sehen, gelangen wir bei „Aktivität“ zu den Unternehmensnachrichten. Den Begriff „Aktivität“ finde ich hier daher etwas unpassend. „Postfach“ hätte es wohl auch getan. Unter „Statistik“ findet ihr nach wie vor alles zum Thema „Likes“, „Reichweite“, „Zielgruppe“ usw. Hier ist nun auch jene Beitragsübersicht aufgeführt, die zuvor auf der Haupt-Admin-Seite zu sehen war. Das reicht meiner Meinung nach auch voll aus. Beim Reiter „Seiteninfo“ bleibt fast alles unverändert. Nun gut. Ich sagte fast… Denn als Betreiber eines Restaurants könnt ihr nun unter „Seinteninfo“ das PDF einer Menukarte hochladen. Auch eine nette Sache.

Unterseiten und Apps
Habt ihr mithilfe einer App Unterseiten erstellt? Nun, diese findet ihr jetzt – weit weniger prominent – auf der linken Seite wieder. Dass sie dort dann auch noch unter der Überschrift „Apps“ stehen, finde ich unpassend, gerade dann, wenn Sie noch Online-Buchungs-Tools usw. verwenden, die dem Nutzer einen direkten Mehrwert bringen. Zwar kann neben „Info“, „Chronik“ und „Fotos“ noch eine individuelle App in der Hauptnavigationsleiste aufgeführt werden, dennoch verlieren diese durch diesen Schritt deutlich an Bedeutung. Auch Willkommensseiten dürften damit wohl endgültig im Sumpf der Vergessenheit verschwinden.

Feedback-Elemente
Na ja. Grundsätzlich sind die Meinungen von Nutzern als „Aktivitäten auf der Seite“ nun links unten aufgeführt. Zuvor waren diese prominenter auf der rechten Seite zu finden. Einzig direkte Bewertungen gewinnen an Bedeutung – und zwar bei tatsächlich existierenden Locations. Sie sind jetzt links oben zu finden.

Neues Facebook-Rollout- mein Fazit
Insgesamt sagte ich ja schon, dass die Veränderungen eine Verbesserung sind. Dennoch nerven die zunehmenden Monetarisierungs-Tendenzen schon ein wenig. So wird man überall damit bedrängt, einen Beitrag hervorzuheben und die Reichweite zu erhöhen. Zusätzlich wird die organische Reichweite der Beiträge verringert. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Die jungen Alten

Immer wieder werden wir in diese unsägliche Diskussion reingezogen: Die Rente mit 63 Jahren – Top oder Flop? Ich möchte das jetzt garnicht so sehr werten. Was ich jedoch fesstelle, ist, dass es immer mehr der sogenannten „jungen Alten“ gibt, die prinzipiell top fit in ihren neuen, nicht mehr vom Rhythmus der Lohnarbeit diktierten Lebensabschnitt durchstarten. Und wenn wir in Deutschland von einer Verarmung vieler Rentner sprechen – denn diese Tendenz nimmt fraglos zu – so sollten wir uns dennoch auch vegergenwärtigen, dass noch eben genügend gut situierte Rentner an der anderen Seite der Messskala sitzen. So weit, so gut, haben diese sich das ja auch verdient. Neben netten Urlauben und so fort sind es aber auch meist jene dynamischen Rentner, die der Freizeit mehr als überdrüssig sind und ihr Glück nicht im nachmittäglichen Kaffeekränzchen mit Tante Käthe suchen, sondern in einer sinnstiftenden Tätigkeit.

Und jene finden viele von ihnen im Rasenmähen, Tapezieren, Gärtnern und Co. Zunächst mal in den eigenen vier Wänden und dann, hat sich der Einsatz dort gelohnt, vielleicht bei den Müllers, Schmitts und Beckers nebenan. Und aus dem bisschen Werkeln wird faktisch ein Fulltime-Job. Glauben Sie mir: So erlebe ich das in meinem Umfeld. Und spätestens wenn sich das Wissen um die handwerklichen Fertigkeiten von Herbert K. vom einen Ende des Ortes zum anderen verbreitet hat, und die kleinen Gefälligkeiten von einem netten Stundenlohn versüßt werden, finde ich, dass diese Entwicklung bedenklich ist. Schmälert sie doch echten Kleinunternehmern und 450-Euro-Kräften die Chance, Aufträge zu erhalten.

