Muttertag – Scheinheiligkeit mit floralem Akzent

Heute ist Muttertag. Und ich muss ehrlich sagen: Eigentlich nerven mich diese gesellschaftlichen Pflicht-Termine ziemlich. Wissen Sie, es ist weit weniger die Grundaussage, als vielmehr die sich daraus ergebenden Obligationen, die ich als ziemlich unsinnig empfinde. Klar: Mütter sind toll, Mütter haben ihre Kinder groß gezogen, ja, ja, ja…. Aber brauchen wir wirklich irgendwelche Fix-Punkte im Kalender, die uns dazu verleiten sollen, ihnen, unseren Müttern, mal was Gutes zu tun? Ist es nicht vielmehr der gegenseitige Respekt, das „Nicht-Aus-den-Augen-Verlieren“, auf das es wirklich ankommt – und das, während des ganzen Jahres und nicht nur punktuell? Ich persönlich glaube schon.

Nun ergeben sich jedoch aus der schieren Existenz solcher Tage seltsame Auswüchse. So erinnere ich mich daran, dass es in meiner Kindheit zu einem echten Streit zwischen meiner Mutter und ihrer Mutter kam. Und das nur, weil diese sich erdreistete, an just jenem Tage zunächst bei ihrer Schwiegermutter Kaffee zu trinken. Tränen floßen, ‚Nettigkeiten‘ wurden ausgetauscht, ich ins Auto gepackt… Oh wie schön ist Panama…

Und wenn dir dann noch deine fast 90jährige Großmutter einen gefühlten Monat vor dem gesellschaftlichen Großereignis souffliert, dass du doch bitte an den Happy-Mothers-Day-Pflicht-Call denken sollst, spätestens dann wird dir klar, dass zumindest deine Wurzeln im sumpfigen, doppelmoraligen, spießbürgerlichen Mileu zuhause sind, bei dem der schöne Schein einfach mehr zählt als das Sein.

Besonders prekär ist das Ganze, wenn eigenlich gestörte Mutter-Sohn- bzw. Mutter-Tochter-Beziehungen mit einem scheinheiligen Geschenk gekrönt werden (müssen), weil das eben nun mal so erwartet wird …

Wobei: Selbst das süßeste Milka-Herz kann ein gebrochenes Kinderherz nicht mehr heilen. Vergessen wir nicht: Die Tatsache allein eine Mutter zu sein, macht noch lange keine gute Mutter aus. Es gibt eben auch bösartige, gewalttätige und hasserfüllte Mütter, die ihrem Kind nachhaltigen Schaden zufügen. Die Sprösslinge, die in den daraus resultierenden restrektiven Lebenswelten aufwachsen und sozialisiert werden, müssen sich im Erwachsenenleben mit allerlei Selbstzweifeln, Neurosen etc. herumplagen und finden sich nicht selten im Dunst des „Eigentlich hatte sie es ja nur gut gemeint“-Credos wieder, dass einen eigentlichen Katharsis-Effekt in die mütterlich verschuldete Leidensgeschichte verhindert.

Jeder Topf findet seinen Deckel und für alles scheint es einen Feiertag zu geben. Vatertage, an denen sich die schlechtesten Väter und Noch-Nicht-Väter dieser Welt die Birne zudröhnen, Welt-Nichtrauer-Tage, Namenstage und so weiter. Aber eigentlich ist einer davon so unnötig wie der andere, wenngleich sie auch eine Tendenz unserer Gesellschaft deutlich aufzeigen: Den Wunsch, durch Fremdbestimmung Emotionen zu erwecken. So musst du an Muttertag dankbar, an Weihnachten besinnlich und an Karneval verflixt nochmal fröhlich drauf sein. Auch und gerade dann, wenn du’s eigentlich garnicht bist. Was für ein Quatsch.

Ich will jetzt garnicht mal so sehr auf die kommerzielle Bedeutung des Muttertags hinweisen. Aber: Dass gerade der Verband Deutscher Blumengeseschäftsinhaber diesen Tag in Deutschland im Jahr 1922 eingeführt hat, spricht doch Bände, oder? Ja, und die Floristenverbände haben eben einen Sonntag im Mai zum Muttertag festglegt. Vielen Dank dann für die Blumen.

Putin auf Kriegszug: Im Osten nichts Gutes.

Da schaue ich mir dieser Tage das Treiben auf der weltpolitischen Bühne an, und spüre in mir unweigerlich ein klammes, kaltes Zittern hochsteigen. Im Osten – von den unendlichen Weiten der sibierischen Steppe bis zur quirligen Metropole Moskau – brauen sich dunkle Wolken zusammen. Der kalte Nordwind malt ein düsteres Bild, das mich an eine Situation meiner Kindheit erinnert, in der der Konflikt zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus auf seinen brandgefährlichen Höhepunkt zusteuerte. Damals spielte ich auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers mit Bauklötzen, der Fernseher lief und ein Nachrichtensprecher berichtete in fast schon millitärischem Ton, dass ein amerikanisches Schiff – oder war es ein U-Boot? – in russische Gewässer eingedrungen sei – aus Versehen. So hieß es damals. Ich hatte echte Angst, denn auch wenn ich nicht zuordnen konnte, was hätte geschehen können, so erahnte ich schon als Kind, dass es nichts Gutes sein würde.

„Armes Russland“, titelt der ehemalige Professor für Betriebswirtschaft und Marketing, Hermann Simon, in der FAZ. Und ja, unter der Führung der lustigen Gesellen von Osero, jenem Ort, an dem Wladimir Putin einst eine Datschensiedlung gründete und das feine Netz aus Machenschaften und mafiösen Strukturen knüpfte, scheint Mütterchen Russland ins Verderben zu steuern. Da lässt mich auch das Wissen darum, dass Russland im Jahr 2013 ein erbärmliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2,12 Billionen Dollar erwirtschaftet hat – zum Vergleich: die USA erwirtschafteten im gleichen Zeitraum 16,72 Billionen Dollar – nicht gerade aufatmen. Wirschaftlich gesehen mag Mütterchen Russland am Boden liegen, aber wer weiß schon, wo die Großmacht-Fantasien des Herrn Putin uns und die gesamte Welt noch hinführen. Meine Prognose: Die Krim ist erst der Anfang, die Ost-Ukraine wird folgen. Anderen (noch) unabhängigen Republiken in russischer Nachbarschaft wie beispielsweise Moldawien kann es Angst und Bange werden.

