Alles nur geträumt? Meine Meinung zu „Inception“

Gestern habe ich mir „Inception“ angesehen. Das siebte Werk von Christopher Nolan (Batman the Dark Night) hat eine interessante Grundidee. Im Kollektiv kann man letztendlich in das Unterbewußtsein von Träumenden eindringen, um denen auf diese Weise die geheimsten Geheimnisse (entschuldigen Sie an dieser Stelle, dass ich diesen Pleonasmus verwende) zu entlocken. Das Leitmotiv finde ich fantastisch, denn es bietet Raum für großes Popcorn-Kino.

Auch Freud hätte das wohl „gefreut“. Immerhin geht es da um die Kreation ganzer Welten, also um Konstruktivismus par excellence sozusagen. Allerdings erschöpft sich der Film an seinem eigentlichen Sujet. Wie kann man, so frage ich mich, Wirtschaftsspionage zum Inhalt eines solchen Streifens machen? Sind Bergstationen bzw. Vans wirklich die Orte, die man da als Locations erwartet? Das einzig Fantastische an diesem Film ist tatsächlich das zum Sandwich geklappte Paris (siehe dazu die TAZ-Kritik weiter unten). Durch die Einführung diverser Zeit-Ebenen wird dieser Film pseudo-verkompliziert. Auch die Einführung einer Liebes-Storyline wirkt konstruiert. Schließlich hat dann auch die Eigenlogik der Handlung ein paar Schönheitsfehler…

Da hätte ich mir mehr erwartet. Wieder einmal ein Beispiel dafür, dass 160 Millionen Dollar Produktionskosten nicht gleich Qualität bedeuten müssen.

Fazit: Der Raum für’s Fantastische wird nicht ausgenutzt. Grundidee super, Umsetzung mangelhaft, macht zusammen: 3+.

Die TAZ hat das Ganze sehr treffend formuliert:
„Die Traumwelten des Films sind vergleichsweise klar strukturiert, funktional, Fantasien vom Reißbrett. Was möglich wäre, bleibt mit der aus dem Trailer bekannten Sequenz, in der Paris zum Sandwich geklappt wird, bloße Andeutung: verrückter wird’s nicht. Höchstens, dass später mal unfahrplanmäßig die Bahn kommt.“

Winter, Winter, überall

Heute mal ein kurzes Geständnis meiner Unverständnis. Ich meine, wir haben uns doch alle schon daran gewöhnt, dass uns CNN, NTV und RTL, ja zuweilen sogar ARD und ZDF, mit melodramatischen Nachrichten-Schnipseln unseren Alltag versüßen. Da wird eine leichte Windböe zum Tornado upgegradet, dauerhaft höhere Temperaturen zum „Jahrhundersommer“ erklärt und jährlich wiederkehrende Hochwasser stets zur „Jahrhundert-Flut“ gekürt. Meist unterlegt man die zurechtgeschnittenen Trailer dann noch mit einer appellierenden Alarm-Stimmungsmusik, um die Brisanz der filmischen Eindrücke nochmal kräftig zu unterstreichen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch der Winter, diese stets sensationelle Jahreszeit gleich nach dem Herbst und vor dem Frühling, immer wieder das Opfer der investigativen Nachrichtenfalle wird. So tragen sämtliche Sendeanstalten aus allen Teilen der Republik, nach den ersten Schneefällen sämtliche Bilder zusammen, die sie von dem frostigen Gesellen so bekommen können.

Aus Bayern, vom Weißwurst-Äquator, treffen laut RTL-Mittagsmagazin erschreckende Neuigkeiten ein: So sei Rentnerin Ilse P., beim Versuch mit ihrem Dackel Waldi P. über die Straße zu gehen, ausgerutscht, und habe sich den Knöchel verstaucht, was wiederum den Münchener Oberbürgermeister dazu veranlasst haben soll, eine Winterdienst-Taskforce einzuberufen, deren Schlagkraft man sich für einen eventuellen Erstschlag des Winters in der Hauptstadt vorbehalte. NTV berichtet live aus dem Münchener Lagezentrum und führt erste Live-Interviews mit den lanjährigen Streuwagen-Fahrern Horst B. und Yusuf Z.

Auch Gerhard K., ein passionierter Langzeitarbeitsloser aus Magdeburg erblickt eine Schneeflocke, was ihn dazu motiviert, seinen zwanzigtausend Twitter-Followern den vielversprechenden Satz: „Hier schneit’s“, mitzuteilen. Diese Botschaft löst im Netz wiederum einen echten Schneesturm aus. In Sekundenschnelle weiß Chef Ferdinand H., aka DarkShadow, leidenschaftlicher Leser der tiefgründigen Kurzbotschaften, nun, dass seine Mitarbeiter Nico C., Schantalll F. und Co. wohl morgen eher nicht zur Arbeit erscheinen werden, um der Gefahr eines drohenden Blechschadens und dem Risiko eines Wegeunfalls aus dem Weg zu gehen.

ZDFneo entschließt sich nach einer rasch einberufenen Redaktionssitzung dazu, dem Wintereinbruch eine Online-Spezial-Sendung zu widmen, während die ARD sich durchringt, einen ihrer Meterologen dramaturgisch korrekt auf dem Feldberg zu platzieren, denn da soll die bis dato einzig geschlossene Schneedecke existieren. Meteorologe Wiegald D. stellt sich für das Unterfangen zur Verfügung – vorausgesetzt, der Sender stelle ihm Thermo-Unterwäsche und kuschelige Ohrenschützer zur Verfügung, so D..

