Wundervoll weichgespielt: Ein Plädoyer für die Love-Songs dieser Welt

Es erstaunt mich doch immer wieder, wie sehr uns manche Musiktitel – oder cooler, denn so alt bin ich ja noch nicht: Tracks – durch das Leben begleiten. Jedenfalls geht das mir so. Nehmen wir mal den Kuschel-Rock-Evergreen von Bryan Adams „Please forgive me“. Ach ja, hat sich genau das nicht jeder von uns schon gewünscht? Noch schmalziger geht’s natürlich immer. Ich hab da noch einen Klassiker. Nazareth mit „Love hurts“. Wie ernüchternd, dass Rocker echte Gefühle haben, auch wenn wir alle wissen, dass „Love“ manchmal ganz schön „hurten“ kann, ist’s immer wieder schön, wie „beautiful“ sie ist, weil sie – oder vielmehr – „she“ – eben den „look“ hat. Roxette. Ebenso ein Garant weichgespülter Liebes-Hymnen. Nein, ich meine das nicht ironisch, im Gegenteil. Immer wenn ich „It Must have been love“ höre, dann mache ich das Autoradio ein wenig lauter – so ein kleines bisschen – und ertappe mich beim Träumen. Es muss Liebe gewesen sein, Schweigen füllte den Raum…. Wie das die gute Marie singt, ist wirklich herzzereissend schön. Kitschalarm, richtig! Aber genau davon lebt die große, weite Welt des Pop. Weil’s dabei um viel Geld geht, werden Sie sagen. Aber, und das verkennen wir gerne: Weil wir’s hören wollen.

Ob Abba, Bon Jovi, Christina Aguilera, Britney Spears oder Michael Jackson: Richtig große Hits wurden meist dann geboren, wenn sie die watteweiche ideale Liebe à la Humphrey Bogart thematisierten. Selbst der Make-up Artist und giftige Grummel-Rocker Alice Cooper startete erst mit „Poison“ so richtig durch – harte Schale, weicher Kern.

Irgendwas mit Herzschmerz, garniert mit viel Melodie und viel L.O.V.E obendrauf – fertig ist der Radio-Dauerbrenner, der den Herzschlag außer Takt und die Kasse zum klingeln bringt. Und das ist eigentlich auch gut so. Denn indem uns die zart geknüpften und sachte durchkämmten Klangteppiche umhüllen, stellen sie uns einen auditiven Schonraum zur Verarbeitung dessen bereit, was in realitas die tägliche Routine gerne verhindern würde. Zahnpasta zumachen, Mineralwasser aus dem Keller holen und Wocheneinkauf: „What’s love got to do with it?“, fragt Tina Turner. Nix, aber auch garnix!

Ergo: Auch wenn wir selbst nicht unbedingt „atemlos durch die Nacht“ hechten, sondern schon die grünen Ampelphasen morgens in der Rushhour als Höchstmaß der großen Freiheit betrachten, stiftet uns beispielsweise das Fischer’sche Hit-Prinzip zumindest genügend Identifikationspotential, um es uns vorzustellen – frei zu sein, ganz für die Liebe. In der Musik dürfen wir voll und ganz aufgehen im samtig-gefühlsduseligen Liebes-Topos, dessen Wurzeln verankert sind in unserem von Hollywood-Filmen durchsiebten Bewusstein.

Und für alle, die dann enttäuscht wurden, denn sowas soll ja vorkommen, habe ich gehört, ist dann Andrea Berg (Zielgruppe: Hausfrau, um die vierzig, 1000 mal belogen, (unglücklich) verheiratet) da – zumindest rund 3 Minuten, 20 Sekunden lang. Auch wenn die Liebe beim Schlager oft plumper daherkommt als bei Depeche Mode’s „Enjoy the Silence“: Eigentlich geht’s um Dasselbe – um das Erleben der Leidenschaft in allen ihren Farben und Formen. Denn wir alle – gucken Sie nicht so, Sie auch! – haben uns doch schon gefragt „Do you really want to hurt me?“, oder wenn’s mal ganz dicke kam „What is love?“.

Wie beschließen wir jetzt diesen Artikel? Vielleicht mit dem Hit-Zitat, dass die Liebe ein seltsames Spiel ist? Das wäre zu einfach. Nein, Sie bekommen jetzt mal was ganz Persönliches von mir. In diesem Sinne: all you need is … Sie wissen schon.

Meine drei Lieblings-Love-Songs (ich stehe wenigstens dazu!)

1. Münchener Freiheit: „Herz aus Glas“

2. Rod Stewart: „Don’t want to talk about it“

3. The Verve: „Bitter Sweet Symphony“

Ein Kind der 80er

Als Kind der Achtziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts – mein Gott wie old-fashioned das klingt – frage ich mich oft, ob damals alles besser war. Dann fallen mir wieder die Tage ein, an denen meine Freunde und ich draußen spielten. Ja, so etwas machte man früher tatsächlich. Wir streiften durch die umliegenden Wiesen, die für uns ein magischer Erlebnis-Dschungel waren. Ob es regnete oder die Sonne schien, war uns einerlei. Meine Welt war damals eine kleine, und reichte nur einen Kilometer herum um unser Haus. Doch hier spielte sich das Leben ab, gab es fantastische Riesenschlangen, die in Straßenkanälen lauerten, Banden (das meinte damals noch was anderes als „Gang“) und jede Menge Freunde. Handys gab es noch nicht.

Nachdem die Schulaufgaben erledigt waren und gestärkt mit dem Mittagessen im Bauch, wartete ich für gewöhnlich darauf, dass einer meiner Kumpel bei uns zu Hause klingelte. Auch ganz ohne Handy und WhatsApp – einfach an der Haustür. Draußen sein, das hieß für uns frei zu sein, Kind sein zu dürfen. Damals sah man tatsächlich noch Kinder auf der Straße spielen – ein Bild, das man heute kaum noch kennt. Im Sommer kickten wir nebenan Fußball bis die Sonne unterging, bauten Staudämme und brausten mit unseren Skateboards die Straßen des Wohngebiets hinab. Wisst ihr: Wir verletzten uns auch manchmal, schlugen uns die Knie und Ellenbogen auf, und obwohl wir mit acht Jahren schon ganz schön harte Kerle waren, lief uns manchmal eine salzige Träne die Wange hinab, was natürlich keiner sehen durfte.

