Corona, Selbstaufgabe und die Sehnsucht nach Glauben

Das Eigentliche, was mich schier verzweifeln lässt, sind die gesellschaftlichen Eruptionen und Verwerfungen, die Corona zutage bringt.

Es ist nicht die Frage nach der Wirksamkeit der Impfung oder ihrer Nützlichkeit. Es ist die Bereitschaft so vieler, sich unterzuordnen, eines vermeintlich hehren Zieles wegen, der Wille zur unbedingten Unterwerfung, zur absoluten Gefolgschaft. Mir geht es dabei, das will ich klarstellen, nicht um die Fantasien derer, die an die Implantation eines Gen-Chips via Impfspritze glauben oder um ähnliche Kandidaten, die den einen Ismus gegen einen anderen eingetauscht haben. Mir geht es um die Tatsache, dass so viele Menschen verzweifelt an dem einseitigen Deutungsmuster eines Narrativs festhalten, obgleich sich die Repräsentanten dieses absolutierten Deutungsmusters, aber auch das Deutungsmuster inhaltlich selbst als eine einzig große Fehleinschätzung entpuppten.

Ich erinnere mich noch an die Zeiten der beginnenden Pandemie, in denen zu wenig Mundschutze vorhanden waren und die Bevölkerung, in dem Glauben an ein rasches Ende, diese in Eigenregie eifrig nähte. Es war die Zeit, in der man sogar noch Karneval feiern durfte und die Politiker – allen voran Jens Spahn – von keiner großen Gefahr durch Corona ausgingen. Damals flogen auch noch regelmäßig Passagierflugzeuge aus dem Iran in Frankfurt ein, obgleich man von einer Seuche namens Corona wusste, die im Mullah-Staat heftig wütete. Viel wurde nicht getan, stattdessen verharmlost und beschönigt. Dann, im März 2020, der heftige Schwenk. Nun war Corona, so viel stand fest, eine gefährliche Seuche. Es galt das Credo „flatten the curve“. Die Verbreitung der Infektion sollte möglichst langsam vonstattengehen – die Infektions-Kurve also flach gehalten werden. So die Theorie. Es folgte ein weiterer Schwenk auf den R-Wert, dann schließlich jener auf die Inzidenz und ganz allmählich kam das, was man noch am Ehesten als ein Abdriften in die biologisch-medizinische Sphäre bezeichnen kann – still, aber behände. Mit diesem Abdriften in einen für die Allgemeinheit neuen Kosmos ging gleichzeitig auch die Einführung eines ziemlich fachlich klingenden Vokabulars einher, das sich zusehends schnell ins Alltagsleben schlich. Denn schon Wittgenstein wusste ja, dass man über alles, was man nicht sprechen kann, schweigen soll. Für den Corona-Kosmos hatten wir rasch die richtigen Wörter, einen funkelnden semantischen Horizont. Gott sei Dank.

R-Wert und Inzidenz waren uns durch die allgegenwärtige Medien-Präsenz so schnell vertraut wie der morgendliche Gang zum Bäcker und gehörten, weil sie ja wichtig sind, zu den Nachrichten wie der Wetterbericht. Was immer mehr in den Hintergrund rückte, war, dass die Corona-Pandemie in Deutschland mit einer Verkettung von Fehlentscheidungen begann. Wie gesagt: Mundschutze musste man sich damals noch selbst nähen, auch Desinfektionsmittel war, soweit ich erinnere, nicht ausreichend vorhanden. Doch statt den politischen Entscheidungsträgern eine gewisse Unfähigkeit zu attestieren und sie folgerichtig aus ihren entscheidenden Positionen zu entfernen, hörte ich immer wieder entschuldigende Worte – und zwar seitens vieler potentieller Wähler. Was mich damals schon wunderte, war dieser erste Hauch von Gläubigkeit, den einige Menschen anklingen ließen. Sie fragten erst gar nicht danach, wie denn ein so gut vernetztes und auch nachrichtendienstlich bestens aufgestelltes Land wie die Bundesrepublik keine Erkenntnisse über eine drohende Seuchengefahr hatte im Vorfeld ermitteln können. Dieses Absorbieren des Gegebenen war für mich ein erster Hinweis darauf, dass Menschen in Zeiten einer heraufziehenden Krise, in Zeiten des Ungewissen, an starken Führern mehr gelegen ist als an deren tatsächlicher Kompetenz, eine Krise adäquat bewältigen zu können.

Daran änderte sich auch im weiteren Verlauf der Pandemie nichts – als wir von Lockdown zu Lockdown hechteten, eine Taktik, die wissenschaftlich mehr als umstritten ist (vgl. hierzu die Studie von John Ioannidis, Standford). Nun: Ganz gleich, wie man zu den Maßnahmen stehen mag, hat mich von Anfang an doch sehr verwundert, mit welcher Gleichgültigkeit die einen ihre Freiheitsrechte aufgeben, andere sogar ein immer härteres Vorgehen des Staates verteidigen und schlimmstenfalls ein Mehr davon fordern. Mich interessierte insbesondere die Motivation hinter einer solchen Forderung.

Wollen wir diese Motivation ermitteln, so denke ich, dass wir den neuen Gesundheitsbegriff analysieren müssen, dem die staatlichen Interventionen zugrundliegen. Dieser wird in erster Linie bestimmt durch ein biologistisches Bild des Menschen, der nach diesem entweder krank mit dem Virus oder gesund ohne den Virus ist. Der Gesundheitsbegriff ist weder moralisch, noch sozial-psychologisch inspiriert und betrachtet den Menschen lediglich als potentiellen Träger eines Virus. Etwas böswillig könnte man ihn, den neu konnotierten Gesundheitsbegriff, als kapitalistisches Gewächs bezeichnen, das amoralisch auf den Gesamtorganismus Gesellschaft blickt, ohne dessen einzelne Organe wertzuschätzen. Um die Funktionalität des Gesamtsystems zu gewährleisten, werden einschneidende Maßnahmen ohne Wenn und Aber gerechtfertigt, da sie per Definition unerlässlich sind.

Es geht damit um einen rein verkürzten und quantifizierenden Gesundheitsbegriff, der lediglich in biologisch gesund und ungesund unterteilt. Diese Dualität „biologisch ungesund – gesund“ muss man verstehen, denn nur unter ihrem ideologischen Dach lassen sich viele erlassene Maßnahmen der Regierung vereinbaren sowie das akzeptierte Deutungsmuster nachvollziehen.

Nun haben jene Menschen, die den Maßnahmenkatalog der Bundesregierung – und damit auch die Bundesregierung – verteidigen, nicht nur diesen dualistischen Gesundheitsbegriff verinnerlicht, sondern auch die Sprache, in der sich das Phänomen-Corona vollzieht. Sie haben sich für diesen einfacheren Weg entschieden. Dies mag viele Gründe haben. Nun erreicht das genrell gültgige Deutungsmuster mit der Impfung allerdings eine neue Dimension.

Denn die Impfung galt und gilt noch immer als der Königsweg, der uns heraus aus der Pandemie führt. Nun steht aber seit einiger Zeit fest, dass auch die Impfung nicht so lange wirksam ist wie gedacht, dass sie an der Übertragung der Corona-Viren von Mensch zu Mensch so gut wie nichts ändert, sondern bestenfalls und immerhin den Verlauf der Krankheit mildert. Kurzum: Die von der Politik so gepriesene Bio-Technik weist erste Schwächen auf. Statt spätestens jetzt nochmal den Sachverhalt in Ruhe zu reflektieren und vielleicht auch einzuräumen, dass die Impfung nicht das hielt, was sie – sensu Politik – versprach, wurde ein neuer Sündenbock ausgemacht: die Impfgegner. Das verblüffte mich zusehends immer mehr.

Denn genau betrachtet ist die Impfquote in Deutschland gar nicht mal so niedrig, sondern liegt mit bis zu 75 Prozent deutlich im vorderen Mittelfeld. Wenngleich auch die Impfquote der hohen Inzidenzrate keinen Abbruch tat – genauso wenig wie die unbedingte Gläubigkeit vieler Menschen an den Impfstoff. Stattdessen wurde und wird die gesellschaftliche Spaltung immer weiter vorangetrieben, teils flankiert von aufpeitschenden Medien, und ich frage mich: Wie kann man eine solche unbedingte Gläubigkeit entwickeln?

Die Antwort liegt, denke ich, darin, dass der Glaube an die Gültigkeit eines wahr empfundenen Deutungsmusters sich als Kult verselbstständigt hat. Der Sachverhalt hat sich als „Glaube“ sozusagen entkernt von seinem eigentlichen Sinn und existiert qua Selbstzweck. Denn mittlerweile ist der „Glaube an die Sache“ wichtiger geworden als die tatsächlichen Fakten. Dieser Glaube vereint nicht nur sinnstiftende Elemente, der Glaube als solches vermag auch Hoffnung zu geben. Außerdem eint Glaube, indem er viele Menschen, die glauben, zusammenführt und gemeinsames Erleben schafft. Ebenso ist es bei jenen, die unreflektiert an das Narrativ der Spaltung glauben. Denn, um es mit Volker Pispers zu sagen: Wenn du weißt, wer das Böse ist, hat der Tag Struktur.

Doch wenn also der Glaube ans gültige „Deutungsmuster der Spaltung“ (geimpft – nicht geimpft) so ungewöhnlich stark ist, dann wird auch klar, warum die Gläubigen ihren Glauben so verteidigen. Ihnen geht es nicht um inhaltliche Richtigkeit, ihnen geht es auch nicht um Diskurs: Ihnen geht es um die Bewahrung ihres Glaubens selbst und die mit ihm verbundene sinnlich-unmittelbare Erfahrung. Denn würden die Säulen des Glaubens ins Wanken geraten, würde ihre Selbstaufgabe im wahrsten Sinne des Wortes offenkundig werden. Der Sturz ins psychologische Nichts wäre grenzenlos, da sie ihrem Selbstbetrug gewahr würden.

Wer das Selbst als solches aufgibt, muss sich in die Hände vermeintlicher Führer begeben und zahlt dafür den Preis des „reflektierenden Seins“. Er entfernt sich sozusagen immer mehr von seinem Selbst, spürt diese Distanzierung irgendwie, aber kann sie nicht genau benennen. Aufgrund einer starken Verdrängung lässt er also sein Selbstgefühl nicht zu, das ihm sagen würde, dass er falsch liegt oder ihn zumindest zur Reflektion anhält. Er entgeht quasi der Enttäuschung und kompensiert seine Ich-Schwäche stattdessen mit der Fixierung auf eine andere gesellschaftliche Gruppe, hier: die Ungeimpften.

Gleichzeitig entgeht er der Katharsis, Teil eines Systems zu sein, das seine Versprechen nicht einlöste und das strukturell nie im humanistischen Sinne auf ihn ausgerichtet war. Würde er sich dessen tatsächlich bewusst, so zöge diese Erkenntnis eine schwere Sinnkrise nach sich. Um eben dieser Sinnkrise auszuweichen, sucht sich der Gläubige (hier die Impfung) als Ersatz, huldigt ihr, egal, was kommen mag, als sinnstiftendem Teil der vermeintlichen Erlösung und Heilung.

In dem unbedingten Glauben an Heilung mag auch der phylogenetische Wunsch begründet liegen, dem Mysterium Tod zu entfliehen – dem letzten großen Mysterium, das der Mensch trotz der vollzogenen religiösen Entwurzelung nach der Aufklärung und der Technokratisierung des Lebens  nicht aufzulösen vermag. Und vielleicht kann eine Technokratie ja eben diese scheinbare Religiosität bieten, indem man sich ihr hingibt und als ihr Jünger wiedergeboren wird. Doch dies ist ein Irrglaube, kennt die Biotechnologisierung doch keine moralischen Kategorien, auch die Verheißung von Erlösung ist dieser fremd, der Einzelne nur „gut“, wenn er letztlich gesund und als Humankapital verwertbar, wenn er funktional nutzbar ist. Schnell sind wir dann bei einem Präferenz-Utilitarismus eines Peter Singer.