Die arte-Redaktion verabschiedet derweil einen Winter-Thementag, der die Bedeutung des Winters in der Postmoderne untersuchen soll.

Das gesteigerte mediale Interesse an dem tendenziell bevorstehenden Wintereinbruch bleibt auch in Deutschlands Baumärkten nicht unbemerkt: Pflichbewusst pilgern diejenigen in langen Wagenkolonnen zu den Einkaufsoasen des Landes, denen die Liberalität der Fußwege ein echtes Anliegen ist: die deutschen Rentner. Der Absatz von Streusalz und der Verkauf von Schneeschippen der Marke „PermaFrost“ steigen daraufhin im Minutentakt, aus einigen Märkten wird von regelrechten Hamsterkäufen berichtet.

Auch in den dritten Programmen möchte man dem Winter, diesem brandheißen Thema, nun gerecht werden, weiß aber nicht wie. Ilse Z., seit sechzig Jahren Sekretärin beim Sudwestfunk, wirft ein, man könne sich ja mal im Archiv umsehen. Und tatsächlich entschließen sich die Programmchefs nach minutenlanger Recherche des Praktikanten Thorsten A. einhellig dazu, eine winterliche Folge der allseits beliebten Sendung „Kein schöner Land…“ mit Günter Wewel auszustrahlen – in Endlosschleife, Hauptsache Schnee.

All das lässt bei dem geneigten RTLII-Zuschauer und Talkshow-Liebhaber Werner K. den durchaus berechtigten, fragend-anprangernden Einwurf verstehen: „Lisbäth, dat schneit schon bald. Haben die’n Winter denn nich kommen sehn?“

Die neuen Rundfunkgebühren – ein „Service“, den keiner braucht

Wenn nun bald schon die Rundfunkgebühren endgültig für alle zu einer Art Pflichtsteuer erhoben werden, und zwar unabhängig davon, ob derjenige, der da zahlt,einen Fernseher respektive ein Radio hat oder nicht, ist das für mich schon blanker Hohn. Worin liegt eine solche Pflichtabgabe denn bitteschön begründet?

Es hat schon etwas von umgekehrtem Sozialismus – also quasi von einer Plutokratie – wenn sich die obsoleten Senderbosse anmaßen, der breiten Masse einen solchen Betrag aufzuerlegen. Gerade, weil der zunehmende Bedeutungsverlust der öffentlich-rechtlichen Sender offenkundig ist. Ich meine: Der mit Heile-Welt-Pathos geschwängerte Musikanten-Stadl-Irrsin und die actiongeladenen Serien-Monster der Marken „Der Alte“ und „Rosamunde Pilcher“ finden in meinem persönlichen TV-Zeitplan jedenfalls keinen Platz. Warum auch? Neunzig Prozent des öffentlich-rechtlichen Programms sind ohnehin an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Ich erinnere an solch tolle Formate wie „Lafer! Lichter! Lecker!“, wo ein komplexitärer Sternekoch mit einer kahlköpfigen Kölner Pseudo-Frohnatur Witze reisst, die keiner hören will. Wenn man füher von öffentlich-rechtlicher Seite den Informationswert als Alleinstellungsmerkmal anführte, ist es heute gerade noch ein flaches Programm-Potpourri für ältere Herrschaften, mit dem man sich hervortut. Information und coole Serien – dafür gibt’s schon längst die Privaten. So taumeln die „Großen Zwei“ und leiden – kaum verwunderlich – unter rückläufigen Quoten. Anstatt ihre Programm-Konzepte endlich mal auf ein jüngeres Publikum zuzuschneiden, bleibt es langweilig, monoton, beliebig – bis auf wenige Ausnahmen wie die Heute-Show vielleicht. Witzig nur, dass die bald ehemalige GEZ nun auch noch „Beitragsservice“ heißen soll, dass im Jahr 2011 allein 7,5 Milliarden Euro über die staatlich-organisierte Geldeintreibe-Mafia erschlichen wurden und dass davon dann erstklassige Fernehunterhaltung wie das „Adventsfest der 100 000 Lichter“ bezahlt wird. Und was noch viel spaßiger ist: Aus dem großen Gebühren-Wunschpunsch nähren sich dann diejenigen, die einem wirklichen Programm-Relaunch im Wege stehen und ihr eigenes Süppchen kochen wollen: Neun Intendanten, zehn Fernseh-Programmdirektoren, dreizehn Fernseh-Chefredakteure und viele andere – allein bei „Das Erste“. Da muss man schon überlegen, ob man nicht dem Appell eines alten TV-Urgesteins nachkommen soll, das damals, in grauer Vorzeit, mit seiner Sendung dem ach so wichtigen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag wirklich noch nachkam: Peter Lustig. Dieser zeigte dem althergebrachten Kinderprogramm seinen „Löwenzahn“, schuf was Neues, und forderte seine jungen Zuschauer zum „Abschalten!“ auf – nach seiner Sendung natürlich. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, seinem prophetischem Credo wieder nachzukommen…

Die Neurose als systemstabilisierender Mechanismus im Sinne des Autopoiesis-Begriffs sensu MATURANA