Die Garagen unserer Eltern waren unsere geheimen Stützpunkte, unsere eigene Area 51. In Regalen lagerten unsere Schätze. Ja, damals hatten wir sogar Plastik-Gewehre, und schossen uns damit im Spiel ab. Für pädagogisch unklug hielt das nämlich keiner. Neben mit Steinen gefüllten Marmeladen-Gläsern, Plastikringen und Fußbällen in allen erdenklichen Größen gab es damals noch Rollschuhe und orangene Kettcars, mit denen wir uns wilde Verfolgungsjagden in der Garagen-Einfahrt lieferten. Aber das Wichtigste, das wirklich Wichtigste, stand ganz weit hinten an die Wand gelehnt: Das eigene Fahrrad, unsere Rakete, unser Helfer, mit dem wir schnell wie der Wind von A nach B brausten. Wer von euch spielte auch mal nach, Michael Night zu sein, und hat in seine Uhr rein gesprochen, nur um KITT zu rufen, der dann natürlich nicht kam?

Auch wenn wir heute als Erwachsene wissen, dass Songs wie „99 Luftballons“ unmittelbar auf den Kalten Krieg anspielen: Wir Kinder (nicht: Kids!) fanden die Melodie schön (nein: nicht cool!) und mochten die , Luftballons, über die das junge Mädchen mit dem Stirnband sang. Und wenn das auch empirisch nicht ganz nachzuweisen ist: Ja, ich hatte das Gefühl, dass die Sommer damals heißer und die Winter kälter waren. Vielleicht lag es ja auch am Wetter, dass wir noch auf den Straßen Federball und Tennis spielten, und im Winter Schlitten fuhren.

Dann, Ende der 80er, gab es die ersten Rechner – groß, klobig und völlig leistungsschwach. Und wollte man ein Spiel spielen, musste man Zeit mitbringen, denn der Floppy lud und lud, blinkte uns machte komische Geräusche. Wer kennt das noch: „Insert Disk 2“? Und manchmal stürzte das Ding sogar ab. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem. Wir zockten damals mit Joystick, der hatte zwei fette rote Knüpfe und musste manchmal erst „justiert“ werden: Falcon, Giana Sister, Maniac Mansion. Ach, die gute alte Zeit eben.

Und erst das TV: Damals eröffnete sich mir mit RTL eine völlig neue Welt. Denn vorher hatten wir nur drei Programme: in Worten D.R.E.I. Und sogar Hans Meiser war jung zu der Zeit. Samstags sahen wir bei meiner Oma immer Schwarzwaldklinik, und ich konnte als Kind echt nicht verstehen, was an Sascha Hehn so toll sein soll. Sonntag Abend saß dann die komplette Familie vorm Fernseher und hat „Ein Tag wie kein anderer“ oder „Der große Preis“ mit Wim Thoelke geguckt. Wenn man damit auch heute keinen Blumentopf gewinnen würde: Hey, damals waren das echte TV-Highlights. Und dann die Serien: Knight Rider, Ein Colt für alle Fälle, Hart aber herzlich, Ein Engel auf Erden. Wie hab ich die geliebt und den Soundtrack dazu hab ich heute noch im Ohr.

Nun ist aber genug mit der romantischen Gefühlsduselei, oder? Ich meine, was war denn damals anders? Nun, ich glaube, die Welt war keine andere. Vielleicht waren es einfach andere Zeiten auf die wir heute mit einem Hauch Melancholie schauen. Es war schwer, mindestens so schwer wie heute, der Kalte Krieg schwebte als latente Gefahr immer in der Luft. Die USA und die Sowjets übten sich im Wettrüsten und die atomare Bedrohung machte mir als Kind damals schon Angst. Pershing-Raketen, der Name war mir bekannt, wenn ich auch nicht wusste, was das genau war, so war es wohl nichts Gutes. Genau so, wie die Militärkonvois, die über die Autobahnen rollten nichts Gutes sein konnten – laut, in Tarnfarben und irgendwie gespenstisch.

Doch rückwirkend würde ich sagen, dass das, was ich da erlebte, die schönste Kindheit war, die man sich vorstellen kann. Ein großes Abenteuer, die kindliche Entdeckung der Welt. Und gerade deshalb macht es heute noch Spaß in dieses Zauberreich einzutauchen, Kind sein zu dürfen, ganz nach dem Motto eines 80er-Jahre-Slogans: „Ich will so bleiben, wie ich bin.“

Hinter Amazons Lächeln

Wer die Diskussion um den amerikanischen Online-Riesen Amazon ein wenig mitvervolgt, wird Zeuge von allerlei Unstimmigkeiten hinter den Kulissen des selbsternannten „Erverything Stores“. Da sind zum einen die Beschäftigten, die unter den Gängel-Methoden des Unternehmens und unter den hohen Erwartungen in Sachen „Performance“ leiden. Zur Erinnerung: Während einer Schicht legt ein „Picker“, also derjenige, der die Ware komissioniert, rund 20 Kilometer zurück. Wird fünf Minuten nichts über den Handscanner gezogen, dürfen sich Mitarbeiter auf ein Gespräch mit dem „Lead“, dem Abteilungsleiter, freuen. Überhaupt spielt das amerikanische Wording beim Versand-Riesen eine große Rolle. So wird dort nicht verladen, sondern „geshipt“, morgens „badged“ man sich mit der Zeitkarte ein und so weiter und so weiter.

Hinter all dem stehen harte Fakten. Waren letztes Weihnachten noch 4100 Menschen allein am Standort Koblenz beschäftigt, sind es heute noch gerade mal 1200, wovon die meisten Ketten-Befristungen erhalten und Saisonkräfte sowie Leiharbeitskräfte sind. (ver.di Publik, Ausgabe 4, 2014).

Zum anderen lodert unter der Oberfläche des Versandhauses mit dem Smily auf dem Paket auch ein handfester Rechtsstreit mit namhaften Verlagen. So gingen die Verlagsgruppen Hachette und Bonnier an die Öffentlichkeit, nachdem Amazon still und leise die Preise für Hachette-Bücher erhöht hatte. Auch der von J.K. Rowling unter dem Namen Robert Galbraith verfasste Roman „The Silkworm“ ist seltsamer Weise zurzeit nicht verfügbar. Aber auch deutsche Verlage leiden unter den Amazons Geschäftspraktiken – darunter Carlsen, Ullstein und Piper. Ja, da werden selbst Bestellbuttons entfernt.