Und dass das, was Herbert K. da treibt, Schwarzarbeit ist, daran stört sich selbst Tante Käthe nicht, denn der Herbert arbeitet ja günstig und gut. Nur, dass der Herbert als Rentner eben jetzt noch öfter in Urlaub fahren kann als früher, wenn es denn die Arbeit zulässt. Na: Hat er sich ja auch verdient, der Gute…

Muttertag – Scheinheiligkeit mit floralem Akzent

Heute ist Muttertag. Und ich muss ehrlich sagen: Eigentlich nerven mich diese gesellschaftlichen Pflicht-Termine ziemlich. Wissen Sie, es ist weit weniger die Grundaussage, als vielmehr die sich daraus ergebenden Obligationen, die ich als ziemlich unsinnig empfinde. Klar: Mütter sind toll, Mütter haben ihre Kinder groß gezogen, ja, ja, ja…. Aber brauchen wir wirklich irgendwelche Fix-Punkte im Kalender, die uns dazu verleiten sollen, ihnen, unseren Müttern, mal was Gutes zu tun? Ist es nicht vielmehr der gegenseitige Respekt, das „Nicht-Aus-den-Augen-Verlieren“, auf das es wirklich ankommt – und das, während des ganzen Jahres und nicht nur punktuell? Ich persönlich glaube schon.

Nun ergeben sich jedoch aus der schieren Existenz solcher Tage seltsame Auswüchse. So erinnere ich mich daran, dass es in meiner Kindheit zu einem echten Streit zwischen meiner Mutter und ihrer Mutter kam. Und das nur, weil diese sich erdreistete, an just jenem Tage zunächst bei ihrer Schwiegermutter Kaffee zu trinken. Tränen floßen, ‚Nettigkeiten‘ wurden ausgetauscht, ich ins Auto gepackt… Oh wie schön ist Panama…

Und wenn dir dann noch deine fast 90jährige Großmutter einen gefühlten Monat vor dem gesellschaftlichen Großereignis souffliert, dass du doch bitte an den Happy-Mothers-Day-Pflicht-Call denken sollst, spätestens dann wird dir klar, dass zumindest deine Wurzeln im sumpfigen, doppelmoraligen, spießbürgerlichen Mileu zuhause sind, bei dem der schöne Schein einfach mehr zählt als das Sein.

Besonders prekär ist das Ganze, wenn eigenlich gestörte Mutter-Sohn- bzw. Mutter-Tochter-Beziehungen mit einem scheinheiligen Geschenk gekrönt werden (müssen), weil das eben nun mal so erwartet wird …

Wobei: Selbst das süßeste Milka-Herz kann ein gebrochenes Kinderherz nicht mehr heilen. Vergessen wir nicht: Die Tatsache allein eine Mutter zu sein, macht noch lange keine gute Mutter aus. Es gibt eben auch bösartige, gewalttätige und hasserfüllte Mütter, die ihrem Kind nachhaltigen Schaden zufügen. Die Sprösslinge, die in den daraus resultierenden restrektiven Lebenswelten aufwachsen und sozialisiert werden, müssen sich im Erwachsenenleben mit allerlei Selbstzweifeln, Neurosen etc. herumplagen und finden sich nicht selten im Dunst des „Eigentlich hatte sie es ja nur gut gemeint“-Credos wieder, dass einen eigentlichen Katharsis-Effekt in die mütterlich verschuldete Leidensgeschichte verhindert.

Jeder Topf findet seinen Deckel und für alles scheint es einen Feiertag zu geben. Vatertage, an denen sich die schlechtesten Väter und Noch-Nicht-Väter dieser Welt die Birne zudröhnen, Welt-Nichtrauer-Tage, Namenstage und so weiter. Aber eigentlich ist einer davon so unnötig wie der andere, wenngleich sie auch eine Tendenz unserer Gesellschaft deutlich aufzeigen: Den Wunsch, durch Fremdbestimmung Emotionen zu erwecken. So musst du an Muttertag dankbar, an Weihnachten besinnlich und an Karneval verflixt nochmal fröhlich drauf sein. Auch und gerade dann, wenn du’s eigentlich garnicht bist. Was für ein Quatsch.

Ich will jetzt garnicht mal so sehr auf die kommerzielle Bedeutung des Muttertags hinweisen. Aber: Dass gerade der Verband Deutscher Blumengeseschäftsinhaber diesen Tag in Deutschland im Jahr 1922 eingeführt hat, spricht doch Bände, oder? Ja, und die Floristenverbände haben eben einen Sonntag im Mai zum Muttertag festglegt. Vielen Dank dann für die Blumen.

Putin auf Kriegszug: Im Osten nichts Gutes.