Manchmal ist es schon sehr verwunderlich, in welchem Hamsterrad wir uns bewegen: In dem immer gleichen Wechselspiel von Arbeit und Haushalt bleibt uns eigentlich kaum noch die Zeit, Luft zu holen und wirklich mal zu entspannen. Oder wann haben Sie das letzte Mal mal in aller Ruhe ein Buch gelesen? Bei mir ist das schon etwas länger her, das kann Ihnen versichern. Ich frage mich dann manchmal, ob es an meiner Art der Selbstorganisation (interessanter Begriff der Systemtheorie, die um 1950 von BERTALANFFY entwickelt wurde) liegt, oder ob wir den Umstand, dass so wenig Zeit für dies und das vorhanden ist, einfach ganz allgemein auf die (post-)moderne Zeit schieben sollen… Ich meine: Solch eine Schuldzuweisung ist nun mal schnell ausgesprochen… Aber dennoch wäre das m. E. eine sehr starke Generalisierung. Sicher sind wir in einen Trott eingebunden, aus dem wir, wenn die entsprechenden Ausgleichmechanismen nicht vorhanden sind, subjektiv nicht herauskommen. Aber das war doch auch in anderen Zeiten so. Ich meine: Denken Sie nur einmal zurück an die Industrialisierung, als der stickige Qualm der Schornsteine den Himmel über den Städten verdunkelte und die Menschen zwischen zehn und zwölf Stunden schufteten und sich abmühten. Auch sie waren dem Diktat der Arbeit unterworfen und noch stärker essentiell an sie gebunden, an das Wohlwollen des Fabrikbesitzers. Aber was sich seit diesen Zeiten wohl geändert hat, um ganz bei der Systemtheorie zu bleiben, ist die ständig gestiegene Komplexität des Systems Gesellschaft und seiner Attraktoren – quantitativ und qualitativ.

Betrachten wir Menschen uns auf der Individual-Ebene als ständig um Ausgleich bemühte Teile des Systems, die ganz im Sinne des Autopoiesis-Konzepts (MATURANA, 1972) immer darin bestrebt sind, das System als solches und damit den gesamtgesellschaftlichen Kontext zu erhalten, werden gleichwohl die Zwänge offensichtlich, die mit einer solchen Ausgleichbewegung einhergehen. Mit ihr tritt nämlich ein signifikantes Charakteristikum eines Systems zutage: Dessen Emergenz (HOLLAND et. al., 1990), also die Entstehung von neuen systemischen Teilelementen aus sich selbst heraus, ohne dass sich die Existenz der neuen Elemente auf die bereits vorhandenen Teilelemente im einzelnen stützen ließe. Nicht ohne Grund wird in der Philosophie des Geistes das Konzept der Emergenz auch zur Erklärung für die Entstehung von Bewußtsein angewandt, zumindest von einigen Philosophen. Wenn wir nun die Genese des Bewußtseins also als emergenten Prozess verstehen, und dessen Resultat als quasi generiertes Filtrat des Systems begreifen, wird ersichtlich, wie sehr menschliches Bewußtsein im gesellschaftlichem Kontext verwoben ist.

Nun ist in unserer Zeit die Zahl der Attraktoren innerhalb des Systems in der Form gestiegen, als dass wir durch eine hoch spezialisierte Infra- und Kommunikationsstruktur sowie im Allgemeinen einen höheren Lebensstandard usw. erst ein Bewußtsein davon entwickeln, was unsere Möglichkeiten sind. Durch einen permanenten Prozess der Rückkopplung werden wir dabei ständig adjustiert und readjustiert und wirken ebenso auf andere Elemte des Systems. Das gesamtgesellschaftliche Bewußtsein, mit dem wir z. B. mittels Werbung und Medien konfrontiert werden, vermittelt uns schließlich einen idealtypischen Eindruck davon, welche scheinbar erstrebenswerten Ziele (z. B. Sachwerte) es zu erreichen gilt, während uns unsere Sozialisatoren einen eben solchen normativen Grundrahmen in der Kindheit gezeichnet haben. Sind die in diesen beiden Prozessen generierten unerreichbaren normativen Gebote für das Individuum irritierend, können Momente entstehen, in denen die persönliche Selbstorganisation nur unzureichend erfolgen kann und das Individuum das Systemgleichgewicht gefährdet sieht. Doch ist das Bestreben des Subjekts hin zum Gleichgewicht noch immer so stark, dass die Herstellung eben dieses Gleichgewichts durch internalisierte Normen und Werte als oberste Prämisse definiert wird. Die Internalisierung und die durch weitere Attraktoren auf das Subjekt einströmende gesellschaftliche Informationsflut geht mit einer wachsenden Zahl von Obligationen einher, das Gefühl der Überforderung entsteht.

So denke ich doch, dass die Verwendung des Autopoiesis-Konzepts schließlich auch für die Erklärung neurotischer Bewältigungsstrategien herangezogen werden kann, nämlich dann, wenn wir die Neurose als nicht rational-zweckgebundene Handlung begreifen, die aus dem System Mensch heraus als pathologische Bewußtseinsform entsteht, und ihrer Natur nach doch zutiefst der Erhaltung des gesellschaftlichen Systems dient. Die Neurose führt eine partielle, aber temporär bruchstückhafte Homöostase herbei. Bruchstückhaft deshalb, weil die Stabilisierung des Systems zwar erfolgt, jedoch das Individuum sich über die fehlgeleitete Ausgleichbewegung seines Bewusstseins stets gewahr wird und aus diesem Erkenntnisprozess heraus in seinem Empfinden Prozesse des Erleidens entstehen, die sich in neuen emergenten Formen des Bewusstseins manifestieren.