Bei der ganzen Debatte geht es um ein gwinnträchtiges literarisches Neuland, genauer: um E-Books. Denn Amazon fordert von den Verlagen satte 50 Prozent Provision (üblich sind hingegen 30 Prozent). Das gleicht einem Donnerschlag und ist kaum tragbar, denn gerade die Autoren sind es, die eine solch invasiven Maßnahme zu spüren bekommen. Träumte Amazon mit der Einführung des Kindle im Jahr 2007 noch von einem Festpreis von 9,99 Dollar pro E-Book, musste es sich durch die Einführung des iBook-Stores von Apple notgedrungen mit dem Agency-Modell – der Verlag legt den Verkaufspreis fest, Amazon erhält davon 30 Prozent – zufrieden geben. Auf Betreiben Amazons verklagte das US-Justizministerium im Jahr 2012 daraufhin Apple, die großen Verlage kauften sich durch riesige Zahlungen frei, Aplle wurde zur Zahlung von 840 Millionen Dollar verurteilt und, wer hätte das gedacht, Amazon darf zu seiner alten Geschäftspraxis – der „flexiblen“ Preisstategie – zurückkehren. Auch in Europa kam es zu einer solchen Klage, bei der die EU-Komission gegen Apple und diverse Verlage ermittelte.

Nun könnte man ja denken, dass Amazons Zutun mit einer überaus kundenzentrierten Taktik zu begründen ist, immerhin geht es um den niedrigsten Preis für den Verbraucher. Aber hinter dem Betreiben des US-Unternehmens steckt jedoch viel mehr, eine Tendenz nämlich, die wir bei allen großen Web-Companies entdecken können: die Ausdehnung des Herrschaftsanspruchs. Denn der geht dem Unternehmen über alles. So wird heftig dazu gekauft, gerne auch zulasten des Gewinns. Dieser Lag bei einem im Jahr 2013 verzeichneten Umsatz von 75 Milliarden Dollar gerade mal bei 274 Millionen Dollar.

Die Gefahr, dass hierunter eine ganze Branche leiden könnte, ist dabei unbedeutend für Amazon. Ich will hier nicht den moralischen Zeigefinger heben, denn natürlich zählt für uns Verbraucher unterm Strich der Preis. Doch wenn sowohl Beschäftigte als auch Autoren durch die repressiven Maßnahmen eines Unternehms unter Druck geraten, dann sollte zumindest in Grundzügen ein gewisses Umdenken einsetzen. Denn Amazon will nicht nur verkaufen, sondern auch auch die Verlage aus dem Weg räumen. Welche kulturellen Einbußen das bedeuten könnte, wäre kaum auszumachen und den Einfluss, den Amazon auf die Werke zur Optimierung des Verkaufs nehmen könnte, käme dann wohl einer Zensur gleich – angefangen vom diktierten Buchtitel bis hin zum Streichen ganzer Kapitel. Aber die Aktionäre wollen schließlich mal Gewinne sehen, und ob dann, wenn diese erst eingefahren werden, der Smily auf der Pappkiste noch angebracht ist, wage ich zu bezweifeln.

Es ist Zeit zu überdenken, ob wir uns wirklich langfristig in eine solche Abhängigkeit begeben möchten. Ich gebe zu: Die Verlockung ist groß, denn der nächste Artikel steht ja schon zur Auslieferung bereit. Aber selbst ich als Everytime-Onliner musste feststellen: Hey, der nächste Buchladen ist ja garnicht so weit weg…

Zombie-Droge? Mit Cloud Nine garnicht auf Wolke 7

Immer wieder lese ich in letzter Zeit Schlagzeilen über eine sogenannte Zombie-Droge, durch die Menschen sogar Körperteile ihres Gegenübers aufessen sollen. So sei es in den USA bereits zu ersten Übergriffen durch die Designer-Droge „Cloud Nine“ (zu deutsch: „Wolke 7“) gekommen. Im Zeitalter von Serien wie „The Walking Dead“ und Co. will ich herausfinden, was es mit dieser Droge auf sich hat und ob es sich wieder mal nur um eine medial-gehypte-zombinöse-Trittbrett-Meldung oder gar um eine echte Gefahr handelt.

Recherchiert man ein wenig den Begriff Cloud Nine, erkennt man schnell, dass die Droge schon vor längerer Zeit in Erscheinung getreten ist. So schrieb die Frankfurter Rundschau schon im Jahr 2012 über die Chemie-Keule. Cloud Nine, heißt es in dem Bericht, sei im Internet als Badesalz und Kräutermischung zu beziehen. Und schon damals habe es in Florida erste Fälle von Kannibalismus gegeben.

Genauer hätten Polizisten im Mai 2012 einen Mann erschossen, der sich nackt über einen Obdachlosen hergemacht und dessen Gesicht zerfleischt hätte. Ebenfalls in Miami hätte ein zweiter Mann unter dem Einfluss der Droge einen Polizisten angefallen. Nach Polizeiangaben habe der Mann den Polizisten angeknurrt wie ein tollwütiger Hund.

Konsumenten schwören auf die euphorisierende Wirkung von Cloud Nine. Zwar ist der Bestandteil Mephedron in Deutschland verboten, die Zusammensetzung der Formel wird jedoch von den Herstellern immer wieder so verändert, dass sie als Badelsalz legal erworben werden kann. Diese Praxis ist in den USA schon länger üblich. In Downunder ist der Besitz der Droge übrigens legal.

Hinter dem Begriff Cloud Nine (auch bekannt als Monkey Dust, MTV, Magic, Super Coke und Peevee) steckt die chemische Bezeichnung Methylendioxyprovaleron (MDPV). Dabei handelt es sich um eine psychotrope Substanz, die als Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer wirkt. Diese Wiederaufnahmerhemmer hemmen die präsynaptische Aufnahme des Botenstoffs Dopamin und erhöhen dadurch dessen extrazelluläre Konzentration, was wiederum stimulierend wirkt.

Cloud Nine gehört damit logischerweise zur Wirkstoffgruppe der Stimulanzien. Physisch spiegelt sich die Einnahme beispielsweise in einem erhöhten Herzschlag, Vasokonstriktion und Schwitzen. Psyschiche Effekte sind eine erhöhte Wachsamkeit, Unterdrückung der Müdigkeit und bei höheren Dosierungen intensive Panikattacken und Übelkeit.