Doch auch die Gläubigen versuchen moralisch zu argumentieren: So zum Beispiel, dass es unmoralisch sei, sich nicht impfen zu lassen. Dies ist ein Scheinargument, denn eine Impfung ist weder moralisch, noch unmoralisch. Sie ist eine Entscheidung für das „Ich“ durch das „Ich“. Eine Entscheidung für die körperliche Unversehrtheit oder eben dagegen – und zwar ganz im Privaten. Fest steht: Wenn wir den Glauben an die im Menschen angelegte Menschenwürde ernst nehmen, das ist meine feste Überzeugung, so müssen wir ihm diese Entscheidung ganz persönlich überlassen.  

Doch die Allgegenwart des Phänomens Corona bietet, wenn wir so wollen, ihren Jüngern auch einen sekundären Krankheitsgewinn – und das schon als gesunder Gläubiger. Denn endlich kann man sich voll und ganz auf ein Thema konzentrieren, wird damit zwar permanent konfrontiert, hört aber dafür von so vielen anderen Themen nichts mehr – außer vielleicht vom nächsten großen Narrativ: der Klimakrise.

Was ist also zu tun? Nun: Wir sollten Fragen stellen. Fragen, die ergründen, wie es dazu kommen konnte, dass eines der best-organisierten und technokratisierten Länder wie Deutschland ein tragisches, aber dennoch überschaubares Mehr an Corona-Patienten auf den Intensivstationen kaum noch handeln kann. Fragen nach den Architekten eines solchen auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Krankenhaus-Systems. Einer dieser Architekten ist zweifellos Karl Lauterbach, er ist allerdings nur einer von vielen. Denn als Gesundheitsökonom trat er für Fallpauschalen und 2019 noch für massive Krankenhausschließungen ein.

Corona füllt, indem es für viele Menschen zu einem quasi-religiösen Kult wird, das religiöse Vakuum, das die Aufklärung und der postindustrielle Wandel mit sich brachten. Dieses geschieht jedoch nicht mit positiver Bestärkung, sondern mittels suppressiver Maßnahmen und Angst. Das ist auf Dauer, so viel ist sicher, alles andere als gesund.  

Eine lustige Lach- und Sachgeschichte über Akkus, E-Autos und Peter Lustig

Als kleiner Junge spielte ich früher sehr gerne mit meiner Modelleisenbahn, einer schwarzen Dampflok, die zu einem Märklin-Set mit blauem Trafo gehörte. Drehte ich den roten Zeiger des Trafos nach links, fuhr die Lok schneller. Ganz einfach. Und dass die Schnelligkeit des Spielzeugs irgendwie mit dem zu tun haben müsse, was da aus der Steckdose kommt, war mir schon als Pimpf klar. Heute spielen weit weniger Menschen mit Modelleisenbahnen, glaube ich. Jedenfalls liegen sie längst nicht mehr im Trend, wurden womöglich von Spielekonsolen und, wie man heutzutage sagt, hippen Sportarten abgelöst. Nur die Elektrizität ist noch immer trendy. Viele wollen Elektro-Autos, wenn auch nur wenige von ihnen sich eins leisten können. Wenige von denen, die sich eins leisten können und kaufen wollen, machen sich jedoch bewusst, dass der Strom dafür, wie bei der Modelleisenbahn damals auch, noch immer aus der Streckdose kommt, und irgendwo anders produziert werden muss. Er wartet ja nicht schon vorher in der Steckdose darauf, dass er endlich weiterfließen darf. Dafür müsste er nämlich gespeichert werden, und dafür braucht man einen Akku – was so wohl auch schon der gute Peter Lustig erklärt hätte, hätte man ihn dazu befragt und hätte es E-Autos schon zu seinen Zeiten gegeben. Gott hab ihn selig. Anders als die Steckdose daheim, besitzen die leisen E-Autos sehr wohl Akkus, auch wenn die Art, wie die Edelmetalle für die mit ihnen angefüllten mobilen Speicher abgebaut werden, umweltzerstörend ist.

Zu den Ingredienzien der Akkus zählt unter anderem Lithium, das zwar ein Leichtmetall, aber nicht gerade leicht, beispielsweise in Rüsselsheim oder Sindelfingen, zu finden ist, sondern viel weiter weg, in einem großen Salzsee in Bolivien beispielsweise. Von dort aus muss es über den Pazifik zu uns verschifft werden, mit Schiffen, die nicht elektronisch, sondern mit Schweröl angetrieben werden, damit man die Akkus dann mit einem dieselbetriebenen LKW in die Akku-Fabrik bringen kann. Und weil sich immer mehr Leute denken, dass sei eine hervorragende Idee, mit einem leisen E-Auto rumzufahren, dessen Akku-Innereien aus Bolivien, dem Kongo und aus anderen fernen Ländern stammen, steigen auch die Preise für die Rohstoffe, den Strom und damit auch für die E-Autos. Wo wir gerade beim Thema steigende Preise sind: Da es ja die Regierung für einen ziemlich grandiosen Einfall hält, die benzinbetriebenen PKW, die in Rüsselsheim und Köln, wie man mir sagte, noch immer gebaut werden, den Garauszumachen, steigen nun auch die Benzinpreise. Steigen nun höher, kann man da nur sagen, denn steigen tun sie schon lange. Auch wenn das die olivgrünen Grünen – denn wirklich grün sind die Grünen ja nicht, sonst hätten sie damals im Jahr 1998, nicht für den Kriegseinsatz im Kosovo votiert, wo doch jedes Kind weiß, dass Krieg weder gut für Menschen, noch für die Umwelt ist – richtig klasse finden, ist das für die meisten Menschen, die keinen Chauffeur haben und nicht von Steuergeldern leben, nicht sehr toll.

Anders als die Abgeordneten des Bundestages, die sich der Rundum-Finanzierung ihrer wirtschaftlichen Vollversorgung gewiss sein können, hat dieses Privileg der materiellen Sicherheit das Gros der Bevölkerung nicht. „Aber die wurden doch gewählt – die Grünen“, höre ich die systemtreuen Auguren raunen. Doch bei sechzehn Prozent Wählerstimmen von einem erteilten Regierungsauftrag auszugehen, halte ich für verfehlt. Weder die grünen Parteiakteure in persona noch das Parteiprogramm spiegelt die Mehrheitsinteressen der Bevölkerung wider. Als Klientel-Partei richten sich die Grünen mit ihrem Maßnahmen-Katalog vielmehr nach der Lebenswirklichkeit einer besserverdienenden, größtenteils akademischen Kaste aus, die sich mittels CO2-Steuer und teils staatlich gepushter Rohstoffpreise von ihrem schlechten Gewissen loskaufen möchte, mehrmals im Jahr in Urlaub zu fliegen und manchmal vielleicht doch noch den Range Rover aus der Garage „rauszulassen“. Im 15. Jahrhundert hatten wir das Thema freikaufen von Sünden ja schonmal. Ablasshandel hieß das in jenen Zeiten.

Aber nochmal zurück ins Hier und Heute. Denn heute stehen die Grünen nun mal da, wo sie stehen: an der Schwelle in den parlamentarischen Öko-Olymp und das als ehemals Strickpullis und Turnschuhe tragende Oppositions-Protestbewegung der 1980er. Die Metamorphose zur Mainstream-Partei mit Mit-Regierungsverantwortung wäre damit dann endgültig vollzogen.

Angesichts dieses quasi-epochalen Ereignisses in der Grünen-Geschichte ist es nur logisch, dass gerade solche profillosen Persönlichkeiten – mögen sie nun Baerbock oder Harbeck heißen – als Kanzler-Kröner in der ersten Reihe stehen. Denn erst ihr Pragmatismus, ihr unbedingter Wille zur machtpolitischen Einflussnahme, kombiniert mit dem wortlosen Versprechen, die grundlegenden Machtstrukturen im Land weitestgehend unberührt zu lassen, ließ sie auf die Pole-Position aufrücken. Und zwar – um den Buchtitel von Mit-Herausgeberin Baerbock zu zitieren – jetzt. Leider.

An den echten Bedürfnissen der Menschen weiter vorbeiregieren wird man – da werde ich nun selber zum in moll gestimmten Auguren – sowieso. Auch wenn sich jetzt selbst die Mainstream-Parteien wie CDU und SPD als Öko-Heilsbringer aufspielen, so mag man ihnen allen die Master-Fragen stellen: Warum nicht früher? Wo waren sie, eure Konzepte, all die Jahre? Was hat euch denn so lange davon abgehalten, etwas zu unternehmen? Aber Systeme neigen ja bekanntlich dazu, sich zu erhalten. Genauso wie die alten Machteliten, die uns jetzt Glauben machen wollen, plötzlich sei Umweltschutz neu und nur über die Ausbeutung der Unter- und Mittelschicht finanzierbar.

Leider haben diese Paradoxie des parlamentarischen Systems, das von den Systemmedien weitwestgehend flankiert und gestützt wird, nur wenige verstanden. Viele hingegen neigen zur Verdrängung, und vergessen dabei, wer sie in Sachen Öko-Diktatur erst dorthin gebracht hat, wo sie gerade stehen. Sie üben sich im Konformismus, gehen klaglos tanken, auch wenn der Sprit pro Liter an der zwei Euro-Marke kratzt.

Worin der in vielen Menschen angelegte Konformismus gründet, mag ich nur vermuten. Vielleicht in einem entwurzelten Verständnis dessen, was Demokratie wirklich bedeutet und was es heißt, für sie einzutreten. Vielleicht aber auch in der Bequemlichkeit, sich lieber ins Private zurückzuziehen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Vielleicht liegt die Passivität auch daran, und das halte ich für die wahrscheinlichste aller diesen Prozess bestimmenden Variablen, dass Menschen sich gerne an scheinbar starken anderen Menschen orientieren und sich schlimmstenfalls sogar mit ihnen identifizieren, ob sie nun Scholz, Schröder oder Merkel heißen. Die Psychoanalyse nennt sowas Ähnliches die Identifikation mit dem Aggressor.

Worin auch immer der Hang der Mehrheit zum Konformismus und deren Wille zur Leugnung gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten begründet liegt: Eine Rechtfertigung für ihr Handeln bietet ihr dessen Analyse allein nicht.

Statt uns von oben herab regieren zu lassen, sollten wir verstehen, dass uns dieses System aus Berufspolitikern über kurz oder lang genauso ausbeutet wie den Salzsee in Bolivien. Da sind die Namen seiner Rerpäsentanten nur Schall und Rauch.  Dieses System ist weder menschen-, noch umweltfreundlich. Alles andere ist Täuschung.

Was wohl Peter Lustig über die E-Autos gesagt hätte? Bestimmt hätte er da wieder seinen altbekannten finalen Appell auf den Lippen, der da lautet: Abschalten!

K wie Klimakrise

Gutes Klima ist prima. Auf diese einfache, aber prägnante Formel könnte man es herunterbrechen. Als ich gestern Abend über die Autobahn fuhr, hörte ich Radio. Währenddessen überholten mich einige SUVs, die sicherlich, was die Umwelt- und Klimafreundlichkeit betrifft, echte Unsympathen sind. Im Radio lachte derweil ein vom Staat gut bezahlter Moderator ins Mikrofon. Für die Nicht-Lateiner unter Ihnen: Dessen Berufsbezeichnung stammt vom lateinischen „moderātor“ ab, was soviel heißt wie „der Lenker und Führer“. Nomen ist omen. Er sprach davon, dass die Spritpreise, dabei lachte er tief von innen heraus, ja stiegen, aber der Sender, und das sollte die Pointe seiner witzig gemeinten Ansage sein, einem Hörer – respektive einer Hörerin – eine Urlaubsreise bezahle, wenn, aber nur wenn, er oder sie selbige gewänne. Nach seiner Aneinanderreihung der Konjunktive verdaute ich zunächst das Gehörte. Konnte es tatsächlich sein, dass dieser Staatsdiener, der sich, ob des ihm durch den sogenannten Service-Beitrag garantierten üppigen Gehalts, beileibe keine Sorgen ums materielle Dasein machen muss, so etwas Essentielles wie den Benzinpreis für eine flapsige Ansage missbraucht hatte? Ich fuhr daraufhin wohl doch ein bisschen schneller als sonst und verbrauchte mehr Benzin, als es mir lieb war.