TV aus der Retro-Konserve

Ich frage mich wirklich manchmal, in welchem Licht wir später auf unsere heutige Zeit blicken werden, auf das Hier und Jetzt. Medial scheinen wir uns jedenfalls ausnahmslos im Rückblende-Modus zu befinden – zumindest in den zahlreichen Retro-Shows, die gefühlt an jedem Arbeit über die Mattscheibe – pardon – den Flachbildschirm flimmern. Da wird in schwärmerischem Pathos von irgendwelchen D-Promis über pseudo-nostalgische Gefühle gefaselt, die besagte Personen mit Musik-Hit X oder Ereignis Y verbinden, nichtssagend, beliebig. Es ist gerade dieser permanente Wunsch nach Rückbesinnung, der in der Illusion des „Früher war doch alles besser“-Wahns gipfelt, der mich ein wenig nachdenklich werden lässt. Haben wir das nötig, uns ununterbrochen umzudrehen und über unsere Schultern zu gucken? Ist das Ganze nicht ein wenig verklärend? Oder drückt die Verklärung der Vergangenheit nicht vielleicht sogar aus, wie überdrüssig die Menschen der Gegenwart geworden sind? Während es früher die großen, aufwendig inszenierten Unterhaltungs-Shows waren, die die Zuschauer aus der Realität in einen weichgespülten Unterhaltungs-Kosmos beamten, scheint für eine Realitätsflucht heutzutage weniger auszureichen, was die Produzenten solcher Shows sehr freuen dürfte. Immerhin wird so ein Maximum an Quote mit minimalem Einsatz erreicht – ökonomische Effizienz nennt man das wohl. Olli Geissen und Co. dürften uns wohl noch weiter erhalten bleiben, und das nicht zuletzt auch deshalb, weil wir die kleine Entführung ins Reich der romantischen Jugend oder des Erwachsenwerdens so lieben. Wirklich neuartige Sende-Konzepte mit echtem Gegenwarts-Bezug bleiben dabei vorerst auf der Strecke, leider…

Das Facebook-Dilemma

Was haben sich die Zeiten doch geändert. Wenn Sie sich so manch ältere TV-Sendung auf einem der zahlreichen Sparten-Kanäle anschauen, wird das offensichtlich. Als ich vor kurzem die Sendung „Formel Eins“ noch einmal vor meinen Augen vorbeirauschen sah, wurde mir wieder bewusst, wie schnell die Zeit doch voranschreitet und was sich seit dem Datum der Ausstrahlung so alles getan hat. Damals war es der Kalte Krieg, der allgegenwärtig das gesellschaftliche Bewusstsein prägte und es herrschte – für uns Kinder war das Gott sei Dank kaum spürbar – ein politisches Klima des Misstrauens und der Ablehnung. Die Supermächte Russland und USA ließen sich gerade noch dazu hinreißen, über den heißen Draht miteinander zu kommunizieren. Hätten Herr Reagan und der ein oder andere Kreml-Chef ein Facebook-Konto gehabt, vielleicht wäre da so Manches einfacher gewesen. Man stelle sich das nur mal vor: Mr. Ronald Reagan „added“ Herrn Gorbatschow zu seiner Freundesliste, verpasst dessen gerade gepostetem Kommentar über den Fortschritt von „Glasnost“ ein fettes „Like“ und gründet schließlich die Gruppe „Supermächte unter sich“…

Ach ja: Die Konflikte der Welt über ein Facebook-Profil zu lösen, das wäre wohl auch der Traum eines Mr. „Ich-trage-exemplarisch-nur-T-Shirts“, Mark Zuckerberg, gewesen. Alles hätte so schön sein können: An der Börse, so war es in den Zuckerbergschen Visionen jedenfalls fest vorgesehen, sollte die Kapitalisierung des Online-Unternehmens eine Milliarden-Dividende in die Gesichts-, ach nein, Geschichts-Bücher spülen. Doch was dann passierte, trieb nicht nur Zuckerberg den Schrecken in die Glieder, sondern auch dessen Aktionären Tränen in die Augen: Das Wertpapier rutschte binnen weniger Tage tief in den Keller der New Yorker Börse. Auch U2-Sänger und Ganztags-Weltverbesserer Bono dürfte sich darüber wohl kaum gefreut haben – denn der Posten als reichster Musiker der Welt bleibt somit nämlich beim Alt-Beatle McCartney. Aber hätte man das Facebook-Dilemma nicht erahnen können? War es nicht abzusehen?