Da schaue ich mir dieser Tage das Treiben auf der weltpolitischen Bühne an, und spüre in mir unweigerlich ein klammes, kaltes Zittern hochsteigen. Im Osten – von den unendlichen Weiten der sibierischen Steppe bis zur quirligen Metropole Moskau – brauen sich dunkle Wolken zusammen. Der kalte Nordwind malt ein düsteres Bild, das mich an eine Situation meiner Kindheit erinnert, in der der Konflikt zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus auf seinen brandgefährlichen Höhepunkt zusteuerte. Damals spielte ich auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers mit Bauklötzen, der Fernseher lief und ein Nachrichtensprecher berichtete in fast schon millitärischem Ton, dass ein amerikanisches Schiff – oder war es ein U-Boot? – in russische Gewässer eingedrungen sei – aus Versehen. So hieß es damals. Ich hatte echte Angst, denn auch wenn ich nicht zuordnen konnte, was hätte geschehen können, so erahnte ich schon als Kind, dass es nichts Gutes sein würde.

„Armes Russland“, titelt der ehemalige Professor für Betriebswirtschaft und Marketing, Hermann Simon, in der FAZ. Und ja, unter der Führung der lustigen Gesellen von Osero, jenem Ort, an dem Wladimir Putin einst eine Datschensiedlung gründete und das feine Netz aus Machenschaften und mafiösen Strukturen knüpfte, scheint Mütterchen Russland ins Verderben zu steuern. Da lässt mich auch das Wissen darum, dass Russland im Jahr 2013 ein erbärmliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2,12 Billionen Dollar erwirtschaftet hat – zum Vergleich: die USA erwirtschafteten im gleichen Zeitraum 16,72 Billionen Dollar – nicht gerade aufatmen. Wirschaftlich gesehen mag Mütterchen Russland am Boden liegen, aber wer weiß schon, wo die Großmacht-Fantasien des Herrn Putin uns und die gesamte Welt noch hinführen. Meine Prognose: Die Krim ist erst der Anfang, die Ost-Ukraine wird folgen. Anderen (noch) unabhängigen Republiken in russischer Nachbarschaft wie beispielsweise Moldawien kann es Angst und Bange werden.

Es ist so eine leise Vorahnung, so ein unruhiges Gefühl, wissen Sie. Die USA und Russland, ging das nicht schon viel zu lange gut? War es nicht ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm? Und nun schlägt Putin mit eiserner Faust auf den Tisch, und repräsentiert das, was viele Russen einst mit Stolz erfüllte: ein starkes, mächtiges Land mit territorialen Ansprüchen.

Fest steht: Die Gräben sind wieder tiefer geworden zwischen Ost und West. Und während ich mich an die guten alten James Bond-Filme erinnert fühle, in denen der Spion mit der Lizenz zum Töten den böse Kommunisten bekämpft, mag ich kaum glauben, dass da ganz leise ein realer Krieg apokalyptischen Ausmaßes heraufzieht.

Seltsame Filmfetzen spielen sich in meinem Kopfkino ab. Ich denke an einen kleinen Mann aus dem österreichischen Braunau, der mit seinen irren Allmachtsfantasien den größten Vernichtungsfeldzug entfachen sollte, den die Menschheit im letzten Jahrhundert je gesehen hatte. Doch zuvor lag Deutschland am Boden. Auch damals erzeugten vermeintlich weltoffene olympische Spiele ein trügerisches Bild von einem Land, in dem längst die Tyrannei Einzug gehalten hatte. Vielleicht sollten sie die Welt in Sicherheit wiegen vor dem längst beschlossenen Inferno.

Es ist der giftige Cocktail aus Hunger und Not, der nationalen Gedanken den Weg bereitet – damals wie heute – und von dessen verheißungsvollem todbringenden Rezept auch Putin profitiert. Doch es geht dem gebürtigen Leningrader nicht darum, die Krim heimzuführen, sondern, so denke ich, um die Entfesselung eines Krieges an sich.

Nein, ich glaube nicht daran, dass sich die Risse dieses Mal auf diplomatischem Parkett kitten lassen. Es wird der erste Krieg sein, der unsere Generation im Mark erschüttern wird, von dem wir nicht nur aus den Nachrichten erfahren. Denn dieses Mal werden wir ihn spüren, ihn fühlen, ihn riechen mit all seinem Blut und Tod. Und alles wird sich ändern – einfach alles.

Ein Mann namens Putin hat sich angeschickt, die Weltordnung zu verändern. Die USA führen erste Luftwaffen-Manöver über Polen durch. Der Republikaner John McCain sprach sich unlängst dafür aus, die Ukraine mit Waffen zu versorgen. „Was wäre, wenn Hitler damals im Besitz der Atombombe gewesen wäre?“, frage ich mich. Putin und die USA haben jedenfalls einige, das ist sicher.

Ja, ich habe Angst und wünschte, wieder Kind zu sein, nichtsahnend und unbesorgt. Und ich denke an die bedrückende Stimmung in Büchners Woyzeck:


WOYZECK: Andres, wie hell! Ueber der Stadt is alles Glut! Ein Feuer faehrt um den Himmel und ein Getoes herunter wie Posaunen. Wie’s heraufzieht! – Fort! Sieh nicht hinter dich!