Diese Flapsigkeit, dieser kommunikative Fauxpas ist, so dachte ich mir, doch ein Schlag in die Magengrube aller Menschen, die sich Tag für Tag mit dem Auto auf den Weg zur Arbeit – und im Idealfall wieder nach Hause – machen müssen. All jene Pendler, die auf den PKW angewiesen sind, deren Löhne aber nicht proportional zu den Spritpreisen steigen und die, früher oder später, in arge materielle Bedrängnis geraten. Über all jene Menschen macht sich dieser Pausenclown also lustig.

Doch dieser eine Moderator steht nicht alleine da mit seinen verbalen Unpässlichkeiten. Denn ich glaube fest daran, dass solche Äußerungen System haben, indem sie nämlich von beängstigenden Fakten ablenken, diese relativieren und ins Lächerliche ziehen sollen. Das Ausschweigen der Medien über eine solche Dissonanz – wie die des ins Nirvana kletternden Benzinpreises – ist ebenfalls eine bewährte Taktik. Dabei gäbe es eigentlich vieles, was man – mittels investigativem  Journalismus – thematisieren müsste. Das Faktum beispielsweise, dass der Benzinpreis sich zu über sechzig Prozent aus Steuern zusammensetzt und dass es niemand anderes als die Bundesregierung selbst ist, die dies zu verantworten hat. Der Benzinpreis wohlgemerkt, ist da nur ein Beispiel von vielen anderen.

Der gemeine Pöbel wird derweil von Narrativ zu Narrativ gejagt, und sieht sich Realitäten gegenüber, denen er nur noch passiv ausgeliefert ist, statt sie aktiv mitgestalten zu können. Klima, wissen Sie, das ist ein so schön abstrakter Begriff, dass sich über ihn quasi Verbote am laufenden Fließband generieren lassen – sofern diese Fließbänder dann ohne all die Kraftwerke, die ja in den kommenden Jahren abgeschaltet werden, überhaupt noch laufen.

Ja, ein ausgewogenes Klima ist prima, schrieb ich weiter oben. Doch die eigene Bevölkerung als einen in Geld gedrängten Punching-Ball zu verwenden, den man nach Belieben auspressen kann, das halte ich langfristig für sehr gewagt. Auch gewagt ist es, Entscheidungs-Spielräume – Stichworte: die Verbrenner sollen weg – einzuengen, während den Endverbrauchern keinerlei praktikable und finanziell darstellbare Alternativen – sind das E-Autos überhaupt? – aufgezeigt werden. Ich meine: Wo kommen denn die ganzen Rohstoffe für die Akkus her, bitteschön? Und der Strom fließt auch nicht mit Wind allein – jedenfalls noch nicht. Denn wenn der Wind nicht weht, dann auch das Windrad steht. Aber lassen wir derlei platte Reime, denn vieles bleibt da ungereimt. Wer grün handeln will, darf auch das menschliche Handeln nicht vergessen. Wenn wir jetzt, ganz schnell – denn just nach der Corona- ist ja Klimakrise angesagt – „grün“ handeln sollen, dann müssen wir das auch bezahlen können. Jeder einzelne Bürger. Sonst sehen diese nämlich „rot“ oder wählen früher oder später „braun“.   

Wo wir gerade bei Farben sind. Ich glaube, dass die Politik Morgenluft gewittert hat. Das Regieren im Top-Down-Prinzip, so wie in der Corona-Pandemie geschehen, bietet ihr wirklich ungeahnte Möglichkeiten – ganz egal, von welcher Ampelphase wir da sprechen. Aber noch sind die Kartell-Parteien ja dabei, die Beute untereinander aufzuteilen. Klima und Klanzler. Beides beginnt mit „K“, genauso wie das Wort Krise, wobei Frau Baerbock so gerne die erste Klimakanzlerin geworden wäre. Krise abgewendet, könnte man da sagen. Vorerst, denn der Gedanke daran, es könnte eine Klimakanzlerin Annalena Baerbock geben, weckt in mir unweigerlich seltsame Assoziationen an Kanzler Palpatine aus Star Wars. Vielleicht weil Annalena auch so gerne gehabt hätte, dass die Macht um jeden Preis mit ihr ist, und dabei auch deren dunkle Seite nicht fürchtet. Immerhin sondiert sie ja bereits mit der FDP.

Ganz gleich, wer regiert: Besser wird es für den Durchschnittsgeldbeutel nicht werden. Ergo: Selbst wenn der Mindestlöhner seine zwölf Euro pro Stunde bekommt, gibt er die paar Groschen mehr ohnehin an der nächsten Tanke wieder aus. Aber, was will er machen.  

Das Argument „gut fürs Klima“ wirkt eben so schön frisch und moralisch integer, dass jedes Gegenargument sowas von dagegen abstinkt. Nach dem Motto:  Du bist gegen steigende Rohstoffpreise? Du bist ja gegen das Klima und ein ganz Böser für die Erde, du Klima-Dissident. Ich sehe schon geheime Treffen von in Palästina-Schals gehüllten, aus Dosen Bier trinkenden, Diesel gefüllte Rasenmäher nutzenden, Diesel-PKW fahrenden Abtrünnigen vor mir, die sich samstags auf einem abgelegenen Feldweg treffen, ganz im Geheimen – um der alten Zeiten willen.

Was gerne vergessen wird, ist, dass es nicht nur ein Klima, sondern viele Klimas – und damit einen  furchtbareren Plural mehr – gibt. Das Gesellschaftsklima zum Beispiel, dem wir uns genauso wenig entziehen können, wie dem Wetter. Und eine Politik der Verbote führt  da unweigerlich in eine gesellschaftspolitische Warmzeit, in der sich die Gemüter aufheizen – auch wenn die Mehrzahl der Deutschen – noch – den Tiger an der Tankstelle im Tank lässt.

Der Radiomoderator lallte währenddessen etwas vom Wetter. Es soll sonnig werden, meinte er. Hat bestimmt etwas mit dem Klimawandel zu tun, dachte ich mir. Von links fädelte sich ein Porsche Cayenne-E-Hybrid  auf meiner Spur ein. Gutes Klima muss man sich schon leisten können.  

DIE LINKE im Abseits

Das wird knapp für DIE LINKE. Leider. Aber: Selber schuld.

Eine Analyse von Andreas M. Altmeyer

Wenn DIE LINKE in diesem Jahr um ihren Einzug in den Bundestag bangen muss, so ist dies auf zwei wesentliche Fehlleistungen ihrerseits zurückzuführen. Zunächst wäre da das Festhalten an einem obsoleten Pragmatismus zu nennen, der von einer Welt ohne Grenzen und dem friedvollen Multi-Kulti-Zusammenleben träumt, ohne dass dies von irgendeiner Instanz großartig würde reguliert werden müssen. Diese Annahme ist meiner Erfahrung nach nicht nur verfehlt, sondern sie stellt DIE LINKE politisch ins Abseits, indem sie nämlich dadurch für eine breite Wählerschicht unwählbar wird. Das ist mehr als bedauerlich, da es eigentlich eine starke LINKE bedürfte, um die gesellschaftspolitischen Herausforderungen anzugehen, die auf uns – und erst recht auf die nächsten Generationen – zukommen. Erste Symptome dieser Disparitäten werden schon jetzt sichtbar: steigende Rohstoffpreise, die Überschwemmung der Finanzmärkte mit billigem Geld und die daraus resultierende stark gestiegene Inflationsrate, andererseits die Wertsteigerung bei den Immobilien, die Aufblähung der Rüstungsetats und die zusehends immer lobbygesteuerte Ausrichtung der ehemaligen Volksparteien, die absolut gesehen schier in der Bedeutungslosigkeit verschwinden und, damit ihre Machtansprüche überhaupt von ihnen geltend gemacht werden können, relativ abenteuerliche Koalitionsbündnisse schmieden müssen. Eben diese Koalitionsbündnisse gleichwohl zeigen, wie wenig den Parteien am eigenen Profil gelegen ist, wenn es um den Regierungsanspruch geht. Wer da nicht auf Gedeih und Verderb mitregieren möchte, fällt auf, so wie Lindner im Jahre 2017, als er die Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU und den Grünen scheitern ließ und damit ein farbenfrhohes Jamaika-Bündnis verhinderte.

Doch zurück zur Ausgangslage und zu den wachsenden Ungerechtigkeiten in den heutigen Tagen. All diese könnten nämlich der Partei DIE LINKE die Potentiale bieten, sprich: Wähler bringen, welche es für einen echten Richtungs- und Politikwechsel bedürfte. Umso bedauerlicher, dass diese Chance keineswegs genutzt wurde und stattdessen inhaltliches Klein-Klein auf der Agenda der Partei stand und noch immer steht. Symbolisch wird dieses Klein-Klein wohl am wahnwitzigsten bei der Debatte ums Gendern und die Geschlechtsidentitäten deutlich, die man bei den Roten bis zum Erbrechen führt – Debatten, die zweifellos auch geführt werden müssen, aber nicht ohne das eigentliche Anliegen einer starken Linken aus den Augen zu verlieren – als da wären die soziale Gerechtigkeit und damit die gerechte Verteilung von Kapital in einer immer ungleicher werdenden Gesellschaft. Die Hybris dieser snobistischen – westdeutschen – Linken, die ihre Wählerschaft vorwiegend aus den urbanen Milieus der Besserverdiener generiert, wird sich rächen – spätestens am Wahltag, nach der ersten Hochrechnung.

Andererseits sind die Themen Entfremdung und Identitätsverlust, also Empfindungen, die ein Großteil der Deutschen teilt, ein linkes Sujet nicht. Zumindest dann nicht, wenn es um die kulturelle Entfremdung der im eigenen Land beheimateten Bevölkerung geht. Und dass dieses Thema kein  Thema der Linken ist, ist ein Problem für die Linke, gibt sie doch so auf eine drängende Frage unserer Zeit keine Antwort: Was anfangen mit dem Gefühl des Identitätsverlustes, der eben nicht nur bei Migranten oder Schutzsuchenden zu finden ist. Bei diesem Wegschauen ist die Partei DIE LINKE so ängstlich, dass sie nicht einmal den Blick aus den Reichstagsfenstern wagt, vielleicht aus Angst, was sie da sehen könnte: z. B. verlassene Ladengeschäfte, andererseits die immer gleichen Läden, Schischa-Bars und Handygeschäfte, was nicht nur zu einer Homogenisierung des Stadtbildes, sondern auch zu einer massiven Ausdünnung des kulturellen Lebens beiträgt.  

Waren bis vor zehn Jahren die Cities dieser Republik noch Zentren des gesellschaftlichen Lebens, sind sie heutzutage für eine nicht geringe Anzahl von Menschen längst zu Gebieten der gesellschaftlichen Desertifikation geworden, in denen sie sich entwurzelt und unwohl fühlen.

Die Utopie der Partei DIE LINKE, den „no nation, no borders“ -Topos aufrechtzuerhalten, haben Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine früh kritisiert, womit sie sich den Unmut vieler Parteikollegen zuzogen. Ich erinnere mich an krakeelende Parteimitglieder, die durchaus zeigten, dass es „Wutbürger“ auf ihre Weise auch im linken Lager gibt. Wagenknecht, und damit ein partei-internes Zugpferd mit Charme und Eloquenz, wurde stattdessen systematisch demontiert.

Doch nicht das pragmatische Herangehen Wagenknechts an quasi unverrückbare verstaubte Linke Kernpunkte ist es, was die Partei zersetzt und sie gefährlich nah an die Fünf-Prozent-Hürde heranbringt, sondern der realitätsferne Stoizismus der Parteielite, die einerseits nicht bereit ist, Zugeständnisse zu machen und einzelne Punkte der alten Lehre zu verjüngen, andererseits aber – im Falle einer Regierungsbeteiligung – mit der Nato liebäugelt und damit elementar wichtigere Eckpfeiler linken Denkens aufgibt. Selbst Gysi hat das mehrmals bekräftig. Das ist mehr als heuchlerisch, gerade auch deshalb, weil die LINKE die einzig pazifistische Partei in Deutschland war, und damit allen Friedensaktivisten eine Heimat bot. Ein Kuschelkurs mit dem Angriffsbündnis Nato wird genau dies verhindern, zu langfristigen innerparteilichen Verschiebungen führen und die LINKE insgesamt schwächen.