Ich meine: Ja, das war es. Was Facebook von anderen Unternehmen schon grundlegend unterscheidet, ist, dass das Online-Portal als solches nichts, aber auch gar nichts, produziert. Es stellt lediglich eine Nutzoberfläche und die zur Aufrechterhaltung des Dienstes notwendigen Server-Strukturen zur Verfügung. That’s it. Die Idee der globalen Vernetzung ist dabei zwar schön und gut, aber auch die Konkurrenz schläft ja bekanntlich nicht. Ein wirklicher USP fehlt – bis auf den „Like-Button“ vielleicht. Und vergessen wir nicht: Auf dem deutschen Markt ist uns das Phänomen des Social-Network-Flopps schon längst bekannt. Spätestens als Holtzbrinck die VZ-Kanäle an sich riss, brachen deren Userzahlen ein. Heute hat die Verlagsgruppe Probleme, die Communities wieder loszuwerden. Auch die RTL-Vermarkter-Tochter IP hat sich mit dem Kauf von WKW, Wer-Kennt-Wen, nicht wirklich einen Gefallen getan. Sicher: Noch kann Facebook von den Verlusten der anderen Netzwerke profitieren, noch gilt es als „Must“, dort ein Profil zu besitzen. Aber gerade in jüngster Zeit wandelt sich das Bild des Konzerns im öffentlichen Bewusstsein zusehends: Ständige Veränderungen an der Nutzeroberfläche, undurchsichtige Datenschutz-Richtlinien und nicht zuletzt die zunehmende Kommerzialisierung des Netzwerks durch Werbeschaltungen bewegen viele Nutzer dazu, sich wieder aus dem „Gesichter-Buch“ auszutragen, auch wenn ihre Daten in den Server-Tiefen des Unternehmens wahrscheinlich für immer verloren sind. Facebook gilt nicht zuletzt aufgrund dieser Praktiken als Datenkrake, als eine Art Sekte, die mit allen Mitteln versucht, die Weltherrschaft zu erringen. Und sind wir mal ehrlich: Zuckerbergs Auftreten und sein Narzissmus, der sich vor allem in dem Glauben daran äußert, dass sein Netzwerk es ist, in dem wir alle unser Leben peinlich genau darlegen (müssen), sind es, die diesen Gedanken gar nicht mal als so abwegig erscheinen lassen. Im Übrigen lässt auch die Werbe-Branche keine Gelegenheit aus, um zu betonen, wie wichtig ein Facebook-Aufritt für das Unternehmens-Portfolio sei und dass jeder, der dort nicht vertreten ist, besser gleich den Insolvenz-Verwalter bestelle… Ironischerweise ist es genau die Institutionalisierung des Facebook-Phänomens, die letztlich ganz schnell dazu führen kann, dass der Run auf das Netzwerk nachlässt.

Grundlegend wird die Idee des Sozialen Netzwerks, des sich Findens und sich Verbindens, wohl bestehen bleiben, aber sie wird wahrscheinlich zukünftig um einiges transparenter: Datenschutz-Richtlinien müssen entsprechend aufgeweicht werden, die Dienste, wie auch immer sie schließlich heißen mögen, werden sich zunehmend über ihren Mehrwert definieren müssen und weniger über ihren Selbstzweck. Wie dieser Mehrwert letztlich aussehen mag, das steht noch in den Sternen. Doch sind für mich zwei wesentliche Merkmale entscheidend: Zukünftige Soziale Plattformen müssen dem Prinzip der Medienkonvergenz stärker Rechnung tragen und auch dem Bedürfnis nach mobiler Kommunikation. Sollte Facebook entscheidende Trends verschlafen, wird das einigen Shareholdern wohl kaum wirklich gefallen. Vielleicht hat sich Herr Zuckerberg auch deswegen noch nicht zur Einführung eines „Dislike-Buttons“ hinreißen lassen…

Ist Mutter-Sein out?

Interessant, dass unsere Familien-Ministerin nun ein Buch herausgegeben hat mit dem ominösen Titel „Danke, emanzipiert sind wir selber.“ Gut, der Grundgedanke dieser kleinen Schrift ist nicht wirklich neu und in unzähligen anderen Werken – die in der Buchhandlung ihres Vertrauens meist unter der Rubrik „Ratgeber“ zu finden sind – wirkt ziemlich ausgelutscht. Aber was sich da auf dem literarischen Gebiet des femininen Selbstverständnisses insgesamt tut, ist wahrlich interessant und hat mit dem alt hergebrachten Gedanken der 68er-Power-Emanzen à la Alice Schwarzer nicht mehr viel zu tun. In der neuen, schönen, postmodernen femininen Welt verkommt die Institution Familie zu einem schnöden Wort-Konglomerat mit negativer Konnotation: Kinder kriegen –Mutter sein – Erziehen – die früheren Grundpfeiler des weiblichen Selbst- und, zugegeben, auch männlichen Fremdverständnisses weichen zunehmend auf und verflachen. Wer sich heute noch als Frau dazu entscheidet, ein Kind zu bekommen, der gibt sich meist der Häme seiner sogenannten Freundinnen preis. Und wagt man als Frau den Schritt hin zur Großfamilie, so wird man förmlich stigmatisiert und – hinter vorgehaltener Hand – als asozial abgestempelt.