ANDRES: Woyzeck, hoerst du’s noch?

WOYZECK: Still, alles still, als waer‘ die Welt tot.

aus Georg Büchners „Woyzeck“

Facebook – oder die Sehnsucht zu gefallen

Wenn ich mir das Gesicht der neuen digitalen Welten ansehe, ist es unverkennbar: Die Maschen des Netzes werden zunehmend enger geknüpft – determiniert von der vorgegebenen Schlagzahl globaler Datenriesen, die nach der Prämisse jedes wirtschaftlich denkenden Unternehmens durch den Netzstrom segeln. Gut ist, was Geld bringt. Und Geld, das bringen vor allem Userdaten. Die Spurensuche der Unternehmen beginnt beim nachmittäglichen Online-Ausflug in die unerschöpflichen Shopping-Tempel à la Amazon und Ebay und endet bei den bevorzugten Youtube-Videos von Lieschen Müller. Wir hinterlassen bei unseren digitalen Streifzügen Fragmente, und die wollen gesammelt und verfolgt werden. Was sich daraus ergibt, ist weit mehr, als der in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts befürchtete „Gläserne Mensch“. Es ist ein digitales Abbild unserer Persönlichkeit, unserer Ängste und unserer Bedürfnisse.

Und an diejenigen, die immer noch glauben, das alles geschehe auf freiwilliger Basis: Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass mit der Erschaffung sozialer Netzwerke ein zutiefst unsoziales Medium geboren wurde. Denn mit zunehmender Verbreitung und wachsender Akzeptanz der Social Newsfeeds stieg auch der individuelle Druck, in dieser „brave new world“ miteinander vernetzt zu sein. Gruppenpsychologisch war und ist es äußerst schwer, einem solchen Massenphänomen wie Facebook zu widerstehen. Denn alle Welt ist drin und Menschen sind bekanntlich Herdentiere, wollen nicht außen stehen.

Soziale Netzwerke setzen an dem menschlichen Bedüfnis zur Kommunikation an, ihre samtene Verheißung ist zu süß, um ihr offline standzuhalten. Wo egozentrische Selbstdarstellung die Wichtigkeit des eigenen Seins suggeriert, ist die Jagd nach dem „Gefällt mir“ zum längst verzerrten Sinnbild falscher Freundschaft geworden. Haben einst dialogischer Austausch und gemeinsame Erlebnisinhalte zu einer persönlichen Bindung geführt, reicht nun ein Klick, um User zu adden oder aus dem surrealen Bekanntenkreis zu verbannen. Wer braucht da noch Lagerfeuer und Staudämme an ungezähmten Waldbächen?

Soziale Showrooms bieten uns den großen Auftritt im Kleinen, die Präsentation unseres Lebens nach unseren Vorstellungen. Und ist eine Impression mal nicht ganz stimmig, legen wir einfach den passenden Instagram-Filter darüber. So verschmelzen die Rollen vom Protagonisten und Zuschauer zu einer seltsamen Online-Symbiose, in der jeder alles beurteilen, kommentieren und liken kann. Grenzen von privat und öffentlich, von nah und fern brechen, und die Privatsphäre weicht auf in einem scheinbaren Schonraum, der von gut gewillten Bekannten beölkert wird, die ja nur das Beste wollen. Aber in dieser Arena der Eitelkeiten zählt nur das Sehen und Gesehen werden. Und so verkommt der mitteilsame Datenstrom, die Teilnahme an Veranstaltung X und Foto Y zu einem unruhigen Grundrauschen in der Weite des Netzes, das nur obeflächlich an das große Publikum harantritt.

Ja, wir zahlen einen hohen Preis für jedes Like, nämlich die Aufgabe unserers inneren Selbst, wollen lieber nur noch äußerlich gefallen, als zu polarisieren und gegen den Strom zu schwimmen. Der Transaktionsanalytiker Eric Berne beschrieb bei seinem an die Psychoanalyse angelehnten Therapiemodell, dass jedem Mensch das Bedürfnis nach seelischen Streicheleinheiten, nach den sogenannten Strokes, innewohne. Und sind es nicht diese Strokes, das positiv konnotierte Feedback-Erlebnis in Form von „Likes“, die uns Menschen in der Sphäre des Netzes zu der Illusion verleiten, einzigartig und wahrhaftig zu sein?

Hier schließt sich der Kreis zum Kommerz. Denn wo Menschen sich produzieren um zum Feedback zu provozieren, werden aus dem Wunsch nach Anerkennung und Sinnhaftigkeit stets verwertbare Online-Portfolios vieler Milliarden Leben.