Im „Psychonaut Web Mapping Research Project“ aus dem Jahre 2010 wird die Kokain-änliche Wirkung der Droge betont. Aber neben einer gesteigerten Libido, Nierenschmerzen und den üblichen Verdächtigen konnte ich die Nebenwirkung „Kannibalismus“ nirgends entdecken.

Mir scheint es so, als würden die Medien dankbar auf die Zombie-Drogen-Schiene aufspringen. Klar ist Cloud Nine gefährlich und man sollte davor warnen. Doch ist dessen Darstellung als Substanz, die einen Menschen willenlos macht und zur gedankenlosen Maschine werden lässt m. E. leicht übertrieben und nur in Einzelfällen tatsächlich nachweisbar. Zwar gab es diese schrecklichen Ereignisse in den USA scheinbar, doch gerade Quellen wie 1&1, Bild.de usw. greifen Cloud Nine immer dann auf, wenn sich wieder mal sonst nichts als Sensations-Meldung eignet und sind ihrer Natur nach alles andere als seriös. Auch die famose Therorie eines massenhaft geklickten Youtube-Videos, Cloud Nine ließe die Harnstoff-Konznetration im Blut anzeigen, ist absoluter Humbug.

Und eine solche carnivore Substanz ist allemal gut genug, um darüber zu diskutieren, Foren zu füllen und – wie Sie es sich am eigenen Leibe selbst erlesen haben – Artikel zu schreiben.

Grundsätzlich sollte noch immer die alte Weisheit gelten: Finger weg von den Drogen. Dann braucht man auch keine misanthropen Essgewohnheiten à la Hannibal Lecter.

Lexikon der Drogen-Szenenamen:

Amphetamine / Speed
Arbeiterkoks, Black Beauty, Cappies, Crank, Crystal, Free Base Speed, Ice, Line, Pep, Peppers, Pink, Power, Speed, Uppers, “Vitamin A”.

Cannabis
Bon, Bendsch, Bhang, Brown, Dope, Gage, Ganja, Gras, Grass, Hasch, Haschisch, Kiff, Kraut, Grünes, Gunjah, Maconha, Marihuana, Marijuana, Mary Warner, Muggles, Piece, Pot, Riefer, Shit, Skunk, Stoff, Tea, Weed, Wood

Crack
Steine, Cracker, Rocks

Crystal Speed
Crystal, Crystal Meth, Pulver, Glass, Ice, Glass, Hard Pep, Meth, Crystal Ecstasy und alle gängigen Synonyme für Amphetamine

Heroin
Braunes, Brown Sugar, Dope, Gift, H, Mat, Material, Matti, Schnee, Schore, Shore, Speedball, Stoff

Kokain
Base, C, Cocktail, Baseball, Coke, Crack, Free Base, Koka, Koks, Lady, Line, Puder, Rocks, Roxane, Schnee, Snow, Speedball

LSD
Acid, Cubes, Deep Purple, Löschpapier, Mikros, Micros, Papers, Plättchen, Pappen, Speedball, Trip

PCP /Angel Dust
Angel Dust, Crystal, Dust, Engelsstaub, Flakes, Hog High as a Dog), Hyperdust, Killerjoint, Magic Wack, Mist, Monkey, Peacepill, Peace Powder, Space Base, Star Tripper, Superweed, Wack

Gegen den akkustischen Klangsalat von Katy Perry und Co.

Es ist schon frustrierend: Wenn ich das Radio einschalte und mit dem von unseren Gebühren bezahlten sogenannten musikalischen Programm berieselt werde, kriechen die immer wieder gleichen Klänge der Top-Twenties in meinen Gehörgang, um sich in den neuronalen Netzen meines Gehirns ein lauschiges Plätzchen zu suchen. Nicht etwa, weil das medial verbreitete Convenience Food qualitativ so überragend wäre, sondern weil diese Massenkost profilloser ist als das Wahlprogramm von FDP und CDU zusammen und damit einprägsamer – leider.

So erweckt beispielsweise ein Bon Jovi schon über Jahrzehnte mit den immer gleichen, nichtssagenden Seusel-Sounds den Anschein, ein echter Rocker zu sein, während tausende sexuell frustrierter Hausfrauen dem kleinen Italo-Amerikaner das dann dankend abkaufen. Eine Katy Perry und Bands wie Blue und Co. reihen sich schamlos in die Riege musikalisch weichgespülter, synthetischer Filtrate der Musikindustrie ein und MTV, VIVA und andere musikwirtschaftlich gesponserte Sendeanstalten vermitteln uns, dass es sich bei diesen kleinen Sternchen wirklich um echte Stars handele – welcher Irrglaube.
Irgendwie scheint sich das musikalische Treiben auf den vorderen Rängen der Charts in zwei große Lager zu spalten: Die nichtssagende, immer gleich klingende Gute-Laune-Abteilung und die pseudo tiefgründige „Es ist alles so tragisch, aber wir können eh nix dran ändern“-Fraktion à la Unheilig, die ihre Gesellschaftskritik aufs Notwendigste beschränkt und damit reichlich konformistisch wirkt.

Nein: Musik muss ja nicht immer gleich Biermann-like sein, es geht auch ganz unpolitisch. Eher ist es die Wiederholung der immer gleichen Titel, während die von sich so überzeugten Sender mit Einspielern dann echte Programmvielfalt suggerieren. Mein Gott: Und das Schlimme daran ist, dass viele Hörer ihnen das auch noch glauben und im Worst Case in den Handel rennen, um sich die inhaltsleeren Klangschablonen noch zu kaufen.