An die Stelle der treu sorgenden und Liebe spendenden Mutter scheint ein nie dagewesener Irrglaube über die sogenannte Selbstverwirklichung getreten zu ein. Irrglaube deshalb, weil es in dem Selbstverständnis, das den Frauen da in vielen Büchern suggeriert wird, nicht um echte Selbstbestimmung oder gar individuelle Lebensentwürfe zur Verwirklichung von Lebensträumen geht, sondern vielmehr um eines: Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Es ist die Karriere, die für jede Frau das höchst erstrebenswerte Ziel zu sein hat – das jedenfalls, posaunen en gros viele Ratgeber – geschrieben meist von Frauen, wohlgemerkt. Das Leben für den Job und für die Firma wird darin zur allgemeingültigen Prämisse erhoben: Eine gute Mutter ist demnach nur diejenige, die zwischen Karriere, Golfplatz und Shopping-Touren ihrem Kind die Fünf in Mathe mit einer légèren Unterschrift signiert, um es dann lächelnd an den Ganztagshort zu opfern. So erwecken nun also Frauen bei Frauen den Eindruck, die höchste Stufe der Glückseligkeit sei im Job zu finden, ganz ohne Kind und Kegel, was gleich aus zwei wesentlichen Gesichtspunkten heraus problematisch ist. Erstens: Mit der Aufweichung des Mutterbegriffs begeben sich die Frauen erneut in eine Abhängigkeit, nämlich in die des neo-liberalen Arbeitsmarktes. Das hat nichts Emanzipatorisches, sondern vielmehr etwas Rigides. Sie machen sich somit verwertbar für diesen Markt, erheben ihn gleichsam zur neuen, heilbringenden Religion und vergessen dabei ganz sich selbst. Viele von uns Männern sind über dieses Stadium der Arbeitsgläubigkeit übrigens auch nie hinaus gekommen und definieren sich ausschließlich über das, was sie tun, statt zu sagen, wer sie sind. Alle Aufsichtsräte und Bosse dieser Welt dürften sich über so viele Glücksgefühle beim Arbeiten wirklich freuen und forcieren die Power-Worker-Mentalität mit tollen Coachings und teambildenden Maßnahmen. Na super…

Was ich generell einmal klarstellen will ist: Karriere mag für manche Frauen ja ein nettes Lebensideal sein, das noch dazu viel schicker sein kann, als die Windeln eines schreiendes Babys zu wechseln. Aber warum zur Hölle erwecken denn gerade Frauen bei Frauen den Eindruck, eine Familie zu gründen und sich der verantwortungsvollen Aufgabe der Erziehung zu stellen, sei ein gesellschaftliches Knock-Out-Kriterium? Und (damit läute ich Punkt zwei ein): Beschneiden diese Frauen, die sich so für eine Überhöhung des Berufs zum absoluten Lebensmodell einsetzen, in ihren Büchern nicht die Lebensskizzen der vielen anderen Geschlechts-Genossinnen, die ihr Glück eben in der eigenen Familie finden und bereits gefunden haben? Nun: Ich denke schon, denn Glück ist nun mal für jeden Menschen etwas völlig Subjektives, was sich nicht in irgendwelche Schablonen pressen lässt. Das sollten auch die Autorinnen der vielen Ratgeber bitteschön anerkennen – sonst werden aus ihren Werken nämlich ganz schnell Anleitungen zum Unglücklichsein.

Anmerkung meinerseits: So, und damit hier kein Mißverständnis entsteht: Ja, ich finde ‚echte‘ Emanzipation etwas Tolles und Wichtiges. Somit bin ich auch selbstverständlich dafür, dass man mehr Führungspositionen mit Frauen besetzt und diesen generell die gleichen Löhne zahlt wie ihren männlichen Kollegen (Stichwort: equal pay) und so fort. Emanzipation, das hat jedoch immer etwas mit Eigenständigkeit, Freiheit, Mündigkeit und Autonomie zu tun. Mit diesen Eigenschaften haben die oben gemeinten Bücher jedoch nichts gemein, vielmehr sind sie eine neue Form der Fremdbestimmung und somit das Gegenteil davon, was sie sein wollen.

Günter Grass-Gedicht: Über Israels Atomprogramm, Medienhype und Kultur

Was Herr Grass mit seiner letzten Tinte so runter schreibt, hat wenig mit einer poetisch anspruchsvollen, mit Jamben oder gar Trochäen gespickten Friedens-Ode zu tun. Es ist vielmehr die Bestandsaufnahme einer prekären politischen Gesamtsituation des Nahen Ostens. Das israelische Atomprogramm erfuhr in den 1950er Jahren die Unterstützung unserer französischen Nachbarn und besteht seit seinen Anfängen aus sehr vielen Unbekannten: Über die Menge der atomaren Sprengköpfe – und damit über die atomare Schlagkraft der Israelis – ist recht wenig bekannt. Als sicher gilt: Israel verfügt seit 1967 über die Atombombe und hat diese 1975 auch Südafrika zum Kauf angeboten.

Laut der Federation of American Scientists besitzt Israel rund 200 bis 250 Atomsprengköpfe für Mittelstreckenraketen und verfügt damit über ein enormes apokalyptisches Potential. Alleine das verdient schon Beachtung und unsere vollste Aufmerksamkeit, auch weil Israel bis heute nicht den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat. Nun sind der (vermeintlich) stetig an einer Atombombe werkelnde Iran und das an einem atomaren Erstschlag interessierte Israel im wahrsten Sinne des Wortes eine explosive Mischung. Wenn sich jetzt Herr Grass zu Wort meldet und dies so große Wellen schlägt, so ist das m. E. insofern von Bedeutung, als dass es uns zeigt, wie wenig die große Politik bis dato an einem gefährlichen Status Quo, an einem schwelenden atomaren Kabelbrand, an einem labilen Gleichgewicht ändern konnte und wollte.