Doch nochmal zurück zu „no nation, no border“ und warum dieses Topos tatsächlich (noch) eine Utopie bleiben wird. Eine nicht eindeutig geregelte Migration führt nicht nur über kurz oder lang zur Überlastung der Sozialsysteme der Einwanderungsländer, sondern auch zu Lohndumping und zur Einschränkung von Arbeitsrechten, indem globale Konzerne nämlich immer wieder aus dem Vollen schöpfen, und auf eine Armee von Billig-Arbeitnehmern zurückgreifen. Dies wiederum wird zu weitreichenden gesellschaftlichen Verwerfungen führen, was weder jenen langfristig hilft, die einwandern, noch dem Einwanderungsland selbst.

Keine räumlichen Grenzen zu haben heißt ja noch lange nicht, auf dem Weg zu einer besseren Gemeinschaft oder einer besseren Welt zu sein. Grenzen setzen Zeichen und sind ein Garant für Sicherheit, was wir nie vergessen sollten. Grenzen dienen weit weniger der Ausgrenzung als der Abgrenzung und damit der Wahrung von Individualität – sowohl örtlich also auch moralisch-ethisch betrachtet.

Und jetzt? Für mich persönlich hat sich die Partei DIE LINKE in letzter Zeit immer deutlicher in einen zahnlosen Tiger im Bundestag verwandelt, der anscheinend die Lust an der Opposition verloren hat und sich gleichzeitig weigert zu analysieren, woran die Partei denn nun kränkelnd. Opposition mag ja „Mist“ sein, wie Müntefering es einst proklamierte. Doch wer weder Lust auf Opposition hat – anders als Gysi seinerzeit, als er noch flammende Reden hielt –, gleichzeitig aber nur mit Glück in den Bundestag kommt, und dazu noch immer von rot-rot-grüner Regierungsverantwortung träumt, der läuft Gefahr, enttäuscht zu werden. Vielleicht wurde die Partei, die einst mit Schwung antrat, Deutschland ein bisschen gerechter zu machen, zum Opfer ihrer eigenen Querelen und fiebert in Visionen. Doch wer Visionen hat, das wusste schon Altkanzler Helmut Schmidt, der sollte lieber zum Arzt gehen.

Am Ende keine Wahl

Klingt es zu fatalistisch, wenn ich sage, dass es nie einen langweiligeren Wahlkampf gab als diesen hier? Langweilig deshalb, weil alle drei sogenannten Spitzenkandidaten allesamt ähnlich sind – und zwar, was ihre Ausstrahlung – früher nannte man das Charisma –, ihre Motivation und zugleich ihr Programm angeht. Sollte man erstere mit einem Zahlenwert zwischen eins und zehn beziffern, wovon „1“ besonders schlecht und „10“ phänomenal bedeuten würde, so kämen die drei von der Tankstelle auf eine von mir verliehene „-10“. Da ist ein Scholz, der sich ob seiner „CumEx“-Affäre und sonstigen Skandälchen nicht vom Image des hanseatischen Kaufmanns zu lösen vermag und uns stoisch von den Wahlplakaten anklotzt. Mit einem Sozialdemokraten hat dieser stählerne Buchhalter genauso viel tun, wie Willi Brandt mit der CSU zu tun gehabt hätte: nöscht. Andererseits eine Annalena Baerbock, die es wunderbar verstanden hat, sich durch ihren Hang zur Selbstüberschätzung, aber auch ihre Neigung zum Lügen ins mehr oder minder politische Abseits zu schießen. Last but not least schließlich wäre da noch ein Armin Laschet, der Kinderschreck, der leicht dem Tolkien’schen Universum hätte entsprungen sein können, als Hobbit, aber als nicht besonders mutiger wohlgemerkt. Die Strahlkraft des Trios ähnelt dann auch eher der einer Zündkerze, denn diese strahlt ja bekanntlich nicht. Auch wenn man es uns glauben machen will, dass alles ganz anders, dass es spannend sei und so fort: Das gähnend öde Triell legte Zeugnis von der Wahrheit ab. Unmotivierte Kandidaten, die sich in allen wesentlichen Punkten ähnlich sind, profillos, antriebslos und gefangen in ihrer berufspolitischen Blase, die ihnen das wirtschaftliche Überleben garantiert und uns mit ideenlosen Zukunftskonzepten, falls überhaupt vorhanden, langweilt. Ja, es wäre alles zum Lachen, wenn es nicht so beschämend wäre. Denn während der Tagesschau-schauende Bürger noch davon ausgehen mag, dass sich durch den Gang an die Urne irgendwas ändert, sollten sich aufgeklärte Geister dieser Illusion nicht mehr hingeben.

Denn ganz egal, ob Baerbock, Laschet oder Scholz: Der Kurs der MS-Deutschland steht fest. NATO-Treue, mehr EU-Aristokratie, mehr Ausgaben und eine herzliche Willkommenskultur, die durch die Sozialkassen fegen wird, gepaart mit jede Menge Klima-schonenden Einschnitten, die vor allem Mittelstand und Mittelschicht belasten: So wird die kommende Legislatur aussehen. Komme an die Macht, wer wolle. Und wer dachte, dass dies mit der CDU etwas christlicher und den Grünen etwas grüner vonstattengeht, dem schmettere ich ein herzliches „Haha“ (Nelson, die Simpsons) entgegen. Und sollten überhaupt Unstimmigkeiten bestehen, werden diese dann geglättet, wenn es ans Schmieden der Koalitationsverträge und dem damit verbundenen Verteilen von Pöstchen und Ministerien geht, womit wir wieder bei Tolkien wären – mit den Worten: ein Vertrag, sie, das Volk, zu knechten, oder so ähnlich.  

Auf diese Weise zeigen uns unsere sogenannten berufspolitischen Eliten, dass die Crux an der parlamentarischen Demokratie, wie wir sie kennen, die „Entrücktheit“ der Herrschenden zum Volk ist. Ein Volk, für das es längst keine echten Volksparteien mehr gibt und dessen eigentliche Interessen leider mit Füßen getreten werden. Während der kleine Mann – respektive die kleine Frau – sich kaum noch leisten kann, als Pendler mit dem Auto auf die Arbeit – und im besten Falle wieder zurück – zu fahren, präsentieren sich grüne Partei-Funktionäre gerne in einer Luxuslimousine aus Ingolstadt, meist ohne den Benzinpreis zu kennen, denn vollgetankt wir ja vom Fahrer – beides finanziert aus Steuergeldern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wer profitiert von diesem Demokratieverständnis, bei dem sich der Volksvertreter selbst wichtiger als das Volk nehmen, von dem sie gewählt wurden? Es sind erstens die Altparteien, die sich auch bei niedrigen desaströsen Umfragewerten über Wasser halten können und schon bei Ergebnissen von fünfundzwanzig Prozent plus parlamentarische Luftsprünge machen, denn gerade die, die nicht wählen gehen, sichern ihnen das parasitäre Überleben im System. Andererseits profitieren davon konservative Parteien wie die AfD. Denn während sich die ehemals großen Parteien in ihrem programmatischen Ansatz vollends unterschieden haben, sind die zusehends nach links ausgerichteten Parteiprogramme selbst für eine CDU nichts mehr Ungewöhnliches. Kurz: Wer heute wirklich konservativ wählen möchte, dem bleibt – vielleicht leider – nur die eine Alternative.

Dass die Perspektivenlosigkeit und erlebte Passivität beim Bürger bestehen, das muss klar gesagt werden, hat letztlich in persona auch mit Angela Merkel zu tun, die ihr politischen Kernklientel in sechzehn Jahren Regentschaft in die parteiliche Diaspora getrieben hat. Gauland kann hier wohl als einer der bekanntesten Überläufer gesehen werden.

Wer die Ängste des eigenen Volkes nicht kennt, der kann auch nicht für dieses sprechen – auf diese einfache Formel kann man es herunterbrechen. Und derlei Ängste gibt es da viele – angefangen bei den wirtschaftlichen Disparitäten, ausgelöst durch die Corona-Pandemie, über die massiv gestiegene Inflationsrate bis hin zu den Folgen der Digitalisierung. Doch das monothematische Narrativ des Klimawandels dudelt keine anderen Götter neben sich.  So hat jeder Wähler zwar eine Stimme, aber die wird wohl ungehört in der Wahlurne am 26. September begraben werden – teils wegen Perspektivenlosigkeit, teils wegen machtpolitischen Geschachere in den Tagen danach. Am Ende ist es einerlei.

Alles Klimakrise oder was?

Umweltschutz, so viel kann man wohl festhalten, war und ist etwas Gutes. Problematisch wird es dann, wenn dieser auf eine Weise von politischer Seite instrumentalisiert wird, die die gesellschaftliche Spaltung fördert. Ein Kommentar von A. M. Altmeyer

Werbebotschaften müssen stringent und einheitlich sein, damit sie von den Rezipienten verstanden werden. In der Welt der Werbung gilt das als ungeschriebenes Gesetz. Genauso wie das Credo: Sende nie mehr als eine Werbebotschaft auf einmal, denn dies, so die Annahme der Kommunikationswissenschaft, würde den Nutzer und damit den potentiellen Kunden überfordern. Ich persönlich glaube, dass diese Annahme stimmt, obgleich sie stark simplifiziert, da jeder Nutzer ja anders tickt, einen sehr individuellen Bildungs- und Sozialisationshintergrund mitbringt und damit schneller – oder eben weniger schnell – verstehen kann, worum es geht.

Was für Werbebotschaften gilt, scheint auch auf Nachrichten übetragbar zu sein. Denn wir leben, medial gesehen, in einem schier monothematischen Zeitalter, in dem die Medien die Menschen von Narrativ zu Narritv lenken, um ihre Aufmerksamkeit buhlen und sie im dauerhaften Alarmzustand halten. Ein Zeitalter, in dem, damit die Medien-Konsumenten es auch wirklich verstehen, oder vielmehr aufsaugen wie ein Schwamm, thematisch immer wieder eine andere Sau – nicht gar zwei oder drei Sauen – durchs Dorf getrieben wird. Corona und die mit dem Virus einhergehende Berichterstattung sind da wohl eine kleine Ausnahme, denn der Zeitraum, in dem die Zuhörer und -seher mittels emotionsgeladenen Sprachegebilden in Angst, Schrecken und Ahnungslosigkeit versetzt wurden, erstreckte sich summa summarum über fast zwei Jahre und war außerordentlich lang. Will sagen: Die Aufmerksamkeit sind. Es muss was Neues her.  

Nun aber, da das Virus und selbst seine weit tückischeren Delta- und Lambada- – oder wie hieß sie nochmal? – -Varianten mittels Impfstoff weitestgehend unschädlich gemacht und damit medial aus dem Fokus rücken, steht schon die nächste Sau bereit, um mit allerlei Tamtam und Schingderassabumm gejagt zu werden. We proudly present (again): the Klimawandel. Klimawandel. Sickert das Wort langsam in Ihr Gedächtnis ein, wandert es schon von Synapse zu Synapse, übermittelt von den fleißigen Neurotransmittern, die ihren Job machen? Klimawandel – am Morgen im Radio – Klimawandel am Abend bei den Tagesthemen. Überall ist der Klimawandel angekommen. Das Wort, und die mit ihm verbundenen Assoziationen, wecken in uns Emotionen – ganz abstrakt, und doch, so scheint es, spür- und erlebbar. Wer wäre nicht für eine saubere, grünere Welt, in der die Vögel überall zwitschern, in der die Bäche kristallklar plätschern und die Luft so sauber wie auf der Zugspitze an einem Wintermorgen ist? Und je öfter wir vom Klimawandel hören – je öfter dieser Begriff bis zum Erbrechen (die alten Griechen nannten dies in der Rhetorik „ad nauseam“) auftaucht, desto klarer appelliert eine innere Stimme in uns: „Da musst du, da müssen wir was tun“. Was kann daran falsch sein?

Erst mal nichts. Denn Umweltschutz ist wichtig. War er immer schon. Als Kind der 1980ger Jahre erinnere ich mich noch an die Bilder vom damals so schmutzigen Rhein, dessen Wasser – ich glaube in Ludwigshafen war es – sich in eine blubbernde, schaumige Plörre verwandelt hatte. Ich erinnere mich auch an Greenpeace-Aktivisten, die in Schnellboten sehr aufmerksamkeitsstark waghalsige Manöver vor japanischen Walfangboten vollführten. Ich fand das sehr beeindruckend als Kind.