Es ist so eine leise Vorahnung, so ein unruhiges Gefühl, wissen Sie. Die USA und Russland, ging das nicht schon viel zu lange gut? War es nicht ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm? Und nun schlägt Putin mit eiserner Faust auf den Tisch, und repräsentiert das, was viele Russen einst mit Stolz erfüllte: ein starkes, mächtiges Land mit territorialen Ansprüchen.

Fest steht: Die Gräben sind wieder tiefer geworden zwischen Ost und West. Und während ich mich an die guten alten James Bond-Filme erinnert fühle, in denen der Spion mit der Lizenz zum Töten den böse Kommunisten bekämpft, mag ich kaum glauben, dass da ganz leise ein realer Krieg apokalyptischen Ausmaßes heraufzieht.

Seltsame Filmfetzen spielen sich in meinem Kopfkino ab. Ich denke an einen kleinen Mann aus dem österreichischen Braunau, der mit seinen irren Allmachtsfantasien den größten Vernichtungsfeldzug entfachen sollte, den die Menschheit im letzten Jahrhundert je gesehen hatte. Doch zuvor lag Deutschland am Boden. Auch damals erzeugten vermeintlich weltoffene olympische Spiele ein trügerisches Bild von einem Land, in dem längst die Tyrannei Einzug gehalten hatte. Vielleicht sollten sie die Welt in Sicherheit wiegen vor dem längst beschlossenen Inferno.

Es ist der giftige Cocktail aus Hunger und Not, der nationalen Gedanken den Weg bereitet – damals wie heute – und von dessen verheißungsvollem todbringenden Rezept auch Putin profitiert. Doch es geht dem gebürtigen Leningrader nicht darum, die Krim heimzuführen, sondern, so denke ich, um die Entfesselung eines Krieges an sich.

Nein, ich glaube nicht daran, dass sich die Risse dieses Mal auf diplomatischem Parkett kitten lassen. Es wird der erste Krieg sein, der unsere Generation im Mark erschüttern wird, von dem wir nicht nur aus den Nachrichten erfahren. Denn dieses Mal werden wir ihn spüren, ihn fühlen, ihn riechen mit all seinem Blut und Tod. Und alles wird sich ändern – einfach alles.

Ein Mann namens Putin hat sich angeschickt, die Weltordnung zu verändern. Die USA führen erste Luftwaffen-Manöver über Polen durch. Der Republikaner John McCain sprach sich unlängst dafür aus, die Ukraine mit Waffen zu versorgen. „Was wäre, wenn Hitler damals im Besitz der Atombombe gewesen wäre?“, frage ich mich. Putin und die USA haben jedenfalls einige, das ist sicher.

Ja, ich habe Angst und wünschte, wieder Kind zu sein, nichtsahnend und unbesorgt. Und ich denke an die bedrückende Stimmung in Büchners Woyzeck:


WOYZECK: Andres, wie hell! Ueber der Stadt is alles Glut! Ein Feuer faehrt um den Himmel und ein Getoes herunter wie Posaunen. Wie’s heraufzieht! – Fort! Sieh nicht hinter dich!

ANDRES: Woyzeck, hoerst du’s noch?

WOYZECK: Still, alles still, als waer‘ die Welt tot.

aus Georg Büchners „Woyzeck“

Facebook – oder die Sehnsucht zu gefallen

Wenn ich mir das Gesicht der neuen digitalen Welten ansehe, ist es unverkennbar: Die Maschen des Netzes werden zunehmend enger geknüpft – determiniert von der vorgegebenen Schlagzahl globaler Datenriesen, die nach der Prämisse jedes wirtschaftlich denkenden Unternehmens durch den Netzstrom segeln. Gut ist, was Geld bringt. Und Geld, das bringen vor allem Userdaten. Die Spurensuche der Unternehmen beginnt beim nachmittäglichen Online-Ausflug in die unerschöpflichen Shopping-Tempel à la Amazon und Ebay und endet bei den bevorzugten Youtube-Videos von Lieschen Müller. Wir hinterlassen bei unseren digitalen Streifzügen Fragmente, und die wollen gesammelt und verfolgt werden. Was sich daraus ergibt, ist weit mehr, als der in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts befürchtete „Gläserne Mensch“. Es ist ein digitales Abbild unserer Persönlichkeit, unserer Ängste und unserer Bedürfnisse.

Und an diejenigen, die immer noch glauben, das alles geschehe auf freiwilliger Basis: Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass mit der Erschaffung sozialer Netzwerke ein zutiefst unsoziales Medium geboren wurde. Denn mit zunehmender Verbreitung und wachsender Akzeptanz der Social Newsfeeds stieg auch der individuelle Druck, in dieser „brave new world“ miteinander vernetzt zu sein. Gruppenpsychologisch war und ist es äußerst schwer, einem solchen Massenphänomen wie Facebook zu widerstehen. Denn alle Welt ist drin und Menschen sind bekanntlich Herdentiere, wollen nicht außen stehen.

Soziale Netzwerke setzen an dem menschlichen Bedüfnis zur Kommunikation an, ihre samtene Verheißung ist zu süß, um ihr offline standzuhalten. Wo egozentrische Selbstdarstellung die Wichtigkeit des eigenen Seins suggeriert, ist die Jagd nach dem „Gefällt mir“ zum längst verzerrten Sinnbild falscher Freundschaft geworden. Haben einst dialogischer Austausch und gemeinsame Erlebnisinhalte zu einer persönlichen Bindung geführt, reicht nun ein Klick, um User zu adden oder aus dem surrealen Bekanntenkreis zu verbannen. Wer braucht da noch Lagerfeuer und Staudämme an ungezähmten Waldbächen?