Dabei stehen wir erst ganz am Anfang. So wird der „Gefällt mir“-Button längst als Indikator für Werbende genutzt, um die werberelevante Zielgruppe mit einschlägigen Botschaften zu befeuern. Die großen Online-Unternehmen wissen um ihre Macht und nutzen ihren Vorsprung durch Technik unverholen aus. Nicht erst seit der NSA-Affäre werden Userdaten an Drittunternehmen weitergereicht, ziehen wirtschaftliche Interessen auf die vernetzte Spielwiese ein. Die Effekte gleichen denen auf weltpolitischer Bühne. So erstreben einige wenige große Unternehmen in einem digitalen Imperialismus die Weltherrschaft an.

Dabei ist das Internet der Dinge das nächste zu erobernde Brachland. Ob Augenlinse, die den Blutzuckerspiegel misst, künstliche Intelligenz oder zentral gesteuertes Heizungsthermostat: Auch der Gigant Google arbeitet kontinuiertlich daran, den Sprung von dem Bildschirm ins echte Leben und in unser Zuhause zu schaffen. Dabei möchte ich dem Konzern im kalifornischen Mountain View garnicht mal eine böse Absicht unterstellen – jedenfalls noch nicht. Vielmehr möchte ich mich für einen maßvollen und kompetenten Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Online-Ressourcen aussprechen. Denn für jedes „Gefällt mir“ zahlen wir einen hohen Preis.

Olympia im Fadenkreuz

Bald gehen sie los: die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Ich finde, es ist mehr als berechtigt, danach zu fragen, ob dieses Massen-Event an diesem Ort überhaupt stattfinden sollte. So gebe ich dem Tainer der Deutschen Bob-Nationalmannschaft, Christoph Langen, recht, wenn er sagt, man solle einfach mal schauen, bevor man die Spiele irgendwo hin vergebe. Und hätten sie geschaut, und wirklich wahrgenommen wo sich Sotschi befindet, dann wäre auch den Herrn des IOC schnell klar geworden: In diesem Teil der Welt, weit im bergigen Hinterstübchen Russlands, geht es nicht um medial-gehypten Sportsgeist, sondern hier ist die existentielle Not zu Hause. Die nahegelegenen, nordkaukasischen russischen Teilrepubliken sind geprägt von Terror und Perspektivenlosigkeit.

Bomben und Tote jede Woche – das alles ist dort traurige Realität. Und der lange Atem des Terrors wird die Olympischen Winterspiele 2014 als ungehahnten Multiplikator willkommen heißen. Auch wenn die russische Führung versucht, der abstrakten Bedrohung durch U-Boote, Sperrgebiete und Personen-Überprüfungen gewahr zu werden – echte Sicherheit kann es bei solchen Events nie geben. Trotz strenger Restriktionen, heißt es, sei eine islamistische Selbstmord-Attentäterin bereits eingereist. Die USA haben übrigens eine Reisewarnung für die Stadt ausgesprochen.

Und vielleicht ist es einfach an der Zeit, dass wir erkennen, in welcher Welt wir leben. Dass es an allen Ecken brennt und schmort. Und dass dieses Kokeln, dieses leichte Zischen und Schwelen sich zu einem Gefühl der Unsicherheit in uns verdichtet – langsam, aber stetig.

Was zu tun ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach besser, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen – sich nicht betäuben zu lassen von solchen Nebensächlichkeiten wie Unterhaltungs-Shows, Fußball-Ergebnissen, Pauschalurlauben und den anderen trügerischen Wohlstands-Indikatoren. Richten wir lieber unsere Augen dieser Tage nach Montreux, wo die syrischen Konfliktparteien am runden Tisch sitzen, nahe des Genfer Sees, Geburtsort des legendären Deep Purplschen Klassikers „Smoke on the Water“. Oder nach Kiew. Dort – im grauen Nebel des Maldan – werden immer noch erbitterte Kämpfe gefochten.

Vielleicht gehen uns diese Szenrarien kurz durch den Kopf, bevor wir uns im Fernseh-Sessel zurücklehnen – wissend, dass auch unsere Sicherheit auf einem sandigen Fundament steht. Systeme wirken bekanntlich aufeinander und ein in Kiew geworfener Stein kann schnell einen Flächenbrand verursachen, der auch unsere Neubausiedlungen und Reihenhäuser heimsucht.

Die Vorboten von Sotschi sind eisig. Ein islamistisches Bekennervideo spricht von einer „Überraschung“, die man sich für den russischen Ort ausgedacht habe. Auch der selbsternannte „Emir vom Kaukasus“, Terrorfürst Doku Umarow, will die Spiele blutig verhindern.