Ich möchte nicht alles schlecht reden, was da musikalisch so verzapft wird. Aber warum zur Hölle, lassen diese Sender immer wieder das Gleiche laufen? Haben die kein Archiv, machen die sich nicht die Mühe, in den Keller zu gehen, um dort nach auditiven Schätzchen zu suchen oder will der Durchschnittshörer einfach nicht mehr, als seinen Gehörgang auf einem kaugummihaften Klangteppich auszuruhen? Irgendwie kommt mir da Marx in den Sinn: Musik ist wie Opium fürs Volk – oder wie war das nochmal …

Ach ja: Über das oft selbstbeweihräuchernde Gesülze selbstverliebter Radiomoderatoren und -innen habe ich mich in diesem Blog ja bereits ausgelassen – daher an dieser Stelle nicht mehr davon. Nur eines vielleicht: Nein, Ihr braucht euch nicht in offenen Briefen, die obendrein noch voller Rechtschreibefehler sind, öffentlich zu irgendwelchen Plattitüden eures Privatlebens zu äußern. Nein, mich interessiert es nicht, was Eure beste Freundin euch bedeutet oder was Euer Chihuahua gerade macht oder ob Ihr euch gerade ne Flasche Wasser übergegossen habt. Bitte, bitte: Legt doch einfach mal bessere und abwechslungsreichere Musik auf, das wäre doch schon was.

Und bis dahin? Machen wir unser Programm einfach selber und lauschen den Klängen unseres alten Mix-Tapes, da gibt`s statt monotonen Klang- höchstens mal Bandsalat… Guten Appetit.

Winter, Winter, überall

Heute mal ein kurzes Geständnis meiner Unverständnis. Ich meine, wir haben uns doch alle schon daran gewöhnt, dass uns CNN, NTV und RTL, ja zuweilen sogar ARD und ZDF, mit melodramatischen Nachrichten-Schnipseln unseren Alltag versüßen. Da wird eine leichte Windböe zum Tornado upgegradet, dauerhaft höhere Temperaturen zum „Jahrhundersommer“ erklärt und jährlich wiederkehrende Hochwasser stets zur „Jahrhundert-Flut“ gekürt. Meist unterlegt man die zurechtgeschnittenen Trailer dann noch mit einer appellierenden Alarm-Stimmungsmusik, um die Brisanz der filmischen Eindrücke nochmal kräftig zu unterstreichen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch der Winter, diese stets sensationelle Jahreszeit gleich nach dem Herbst und vor dem Frühling, immer wieder das Opfer der investigativen Nachrichtenfalle wird. So tragen sämtliche Sendeanstalten aus allen Teilen der Republik, nach den ersten Schneefällen sämtliche Bilder zusammen, die sie von dem frostigen Gesellen so bekommen können.

Aus Bayern, vom Weißwurst-Äquator, treffen laut RTL-Mittagsmagazin erschreckende Neuigkeiten ein: So sei Rentnerin Ilse P., beim Versuch mit ihrem Dackel Waldi P. über die Straße zu gehen, ausgerutscht, und habe sich den Knöchel verstaucht, was wiederum den Münchener Oberbürgermeister dazu veranlasst haben soll, eine Winterdienst-Taskforce einzuberufen, deren Schlagkraft man sich für einen eventuellen Erstschlag des Winters in der Hauptstadt vorbehalte. NTV berichtet live aus dem Münchener Lagezentrum und führt erste Live-Interviews mit den lanjährigen Streuwagen-Fahrern Horst B. und Yusuf Z.

Auch Gerhard K., ein passionierter Langzeitarbeitsloser aus Magdeburg erblickt eine Schneeflocke, was ihn dazu motiviert, seinen zwanzigtausend Twitter-Followern den vielversprechenden Satz: „Hier schneit’s“, mitzuteilen. Diese Botschaft löst im Netz wiederum einen echten Schneesturm aus. In Sekundenschnelle weiß Chef Ferdinand H., aka DarkShadow, leidenschaftlicher Leser der tiefgründigen Kurzbotschaften, nun, dass seine Mitarbeiter Nico C., Schantalll F. und Co. wohl morgen eher nicht zur Arbeit erscheinen werden, um der Gefahr eines drohenden Blechschadens und dem Risiko eines Wegeunfalls aus dem Weg zu gehen.

ZDFneo entschließt sich nach einer rasch einberufenen Redaktionssitzung dazu, dem Wintereinbruch eine Online-Spezial-Sendung zu widmen, während die ARD sich durchringt, einen ihrer Meterologen dramaturgisch korrekt auf dem Feldberg zu platzieren, denn da soll die bis dato einzig geschlossene Schneedecke existieren. Meteorologe Wiegald D. stellt sich für das Unterfangen zur Verfügung – vorausgesetzt, der Sender stelle ihm Thermo-Unterwäsche und kuschelige Ohrenschützer zur Verfügung, so D..

Die arte-Redaktion verabschiedet derweil einen Winter-Thementag, der die Bedeutung des Winters in der Postmoderne untersuchen soll.

Das gesteigerte mediale Interesse an dem tendenziell bevorstehenden Wintereinbruch bleibt auch in Deutschlands Baumärkten nicht unbemerkt: Pflichbewusst pilgern diejenigen in langen Wagenkolonnen zu den Einkaufsoasen des Landes, denen die Liberalität der Fußwege ein echtes Anliegen ist: die deutschen Rentner. Der Absatz von Streusalz und der Verkauf von Schneeschippen der Marke „PermaFrost“ steigen daraufhin im Minutentakt, aus einigen Märkten wird von regelrechten Hamsterkäufen berichtet.

Auch in den dritten Programmen möchte man dem Winter, diesem brandheißen Thema, nun gerecht werden, weiß aber nicht wie. Ilse Z., seit sechzig Jahren Sekretärin beim Sudwestfunk, wirft ein, man könne sich ja mal im Archiv umsehen. Und tatsächlich entschließen sich die Programmchefs nach minutenlanger Recherche des Praktikanten Thorsten A. einhellig dazu, eine winterliche Folge der allseits beliebten Sendung „Kein schöner Land…“ mit Günter Wewel auszustrahlen – in Endlosschleife, Hauptsache Schnee.

All das lässt bei dem geneigten RTLII-Zuschauer und Talkshow-Liebhaber Werner K. den durchaus berechtigten, fragend-anprangernden Einwurf verstehen: „Lisbäth, dat schneit schon bald. Haben die’n Winter denn nich kommen sehn?“

Die neuen Rundfunkgebühren – ein „Service“, den keiner braucht

Wenn nun bald schon die Rundfunkgebühren endgültig für alle zu einer Art Pflichtsteuer erhoben werden, und zwar unabhängig davon, ob derjenige, der da zahlt,einen Fernseher respektive ein Radio hat oder nicht, ist das für mich schon blanker Hohn. Worin liegt eine solche Pflichtabgabe denn bitteschön begründet?