Soziale Showrooms bieten uns den großen Auftritt im Kleinen, die Präsentation unseres Lebens nach unseren Vorstellungen. Und ist eine Impression mal nicht ganz stimmig, legen wir einfach den passenden Instagram-Filter darüber. So verschmelzen die Rollen vom Protagonisten und Zuschauer zu einer seltsamen Online-Symbiose, in der jeder alles beurteilen, kommentieren und liken kann. Grenzen von privat und öffentlich, von nah und fern brechen, und die Privatsphäre weicht auf in einem scheinbaren Schonraum, der von gut gewillten Bekannten beölkert wird, die ja nur das Beste wollen. Aber in dieser Arena der Eitelkeiten zählt nur das Sehen und Gesehen werden. Und so verkommt der mitteilsame Datenstrom, die Teilnahme an Veranstaltung X und Foto Y zu einem unruhigen Grundrauschen in der Weite des Netzes, das nur obeflächlich an das große Publikum harantritt.

Ja, wir zahlen einen hohen Preis für jedes Like, nämlich die Aufgabe unserers inneren Selbst, wollen lieber nur noch äußerlich gefallen, als zu polarisieren und gegen den Strom zu schwimmen. Der Transaktionsanalytiker Eric Berne beschrieb bei seinem an die Psychoanalyse angelehnten Therapiemodell, dass jedem Mensch das Bedürfnis nach seelischen Streicheleinheiten, nach den sogenannten Strokes, innewohne. Und sind es nicht diese Strokes, das positiv konnotierte Feedback-Erlebnis in Form von „Likes“, die uns Menschen in der Sphäre des Netzes zu der Illusion verleiten, einzigartig und wahrhaftig zu sein?

Hier schließt sich der Kreis zum Kommerz. Denn wo Menschen sich produzieren um zum Feedback zu provozieren, werden aus dem Wunsch nach Anerkennung und Sinnhaftigkeit stets verwertbare Online-Portfolios vieler Milliarden Leben.

Dabei stehen wir erst ganz am Anfang. So wird der „Gefällt mir“-Button längst als Indikator für Werbende genutzt, um die werberelevante Zielgruppe mit einschlägigen Botschaften zu befeuern. Die großen Online-Unternehmen wissen um ihre Macht und nutzen ihren Vorsprung durch Technik unverholen aus. Nicht erst seit der NSA-Affäre werden Userdaten an Drittunternehmen weitergereicht, ziehen wirtschaftliche Interessen auf die vernetzte Spielwiese ein. Die Effekte gleichen denen auf weltpolitischer Bühne. So erstreben einige wenige große Unternehmen in einem digitalen Imperialismus die Weltherrschaft an.

Dabei ist das Internet der Dinge das nächste zu erobernde Brachland. Ob Augenlinse, die den Blutzuckerspiegel misst, künstliche Intelligenz oder zentral gesteuertes Heizungsthermostat: Auch der Gigant Google arbeitet kontinuiertlich daran, den Sprung von dem Bildschirm ins echte Leben und in unser Zuhause zu schaffen. Dabei möchte ich dem Konzern im kalifornischen Mountain View garnicht mal eine böse Absicht unterstellen – jedenfalls noch nicht. Vielmehr möchte ich mich für einen maßvollen und kompetenten Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Online-Ressourcen aussprechen. Denn für jedes „Gefällt mir“ zahlen wir einen hohen Preis.

Olympia im Fadenkreuz

Bald gehen sie los: die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Ich finde, es ist mehr als berechtigt, danach zu fragen, ob dieses Massen-Event an diesem Ort überhaupt stattfinden sollte. So gebe ich dem Tainer der Deutschen Bob-Nationalmannschaft, Christoph Langen, recht, wenn er sagt, man solle einfach mal schauen, bevor man die Spiele irgendwo hin vergebe. Und hätten sie geschaut, und wirklich wahrgenommen wo sich Sotschi befindet, dann wäre auch den Herrn des IOC schnell klar geworden: In diesem Teil der Welt, weit im bergigen Hinterstübchen Russlands, geht es nicht um medial-gehypten Sportsgeist, sondern hier ist die existentielle Not zu Hause. Die nahegelegenen, nordkaukasischen russischen Teilrepubliken sind geprägt von Terror und Perspektivenlosigkeit.

Bomben und Tote jede Woche – das alles ist dort traurige Realität. Und der lange Atem des Terrors wird die Olympischen Winterspiele 2014 als ungehahnten Multiplikator willkommen heißen. Auch wenn die russische Führung versucht, der abstrakten Bedrohung durch U-Boote, Sperrgebiete und Personen-Überprüfungen gewahr zu werden – echte Sicherheit kann es bei solchen Events nie geben. Trotz strenger Restriktionen, heißt es, sei eine islamistische Selbstmord-Attentäterin bereits eingereist. Die USA haben übrigens eine Reisewarnung für die Stadt ausgesprochen.

Und vielleicht ist es einfach an der Zeit, dass wir erkennen, in welcher Welt wir leben. Dass es an allen Ecken brennt und schmort. Und dass dieses Kokeln, dieses leichte Zischen und Schwelen sich zu einem Gefühl der Unsicherheit in uns verdichtet – langsam, aber stetig.

Was zu tun ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach besser, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen – sich nicht betäuben zu lassen von solchen Nebensächlichkeiten wie Unterhaltungs-Shows, Fußball-Ergebnissen, Pauschalurlauben und den anderen trügerischen Wohlstands-Indikatoren. Richten wir lieber unsere Augen dieser Tage nach Montreux, wo die syrischen Konfliktparteien am runden Tisch sitzen, nahe des Genfer Sees, Geburtsort des legendären Deep Purplschen Klassikers „Smoke on the Water“. Oder nach Kiew. Dort – im grauen Nebel des Maldan – werden immer noch erbitterte Kämpfe gefochten.

Vielleicht gehen uns diese Szenrarien kurz durch den Kopf, bevor wir uns im Fernseh-Sessel zurücklehnen – wissend, dass auch unsere Sicherheit auf einem sandigen Fundament steht. Systeme wirken bekanntlich aufeinander und ein in Kiew geworfener Stein kann schnell einen Flächenbrand verursachen, der auch unsere Neubausiedlungen und Reihenhäuser heimsucht.

Die Vorboten von Sotschi sind eisig. Ein islamistisches Bekennervideo spricht von einer „Überraschung“, die man sich für den russischen Ort ausgedacht habe. Auch der selbsternannte „Emir vom Kaukasus“, Terrorfürst Doku Umarow, will die Spiele blutig verhindern.