Umweltschutz, so viel kann man wohl festhalten, war und ist etwas Gutes. Problematisch wird es dann, wenn dieser auf eine Weise von politischer Seite instrumentalisiert wird, die die gesellschaftliche Spaltung fördert. Und dies beginnt dort, wo er nur durch enorme finanzielle Einbußen für den Einzelnen, von oben herab, diktiert wird.

Ich bin der Meinung, dass dieses Vorhaben „on the way“ ist – und zwar parteiübergreifend, zumindest in Deutschland. Eine Vielzahl der Maßnahmen, die seitens der realitätsfernen EU-Aristokraten, allen voran von der umtriebigen Aufsteigerin Ursel von der Leyen, befehligt werden, werden in erster Linie zwei Gruppen ökonomisch belasten, die ohnehin schon auf dem sinkenden Ast sitzen: Mittelstand und Mittelschicht.

Denn während die Energie-Preise voraussichtlich drastisch steigen, tun dies die Reallöhne keineswegs. Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, können Sie bekommen, wenn Sie mal wieder Ihr Auto auftanken müssen – mit gewöhnlichem Benzin, nicht mit dem Strom aus der Steckdose. Für Pendler, Speditionen, Taxifahrer, Pizzaboten und so fort, das muss ich Ihnen leider sagen, wird es langfristig noch viel schlimmer kommen.

Mehr Steuern sollen es richten, sollen uns, einer Ablasszahlung gleich, rauskaufen aus dem Dilemma, in das uns jene, die jetzt die Steuern fordern, erst hineinmanövriert haben. So einfach ist das – zumindest für jene, die eigentlich unsere Interessen wahren und durchsetzen sollten. Dabei lenkt der plötzliche „grüne Gesinnungswandel“ der Parteien von einer Sache ab: von ihrem jahrzehntelangen Versagen und vom Kuschel-Kurs, den die jeweils regierende Kaste mit den Energie-Konzernen und anderen großen Industriezweigen, darunter vor allem die Autoindustrie, pflegte.

Nur mit diesem Kuschelkurs, andere würden es Fetternwirtschaft nennen, ist es zu erklären, dass jene Technologien, die angeblich so sauber sind, (noch) nur einer elitären und finanzstarken Klasse zugänglich sind, bzw. dass sich nur diese überhaupt ein E-Auto leisten kann. Nach Alternativen – und vor allem nach der kostengünstigen industriellen Fertigung derselben – wurde lange nicht gefragt. Die Renditen flossen ja.  

Doch gehen wir noch einen Schritt zurück: Muss vor einem elementaren Kurs-Wechsel in der Umweltpolitik, der über zig Jahre verschlafen wurde, zuvor nicht über eine umfassende Analyse nachgedacht werden? Eine Analyse des klimatischen Ist-Zustandes, in deren Rahmen  verschiedenste Wissenschaftler zu Wort kommen? Wo ergebnisoffen diskutiert wird, bevor einschneidende Maßnahmen gegen die Bevölkerung „verhängt“ werden? Eine solche Analyse, die natürlich nicht ewig dauern darf, müsste zweifelsfrei klären, ob es den „Klimawandel“, und zwar den durch den Menschen verursachten, gibt, welche Folgen vermeidbar sind und mit welchen wir leben müssen. Dies wären Planspiele, zugegeben, aber immerhin würden sie zur faktischen Untermauerung eines Narrativs beitragen, dessen Folgen (noch) nicht abschätzbar sind. Fakten müssen her.

Denn wenn wir diese Faktenbasis nicht schaffen, wenn elementare Entscheidungen nicht aufgrund von Fakten getroffen und einzig allein aus Aktionismus Maßnahmen abgeleitet werden, laufen wir Gefahr, Emotionalität walten zu lassen, statt Vernunft. Bei der gegenwärtigen Berichterstattung hat man schnell den Verdacht, dass eben diese Emotionalität bewusst geschürt wird. Da nehmen sich Klima und Corona nicht viel.

Es darf obendrein auch die Frage gestellt werden, wie sehr der polititischen Elite wirklich am Klima gelegenen ist, wenn sie einerseits für die Nutzer fossiler Brennstoffe Steuerpakete schnürt, andererseits aber an darauf wurzelnden Großprojekten wie Northstream 2 auf der einen Seite und Fracking-Gas auf der anderen Seite ungebremst festhält. Auch die Militärausgaben werden sukzessive steigen, zumindest, wenn Deutschland das 2 Prozent-Ziel des BIP anstrebt, was ja im Sinne der Amerikaner wäre. Das bedeutet: Noch mehr Großmanöver, noch mehr Schüsse und noch mehr Dreck – zu Land, zu Wasser und in der Luft. Gut für die Umwelt ist die nicht. So viel ist sicher.

Der vom Menschen gemachte „Klimawandel“ – ganz egal, ob es ihn nun gibt oder nicht – ist jedenfalls ein PR-trächtiges Wort. So viel ist ebenfalls sicher. Ein Wort, das Fakten schafft, doch diese sind in erster Linie vorerst mehr von monetärer Natur: mehr Steuern, mehr Abgaben, mehr Einmischung des Staates in die Wirtschaft und mehr Kontrolle. Obendrein bietet dieses aufgewärmte Narrativ den Herrschenden viel Potential, ihre Vorliebe für autokratisches Regierungshandeln unter dem Deckmantel des „Gutes tun für die Umwelt“ ungehemmt ausleben zu dürfen. In Zeiten von Corona hat man Blut gelegt, nun will man mehr. Macht ist eben verführerisch.

Sollte der Bundesregierung – und allen Regierenden dieser Erde – nicht daran gelegen sein, Alternativen bereitzustellen? Denn die Stimme in unserem Inneren, die an unsere Vernunft appelliert, hören wir eigentlich doch alle. Aber nicht jeder, der diese Stimme hört, hat das Geld, in Sachen Umwelt moralisch zu handeln.

Das verkennt die Politik bei ihrem Regieren „von oben herab“ vollends. Was es bräuchte, ist keine weitere Gängelung, kein Ausquetschen der Bürger, keine überteuerten E-Autos, die zwar staatlich, also von uns, subventioniert werden, aber immer noch für die meistenMenschen viel zu teuer sind.

Nun könnte man mir unterstellen, ich will am Alten, am Überholten festhalten. Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, gangbare Wege zu beschreiten, auf denen jene, die sich keinen E-Porsche leisten können und keine Solarzellen auf dem Dach haben, weil sie kein eigenes Dach haben, nicht auf der Strecke bleiben. Es geht darum, dass nachhaltiger Umweltschutz nur „mit der Bevölkerung“ funktioniert, nicht indem man ihn als Größe „gegen sie“ verwendet.

Die Klimafrage ist eigentlich eine Umweltfrage, die schon früh gestellt wurde – deren finale Beantwortung allerdings noch aussteht. Eine solche Antwort jedoch darf wesentliche Teile der Gesellschaft nicht übergehen. Dies ist es, was jene verkennen, die lauthals auf den Straßen ihre Forderungen nach „Future“ postulieren. Viele von ihnen, und das sage ich, obgleich ich politisches Engagement bei Jugendlichen sehr schätze, finden sich nach der Demo in genau jener materiellen Filterblase wieder, die ihnen Mama und Papa finanziert haben: mit Playstation im Einfamilienhaus.

Ein Weg zur Nachhaltigkeit sieht anders aus, und setzt nicht nur ein individuelles, sondern ein systemisches Umdenken voraus.

Wir müssen zuallererst weg vom Gedanken der „Erbschuld“ in Sachen Umweltschutz, denn ein schlechtes Gewissen ist keine Basis für positives Handeln. Nicht jeder von uns ist ein Vielflieger, nicht jeder fährt einen SUV. Aber wir alle leben in einer ambivalenten Welt, in der jene, die dies tun, geschmäht und gleichzeitig bewundert werden, während medial schamloses Konsumverhalten propagiert wird, das mit Nachhaltigkeit nichts zu tun hat. Das ist der Kern des Pudels.

Eines kann ich Ihnen versichern: Eine Wirtschaftsordnung, die auf die Ausbeutung von Ressourcen ausgerichtet ist, hält auf die Frage, wie wir unseren Planeten dauerhaft schützen können, keine Antwort bereit. Wo die Klimafrage zur Interessen-Frage wird, laufen wir allerdings Gefahr, dass die soziale Schere durch eine noch supressivere Abgabenpolitik und mangelnde kostengünstige Alternativen immer stärker auseinandergeht. Das ist weder gut fürs Klima, noch für uns Menschen.

Für Toleranz – aber echt jetzt!

In einer scheinbar offenen bunten Online-Welt herrschen Toleranz und Respekt vor. Oder ist das alles nur Show?

Ein Kommentar von Andreas Altmeyer

In unserer schnelllebigen Zeit ist es leicht, ein Zeichen zu setzen. Wo früher beispielsweise der Kleidungsstil herhalten musste und man sich mittels Klamotten-technischen Dos and Don’ts partikulären gesellschaftlichen Gruppen zuordnete, oder eben von ihnen abgrenzte, ja wo ein spezieller Lifestyle einen  spezifischen Blick auf die Welt bedeutete, dort dominiert heutzutage die Beliebigkeit des Zeitgeistes. Nun ist Zeitgeist ja auch der Name dieses, meines Blogs und es tut mir in der Seele weh, den Begriff als solches negativ zu konnotieren. Aber was sein muss, muss sein. Denn ist nicht an die Stelle von ernstgemeinten Zeichen, von tragfähigen Symbolen, die etwa eine innere Überzeugung zum Ausdruck- und früher, auf den Straßen Berlins, sogar zum Wut-Ausbruch brachten, längst ein pseudo-symbolisches Vakuum getreten, in dem sich gerade jene tummeln, die ihre Meinung gegenüber gewissen gesellschaftlichen Phänomen wechseln wie die Borussia den Trainer?

Und wo wir schon beim Thema Fußball sind – kommen wir doch mal zur LGBT-Debatte – kurz: Regenbogenfarben – ja oder nein. Ich will es hier ganz deutlich zum Ausdruck bringen: Ich bin ganz klar für die Gleichberechtigung von gesellschaftlichen Randgruppen – vorausgesetzt, diese handeln im Rahmen des Gesetzes. Denn eine Randgruppe ist nicht gleich benachteiligt, nur weil sie eine Randgruppe ist. In diesem Sinne finde ich es auch gut, das Thema LGBT in einem breiten öffentlichen Raum zu platzieren – und es zu diskutieren. Dafür ein dickes „Ja!“. Ich bin aber ebenso für wirtschaftliche Gerechtigkeit, für Frieden auf Erden und für Abrüstung. Nun stellen sich die Fragen: Warum wird das zweite von mir angeführte Themenpaket nicht ebenso prominent diskutiert wie die Bestrahlung des Münchener Stadions – und zwar ganzjährig? Dazu später. Und die zweite Frage: Verliert ein Symbol seine Symbol- und Strahlkraft, wenn zu dessen Verwendung nichts weiter dazugehört als ein Mausklick. Ein Mausklick, der beweisen soll, wie offen man ist, wie tolerant und wie cool – zumindest nach außen hin. Ich denke, ja.

Die Kernfrage könnte so lauten: Wer der vielen Facebook-Profilbild-Changer hätte, sagen wir in den 1960er Jahren, einem schwulen Pärchen wirklich geholfen, wenn es im Central Park oder in München oder sonst wo durch Pöbler oder Schläger in Bedrängnis gebracht worden wäre? Sicher, es mag solche couragierten Menschen geben – und gegeben haben. Aber die Mehrheit der farbenfrohen Facebook-Sympathisanten hätte wohl weggeschaut und sich aus dem Staub gemacht – früher genauso wie heute.