Es hat schon etwas von umgekehrtem Sozialismus – also quasi von einer Plutokratie – wenn sich die obsoleten Senderbosse anmaßen, der breiten Masse einen solchen Betrag aufzuerlegen. Gerade, weil der zunehmende Bedeutungsverlust der öffentlich-rechtlichen Sender offenkundig ist. Ich meine: Der mit Heile-Welt-Pathos geschwängerte Musikanten-Stadl-Irrsin und die actiongeladenen Serien-Monster der Marken „Der Alte“ und „Rosamunde Pilcher“ finden in meinem persönlichen TV-Zeitplan jedenfalls keinen Platz. Warum auch? Neunzig Prozent des öffentlich-rechtlichen Programms sind ohnehin an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Ich erinnere an solch tolle Formate wie „Lafer! Lichter! Lecker!“, wo ein komplexitärer Sternekoch mit einer kahlköpfigen Kölner Pseudo-Frohnatur Witze reisst, die keiner hören will. Wenn man füher von öffentlich-rechtlicher Seite den Informationswert als Alleinstellungsmerkmal anführte, ist es heute gerade noch ein flaches Programm-Potpourri für ältere Herrschaften, mit dem man sich hervortut. Information und coole Serien – dafür gibt’s schon längst die Privaten. So taumeln die „Großen Zwei“ und leiden – kaum verwunderlich – unter rückläufigen Quoten. Anstatt ihre Programm-Konzepte endlich mal auf ein jüngeres Publikum zuzuschneiden, bleibt es langweilig, monoton, beliebig – bis auf wenige Ausnahmen wie die Heute-Show vielleicht. Witzig nur, dass die bald ehemalige GEZ nun auch noch „Beitragsservice“ heißen soll, dass im Jahr 2011 allein 7,5 Milliarden Euro über die staatlich-organisierte Geldeintreibe-Mafia erschlichen wurden und dass davon dann erstklassige Fernehunterhaltung wie das „Adventsfest der 100 000 Lichter“ bezahlt wird. Und was noch viel spaßiger ist: Aus dem großen Gebühren-Wunschpunsch nähren sich dann diejenigen, die einem wirklichen Programm-Relaunch im Wege stehen und ihr eigenes Süppchen kochen wollen: Neun Intendanten, zehn Fernseh-Programmdirektoren, dreizehn Fernseh-Chefredakteure und viele andere – allein bei „Das Erste“. Da muss man schon überlegen, ob man nicht dem Appell eines alten TV-Urgesteins nachkommen soll, das damals, in grauer Vorzeit, mit seiner Sendung dem ach so wichtigen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag wirklich noch nachkam: Peter Lustig. Dieser zeigte dem althergebrachten Kinderprogramm seinen „Löwenzahn“, schuf was Neues, und forderte seine jungen Zuschauer zum „Abschalten!“ auf – nach seiner Sendung natürlich. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, seinem prophetischem Credo wieder nachzukommen…

Spielhallen – die neuen, alten Enclaven des (Un)Glücks

Immer mehr glitzernde und funkelnde Spielhallen säumen die Innenstädte. Sie scheinen sich dabei quasi viral zu verbreiten, bevölkern derweil längst verlassene Ladenlokale oder werden in städtischen Randgebieten aus dem Boden gestampft. Während für mich, der ich noch nie ein echter Spieler war, diese Orte immer eine Art Tabuzone mit Suchtpotential darstellen, scheinen sie sich gerade jetzt wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Oder wie ist ihre Allgegenwart, ihr Einnisten in jegliche urbane Nische, sonst zu erklären? Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass aus diesen halbdunklen Lokalitäten nie irgendwelche Menschen kommen – geschweige denn dort hinein gehen? Und doch scheinen die sogenannten Spielstätten auf eine gesellschaftliche Randgruppe eine gewisse Faszination auszuüben.

Das Spiel mit dem Glück – oder vielmehr das Glück im Spiel zu suchen – dieses Phänomen ist ja längst schon so alt wie die Menschheit. Gefunden haben es derweil längst nicht alle. Schon als Caesar am 10. Januar 49 v. Chr. mit seiner Armee den Rubikon überschritt und die unwiderruflichen sowie unklaren Rechtsfolgen dieser Grenzüberschreitung bewusst in seine Überlegungen mit einkalkulierte, wurde eine der bekanntesten Spiele-Metaphern geboren: Alea iacta est, was umgangssprachlich so viel heißt wie „Die Würfel sind gefallen“, oder genauer: Was jetzt geschieht, liegt nicht mehr in unserer Hand.

Menschen sehnten sich allerorten und zu allen Zeiten danach, ‚zu spielen‘. Dabei geht es meist – anders als es das unschuldige Wort „Spiel“ vermuten lässt – um weit mehr als einen Spaß – nämlich um viel Geld, um Sehnsüchte, Adrenalin und die Hoffnung, endlich doch den Funken Glück zu erhaschen, den man so lange schon verdient hätte. Der schnelle Gewinn lockt und nährt nicht selten die Illusion, den Ausgang des Spiels beeinflussen zu können. Aus Gelegenheitsspielern werden so Vielspieler und schlimmstenfalls sogar Spielsüchtige, deren pathologisches Verhalten sie und ihre Familien in den finanziellen Ruin und in die soziale Isolation treibt.

Was das Würfelspiel in der Antike und die Casinos in den letzten 200 Jahren waren, das sollen nun also die Spielhallen sein, die solch vermeintlich unschuldige Namen wie „Freizeit-Treff“ oder „Glückswelt“ tragen, womit beim arglosen Betrachter sicher auch der Anschein einer gepflegten Unterhaltungs-Alternative erweckt werden soll. Doch Spielhalle ist nun mal Spielhalle, und um vom billig, ramschigen Sucht-Image weg zu kommen, bedarf es an mehr, als dem Kind lediglich einen neuen Namen zu geben. Oder?

Während Casinos den oberen Zehntausend vorbehalten waren und ein Dresscode sowie strenge Kontrollen am Eingang den spielerischen Klassenerhalt garantierten und vor allem reglementierten, bieten die städtebaulichen Münzgräber den vormals gescholtenen Spielern immerhin Enclaven des (Un)Glücks. Diese sind bequem zu erreichen, man findet sofort einen Parkplatz und Zuhause wird der kleine Ausflug in die Welt der Sonderspiele und der blinkenden LEDs erst via Kontoauszug oder Mahnbescheid offenkundig.