Manchmal wäre es klug nachzugeben und angesichts der Gefahrenlage hätte man wohl schon viel früher die organisatorische Notbremse ziehen müssen. Doch Geld und Profit – ach nein: der olympische Gedanke – haben ein sanftes Anhalten längst verhindert.

Auf dass die Welt nicht Zeuge eines zweiten olympischen Infernos werde…

Obama-Rede: Präsident im Zwiespalt

Nun hat der amerikanische Präsident Barack Obama also in seiner lang erwarteten Grundsatzrede ein Dekret erlassen, das besagt, dass die amerikanische Auslandsspionage ausschließlich der Wahrung nationaler Interessen dient. Gut, wer hätte das je bezweifelt. Auch wenn Obama deutlich machen wollte, dass die Vereinigten Staaten keine „einfachen Leute“ ausspionierten, spiegeln die inhaltlichen Aussagen des Präsidenten klar die Differenzen zwischen US-amerikanischer Selbst- und westeuropäischer Fremdwahrnehmung wieder. Kein Wort zum Abhörskandal des Merkel’schen Handys, kein Hauch einer schuldbewussten Katharsis. Ganz im Gegenteil: „Wir werden uns nicht dafür entschuldigen, weil unsere Dienste effektiver sein mögen“, so Obama weiter. Auch wenn unsere Bundesregierung die Rede Obamas scheinbar als positiv wertet – aber was soll sie auch sonst schon tun, als fatalistisch den amerikanischen Hegemonie-Ansprüchen gegenüber zu stehen – wirkt das Ganze eher wie eine Farce.

Wenn Obama beispielsweise angibt, er weise den amerikanischen Justizminister Eric Holden an, nach Wegen zu suchen, um gewisse Garantien zum Schutz der Privatsphäre von Nicht-US-Bürgern zu geben, wird klar: Das US-amerikanische Verständnis von Privatsphäre – einem maßgeblichen Grundrecht und Eckpfeiler einer liberalen Gesellschaftsordnung – bietet viel Raum zur Interpretation.

Denn auch zukünftig soll die NSA Telefondaten von Amerikanern massenhaft sammeln und analysieren dürfen – unklar ist nur, wo diese sogenannten Meta- Daten, d. h. Telefonnummer, Dauer der Gespräche und Gesprächsdatum, dann verbleiben. Im Gespräch sind die Server privater Unternehmen, was wiederum eine Aufweichung des Schutzes der Privatsphäre bedeuten würde. Denn wer hat nochmal die größten Server-Kapazitäten in den USA? Ach ja: Zuckerberg, Google und Co.. Ein Schelm, der böses dabei denkt.

Immerhin müssen NSA-Mitarbeiter offiziell künftig für jede Abfrage von Telefondaten einen richterlichen Beschluss erwirken – was in realitas wohl kaum umsetzbar ist. Ferner sollen die Richter an den FISA-Behörden (FISA = Foreign Intelligence Surveillance Act, also ein Gesetz zum Abhören in der Auslandsaufklärung) auch noch einen Bürgeranwalt anhören müssen, bevor das große Spionieren beginnt.

Ergo: Obama versucht mit seiner Rede die transatlantischen Beziehungen in ruhiges Fahrwasser zu steuern und gleichzeitig das US-amerikanische Selbstbewusstsein zu betonen. Doch sein Spagat wirkt nicht nur halbherzig diplomatisch, sondern kratzt, wenn überhaupt, nur an der Oberfläche einer längst internalisierten Sichtweise, die das Recht eines Staates klar vor das des einzelnen Individuums stellt. So gab der britische „Guardian“ erst am Donnerstagabend bekannt, dass die NSA rund 200 Millionen SMS-Nachrichten pro Tag abgreifen könne und dass das Programm namens „Dishfire“ so ziemlich alles sammele, was nicht niet- und nagelfest sei – etwa Informationen über Reisen, Adressbücher, Finanztransaktionen und Roaming-Benachrichtigungen.

Doch wie wurden die Weichen für solche Daten-Entgleisungen gestellt? Obama hatte bereits 2006 der Verlängerung des Patriot Acts trotz anfänglichem Zögern zugestimmt – einem Gesetz, das unter anderem die Einzelverbindungen eines jeden Telefonkunden als relevante Geschäftsunterlagen zur Terrorbekämpfung sieht und dessen Neuauslegung von George W. Bush vorangetrieben worden war. Auch als Präsidentschaftskandidat votete der Mann aus Illinois für die Novellierung des Gesetzes zur Regelung von Auslandsspionage, wohl ohne deren Ausmaß wirklich abschätzen zu können. So verlief schon damals ein Großteil der ausländischen Internet-Kommunikation über amerikanischen Boden und erst das Update des Gesetzes erlaubte den Geheimdiensten in großem Maße Daten zu sammeln – auch ohne sich für jede einzelne Zielperson eine Genehmigung des FISA-Gerichts einholen zu müssen.