Was ich damit meine, ist, dass anstelle einer gelebten Überzeugung, für die man notfalls auch auf die Straße geht, Zivilcourage zeigt und gar Leib und Leben riskiert, eine Form von Happening-Kultur getreten ist, die „Offenheit“ und „Toleranz“  für ihre eigenen egomanischen Ziele missbraucht. Denn nur weil ich die Regenbogen-Flagge poste, heißt es nicht, dass ich toleranter bin als jemand anderes. Es heißt zunächst nur, dass ich es verstanden habe, was es braucht, um sich tolerant und offen zu geben. Das sind zwei Paar Schuhe.

Wie ich schon sagte: Ein Profilbild ist schnell getauscht, und die damit verbundene Message schnell vergessen – heute sagt man da „Pray for Paris“, morgen ist man gedanklich aber längst woanders. Sicherlich bemängele ich hier eine gewisse Form der diskursiven Oberflächlichkeit und die mit ihr verbundenen Scheindebatten, in denen lieber über Gender-Sternchen Placebo-Diskussionen geführt werden, ohne das gesellschaftliche Ganze im Blick zu behalten, respektive: Um das gesellschaftliche Ganze bewusst auszublenden. Und nochmal: Damit meine ich keinswegs, dass Diskussionen über die Interessen von Partikulärgruppen unnötig sind, sondern nur, dass diese nicht zum Selbstzweck oder gar als Ablenkungsmanöver, gar als Scheindebatte geführt werden dürfen.

Wenn sich da beispielsweise eine Linkspartei in innerparteilichen Diskussionen über das Gender-Sternchen verheddert, anstatt ihren urgeigenen Leitlinien zu folgen und sogar mit der NATO kuschelt, dann geht hier ein wichtiger politischer Gegegnpol verloren. Das machen sich wiederum jene zu Nutze, die von den Scheindebatten profitieren.

Warum werden Themen wie die wirtschaftliche Ungerechtigkeit und so fort nicht genauso diskutiert bzw. wieso erhalten sie nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie der Regenbogen? Vielleicht weil diese Themkomplexe komplex und sperrig sind. Wohl aber auch, weil jene Debatten, wie wir sie über das Münchener Stadion und dessen Farbgebung geführt haben, von anderen Themen ablenken sollen. Da wird die UEFA schnell zum Sündenbock wegen dem Beharren am Konservativen, anstatt ihre Strukturen beispielsweise wegen der zahlreichen Korruptionsverdachts-Fälle in Frage zu stellen. An der Oberfläche kratzen, und im Inneren nichts ändern, das scheint das Motto zu sein.

Dieses doppelte Spiel, das sich Konzerne und Institutionen zu Nutze machen, sollte einem spätestens dann klar werden, wenn Großkonzerne wie BMW und REWE ihre Kunden mit Regenbogenflaggen und Regenbogenlogos beeindrucken wollen. Diese Unternehmen haben, um ganz im Marketing-Jargon zu sprechen, verstanden, auf welchen Content es in der Außendarstellung just in time ankommt. Doch ich muss jene enttäuschen, die glauben, bei diesen scheinbar ach so offenen, die Vielfalt liebenden und total toleranten Konzernen würde am Ende des Regenbogens ein Topf mit Gold auf Mitarbeiter warten.

Man tut zwar bunt, aber wenn’s ums Geld geht, sieht man schwarz. Und um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Ich bewundere alle Kämpfer, die offen ihr Wort erhoben haben und noch immer erheben für die Freiheit – für welche sie auch immer kämpften. Aber zu glauben, es sei ein echtes Statement, ein Stadion zu beleuchten, oder auf Facebook einen Regenbogen zu kommunizieren – das ist einfach nur Banane.

Wie weit es um unsere gesellschaftliche Toleranz wirklich bestellt ist, können Sie schnell sehen. Meist nicht auf Facebook, sondern wenn Sie wieder mal kein Mensch auf die Vorfahrtstraße fahren lässt, wenn wieder mal keiner im Bus für die alte Dame aufsteht und wenn es darum geht, den Wohlstand der einen nicht auf dem Elend der anderen zu gründen. Doch bei vielen Menschen hört die Toleranz schon viel früher auf – beim Debattieren über Impfungen zum Beispiel, beim Deklassieren von Mitmenschen, die ihre Stimme gegen die Politik der Bundesregierung erheben und – man glaubt es kaum – beim Run aufs letzte Päckchen Toilettenpapier im Supermarkt.

Toleranz zeigt sich eben nicht allein im Switchen des Profilbildes, sondern sie entsteht im Kopf, und zeigt sich im Handeln. Echte Toleranz erfordert auch den Mut, sich nicht nur in thematisch ruhige Gewässer zu wagen, sondern auch in stürmische Gefilde, ganz nach Voltaire: „Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.“ Dieser Prozess kann auch mit einem gewissen Zähneknirschen einhergehen, gerade dann, wenn die Mainstream-Armee mal wieder in eine andere Richtung marschiert.

Es gibt noch die Mutigen. Ich erinnere an Ken Jebsen und Sucharit Bhakdi, ich erinnere aber auch an die systematische Stigmatisierung der meist friedlichen Grundgesetz-Fans der jüngsten Vergangenheit, die überwiegend nicht die Existenz von Corona in Frage stellten, sondern den Maßnahmen-Katalog der Bundesregierung. Dafür kassierten sie Häme, Spott und wurden nicht selten mundtot gemacht. Sie machten dennoch weiter.

Und das hat mit einem weiteren Element zu tun: der Empörung, die es dafür braucht. Der Philosoph Stéphane Hessel hat das so formuliert:

Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch, einen Grund zur Empörung. das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der großee Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen – zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit, wenn auch nicht zur schrankenlosen Freiheit des Fuchses im Hühnerstall.

Doch wo nur der Showeffekt zählt, das plakative „Zur-Schau-Stellen“, dort fehlt diese echte Empörung oder wird verwässert. Was bleibt also zu tun? Was wäre ein Anfang?

Bevor man sich, nur damit es jeder sieht, ein neues Profilbild mit Statement zulegt, sollte man vielleicht mal ein kleines Zeichen setzen. Verzicht üben und bei sich selber anfangen. Nicht auf Facebook – sondern ganz altmodisch offline, ohne großen Show-Effekt. Das wäre mal was.

Gelungenes Statement: Die #allesdichtmachen-Kampagne

ein Kommentar von Andreas M. Altmeyer

53 Schauspielerinnen und Schauspieler, unter ihnen Heike Makatsch und Jan Josef Liefers, haben sich zum Ziel gesetzt, Kritik zu üben. In ironisch-bitteren Clips, die vor allem die Corona-Politik der Bundesregierung und die daraus resultierenden Folgen aufs Korn nehmen. Mit einer Kampagne, die polarisiert, aber nicht plump daherkommt: #allesdichtmachen.

Kaum waren die kurzen Videos veröffentlicht, folgten die mediale Häme und die systematische Demontage auf dem Fuße – teils von öffentlichen Medien, teils aber auch von Schauspiel-Kollegen, die sich prompt distanzierten. Sogar einige Teilnehmer der ironisch-sarkastischen Kampagne selbst, so auch Heike Makatsch, haben ihr Fähnlein wieder rasch Richtung Mainstream-Medien und damit Richtung Konformismus gedreht. Wes Brot ich es, des Lied ich sing. Schnell wurden die übrigen prominenten Gesichter von #allesdichtmachen in die rechte Ecke geschoben, schnell als unsolidarisch und völlig empathielos abgestempelt. Doch was zeigt das? Was zeigen diese systematischen Stigmatisierungen durch den Mainstream-Zeitgeist und seine Vasallen, z. B. die weitestgehend Panik statt Optimismus verbreitenden Medien? Das beweist letztlich doch nur, dass eine solche Kampagne, ein solches geschlossenes Statement längst überfällig, richtig und ein Stachel im Auge der Meinungsmacher ist. Denn Raum zur öffentlichen Debatte, Raum zum politischen Diskurs tut Not in diesem Land. Viel zu lange haben Künstler und sogenannte Intellektuelle geschwiegen zu einem Maßnahmen-Katalog, der weder verhältnismäßig, noch wirklich sinnhaft oder nachvollziehbar ist. Das sollte spätestens jetzt, im gefühlt zehnten Lockdown inklusive nächtlicher Ausgangssperre, auch jedem noch so unpolitisch denkenden Menschen klar geworden sein.

Doch das Virus des vorauseilenden Gehorsams und des Nicht-Reflektierens hat während der Corona-Krise auch gerade die sogenannte intellektuelle Kaste und jene, die sich dafür halten, befallen. Manche Liedermacher und selbst manche Philosophen werden da zu „Abnickern“, Befürworten und „Wegduckern“, die jede abweichende Meinungsäußerung als Schwurbelei und Verschwörungstheorie abtun. Wo sind die Rudi Dutschkes, wenn man sie mal braucht? Und was wurde eigentlich aus einer linken Bewegung, der ich ob ihres differenzierten Gespürs beigetreten bin, die Klasse der Herrschenden im Auge zu behalten und ihre Machtinstrumente zu analysieren? Doch links ist heute, wer „ja“-sagt, wer schweigt und eine Agenda mitträgt, die mit Kanonen auf Spatzen schießt und ungerecht ist. Schöne neue Welt.

Längst hat die politische Dimension von Corona die medizinische überholt, längst ist die Liebe der Herrschenden zum Autoritarismus spür- und erlebbar. Dass es beim Begründen derselben autoritären Maßnahmen nicht um Fakten geht, zeigen die Zahlen, so zum Beispiel auch die Studie von Prof. Ioannidis et. al. zur Unwirksamkeit von Lockdowns. Die Studie können Sie hier nachlesen. Auch rein juristisch betrachtet ist dies alles sehr bedenklich, gerade auch das neue Infektionsschutzgesetz, das wohl sicher und Gott sei Dank sowieso bald von Karlsruher Richtern kassiert werden dürfte.

Allein es bleibt die Frage offen, warum weiterhin an einem Kurs festgehalten wird, der die „MS Deutschland“ schon bald auf die Sandbank führt und die Mehrzahl ihrer Passagiere in immer größere „Seenot“ bringt. Aber wieder zurück zu #allesdichtmachen.

Diese gelungene Kampagne ist letztlich ein Brennglas, eine auflodernde Flamme, die zeigt, wie tief der Riss durch die Gesellschaft mittlerweile schon verläuft. Denn wo selbst die Kunst nicht mehr frei ist, sich von Autorität nicht distanzieren und sie nicht kritisieren darf, ohne dafür auf übelste Weise beschimpft zu werden, da ist der Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Meinungsfreiheit eigentlich gewährleisten soll, nur noch ein Schönwetter-Paragraph. Noch einmal: Viel zu lange wurde gerade von Seiten der Intellektuellen geschwiegen, wurde eine systematische Aufweichung des Grundgesetzes hingenommen, wurden Andersdenkende an den rechten Außenrand und so ins Abseits gestellt. Doch genau diese rhetorischen Keulen sind die Diskussionskiller, die jeglichen echten Meinungsaustausch schon im Keim ersticken.

Wer also die Kampagne nur deswegen abstraft, weil ihr einige AfD-Politiker Beifall klatschen, der hat das System der Demokratie nicht verstanden. Demokratie braucht keine Totschlag-, sondern konstruktive Argumente, die eine politische Debatte im öffentlichen Raum beleben. Und dieser erste Schritt ist mit der Kampagne getan. Nun liegt es an uns, was wir daraus machen, ob wir uns weiterhin medial passiv berieseln, ob wir die Angst regieren oder Optimismus walten lassen. Aber dafür ist es nötig, aus der Rolle der Passivität zu schlüpfen und sich nicht weiter zum Spielball der R-Werte und Inzidenzzahlen zu machen.

Letztlich müssen wir uns von dem Irrglauben verabschieden, dass wir da, aus der Krise, alle unbeschadet rauskommen, dass wir das zurückgewinnen, was wir als Normalität kannten. Diese Erkenntnis tut weh, sickert aber langsam in unsere Köpfe. Kein Impfstoff der Welt und keine noch so sinkenden Zahlen werden daran langfristig etwas ändern. Wollen wir uns wirklich so behandeln lassen? Ist die „Verlängerung des Lebens um jeden Preis“ wirklich lebenswert, macht dies unser Dasein aus? Oder ist das Leben mehr als die Summe seiner Teile? Ist Gesundheit mehr als das Verhindern einer Infektion? Über all das müssen wir nachdenken, Schlüsse ziehen, und daraus Handlungen ableiten.