An diesen Orten, fernab des Alltags, wird geschwiegen. Einige Spieler ziehen nervös an ihren Zigaretten und das einzige, was die bohrende Stille durchbricht, sind die synthetischen Sounds der Automaten und der Klang der begrabenen Münzen. Nach Uhren sucht man hier vergebens: Es gibt Orte, an denen hat Zeit keinerlei Bedeutung und dies ist so einer. Alles fließt im monotonen Rhythmus des Spiels, das für einige schon längst zum Spiel um ihr Leben geworden ist, langsam – zäh – bergab.

Was bliebt von staatlicher Seite aus zu tun? Grundsätzlich täte unser Staat gut daran, den vermeintlichen Glücks-Oasen äußerst kritisch gegenüber zu stehen und die freizügige Bautätigkeit der Betreibergesellschaften an bestimmte Bedingungen zu knüpfen und bei Bedarf auch einzuschränken. Klar ist: Solange die Erreichbarkeit der Spielhallen tendenziell verbessert wird, kann auch eine größere Zahl an Menschen mit dem Phänomen des Gewinnspiels und damit mit dem der Spielsucht konfrontiert werden.

An dieser Stelle wäre auch eine stärkere Intervention hinsichtlich weiterer gesundheitspolitischer Schritte, wie beispielsweise die Durchführung von speziellen Präventions-Programmen, wünschenswert und notwendig.

Doch wie ich in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL (9/2012) lese, denkt man von staatlicher Seite nicht an solche Dinge. Im Zuge der Novellierung derGlücksspielverordnung will das Bundeswirtschaftsministerium vielmehr einen Entwurf verabschieden, der die Liberalisierung der Glücksspiel-Branche vorsieht und den Betreibern wohl endgültig wie ein Jackpot-Gewinn vorkommen mag. So sollen weiterhin pro Spiel bis zu tausend Euro verzockt werden dürfen und die Überprüfung der Automaten durch unabhängige Sachverständige endgültig entfallen. Verwundert reibt man sich über soviel Freimut die Augen und kann es nur als logische Konsequenz ansehen, wenn mehrere Spielsuchtexperten der Anhörung am Mittwoch aus Protest fernbleiben wollen. Wie die Vorsitzende des Fachverbandes Glücksspielsucht, Ilona Füchtenschnieder, verlauten lässt: „Das Papier greift keine einzige Forderung der Suchtforschung auf.“ Alea iacta est…

Karnevalistische Zwangsneurose

Auch auf die Gefahr hin als Karnevals-Muffel zu gelten, der ich eigentlich garnicht bin bzw. nicht sein möchte, fällt mir in diesen Tagen des gemeinschaftlichen und alkoholversetzten Papp-Nasen-Frohsinns wieder einmal mehr der ach so stereotyp deutsch anmutende Hang zu einer gewissen gespielten Lockerheit auf, der seinen Grundzügen nach verkrampfter eigentlich nicht sein könnte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte an dieser Stelle nicht richten über alle Formen der karnevalistischen Subkultur und befinde diese in weiten Teilen sogar als unterhaltsam.

Aber was mich befremdet, sind die vielen stets melancholisch dreinblickenden Gestalten des deutschen Dienstleistungs-Sektors, die gerade an den Faschings-Tagen unweigerlich eine förmliche Zwangs-Symbiose mit der Narrerei eingzugehen scheinen. Von der Bäckerei-Fachverkäuferin bis hin zur Bankangestellten: Aller Orten treten mir da kostümierte Frauen und zuweilen auch Herren entgegen, die unfröhlicher garnicht erst sein könnten. Da frage ich mich natürlich zwangsläufig, ob es in den Arbeitsverträgen dieser Herrschaften eventuell eine Art ’närrischen Paragraphen‘ oder gar eine ‚Verkleidungs-Pflicht‘ für die Faschings-Tage gibt und wenn ja, ob sich da nicht etwas von gewerkschaftlicher Seite machen lässt. Der jetzige Zustand scheint mir jedenfalls sowohl für Angestellte, als auch für deren Kunden kaum tragbar.

Ich möchte Ihnen, um diese Behauptung zu untermauern, gerne ein konkretes Beispiel aufzeigen.

So empfingen mich, als ich gestern eine örtliche Bäckerei aufsuchte, die gleichen mir bekannten obligatorisch mießgelaunten Verkäuferinnen, die, in einem Anflug von gespielter Freundlichkeit, Backwaren an den Mann bzw. an die Frau brachten. Doch diesmal wurde der Szenerie eine Art unfreiwillige Komik verliehen. Denn eben diese service-orientierten Glanzlichter der deutschen Bäckerei-Fachverkäuferinnen-Zunft standen da – wie gewöhnlich völlig entnervt – doch komödiantisch bereichert um ihre Clowns-Kostüme und Papp-Nasen. Kennen Sie den Horror-Film-Klassiker von Steven King, ‚Es‘, in dem das ureigenste Symbol kindlicher Freude, der Clown, eigentlich ein böses Ungeheuer ist?

Nun: An diesem Morgen fühlte ich mich so, als würde ich gleich zwei Ausführungen dieses ‚Dings‘ gegenüber stehen. Überhaupt scheinen viele Bäckerei-Fachverkäuferinnen einen besonderen Hang dazu zu haben, uns, die Kunden, an jenen beruflichen Aspekten teilhaben zu lassen, von denen wir eigentlich nichts bzw. überhaupt nichts wissen wollen. So diskutiert man untereinander lautstark und mit einer allgemein erkennbaren Affinität zu innerbetrieblichen Abläufen über mangelhaft strukturierte Dienstpläne, zu viele Überstunden, fehlende Urlaubszeiten und darüber, das man auf das, was man da tut, prinzipiell keine Lust hat.

Die Kommunikation mit dem Kunden beschränkt sich – ich spreche jetzt mal für jene Bäckereien, die ich regelmäßig aufsuche – auf eine stets abgespeckte Form der themenzentrierten Interaktion. Ein „So!!!“, steht da beispielsweise für die einleitende Phrase ‚Sie sind nun an der Reihe, was kann ich für Sie tun?“, ein „Biddeee!“ deutet an, dass die Verkäuferin gerade den Überblick über die Reihenfolge der Wartenden verloren hat und an selbige appeliert, man möge sich doch untereinander über den weiteren Ablauf einigen. Es ist wirklich schon schlimm genug, dass ich mich in vielen Geschäften das ganze Jahr über damit abfinden muss, als Kunde zu stören.