Manchmal wäre es klug nachzugeben und angesichts der Gefahrenlage hätte man wohl schon viel früher die organisatorische Notbremse ziehen müssen. Doch Geld und Profit – ach nein: der olympische Gedanke – haben ein sanftes Anhalten längst verhindert.

Auf dass die Welt nicht Zeuge eines zweiten olympischen Infernos werde…

Obama-Rede: Präsident im Zwiespalt

Nun hat der amerikanische Präsident Barack Obama also in seiner lang erwarteten Grundsatzrede ein Dekret erlassen, das besagt, dass die amerikanische Auslandsspionage ausschließlich der Wahrung nationaler Interessen dient. Gut, wer hätte das je bezweifelt. Auch wenn Obama deutlich machen wollte, dass die Vereinigten Staaten keine „einfachen Leute“ ausspionierten, spiegeln die inhaltlichen Aussagen des Präsidenten klar die Differenzen zwischen US-amerikanischer Selbst- und westeuropäischer Fremdwahrnehmung wieder. Kein Wort zum Abhörskandal des Merkel’schen Handys, kein Hauch einer schuldbewussten Katharsis. Ganz im Gegenteil: „Wir werden uns nicht dafür entschuldigen, weil unsere Dienste effektiver sein mögen“, so Obama weiter. Auch wenn unsere Bundesregierung die Rede Obamas scheinbar als positiv wertet – aber was soll sie auch sonst schon tun, als fatalistisch den amerikanischen Hegemonie-Ansprüchen gegenüber zu stehen – wirkt das Ganze eher wie eine Farce.

Wenn Obama beispielsweise angibt, er weise den amerikanischen Justizminister Eric Holden an, nach Wegen zu suchen, um gewisse Garantien zum Schutz der Privatsphäre von Nicht-US-Bürgern zu geben, wird klar: Das US-amerikanische Verständnis von Privatsphäre – einem maßgeblichen Grundrecht und Eckpfeiler einer liberalen Gesellschaftsordnung – bietet viel Raum zur Interpretation.

Denn auch zukünftig soll die NSA Telefondaten von Amerikanern massenhaft sammeln und analysieren dürfen – unklar ist nur, wo diese sogenannten Meta- Daten, d. h. Telefonnummer, Dauer der Gespräche und Gesprächsdatum, dann verbleiben. Im Gespräch sind die Server privater Unternehmen, was wiederum eine Aufweichung des Schutzes der Privatsphäre bedeuten würde. Denn wer hat nochmal die größten Server-Kapazitäten in den USA? Ach ja: Zuckerberg, Google und Co.. Ein Schelm, der böses dabei denkt.

Immerhin müssen NSA-Mitarbeiter offiziell künftig für jede Abfrage von Telefondaten einen richterlichen Beschluss erwirken – was in realitas wohl kaum umsetzbar ist. Ferner sollen die Richter an den FISA-Behörden (FISA = Foreign Intelligence Surveillance Act, also ein Gesetz zum Abhören in der Auslandsaufklärung) auch noch einen Bürgeranwalt anhören müssen, bevor das große Spionieren beginnt.

Ergo: Obama versucht mit seiner Rede die transatlantischen Beziehungen in ruhiges Fahrwasser zu steuern und gleichzeitig das US-amerikanische Selbstbewusstsein zu betonen. Doch sein Spagat wirkt nicht nur halbherzig diplomatisch, sondern kratzt, wenn überhaupt, nur an der Oberfläche einer längst internalisierten Sichtweise, die das Recht eines Staates klar vor das des einzelnen Individuums stellt. So gab der britische „Guardian“ erst am Donnerstagabend bekannt, dass die NSA rund 200 Millionen SMS-Nachrichten pro Tag abgreifen könne und dass das Programm namens „Dishfire“ so ziemlich alles sammele, was nicht niet- und nagelfest sei – etwa Informationen über Reisen, Adressbücher, Finanztransaktionen und Roaming-Benachrichtigungen.

Doch wie wurden die Weichen für solche Daten-Entgleisungen gestellt? Obama hatte bereits 2006 der Verlängerung des Patriot Acts trotz anfänglichem Zögern zugestimmt – einem Gesetz, das unter anderem die Einzelverbindungen eines jeden Telefonkunden als relevante Geschäftsunterlagen zur Terrorbekämpfung sieht und dessen Neuauslegung von George W. Bush vorangetrieben worden war. Auch als Präsidentschaftskandidat votete der Mann aus Illinois für die Novellierung des Gesetzes zur Regelung von Auslandsspionage, wohl ohne deren Ausmaß wirklich abschätzen zu können. So verlief schon damals ein Großteil der ausländischen Internet-Kommunikation über amerikanischen Boden und erst das Update des Gesetzes erlaubte den Geheimdiensten in großem Maße Daten zu sammeln – auch ohne sich für jede einzelne Zielperson eine Genehmigung des FISA-Gerichts einholen zu müssen.

Aber wollen wir nicht abschweifen. Obamas Rede zeigt immerhin, dass den USA die Entrüstung befreundeter Staaten nicht völlig egal ist. Ernstzunehmende Veränderungen sind jedoch nicht zu erwarten und abgesehen davon: Selbst wenn Obama tiefgreifende Reformen wollte – auch diese müssen zunächst einmal die Zustimmung des Kongresses finden. Sicherlich ist der präsidiale Kurs und das unstillbare Bedürfnis nach Sicherheit der amerikanischen Behörden Ergebnis der Ereignisse des 11. September und dem daraus resultierenden politischen Trauma.

Das von der Bundesregierung erwägte No-Spy-Abkommen wirkt da mehr als illusorisch – zuweilen gar naiv – und verkennt das Selbstverständnis der US-amerikanischen Sicherheitsdienste. Wer so ziellos Daten sammelt und analysiert – der gibt das nicht einfach so auf. Und derjenige unter Ihnen, der bis dato noch daran gezweifelt haben mag, ob er im Fokus der US-Behörden stehe, der kann sich spätestens seit der Bestätigung seines Google- oder Facebook-Kontos von seinen Zweifeln verabschieden. Denn während allerorten von Telefon- und GPS-Daten-Kollekten die Rede ist, werden die bisweilen ergiebigsten Quellen zur Realisierung des gläsernen Menschen nicht außen vor gelassen: Die beiden Dienste der amerikanischen Internet-Riesen, über die nicht nur quantitative Daten, sondern auch qualitative Aussagen zur Lebenswelt von mehr als 1 Milliarde Menschen generiert werden – und das auch noch freiwillig. Ganz nach dem Motto: Big brother is watching you – and you give him, what he needs.