Das gilt insbesondere auch für ein von den Medien bewusst verbreitetes Klima der Angst, das seit über einem Jahr ausschließlich Corona fokussiert und kein anderes Thema mehr kennt. Kein Wunder: Waren die Medien doch immer schon ein probates Mittel, um den Status Quo und die damit verbundene Meinungshoheit zu etablieren. Was dagegen hilft wusste übrigens schon Peter Lustig: Abschalten!

Noch ist uns das Recht zur freien Meinungsäußerung durch den Artikel 5 GG ipso iure gegeben. Aber wer weiß: Vielleicht wird auch noch dieser demnächst aufgeweicht und von einem weiteren sogenannten „Schutzgesetz“ ausgehebelt. Ganz auszuschließen ist das nicht.

Ich persönlich ziehe meinen Hut vor jedem einzelnen der Schauspieler und vor jedem, der dem öffentlichen Druck nicht nachgibt. Jan Josef Liefers hat in seinem Clip das Regierungsmantra sarkastisch pointiert: „Verzweifeln Sie ruhig, aber zweifeln Sie nicht.“ Im Gegenteil: Die Zeit des Zweifelns ist gekommen.

Ist das hier alles noch gesund?

Ein Kommentar von Andreas M. Altmeyer

Der Begriff „Gesundheit“ ist, wenn es auch auf den ersten Blick so scheinen mag, alles andere als leicht zu definieren. Gesund, das ist das Gegenteil von krank. So weit, so oberflächlich. Aber genau diese Oberflächlichkeit kennzeichnet das Niveau, auf dem gegenwärtig die gesellschaftliche Diskussion über das, was gesund ist und eben nicht, geführt wird. Denn dieses simplifizierende Narrativ geht von einem stets biologistischen Weltbild aus, reduziert den Menschen auf einen potentiellen Empfänger und Übeträger eines Virus, das wie aus dem Nichts über ihn hereinbricht.

In diesem Weltbild ist kein Platz für Besonderheiten, für menschliche Eigenarten, es unterteilt die Menge lediglich in A und B, in gesund und krank, quantifiziert, statt die menschlichen Qualitäten bei der Risikobewertung mit einzubeziehen. Und hier liegt der Hase im Pfeffer.

Denn obgleich an allen Ecken, ob in der Pflege, beim Physiotherapeuten, beim Yoga oder beim börsennotierten Global Player, von einem ganzheitlichen Ansatz gesprochen wird, scheint eben darauf bei Corona keinerlei Wert gelegt zu werden. An einen ganzheitlichen, konzeptionell abgestimmten und gleichwohl maßvollen Ansatz ist hier jedenfalls nicht zu denken. Stattdessen scheint das Virus, allein das Virus, so sehr ins Fadenkreuz der Bundesregierung und dem ihr anhängenden Mediziner-Virologen-Appendix geraten zu sein, dass schlicht und einfach nicht über den Tellerrand geschaut und jedes maßvolle Handeln vergessen bzw. bewusst vermieden wird.

Vergessen wird leider auch, dass das Konzept Gesundheit mehr ist als eine Etikettierung, als das Labeln in gesund und krank. Und ja: Auch das Labeln selbst kann schon krank machen. Zum Beispiel wenn Schülerinnen und Schüler inmitten des Klassenraumes von nicht-medizinischem Personal getestet werden, und im Falle eines positiven Testes Spott und Häme ausgesetzt sind. Ist das ein gesundheitsförderndes Verhalten? Werden hier nicht gruppendynamische Prozesse in Gang gesetzt, die Mobbing und Ausgrenzung Tür und Tor öffnen? Eigentlich müsste sich da jeder Pädagoge an seinem Berufsethos gepackt fühlen, doch der große Protest bleibt größtenteils aus. Das ist bedenklich.

Auch wäre einmal zu überlegen, ob wir den von Politik und Medien propagierten Gesundheitsbegriff für wirklich gesund erachten sollten. Denn Gesundheit ist nicht zu vergleichen mit einer „Wenn dann“-Funktion in Excel, sie lässt sich nicht fassen, ist einfach da oder eben nicht, dann fühlen wir uns krank. Gunnar Kaiser, den ich sehr schätze, vergleicht sie mit einem Vogel, den man nicht fassen kann und da gebe ich ihm recht. Denn wer Gesundheit zu jedem Preis einfassen möchte, der läuft Gefahr, Ungesundes dafür zu tun. Dennoch erleben wir in Deutschland spätestens seit Corona diese Taktik, bei der staatlich verordnete Maßnahmen als „gut“ und akzeptabel deklariert werden, ohne die Risiken zu beachten, welche genau diese Maßnahmen mit sich bringen.

Gesundheit ist ein Konzept, das, so wissen wir es spätestens seit Aaron Antonovsky und seiner Idee von der Salutogenese, schon beim gesunden Menschen ansetzt und eben ganzheitlich zu sehen ist, das heißt auf allen Ebenen. Doch davon will unsere Regierung nichts hören. Leider. Sie will nichts davon hören, dass sich eine 93-jährige Frau im Krankenhaus wie im Gefängnis fühlt, nachdem sie Corona-positiv getestet wurde, aber top fit ist. Sie will nichts davon hören, dass man früher symptomfreie Patienten mal gesund nannte. Sie will nichts davon hören, dass es krank macht, seine Kinder und Enkel und Eltern nicht zu sehen. Nicht zu ihnen ins Krankenhaus zu können. Was glauben Sie, wieviele Selbstständige und Gastronomen in letzter Zeit daran gedacht haben, sich das Leben zu nehmen? Wie viele es vielleicht schon getan haben? Was denken Sie, was das alles hier, die Fixierung auf R- und Inzidenzwerte und Co, so alles mit uns und unserer Welt macht?

Es ist eine Reduzierung des Menschseins selbst. Ein erbärmliches Herunterbrechen auf einen Nenner, ein Kürzen bis es nicht mehr geht.

Ich frage Sie: Ist all das maßvoll? Ist dies wirklich gesundheitsfördernd? Oder ist es eher ein Klima der Kälte und der Suppression, das uns hier entgegenschlägt, das den Virus zum neuen Fetisch und goldenen Kalb zugleich erklärt und längst Maß und Ziel aus den Augen verloren hat? Man könnte sicherlich daran denken.

Das zugrundeliegende Gesundheits-Konzept, das hier erst mittels Polizei und sonstigen Behörden etabliert werden muss, hat jedenfalls mit Ganzheitlichkeit nichts zu tun. Es ist nicht warm, nicht empathisch und nicht menschlich. Es verliert den Menschen stattdessen aus dem Blick, weil seine Initiatoren auf ihn herabschauen, statt ihn anzuschauen. Es reduziert ihn auf einen potentiellen Virusträger, einen Gefährder, der eher unverantwortlich als verantwortungsvoll handelt. Gleichzeitig entmündigt es ihn, behandelt ihn wie ein Kind, das den Anordnungen, Regeln und Gesetzen, die im Eilverfahren und weitestgehend unreflektiert (siehe Ostersamstag-Dilemma der Kanzlerin) durchgewunken werden, Folge leisten muss.

Ginge es stattdessen um echte Gesundheit und wäre der Regierung wirklich daran gelegen, würde sich dies sicherlich anders widerspiegeln. Ich weiß nicht wie, aber anders. Es liefen vielleicht Ratgeber-Sendungen im Internet, es wäre ein Klima des „Das wird schon“, ein motivierendes Anfeuern zum Durchhalten. Stattdessen klingt das allerorts lesbare „Bleiben Sie gesund“, da fast schon wie eine Drohung. Es klingt jedenfalls nicht wirklich freundlich.

Würden die Regierenden Gesundheit als ein vielschichtiges, als ein multifaktorielles Konzept betrachten und verstehen, dann müssten auch die Fragen nach den Kollateralschäden, nach den Nebenwirkungen aller invasiven Taktiken gestellt werden. Es ginge nicht nur um Machtpoker, bei dem die Systemrepräsentanten auf der Bühne der Bundespressekonferenz immer noch so arrogant und selbstgefällig sind wie eh und je.

Merken Sie auch wie ich, dass es plötzlich auf der Welt kein anderes Thema mehr als die „Große Grippe“ zu geben scheint? Doch eigentlich gibt es da noch so viel mehr. Wussten Sie, dass die USA zwei Zerstörer ins Schwarze Meer verlegt haben, an die Grenzen Russlands? Auch der Bau der neuen Seidenstraße geht ungebremst voran. Berichtet wird davon im Moment eher nur „rudimentär“. Stattdessen mediales Zahlengewusel, das uns als Zuschauer stumm und betäubt im Theater des Wahnsinns zurückbleiben lässt. Jeden Tag.

Kann das gesund sein? Darf Politik das, was sie hier macht, maßlos, entrückt von der Realität? Ist all das ethisch und moralisch überhaupt vertretbar? Wohl kaum! Gerade dann nicht, wenn man sich an den Corona-Zahlen selbst orientiert. Stand 11. April 2021 starben in Deutschland 78.402 Menschen an oder mit Corona. Und ja, genau betrachtet muss man jene Fälle, die mit der kleinen aber wichtigen Präposition „mit“ gekennzeichnet sind, unbedingt abziehen. Denn eine klare, evidenzbasierte Zahlenbasis ist auch die Basis jeder Naturwissenschaft, die ja wiederum daraus die richtigen Schlüsse ableiten muss. Aber selbst wenn wir die Menschen, die „mit“ Corona verstarben in unsere Rechnung inkludieren, entsprechen das 0,09 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Übrigens starben im Jahr 2019 rund 231.000 Menschen in Deutschland an Krebs. Zigaretten und Alkohol gibt es, soweit ich weiß, immer noch zu kaufen …

Aber schauen wir uns – um eine noch repräsentativere Basis zu erhalten – die weltweiten Corona-Zahlen an (ebenfalls Stand 11. April 20021): 2,92 Mio. Todesfälle, das entspricht einem prozentualen Anteil an der Weltbevölkerung von 0,04 Prozent.

Was zeigt uns das? Dass Corona eine Krankheit ist, vor der man sich schützen sollte. Das zeigt aber auch, dass weder der mediale Overkill, der uns seit über einem Jahr zudröhnt, noch ein Dauerlockdown gerechtfertigt sind. Gerechtfertigt sind auch nicht die massiven Grundrechtbeschneidungen, die man uns mit dem Etikett „Wir müssen zusammenhalten“ verkauft, während wir vom Staat entmündigt und gesellschaftspolitisch gespalten werden.

Alles ist im Leben eine Frage der Risikobewertung. Vieles kann passieren, potentiell. Jedes Opfer ist eines zu viel. Das gilt für Corona-Tote genauso wie für die Menschen , die im Straßenverkehr, in der U-Bahn oder bei einem Terroranschlag zu Tode kommen.

Doch es muss auch klar sein: Eine Gesellschaft, die mit invasiven Maßnahmen so gegängelt wird, obgleich diese Maßnahmen in keinem Verhältnis mehr zu dem durch sie potentiell vermiedenen Risiko stehen, wird strukturell toxisch. In ihr gährt es und es wird ungemütlich. Denn wenn um Existenzen zu schützen Existenzen gefährdet werden, Menschen gar Jobs verlieren oder aus Angst nicht mehr zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, dann bekommen die sogenannten Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit einen faden Beigeschmack. Dann wird es gefährlich, denn es könnte zu irreparablen Verwerfungen kommen, im Zuge derer sich unsere Gesellschaft langfristig nachteilig verändert und selbst amputiert.

Quellen und Literatur:

aerzteblatt.de, https://www.aerzteblatt.de/archiv/209251/Aaron-Antonovsky-Vater-der-Salutogenese, abgerufen am 11.04.2021

Kaiser, Gunnar, Die Verborgenheit der Gesundheit, https://www.youtube.com/watch?v=koRaX25fOqw, abgerufen am 11.04.2021

Liste von Staaten und Territorien der Welt, https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Staaten_und_Territorien_nach_Einwohnerzahl, abgerufen am 11.04.2021

Todesursachen in Deutschland, https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/_inhalt.html

Corona stellt die Klassenfrage

Während die einen zu Hause bleiben und Mikado spielen, schuften die Beschäftigten im prekären Sektor weiter – unbemerkt von der öffentlichen Wahrnehmung, ohne Lobby und oft ohne finanzielle Sicherheit.