Doch wenn dann noch ein Clown, eine Hexe oder ein motziges Cowgirl mit 120 Kilo Lebendgewicht hinter der Theke vorlukt – das ist krotesk, oder?

Übrigens: Als ich mich dann auch noch in jener Bäckerei dazu erdreistete, nach einer Serviette zu fragen, konnte ich die lodernden Funken in einem der Clowns-Gesichter quasi blitzen sehen. Die Serviette habe ich dann zwar bekommen, aber fühlte ich mich dabei recht mies – und das hatte ‚Es‘ ja wohl mit seinem diabolischen Blick bezweckt. Man muss ja auch schließlich als Clown nicht immer fröhlich sein…
Stephen Kings Es
Verkörpert einen ganz und gar unsympathischen Clown: Tim Curry als Pennywise in Stephen Kings „Es“(1990)

Wenn der Postmann zweimal klingelt…

An einem Tag wie diesem, an dem der Wind um das Haus heult und das Dachgebälk fast schon jaulende Geräusche von sich gibt, jagt man eigentlich keinen Hund vor die Tür – möchte man meinen. Doch ich wagte vorhin tatsächlich einmal den Schritt hinaus, in die Tristesse, und konnte mich sozusagen live von ihr überzeugen – inklusive meinem Hund, der aufgrund seiner geringen Körpergröße kräftig kämpfen musste, um gegen die starken Windböen, die an ihm rüttelten und zerrten, überhaupt anzukommen. Der kleine Kerl ist zwar recht mutig, aber als die Tür nach dem kurzen, windigen Spaziergang ins Schloss seines, unseres sicheren Domizils fiel, war er mehr als beruhigt, glaube ich. Demonstrativ schüttelte er sich und ging wie selbstverständlich auf ’seine Couch‘, wo er es sich unversehens bequem machte, einrollte und alle viere von sich streckte.

Ach ja, ein Hundeleben hat schon diverse Vorteile, erinnert es bei diesem Hund doch in weiten Teilen an eine never ending Wellness-Kur. Beginnend beim via Internet georderten Gourmet-Hundefutter (ganz nach Belieben mit Hühnchen, Leber oder allerlei anderen hundsleckeren Ingredienzien) über die täglichen Streicheleinheiten bis hin zum Spiele mit dem Lieblings-Plüschtier: Ja wirklich, dieser kleine Teppich-Porsche muss sich sau wohl fühlen in seiner Haut. So versteht es sich dann auch, dass er sich stets als Hüter des Hauses, als Leader of the Gang, als der unbestrittene Herrscher vom Esszimmer bis zur Küche gibt.

Ich erwähnte bereits, dass es sich bei diesem kampfeslustigen Gesellen um einen Chihuahua handelt? Nein? Die territorialen Ansprüche, die aus der Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung erwachsen (denn der Hund ist wohl stets davon überzeugt, ein kleiner latein-amerikanischer Chico mit deutschen Wurzeln zu sein), manifestieren sich schließlich in lautem Gebell, sobald ein Fremder in ’sein‘ Territorium eindringen möchte und so etwas Unwichtiges wie einen Brief oder ein Paket vorbeibringt. A propos Briefe und Pakete: Postboten werden ja bekanntlich schon im Rahmen ihrer Ausbildung auf die Konfrontation mit Hunden vorbereitet und müssen, denke ich, sogar diverse Unterrichtseinheiten zum Thema „Wie komme ich an den vierbeinigen Gefahrenquellen vorbei?“ absolvieren. In Anbetracht dieser Tatsache verwundert es kaum, dass, als der Postmann eines schönen Tages zweimal klingelte, der kleine Kerl wie gewohnt anschlug und sich die Hundeseele aus seinem Rachen bellte.

Soweit kein Problem, da es sich ja um die small Version, die kleine Version eines Hundes handelt… Denken Sie… Aber dieser sonst so verspielte, liebenswürdige kleine Kerl verfügt über eine nicht unwichtige Kompetenz: So ist er fähig sein originäres Stimmchen, in Anbetracht der vermeintlichen Gefahrensituation, zu einer tiefen, sonoren Stimme umzumodelieren. An jenem Tag wurde also (sie erinnern sich: Postmann, Klingeln und so weiter…) aus dem kläglichen Waff, Waff ein erschreckendes Wau, Wau. Der Postmann, seines Zeichens durch die zahlreichen Seminare, Schulungen und Trainings-Camps bestens vorbereitet, wusste genau, was zu tun war. Ganz nach dem Motto „Vorsicht ist die Mutter der Porzellan-Kiste“, rief er nach oben, ich solle den Hund, der da so bedrohlich belle, doch bitte an die Leine nehmen. In diesem Moment der Gefahr hatten sich die Trainingseinheiten hinter Hecken und Büschen mit all ihren strategischen und psychologischen Finessen scheinbar endlich für ihn gelohnt. Hier war sie nun, die viel beschworene Hundefront, the Bell-Attack, von der seine Kameraden ihm bereits so viel berichtet hatten, wobei sie sich in schauriger Erwartung der zu den Stimmen gehörenden Hunde meist sprichwörtlich postwendend auf dem Absatz umdrehten, um dann mit einem gewagten, aber nach dem Aufprall stets schmerzhaften Hechtsprung, über die Hecke zu fliehen. Dieser Schmach wollte sich „unser“ Postmann wohl entziehen…

Ja, das Ganze war schon eine äußerst surreale Szene: Ein Chihuahua, der von seiner eigenen Gefährlichkeit überzeugt ist und tief bellt auf der einen, und der Postmann, der seinerseits ebenfalls von einer Gefahr ausgeht und um die Bändigung der vermeintlichen Bestie bittet, auf der anderen Seite.

Können Sie sich das Gesicht dieses Menschen vorstellen, als er mit seinen rund zwei Metern Körpergröße, Glatze und Nackentattoo dem bellenden Übel in die Augen sah? Der Chihuahua jedenfalls sah ihn triumphierend an, und ich glaube sogar ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht erkannt zu haben…