Aber wollen wir nicht abschweifen. Obamas Rede zeigt immerhin, dass den USA die Entrüstung befreundeter Staaten nicht völlig egal ist. Ernstzunehmende Veränderungen sind jedoch nicht zu erwarten und abgesehen davon: Selbst wenn Obama tiefgreifende Reformen wollte – auch diese müssen zunächst einmal die Zustimmung des Kongresses finden. Sicherlich ist der präsidiale Kurs und das unstillbare Bedürfnis nach Sicherheit der amerikanischen Behörden Ergebnis der Ereignisse des 11. September und dem daraus resultierenden politischen Trauma.

Das von der Bundesregierung erwägte No-Spy-Abkommen wirkt da mehr als illusorisch – zuweilen gar naiv – und verkennt das Selbstverständnis der US-amerikanischen Sicherheitsdienste. Wer so ziellos Daten sammelt und analysiert – der gibt das nicht einfach so auf. Und derjenige unter Ihnen, der bis dato noch daran gezweifelt haben mag, ob er im Fokus der US-Behörden stehe, der kann sich spätestens seit der Bestätigung seines Google- oder Facebook-Kontos von seinen Zweifeln verabschieden. Denn während allerorten von Telefon- und GPS-Daten-Kollekten die Rede ist, werden die bisweilen ergiebigsten Quellen zur Realisierung des gläsernen Menschen nicht außen vor gelassen: Die beiden Dienste der amerikanischen Internet-Riesen, über die nicht nur quantitative Daten, sondern auch qualitative Aussagen zur Lebenswelt von mehr als 1 Milliarde Menschen generiert werden – und das auch noch freiwillig. Ganz nach dem Motto: Big brother is watching you – and you give him, what he needs.

Die delikate Debatte um mehr Privatsphäre und den staatlichen Überwachungswahn macht deutlich, wie wichtig eine neutrale und unabhängige Aufsicht der Geheimdienste wäre. Denn deren eigentlich sinnvoller Auftrag liegt im Schutz der Menschen vor real existierender, terroristischer Gefahr und nicht im wahllosen Global-Voyeurismus unbescholtener Bürger: Vertrauen ist gut und Kontrolle macht’s manchmal auch schlechter.

Leeres Treibgut auf dem Ozean der Sprache

Manchmal kommt es mir schon ein wenig seltsam vor, wenn solche Begriffe wie Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit in unserer postmodernen Gesellschaft immer wieder Verwendung finden. Sie werden meist von jenen in den Mund genommen, die sich selbst für Experten in eben diesen Beziehungen halten.  Wer kann’s ihnen verdenken: Die sogenannten Fachleute haben oft ein jahrelanges Studium auf dem Buckel und können sich en gros mit diversen Veröffentlichungen in namhaften Verlagen wie Suhrkamp, Rohwolt und Co. rühmen. Was ich nicht ganz verstehe – aber vielleicht bin ich damit ja alleine und jeder andere versteht es, außer mir eben – ist, warum solche Begrifflichkeiten gerade heute, in unserer Zeit, von enormer Popularität sind. Sie werden erdacht und finden mit der sprachlichen Verwendung schließlich Eingang in unsere gesellschaftliche Realität, ganz im Sinne von PEIRCE, der mit seiner Sprechakttheorie genau beschrieb, wie aus sprachlichen Äußerungen Handlungen erwachsen:

„Unterscheiden wir zwischen dem Satz [proposition] und der Aussage [assertion] jenes Satzes. Wir gestehen gerne zu, daß der Satz bloß ein Bild mit einem Etikett oder einem Zeiger ist, der ihm beigegeben ist. Aber jenen Satz aussagen, heißt, für ihn die Verantwortung zu übernehmen.“*

Also gut – jetzt muss also schon der alte PEIRCE herhalten, werden Sie denken. Wann fängt er wohl mit WITTGENSTEIN an, der immerhin auch noch sowas ganz und gar Universelles gesagt hat wie „Worte sind Taten.“ Nein, Sie haben mich überzeugt. Ich möchte mich heute nicht zu weit hinaus auf das unruhige Meer der Sprache begeben, das von Urzeiten her eine der interessantesten archäologischen Grabungsstätten und gleichzeitig ein immanentes Zeugnis der menschlichen Entwicklung ist – mal sanft wiegend, mal wild tosend, aber stetig in Veränderung begriffen. Und genau solche linguistischen Schablonen wie die beiden oben genannten sind es, die von Zeit zu Zeit in einer unruhigen Wellenbewegung von der Tiefe des Meeresgrundes hinauf an die Oberfläche der Welt treiben, um sich in einer salzigen Gischt auf einer weißen Schaumkrone, an der Spitze des Wellenkammes, Gehör zu verschaffen.