Ein Kommentar von Andreas M. Altmeyer

In der westeuropäischen Sphäre wirkt die Corona-Krise wie ein Brennglas, das die gesellschaftliche kapitalistische Realität verdichtet und deren Abgründe schonungslos offenbart. Das beginnt schon damit, dass die Verordnungen und Erlasse quasi im „Top-down-Prinzip“ jene diktieren, die am wenigsten von selbigen betroffen sind. Namentlich die vom pulsierenden Herz der Gesellschaft entrückte politische Kaste der „White Collars“, die bei ihrer Entscheidungsfindung weder moralisch-ethische, noch gesellschaftliche tragbare Faktoren berücksichtigen muss, obgleich sie als „Angestellte des Volkes“ voll und ganz dazu verpflichtet wäre.

Diese Verpflichtung beinhaltete auch, dass ein staatlich verordneter Lockdown nur als allerletztes Mittel der Wahl überhaupt erst hätte in Erwägung gezogen werden dürfen und zwar nach sorgfältiger Prüfung aller potentiell wählbaren Optionen. Diese Prüfung hätte sicherlich auch die Einbeziehung eines Expertenrates aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft, wie beispielsweise der Soziologie, Psychologie, Ökonomie und so weiter bedurft. Auf diese Weise hätte der Zielsetzung „So viel Einschränkung wie nötig, so wenig wie möglich“ solide und auf evidenter Basis Folge geleistet werden können, um einseitige, unangemessene und voreilige Schlüsse zu vermeiden.

Stattdessen aber erließen und erlassen Politiker die „Schutzmaßnahme Lockdown“ mehr als großzügig, blind vertrauend auf einen sehr kleinen Rat der Weisen, der sein Urteil einzig und allein von Messwerten und Zahlen abhängig macht, die allesamt aus einem biologisch-medizinischen Umfeld stammen, ungeachtet scheinbar der Nachwehen, die eine solche Einseitigkeit mit sich bringt. Denn Nutzen und Wirkungsgrad der Maßnahme „Lockdown“ ist zumindest diskussionswürdig. Das legt beispielsweise die Stanford-Studie von Prof. Ioannidis nahe. Doch eine echte Diskussion findet im politischen Raum schon lange nicht mehr statt.

Die Gräben der kapitalistischen Lebenswelt, die schon vor Corona von Altersarmut, Niedriglohn und Privatisierung auf allen Ebenen geprägt war, vertiefen sich weiter. Eine Gesellschaft der Ungleichheit, in der sich die einen im Lockdown dicke Wohlstandsbäuche anfuttern, während der Alltag der anderen – zum Beispiel jener von Busfahrern, Kassiererinnen, Pizza-Boten und so fort – unverändert vonstattengeht. Wäre dem nicht so, könnten sich jene, die daheim bleiben, weil sie es dürfen, keine Wohlstandsbäuche anfuttern. So einfach ist das. Es geht hier, darauf lege ich Wert, nicht um Verurteilung der einen gegenüber den anderen, es geht um Wahrnehmung, und zwar des gesamten breiten Spektrums, in dem sich die Corona-Krise vollzieht.

Corona bietet damit nicht zuletzt auch Potential zur gesellschaftlichen Spaltung und verstärkt sie. Diese Spaltung betrifft einerseits die Arbeiterschaft, an deren einem Ende bestens abgesicherte Facharbeiter sitzen, während am anderen Ende Zeitarbeiter ihr Dasein fristen. Jener Riss verläuft aber auch in weiten Teilen des Dienstleistungs- und Servicesektors, wo sich unterbezahlte Mitarbeiter zum Mindestlohn verdingen müssen. Sie alle sind Teil dieser ehemaligen Arbeiterschaft, von der Marx sprach, sie alle müssten eigentlich mit einer Stimme unisono sprechen. Doch gerade die bestens versorgte und abgesicherte Teilmenge scheint sich für die Nöte ihrer Kollegen wenig oder gar nicht zu interessieren.  Wo dieses Klassenbewusstsein aufgeweicht wird durch Eigennutz und Vorteilsnahme, da hat die Durchsetzung nachhaltiger Interessen keine Chance mehr, da ist die Selbstbehauptung und Emanzipation dieser neuen prekären Arbeiterschaft verloren.

Was bedenklich ist: Meist fordern gerade die Menschen härtere (und immer härtere) Corona-Maßnahmen, die sich das überhaupt erst leisten können. Es sind solche Menschen, die sich mittels unbefristeten Arbeitsvertrags in relativer ökonomischer Sicherheit wähnen und mit dem Laptop auf den Knien – zwischen Bügelbrett und Wäsche waschen – E-Mails schreiben. Das Ganze wird dann Home-Office genannt, und von vielen Home Officers mit wehleidiger Miene konnotiert. Das Auto steht derweil brav in der Garage, verbraucht kein Benzin, die Klamotten müssen auch weniger gewaschen werden und man hat sogar noch mehr Zeit, sich um sich selbst zu drehen. Kurz: Man spart Geld. Solche Opfer bringt Mann, respektive: Frau, doch gerne, oder? Dabei ist es genau genommen nicht so sehr selbstlos, sondern in aller erster Linie bequem, ein heroischer „working couch potato“ zu sein.

Denn diese Form des Altruismus verlangt nicht viel ab: Bietet dieser Rückzug in die neue Privatheit doch noch mehr Möglichkeiten zum Egozentrismus und serviert dazu gratis noch ein gutes Gefühl, während all die vielen anderen diesen Wohlstand überhaupt erst sicherstellen. „Uns geht es doch gut“, hört man dann die Helden von der Couch herab rufen und das stimmt! Aber wo bitteschön, ist die viel gerühmte „christliche Agape“, oder das Mitgefühl den Anderen gegenüber? Gegenüber den unzähligen Arbeitern, Dienstleistern, Sicherheitsmitarbeitern, Taxifahrern  – die nicht in der öffentlichen Wahrnehmung präsent sind, deren Arbeitsalltag aber (fast) so weitergeht wie vorher. Schlimmstenfalls aber mit deutlich weniger Geld in der Tasche, und zwar ohne Schichtzulage, Boni, Kurzarbeitergeld und Job-Perspektiven?

Apropos Perspektiven: Sollten wir diese Krise, irgendwo, irgendwie, irgendwann mal überwunden haben, so trifft es genau diese prekäre Dienstleiter- und Arbeiterschaft am Härtesten, und nicht den fest angestellten Facharbeiter bei Daimler-Benz, für den es die Gewerkschaft bei der nächsten Tarifrunde bestimmt richten wird. Auch Kranken- und Altenpfleger, Gott schütze sie, wird die Krise nicht aus der Bahn werfen, denn sie werden händeringend gesucht. Einen glatten Bauchschuss werden aber all jene erleiden, die schon vor der Krise schlechte Chancen auf dem „Arbeitsmarkt“ hatten und denen die Digitalisierung jetzt noch mehr als zuvor das Wasser abgräbt: die alleinerziehende Bürokauffrau mit zwei Kindern und Zeitvertrag, die Mitfünfzigerin in der Putzkolonne, der Sicherheitsmitarbeiter. Kurz: All jene, die keine starke Lobby haben.

Ich höre jetzt schon die neoliberalen Auguren raunen: „Seid dankbar für jeden Job, auch wenn ihr fünf davon machen müsst, um eure Familie zu ernähren. Nach der Krise müsst ihr die Zähne zusammenbeißen. Da kann man nichts erwarten. Mindestlohn? Den müssen wir senken! Energiepreise? Die müssen steigen!“

So kommen die einen in der „post-coronaren Phase“ wieder frisch und munter aus den Home-Offices dieser Republik gewackelt, während die anderen nie weg waren von der Bildfläche – weil ohne sie die Existenz der anderen gefährdet gewesen wäre. Dieselben Auguren werden dann vom „Aufschwung“ sprechen und dass man sich jetzt wie noch nie ins Zeug legen müsse. Das alles werden sie mit dem Deckmantel der Menschlichkeit und des Gemeinwesens versehen, aber in Wahrheit geht es nur darum, die Gewinne weiter zu maximieren und satte Dividenden abzuschöpfen. 

Dass dieses Spiel auf Kosten von Menschenleben geht, wird auch in unseren Nachbarländern deutlich. Besonders die Länder, die vom Internationalen Währungsfond (IWF) in der Vergangenheit hart an die Kandare genommen, und zu schweren Einsparungen gezwungen worden waren, trifft die Krise mit voller Wucht. Beispiel Portugal: Seit das Land 2011 unter den Euro-Rettungsschirm geschlüpft ist, war es gezwungen, 800 Millionen Euro im Gesundheitssektor einzusparen. Das rächt sich jetzt. Beispiel Spanien: Hier rutschte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen April und Juni 2020 in den Keller, schon 2012 hat der IWF die Iberer aufgerufen, einen Austaritäts-Kurs einzuläuten. Unter anderem solle man Löhne senken, um den Arbeitsmarkt zu beleben. Dazu kommen Notkredite für die fünfundzwanzig ärmsten Länder dieser Erde, die zwar schnelle Hilfen, aber langfristige finanzielle Abhängigkeiten für eben diese Länder mit sich bringen dürften. Dann wären da noch die Interessen einer übermächtigen Pharma-Lobby, die mit dem Impfstoff-Geschäft die Freuden eines neu belebten Marktes genießen wird. Auch dieser Markt wird einzig und allein bestimmt von Börsenkursen, Dividenden und Gewinnmaximierung. Das sollte man nicht vergessen.

Kurz: Die Kugel auf dem Roulette-Tisch des internationalen Finanzkasinos rollt auch jetzt ungebremst weiter.

Doch nochmal zurück nach Deutschland. Während hier für Krankenpfleger und Schwestern wenigstens schon mal geklatscht wird, können sich die „Paria des Dienstleistungssektors“, zum Beispiel die Verkäufer, Frisöre und Putzfrauen, schon freuen, wenn sie Samstagnachmittags im Einkaufstrubel nicht angehustet werden. Sie führen ein Schattendasein im gesellschaftlichen Bewusstsein, sind im wahrsten Sinne des Wortes „aus dem Fokus“ geraten.

Das allumfängliche Credo des „Gesundheitsschutzes“ bietet den „Wohlständlern“ von heute einen so warmen Kokon, dass sie sich noch weniger um andere kümmern müssen und sich dabei  auch noch verdammt gut fühlen können. Genau mit diesem „Breit machen dürfen“ in der persönlichen Wohlfühlzone ist es zu erklären, dass sich in Deutschland (noch) so wenig kritische Geister äußern. Der Deutschen Sache, das ist der Blick über den eigenen Tellerrand halt meist nicht. Da reicht die Solidarität meist nur vom Fernseh-Sessel bis zur Haustür. Dabei bräuchte es keine inhaltsentleerten Werbekampagnen, sondern nur ein wenig Reflexionsfähigkeit, um zu verstehen, dass so viele Menschen von den gegenwärtigen Maßnahmen existentiell betroffen sind und noch betroffen sein werden.

Fest steht: Die Ideen, wie diesen Menschen dann zu helfen ist, werden nicht von denen kommen, die ihnen das Brot nahmen. So viel ist sicher. Es läge an uns, nur an uns, unsere „noch Regierenden“ durch Protest und freie Meinungsäußerung in echten Zugzwang und eine Abkehr vom „Weiter so“ zu bringen. Aber der Funke dieser Erkenntnis ist bei vielen noch nicht übergesprungen. Leider. Sie werden sich im Nachhinein beklagen: über steigende Krankenkassenbeiträge oder gestiegene Energiepreise, motzen, und sich die Bildzeitung kaufen.

Neulich war ich im Supermarkt. Da meinte eine Kundin zu einer anderen, dass ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fiele vor Langeweile. Die Kassiererin schob derweil weniger gelangweilt den Wocheneinkauf der Frau über den Scanner und kommentierte das Gespräch mit einem trockenen „Das macht dann fünfundfünfzig Euro sechzig“. Ich sehe die Kassiererin fast täglich dort arbeiten.