Die delikate Debatte um mehr Privatsphäre und den staatlichen Überwachungswahn macht deutlich, wie wichtig eine neutrale und unabhängige Aufsicht der Geheimdienste wäre. Denn deren eigentlich sinnvoller Auftrag liegt im Schutz der Menschen vor real existierender, terroristischer Gefahr und nicht im wahllosen Global-Voyeurismus unbescholtener Bürger: Vertrauen ist gut und Kontrolle macht’s manchmal auch schlechter.

Leeres Treibgut auf dem Ozean der Sprache

Manchmal kommt es mir schon ein wenig seltsam vor, wenn solche Begriffe wie Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit in unserer postmodernen Gesellschaft immer wieder Verwendung finden. Sie werden meist von jenen in den Mund genommen, die sich selbst für Experten in eben diesen Beziehungen halten.  Wer kann’s ihnen verdenken: Die sogenannten Fachleute haben oft ein jahrelanges Studium auf dem Buckel und können sich en gros mit diversen Veröffentlichungen in namhaften Verlagen wie Suhrkamp, Rohwolt und Co. rühmen. Was ich nicht ganz verstehe – aber vielleicht bin ich damit ja alleine und jeder andere versteht es, außer mir eben – ist, warum solche Begrifflichkeiten gerade heute, in unserer Zeit, von enormer Popularität sind. Sie werden erdacht und finden mit der sprachlichen Verwendung schließlich Eingang in unsere gesellschaftliche Realität, ganz im Sinne von PEIRCE, der mit seiner Sprechakttheorie genau beschrieb, wie aus sprachlichen Äußerungen Handlungen erwachsen:

„Unterscheiden wir zwischen dem Satz [proposition] und der Aussage [assertion] jenes Satzes. Wir gestehen gerne zu, daß der Satz bloß ein Bild mit einem Etikett oder einem Zeiger ist, der ihm beigegeben ist. Aber jenen Satz aussagen, heißt, für ihn die Verantwortung zu übernehmen.“*

Also gut – jetzt muss also schon der alte PEIRCE herhalten, werden Sie denken. Wann fängt er wohl mit WITTGENSTEIN an, der immerhin auch noch sowas ganz und gar Universelles gesagt hat wie „Worte sind Taten.“ Nein, Sie haben mich überzeugt. Ich möchte mich heute nicht zu weit hinaus auf das unruhige Meer der Sprache begeben, das von Urzeiten her eine der interessantesten archäologischen Grabungsstätten und gleichzeitig ein immanentes Zeugnis der menschlichen Entwicklung ist – mal sanft wiegend, mal wild tosend, aber stetig in Veränderung begriffen. Und genau solche linguistischen Schablonen wie die beiden oben genannten sind es, die von Zeit zu Zeit in einer unruhigen Wellenbewegung von der Tiefe des Meeresgrundes hinauf an die Oberfläche der Welt treiben, um sich in einer salzigen Gischt auf einer weißen Schaumkrone, an der Spitze des Wellenkammes, Gehör zu verschaffen.

Nun stehen also da unsere beiden Freunde – die Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit. Glauben Sie mir, ich möchte nicht leugnen, dass es Menschen gibt, die zeitlebens alleine sein wollen, Dickens oder Frisch lesen und sich den lieben langen Tag ihres Lebens freuen.

Aber da geht es doch schon los. In der Etikettierung der Biografie, nicht wahr? Mit ein paar Monaten wird man getauft, mit achtzehn haste ’nen Führerschein und dann – na ja – jeder Topf findet seinen Deckel, Gleich und Gleich gesellt sich gern – Sie wissen, was ich meine: Alles soll noch immer in den ruhigen Hafen der Ehe oder zumindest in eine Form des gesellschaftlich akzeptierten, dyadischen Zusammenlebens münden. Und vielleicht gibt es ja auch einige, die sich damit wohlfühlen. Die eben nicht Dickens lesen wollen, zumindest nicht regelmäßig. Worauf ich hinaus will ist Folgendes: Erst durch die Schaffung solcher Worte wie Beziehungsunfähigkeit und durch deren verwahrloste semantische Hinterhöfe wird manifest, dass die Beziehungsfähigkeit als solche etwas Erstrebenswertes ist.

Und vielleicht liegt ja die hohe Scheidungsrate unserer Generationen darin begründet, dass wir einfach ein gutes Stück egoistischer geworden sind – und zwar weil wir es uns einfach leisten können. Weil es uns eben eigentlich verdammt gut geht und wir die Wahl haben. Das ist doch eigentlich wirklich mal was Neues. Wir haben die Wahl, sind nicht existentiell an unseren Partner gebunden und erwarten daher in einer Beziehung nichts als Glückseligkeit – die natürlich längerfristig immer enttäuscht wird. Ach ja,wer hätte das gedacht…

Wissen Sie, und weil das so ist, verstehe ich nicht, warum uns immer wieder eingeredet wird, dass unsere Generation, die wir uns doch auf einen weitaus freundlicheren Sprachozean als die Kriegsgeneration zuvor begaben, beziehungsunfähig sein soll. Wir sind lediglich wählerischer, liberaler und können es uns das erste Mal in der Menschheitsgeschichte leisten, unser Gegenüber wieder auf das offene Meer hinaustreiben zu lassen, wenn sich die Wogen der Verliebtheit wieder geglättet haben. War es früher der Hafen der Ehe, der eine gewisse Konstanz bot, so ist die einzige Konstanz in heutigen Beziehungen deren permanenter Bezug auf Mehrwert, den beide Partner aus dem asymetrischen Zusammentreffen schöpfen. Das sage ich ganz ohne Häme.