Nun stehen also da unsere beiden Freunde – die Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit. Glauben Sie mir, ich möchte nicht leugnen, dass es Menschen gibt, die zeitlebens alleine sein wollen, Dickens oder Frisch lesen und sich den lieben langen Tag ihres Lebens freuen.

Aber da geht es doch schon los. In der Etikettierung der Biografie, nicht wahr? Mit ein paar Monaten wird man getauft, mit achtzehn haste ’nen Führerschein und dann – na ja – jeder Topf findet seinen Deckel, Gleich und Gleich gesellt sich gern – Sie wissen, was ich meine: Alles soll noch immer in den ruhigen Hafen der Ehe oder zumindest in eine Form des gesellschaftlich akzeptierten, dyadischen Zusammenlebens münden. Und vielleicht gibt es ja auch einige, die sich damit wohlfühlen. Die eben nicht Dickens lesen wollen, zumindest nicht regelmäßig. Worauf ich hinaus will ist Folgendes: Erst durch die Schaffung solcher Worte wie Beziehungsunfähigkeit und durch deren verwahrloste semantische Hinterhöfe wird manifest, dass die Beziehungsfähigkeit als solche etwas Erstrebenswertes ist.

Und vielleicht liegt ja die hohe Scheidungsrate unserer Generationen darin begründet, dass wir einfach ein gutes Stück egoistischer geworden sind – und zwar weil wir es uns einfach leisten können. Weil es uns eben eigentlich verdammt gut geht und wir die Wahl haben. Das ist doch eigentlich wirklich mal was Neues. Wir haben die Wahl, sind nicht existentiell an unseren Partner gebunden und erwarten daher in einer Beziehung nichts als Glückseligkeit – die natürlich längerfristig immer enttäuscht wird. Ach ja,wer hätte das gedacht…

Wissen Sie, und weil das so ist, verstehe ich nicht, warum uns immer wieder eingeredet wird, dass unsere Generation, die wir uns doch auf einen weitaus freundlicheren Sprachozean als die Kriegsgeneration zuvor begaben, beziehungsunfähig sein soll. Wir sind lediglich wählerischer, liberaler und können es uns das erste Mal in der Menschheitsgeschichte leisten, unser Gegenüber wieder auf das offene Meer hinaustreiben zu lassen, wenn sich die Wogen der Verliebtheit wieder geglättet haben. War es früher der Hafen der Ehe, der eine gewisse Konstanz bot, so ist die einzige Konstanz in heutigen Beziehungen deren permanenter Bezug auf Mehrwert, den beide Partner aus dem asymetrischen Zusammentreffen schöpfen. Das sage ich ganz ohne Häme.

Obendrein beschreibt das angeführte Wortpaar doch letztendlich keinerlei Ursache, sondern lediglich ein Symptom, das es vielleicht noch nicht einmal gibt. Wer weiß das schon. Das Meer der Sprache ist eben unergründlich und tief, so tief. Beziehungsunfähig und bindungsunfähig – diese beiden Archetypen der Bedeutungslosigkeit reihen sich in solch einzigartige sprachliche Untiefen ein wie ADHS, Borderline, Burn-Out, Wirtschaftsbeschleunigungsgesetz, Casting-Show oder Mario Barth – und verdeutlichen, wenn sie überhaupt etwas verdeutlichen, nur eins: die zunehmende Verflachung und die Trivialisierung emotionaler Bedeutungsinhalte zugunsten allgemein verständlicher, leerer Begriffsschablonen, mit denen ein Großteil der Bevölkerung wohl einfach gut umgehen kann.

Sollten Sie also irgendwann auf den tiefblauen Ozean der Sprache hinaussegeln und die leichte Brise auf Ihrer Haut spüren, lassen Sie sich nicht vom goldgelben Sonnenlicht blenden, dessen glitzernde Farbenspiele auf dem wiegenden Gewand der See freudig tanzen. Es wechselt rasch, das Wetter weit draußen – und aus den lächelnden Wolkenstreifen am Horizont werden urplötzlich dunkle Vorboten meterhoher Wellenberge, die sich bedrohlich aufbäumen und vergessene, damönisch grinsende Sprachgebilde vom Meeresgrund emporschleudern …

* Martens, E., Einleitung zu ders. (Hrsg.): Pragmatismus. Ausgewählte Texte von Ch. S. Peirce, W. James, F. C. S. Schiller, J. Dewey, Reclam, Stuttgart 1975.