Grass führt seine Feder und erhebt sie mahnend, erinnernd – und ja: Auch wenn man ihm, der sich im 2. Weltkrieg versündigte, eine gewisse Doppelmoral zu und seine (Alters-)Weisheit absprach – so schafft sein niedergeschriebener Monolog eines: Kultur selbst. Kultur in ihrer Urform, denn in einem künstlerischen Freiraum darf gedacht werden, was auf diplomatischem, rutschigem Parkett unsagbar – und vor allem unschreibbar – wäre. Grass selbst mag somit streitbar bleiben, sein Gedicht gar eine mehr schlechte als rechte Provokation sein, doch der vom medialen Hype durchsetzte, oberflächliche Zeitgeist greift diese doch dankbar auf. Und genau darin erkenne ich einen nutzbaren Effekt: In unserem willfährigen Zeitalter, indem die Polarisierung scheinbar nur noch schlechten Laien-Darstellern im Nachtmittags-Programm obliegt, wird es Zeit, Haltung zu beziehen, die schwülstigen Wohlstandsbäuche abzustreifen und die Playstation zur Seite zu legen. Auch wenn wir gerne daran glauben wollen: Das Leben ist nun mal kein Ponyhof und wenn Deutschland ein sechstes U-Boot nach Israel liefert, ist eben das (!) der eigentliche Skandal und demonstriert ein weiteres Mal die scheinheilige Verzahnung von Politik und Wirtschaft, die den Cashflow anbeetet und vor das Wohl der Menschheit stellt.

Ja es ist unglaublich, dass schon die rot-grünen Exportrichtlinien solche Waffen-Deals billigten, dass Deutschland von Haus aus die stählernen U-Boot-Kolosse mit zwei unterschiedlich großen Torpedo-Rohren ausstattet (sechs Rohre mit dem Standard-Durchmesser von 533 Millimetern und vier mit einem Durchmesser von 650 Millimetern, aus denen man dann auch atomare Marschflugkörper (Reichweite rund 1500 km) abfeuern könnte), dass Herr de Mezière sich dabei noch strahlend die Hände reibt und wir, ja wir alle, nichts dagegen tun und das zur besten Sendezeit ertragen, weil wir so schrecklich abgestumpft, so übersättigt, so gleichgültig wurden in unseren Kathedralen des Wohlstands, mit ordentlichem Vorgarten und Family-Van in der Garage.

Wenn der von Trägheit zerfressene Durchschnitts-Deutsche eben erst ein sogenanntes Gedicht benötigt, um sich so endlich einem drohenden atomaren Flächenbrand bewusst zu werden: Meinetwegen. Auf dass es nicht in den Tiefen der Feuilletons oder in den Höhen der Deutungs-Horizonte versauere und sich aus den Zeilen des alten Mannes auch ein paar konkrete Ideen für eine politisch konstruktive Auseinandersetzung ableiten lassen, bevor wir alle die Trompeten von Jericho hören (Jericho nennen sich übrigens auch die israelischen Boden-Boden-Raketen, die ihre atomare Fracht bis zu 7000 km vom Nahen Osten ins ferne Irgendwo tragen können).

Und weil gerade Ostern ist – ein kleines Bibel-Zitat zum Abschluss:

Laß alle Kriegsmänner rings um die Stadt her gehen einmal, und tue sechs Tage also. Und laß sieben Priester sieben Posaunen des Halljahrs tragen vor der Lade her, und am siebenten Tage geht siebenmal um die Stadt, und laß die Priester die Posaunen blasen. (3. Mose 25.9) Und wenn man das Halljahrshorn bläst und es lange tönt, daß ihr die Posaune hört, so soll das ganze Volk ein großes Feldgeschrei machen, so werden der Stadt Mauern umfallen, und das Volk soll hineinsteigen, ein jeglicher stracks vor sich.

Josua, Kapitel 6

Landtagswahl im Saarland: Ein polemisches Fazit

Was ist nun das inhaltliche Ergebnis dieser Landtags-Wahl? Heiko Maas ist zum dritten Mal gescheitert und steht zerknirscht vor den Fernsehkameras – wieder hat ihm der Napoleon von der Saar, Oskar Lafontaine, den Schneid abgekauft und viele Wähler abgeknöpft. Und auch wenn DIE LINKE einige Verluste hinnehmen musste, so scheint es im Saarland ein starkes Bedürfnis an Politik jenseits des alten sozial-demokratischen Milieus zu geben. Dass Sigmar Gabriel und Konsorten eine Rot-Rote-Regierungskoalition im Saarland immer noch ausschließen und lieber mit der an Ausstrahlungs-Schwäche leidenden (sehr wahrscheinlich wieder) Ministerpräsidentin klüngeln, zeigt einmal mehr ihre persönliche Untreue zu den eigenen politischen Leitmotiven.

Plakativ wird die zunehmende inhaltliche Verwaschung der beiden großen Parteien auch in den personellen Umfrage-Ergebnissen zu AKK und Heiko Maas demonstriert: So kann die Mehrheit der saarländischen Befragten erst garkeinen Unterschied zwischen den beiden in Sachen Sympathie und Glaubwürdigkeit ausmachen. Mit Verlaub: Das finde ich schon schlimm genug.

Ungeachtet dessen wehte im Saarland immer schon ein ganz besonderer Koalitions-Wind jenseits der Linken. Der ‚clevere‘ Hubert Ullrich, der sich im Jahre 2009 gegen eine Zusammenarbeit mit den tief Roten entschied, muss nun – und vielleicht aufgrund dieser strategischen Fehlentscheidung – um den Einzug in den Saar-Landtag bangen.