Obendrein beschreibt das angeführte Wortpaar doch letztendlich keinerlei Ursache, sondern lediglich ein Symptom, das es vielleicht noch nicht einmal gibt. Wer weiß das schon. Das Meer der Sprache ist eben unergründlich und tief, so tief. Beziehungsunfähig und bindungsunfähig – diese beiden Archetypen der Bedeutungslosigkeit reihen sich in solch einzigartige sprachliche Untiefen ein wie ADHS, Borderline, Burn-Out, Wirtschaftsbeschleunigungsgesetz, Casting-Show oder Mario Barth – und verdeutlichen, wenn sie überhaupt etwas verdeutlichen, nur eins: die zunehmende Verflachung und die Trivialisierung emotionaler Bedeutungsinhalte zugunsten allgemein verständlicher, leerer Begriffsschablonen, mit denen ein Großteil der Bevölkerung wohl einfach gut umgehen kann.

Sollten Sie also irgendwann auf den tiefblauen Ozean der Sprache hinaussegeln und die leichte Brise auf Ihrer Haut spüren, lassen Sie sich nicht vom goldgelben Sonnenlicht blenden, dessen glitzernde Farbenspiele auf dem wiegenden Gewand der See freudig tanzen. Es wechselt rasch, das Wetter weit draußen – und aus den lächelnden Wolkenstreifen am Horizont werden urplötzlich dunkle Vorboten meterhoher Wellenberge, die sich bedrohlich aufbäumen und vergessene, damönisch grinsende Sprachgebilde vom Meeresgrund emporschleudern …

* Martens, E., Einleitung zu ders. (Hrsg.): Pragmatismus. Ausgewählte Texte von Ch. S. Peirce, W. James, F. C. S. Schiller, J. Dewey, Reclam, Stuttgart 1975.

Wenn Sigmund Freud gewusst hätte…

Zeiten ändern und Menschen gleichen sich. Zumindest ihrer Natur nach. Ich habe früher gerne die Werke Siggi Freuds gelesen. Es – Ich – Über-Ich. Mein Gott, Psychoanalyse ist ja sowas von einfach zu verstehen – dachte ich. Dann ist da noch das Trauma als unbewusste Dunkelkammer der Erinnerungen, deren unverdaute Gedanken-Reste durch die Freie Assoziation des Patienten ab und an in einen Strudel selbstreflektierender Überbelichtung geschleudert werden. Für die Hysterie immerhin ein probates Mittel – damals, Anfang des vorherigen Jahrhunderts jedenfalls. Finden Sie es nicht auch ein wenig seltsam, dass vor noch hundert Jahren die holden Fräuleins aus der sogenannten besseren Gesellschaft reihenweise in Ohnmacht fielen, wenn sie ein unvorhergesehenes Ereignis in emotionale Dissonanzen geraten ließ? Wo sind die denn heute? Aber immerhin: Heutzutage haben wir ja Burn-out und Borderline, deren schwammige Syndrom-Definitionen viel Raum für Interpretation bieten und den meist privaten Trägern der Psychatrien die Patienten in die Betten spülen.

Meine gewagte These: Alles begann erst mit der Psychoanalyse, mit deren Hilfe man – oder vielmehr Frau – überhaupt erst ein Bewusstsein des zu bewältigenden Krankheitsbildes der Hysterie und des damit verbundenden, in den tiefen Abgründen der rabenschwarzen Vergangenheit wurzelnden Traumas entwickeln konnte. Ganz nach dem Motto: Du fühlst dich schlecht und kommst nicht klar? Schuld sind nur die Traumata!

Nun gut. Spielen wir das mal kurz durch. Frau geht also zu bärtigem Mann, der sagt nix, sie legt sich auf die Couch, redet, der sagt immer noch nix. Dann verliebt sie sich in ihn und dann, ja dann sagt dieser ihr, dass das alles keinen Sinn habe, nennt das Übertragung und …. Zack: Frau ist geheilt. Ich frage Sie: Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?

So schuf die Psychoanalyse damals so etwas wie das ultimative Basis-Setting für das, was man heutzutage Mädelsabend oder Männerabend nennt. Oder konkreter: das unbeschwerte Gequatsche in einer netten Atmosphäre ohne nervige (Ehe)Männer und (Ehe)Frauen.

Und wenns mal ganz schlimm wird, warten viele Freudianer mit Freuden darauf, zugequatscht zu werden von Problemen, zu denen sie nix sagen werden, weil sie sie nicht interessieren. Nur, dass diese Therapeuten die netten Plauderstunden zu zweit über die Krankenkasse abrechnen können, während die feuchtfröhlichen Mädels- und Männerabende meist mit einem weitaus schmerzhafteren dicken Kopf quittiert werden. Also: Jetzt müssen Sie sich entscheiden. Ach ja: Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna? Dann ma Prost!

Zombie-Droge? Mit Cloud Nine garnicht auf Wolke 7

Immer wieder lese ich in letzter Zeit Schlagzeilen über eine sogenannte Zombie-Droge, durch die Menschen sogar Körperteile ihres Gegenübers aufessen sollen. So sei es in den USA bereits zu ersten Übergriffen durch die Designer-Droge „Cloud Nine“ (zu deutsch: „Wolke 7“) gekommen. Im Zeitalter von Serien wie „The Walking Dead“ und Co. will ich herausfinden, was es mit dieser Droge auf sich hat und ob es sich wieder mal nur um eine medial-gehypte-zombinöse-Trittbrett-Meldung oder gar um eine echte Gefahr handelt.

Recherchiert man ein wenig den Begriff Cloud Nine, erkennt man schnell, dass die Droge schon vor längerer Zeit in Erscheinung getreten ist. So schrieb die Frankfurter Rundschau schon im Jahr 2012 über die Chemie-Keule. Cloud Nine, heißt es in dem Bericht, sei im Internet als Badesalz und Kräutermischung zu beziehen. Und schon damals habe es in Florida erste Fälle von Kannibalismus gegeben.

Genauer hätten Polizisten im Mai 2012 einen Mann erschossen, der sich nackt über einen Obdachlosen hergemacht und dessen Gesicht zerfleischt hätte. Ebenfalls in Miami hätte ein zweiter Mann unter dem Einfluss der Droge einen Polizisten angefallen. Nach Polizeiangaben habe der Mann den Polizisten angeknurrt wie ein tollwütiger Hund.

Konsumenten schwören auf die euphorisierende Wirkung von Cloud Nine. Zwar ist der Bestandteil Mephedron in Deutschland verboten, die Zusammensetzung der Formel wird jedoch von den Herstellern immer wieder so verändert, dass sie als Badelsalz legal erworben werden kann. Diese Praxis ist in den USA schon länger üblich. In Downunder ist der Besitz der Droge übrigens legal.