Die neo-liberale Odysee der FDP geht derweilen weiter und das hat mit weit mehr zu tun, als mit der Befindlichkeit eines kleinen Bundeslandes im Südwesten der Republik. Vielmehr zeigt das Scheitern der FDP an der 5-Prozent-Klausel, dass man die inhaltliche Leere dieser Partei auch im Saarland endgültig erkannt hat. Etwas polemisch könnte man das Ganze auf einen Nenner bringen: Der Neo-Liberalismus hat ausgedient und es erschreckt, dass die FDP gerade mal 267 Wählerinnen und Wähler mehr mobilisiert hat als die NDP.

Ach ja: Dann wären da noch die Piraten. Auch wenn man dieser juvenilen politischen Strömung noch ein wenig Zeit geben sollte – und deren Ergebnis wahrscheinlich vielmehr einem Erst-Wähler-Bonus und Coolness-Faktor geschuldet ist, den die deutsche Parteien-Landschaft bisweilen partiell vermissen ließ – so haben die freibeuterischen Jungs und Mädels ihre Sache durchaus gut gemacht. Wie es mit ihnen weiter geht – man wird’s sehen.

Alles in allem sehe ich in Sachen Politik für das Saarland eher schwarz als rot- ganz nach dem Motto: Nach der Wahl ist vor der Wahl…

Veritas Temporis Filia – Ein kleiner nostalgischer Ausflug in die 1980ger

Wie sagte Aulus Gellius so teffend: Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Und so streben wir in unserem Alltags-Trott fort, pendeln zwischen Arbeitsstelle und Zuhause hin und her – bereisen zwei, drei oder mehr Lebenswelten, die für viele längst nur noch zu Durchgangs-Stationen geworden sind. Doch die Zeit entrinnt und schlimmstenfalls erleben wir uns schon längst nicht mehr als aktiv Handelnde. Der Soziologe Fritz Schütze würde wohl sagen, dass man in diesem Moment zum passiv Erleidenden Subjekt wird, dessen sogennante Verlaufskurve tendenziell negativ verläuft.

Es geht, so scheint es mir, darum, die eigene Umwelt, das, was uns umgibt aktiv warzunehmen – immer und jeden Tag. Das hat wenig mit den Verheißungen der sogenannten Ratgeber-Literatur zu tun, als vielmehr mit einer Form der inneren Ausgeglichenheit und Ruhe. Haben wir uns als Kinder nicht genau in der uns umgebenden Lebenswelt ausgekannt? Damals, als wir mit unseren Fahrrädern nur bis zum Punkt X fahren durften, da wussten wir noch, wenn gegenüber eine neue Familie einzog und nahmen auch wahr, wenn die Wiesen, auf denen wir spielten, einen frühlingshaften Duft verströmten. Die Jahreszeiten waren für uns in dieser Zeit noch unmittelbar wichtig, denn ob es kalt oder warm war oder regnete und schneite, entschied unmittelbar darüber, ob wir draußen toben durften oder eben nicht.

Und die Welt draußen, die hatte wirklich viel zu bieten und war unser kleiner großer Kosmos, in dem wir Staudämme bauten und auch so manches Ungeheuer unter alten Kanaldeckeln wähnten. Diese mystische Kinderwelt hatte vielleicht einen Radius von drei Kilometern – sie war aber unsere unmittelbare Lebenswirklichkeit, in der wir erfuhren, was Freundschaft, Freude und Glückseligkeit heißt. Strukturiert wurde diese Zeit vom Rhytmus der Mahlzeiten und den abendlichen Besuchen des Eismanns, der mit einem alten grün-roten VW-Bus die Viertel der Stadt bereiste. Das Geläute seiner Glocke deutete uns an, dass der Tag bald vorüber sein würde.
Eine echte Kassette!
Eine echte Kassette: So hörte man damals Musik.
Auf der Wiese, auf der wir zuvor Fußball gespielt hatten, fanden sich nun einige Erwachsene ein, die sich im Lichte der letzten Sonnenstrahlen noch ein paar Bälle zukickten. Und die Großfamilie von gegenüber feierte mit Schlagern, die man von einer Kassette (sowas gab’s damals noch) abspielte, den Abend und beschallte zum Leidwesen einiger (Spieß-)Bürger die Umwelt.

Sommerhit des Jahres 1987 – Die Berliner Band ‚The Other Ones‘ mit ,Holiday‘
Der Abenteuer-Spielplatz, auf dem ich aufwuchs, hatte aber noch weit mehr zu bieten. So verbrachten wir Wochen damit, die wenig befahrenen Straßen mit unseren Skateboards herunterzubrausen, mit unseren Kettcars die Garagen-Einfahrten der Nachbarschaft unsicher zu machen, Löcher zu buddeln und vieles mehr.

All meine kleinen Anekdoten sollen Ihnen zeigen, dass sich alles im Leben ändern kann, keine Variable ist konstant. Keine – außer die der Zeit – die uns unaufhöhrlich entrinnt – und in deren Schatten uns irgendwann unsere Lebensbilanz präsentiert wird… Wie es Michael Ende, der Schöpfer der zeitsuchenden Momo, treffend formuliert: „Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot. “ Da hat er recht…