Hinter dem Begriff Cloud Nine (auch bekannt als Monkey Dust, MTV, Magic, Super Coke und Peevee) steckt die chemische Bezeichnung Methylendioxyprovaleron (MDPV). Dabei handelt es sich um eine psychotrope Substanz, die als Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer wirkt. Diese Wiederaufnahmerhemmer hemmen die präsynaptische Aufnahme des Botenstoffs Dopamin und erhöhen dadurch dessen extrazelluläre Konzentration, was wiederum stimulierend wirkt.

Cloud Nine gehört damit logischerweise zur Wirkstoffgruppe der Stimulanzien. Physisch spiegelt sich die Einnahme beispielsweise in einem erhöhten Herzschlag, Vasokonstriktion und Schwitzen. Psyschiche Effekte sind eine erhöhte Wachsamkeit, Unterdrückung der Müdigkeit und bei höheren Dosierungen intensive Panikattacken und Übelkeit.

Im „Psychonaut Web Mapping Research Project“ aus dem Jahre 2010 wird die Kokain-änliche Wirkung der Droge betont. Aber neben einer gesteigerten Libido, Nierenschmerzen und den üblichen Verdächtigen konnte ich die Nebenwirkung „Kannibalismus“ nirgends entdecken.

Mir scheint es so, als würden die Medien dankbar auf die Zombie-Drogen-Schiene aufspringen. Klar ist Cloud Nine gefährlich und man sollte davor warnen. Doch ist dessen Darstellung als Substanz, die einen Menschen willenlos macht und zur gedankenlosen Maschine werden lässt m. E. leicht übertrieben und nur in Einzelfällen tatsächlich nachweisbar. Zwar gab es diese schrecklichen Ereignisse in den USA scheinbar, doch gerade Quellen wie 1&1, Bild.de usw. greifen Cloud Nine immer dann auf, wenn sich wieder mal sonst nichts als Sensations-Meldung eignet und sind ihrer Natur nach alles andere als seriös. Auch die famose Therorie eines massenhaft geklickten Youtube-Videos, Cloud Nine ließe die Harnstoff-Konznetration im Blut anzeigen, ist absoluter Humbug.

Und eine solche carnivore Substanz ist allemal gut genug, um darüber zu diskutieren, Foren zu füllen und – wie Sie es sich am eigenen Leibe selbst erlesen haben – Artikel zu schreiben.

Grundsätzlich sollte noch immer die alte Weisheit gelten: Finger weg von den Drogen. Dann braucht man auch keine misanthropen Essgewohnheiten à la Hannibal Lecter.

Lexikon der Drogen-Szenenamen:

Amphetamine / Speed
Arbeiterkoks, Black Beauty, Cappies, Crank, Crystal, Free Base Speed, Ice, Line, Pep, Peppers, Pink, Power, Speed, Uppers, “Vitamin A”.

Cannabis
Bon, Bendsch, Bhang, Brown, Dope, Gage, Ganja, Gras, Grass, Hasch, Haschisch, Kiff, Kraut, Grünes, Gunjah, Maconha, Marihuana, Marijuana, Mary Warner, Muggles, Piece, Pot, Riefer, Shit, Skunk, Stoff, Tea, Weed, Wood

Crack
Steine, Cracker, Rocks

Crystal Speed
Crystal, Crystal Meth, Pulver, Glass, Ice, Glass, Hard Pep, Meth, Crystal Ecstasy und alle gängigen Synonyme für Amphetamine

Heroin
Braunes, Brown Sugar, Dope, Gift, H, Mat, Material, Matti, Schnee, Schore, Shore, Speedball, Stoff

Kokain
Base, C, Cocktail, Baseball, Coke, Crack, Free Base, Koka, Koks, Lady, Line, Puder, Rocks, Roxane, Schnee, Snow, Speedball

LSD
Acid, Cubes, Deep Purple, Löschpapier, Mikros, Micros, Papers, Plättchen, Pappen, Speedball, Trip

PCP /Angel Dust
Angel Dust, Crystal, Dust, Engelsstaub, Flakes, Hog High as a Dog), Hyperdust, Killerjoint, Magic Wack, Mist, Monkey, Peacepill, Peace Powder, Space Base, Star Tripper, Superweed, Wack

Immer `nen dummen Spruch auf Lager

Ja, ja die Schwarmintelligenz. Also irgendwie glaub ich daran nicht mehr so recht. Nehmen wir mal Facebook. Das 1 Milliarde-Mega-Nutzer-Netzwerk sollte ja eigentlich für den Massengeschmack repräsentativ genug sein, oder? Was muss – na ja – was kann ich da mit meinen Augen immer wieder für schöne Sprüche über den Bildschirm flimmern sehen, die heftigst geliked, geteilt und kommentiert werden.

Das sind aber auch philosophische Ergüsse der besonderen Art: „This is a Nudelholz, take it an hau it on a kopp of a bekloppt person“, „11 Gründe, warum Männer Fußball besser finden als Sex“…

Gut, gut. Das mag ja vielleicht noch ganz witzig sein. Richtig schön wirds dann aber erst, wenn der Poster oder die Posterin des sogenannten fiktiven Charakters (schöne Worthülse, nicht wahr???), dann tief in die Herz-Schmerz-Ich-bin-doch-so-verletzt-worden-Kiste greift. „Du wirst eines Morgens wach werden und merken, dass ich dir fehle, doch dann bin ich weg“, „Sei doch selbst mal perfekt, bevor du dir über mich dein Maul zerreisst“. Seufz…. Die Macher dieser Seiten sind garnicht mal so blöd: Immerhin finden sich in den meist inhaltsleeren Plattitüden die meisten Menschen wieder. Und was nicht passt, wird eben passend gemacht.

So verwundern die hohen Nutzer-Zahlen nicht, da die Leutchen eben nach Cyber-Emotionalität streben, da das im Real-Life mehr als ein simples Like bedingt. Hobbypsychologen aufgepasst: Ihr könnt nämlich jetzt ganz leicht auf die psychischen Befindlichkeiten eurer ‚besten‘ Freunde schließen. Schaut euch einfach mal an, welchen Spruch sie geliked haben – übrigens sollte man das Facebook-Monitoring auch in jeder Personalabteilung einführen.

Wie??? Die ganzen vielen Facebook-Freunde sind garnicht alle eure Freunde? Na dann: Noch besser. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Lieschen S schreibt, dass sie ihren Schatz soooo doll vermisse… 100 Punkte für uns! Denn wir kommentieren einfach mal unter den Post: „Komisch, habe ihn gerade mit n’er blonden Beauty in der Stadt gesehen“. Du wirst sehen: Dieses direktive Verhalten entwickelt relativ schnell eine besondere Eigendynamik.

Aber den absolut besten Spruch – read ever – muss ich hier unbedingt wiedergeben:

„Manche Leute verstehen nicht, dass Facebook kein Tagebuch ist…“ Dazu das Foto einer ernst drein blickenden Frau. Wow!

Na dieser Sprücheklopfer sollte sich bitteschön doch dringend mal mit den Ansichten Mark Zuckerbergs beschäftigen und dann schleunigst aus Facebook austreten.

Fettes „Dislike“ meinerseits….

AI at its best – Die Idee der technologischen Singularität

Die Theorie der technologischen Singularität ist nicht neu und greift eine populäre Idee auf, die wir schon längst aus dem Kino kennen: Die Maschinen haben die Macht und bedrohen unser Dasein… Doch was ist wissenschaftlich dran an der Hypothese?

Interessanterweise stieß ich vor kurzem auf das Konzept der technologischen Singularität. Während mir die Singularität als solche bereits aus der Systemtheorie bekannt war, ist sie im technologischen Kontext Teil der Futurologie und bezeichnet den Zeitpunkt, ab dem sich Maschinen via künstlicher Intelligenz selbst verbessern können und eine Eigendynamik entwickeln.

Die Grundannahmen der Theorie stützen sich darauf, dass sich Technik und Wissenschaft seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte immer schneller weiterentwickeln. So verdoppelt sich die für 1.000 US-Dollar erhältliche Rechenleistung alle 18 Monate (vgl. GORDON MOORE). Diesem exponentiellen Wachstum der künstlichen Leistungsfähigkeit steht eine weitestgehend konstante Leistung des menschlichen Geistes gegenüber. RAYMOND KURZWEIL beziffert die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns auf 10.000 Terraflops – und die wurden von einigen Supercomputern schon erreicht. Alleine die Leistungsfähigkeit als Gesamtgröße zu nennen, reicht hier jedoch nicht aus. Vielmehr kommt es auf die Vernetzung, auf das Verpacken relevanter Operationen in diverse Algorithmen und die daraus resultierende Eigendynamik – oder auch Denkfähigkeit – des Systems Computer an. Immerhin ist ja die Reflexivität (vgl. hierzu auch PIAGET, MEAD et. al.) – also die Fähigkeit, Distanz zum Selbst aufzubauen und Sachverhalte auf diese Art zu betrachten, dafür eine Basisvariable.

Was geschieht in dem Moment, in dem Maschinen anfangen, zu denken? Wie müssen wir ein ‚Ding‘ betrachten, dass seine Entscheidungsprozesse, seine Urteile und seine Handlungen völlig ohne die uns bis daher bekannten Grundgrößen – wie Sozialisation, soziale Gruppierung, persönliche Erfahrung usw. – trifft? Auch damit haben sich einige Theoretiker schon befasst. So schrieb I. J. GOOD 1965:

„Eine ultraintelligente Maschine sei definiert als eine Maschine, die die intellektuellen Fähigkeiten jedes Menschen (…) bei weitem übertreffen kann. Da der Bau eben solcher Maschinen eine dieser intellektuellen Fähigkeiten ist, kann eine ultraintelligente Maschine noch bessere Maschinen bauen (…). Die erste ultraintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat.“

Auch VERNOR VINGE sprach bereits in den 80er Jahren von einer Singularität. Von ihm stammt die Prognose, dass wir „innerhalb von 30 Jahren über die technologischen Mittel verfügen, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Wenig später ist die Ära der Menschen beendet.“

In seinem Artikel „The Law of Accelerating Returns“ stellt RAYMOND KURZWEIL 1993 die These auf, dass das Moorsche Gesetz ein Spezialfall ist und dass eben dieser für die gesamte technologische Entwicklung gilt.

Die These der technologischen Singularität ist also alles andere als neu und – das muss gesagt werden – schaut man sich im Netz ein wenig um, so spinnen sich rund um Kurzweil et al. einige Endzeitgläubige ein perfides Netz, das aus Verschwörungstheorien, Apokalypse und Mad Max-Fantasien geknüpft ist.

Nichts desto trotz wirft die sprunghafte technologische Entwicklung einige philosophische Fragen auf, denen wir uns ernsthaft widmen müssen. Es wird in nicht ferner Zukunft darum gehen, sich mit einer neuen dinghaften Wesensform auseinanderzusetzen – wie auch immer diese dann aussehen mag. Diese neuartige Wesensform könnte tendenziell zu einem Bruch in der bisherigen Menschheitsgeschichte führen. Man stelle sich vor: Eine Art Super-Maschine kontrolliert die Gesellschaft und strebt vielleicht das Ziel an, das auch uns Menschen zur Selbsterhaltung dient: die Reproduktion. Wir werden also nicht umhin kommen, uns dieses gesellschaftlich völlig neuartige Szenario auszumalen – vielleicht ganz à la Matrix. Wird es künstliches Bewusstsein geben, und wenn ja, wie wird dieses aussehen?

So ist es seltsamerweise gerade das Streben des Menschen nach Entlastung, dass seine eigene Beschränktheit maßgeblich aufzeigt und wohl irgendwann auch seine Existenz bedrohen könnte. Andererseits bietet das humanistische und maschinelle Miteinander vielleicht auch Chancen, die zur gesellschaftlichen Entwicklung führen. Man stelle sich vor: Maschinen, die sich uns in ihrer Appearance anpassen und uns imitieren.

Die technologische Singularität ist – Gott sei Dank – (noch) ein theoretisches Konzept.

Warum nur fällt mir dazu immer wieder folgender Vers ein?

„Und sie laufen! Naß und nässer,
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsätzliches Gewässer!
Herr und Meister hör mich rufen! –
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.“

(Goethe, Der Zauberlehrling)