Das Facebook-Dilemma

Was haben sich die Zeiten doch geändert. Wenn Sie sich so manch ältere TV-Sendung auf einem der zahlreichen Sparten-Kanäle anschauen, wird das offensichtlich. Als ich vor kurzem die Sendung „Formel Eins“ noch einmal vor meinen Augen vorbeirauschen sah, wurde mir wieder bewusst, wie schnell die Zeit doch voranschreitet und was sich seit dem Datum der Ausstrahlung so alles getan hat. Damals war es der Kalte Krieg, der allgegenwärtig das gesellschaftliche Bewusstsein prägte und es herrschte – für uns Kinder war das Gott sei Dank kaum spürbar – ein politisches Klima des Misstrauens und der Ablehnung. Die Supermächte Russland und USA ließen sich gerade noch dazu hinreißen, über den heißen Draht miteinander zu kommunizieren. Hätten Herr Reagan und der ein oder andere Kreml-Chef ein Facebook-Konto gehabt, vielleicht wäre da so Manches einfacher gewesen. Man stelle sich das nur mal vor: Mr. Ronald Reagan „added“ Herrn Gorbatschow zu seiner Freundesliste, verpasst dessen gerade gepostetem Kommentar über den Fortschritt von „Glasnost“ ein fettes „Like“ und gründet schließlich die Gruppe „Supermächte unter sich“…

Ach ja: Die Konflikte der Welt über ein Facebook-Profil zu lösen, das wäre wohl auch der Traum eines Mr. „Ich-trage-exemplarisch-nur-T-Shirts“, Mark Zuckerberg, gewesen. Alles hätte so schön sein können: An der Börse, so war es in den Zuckerbergschen Visionen jedenfalls fest vorgesehen, sollte die Kapitalisierung des Online-Unternehmens eine Milliarden-Dividende in die Gesichts-, ach nein, Geschichts-Bücher spülen. Doch was dann passierte, trieb nicht nur Zuckerberg den Schrecken in die Glieder, sondern auch dessen Aktionären Tränen in die Augen: Das Wertpapier rutschte binnen weniger Tage tief in den Keller der New Yorker Börse. Auch U2-Sänger und Ganztags-Weltverbesserer Bono dürfte sich darüber wohl kaum gefreut haben – denn der Posten als reichster Musiker der Welt bleibt somit nämlich beim Alt-Beatle McCartney. Aber hätte man das Facebook-Dilemma nicht erahnen können? War es nicht abzusehen?

Ich meine: Ja, das war es. Was Facebook von anderen Unternehmen schon grundlegend unterscheidet, ist, dass das Online-Portal als solches nichts, aber auch gar nichts, produziert. Es stellt lediglich eine Nutzoberfläche und die zur Aufrechterhaltung des Dienstes notwendigen Server-Strukturen zur Verfügung. That’s it. Die Idee der globalen Vernetzung ist dabei zwar schön und gut, aber auch die Konkurrenz schläft ja bekanntlich nicht. Ein wirklicher USP fehlt – bis auf den „Like-Button“ vielleicht. Und vergessen wir nicht: Auf dem deutschen Markt ist uns das Phänomen des Social-Network-Flopps schon längst bekannt. Spätestens als Holtzbrinck die VZ-Kanäle an sich riss, brachen deren Userzahlen ein. Heute hat die Verlagsgruppe Probleme, die Communities wieder loszuwerden. Auch die RTL-Vermarkter-Tochter IP hat sich mit dem Kauf von WKW, Wer-Kennt-Wen, nicht wirklich einen Gefallen getan. Sicher: Noch kann Facebook von den Verlusten der anderen Netzwerke profitieren, noch gilt es als „Must“, dort ein Profil zu besitzen. Aber gerade in jüngster Zeit wandelt sich das Bild des Konzerns im öffentlichen Bewusstsein zusehends: Ständige Veränderungen an der Nutzeroberfläche, undurchsichtige Datenschutz-Richtlinien und nicht zuletzt die zunehmende Kommerzialisierung des Netzwerks durch Werbeschaltungen bewegen viele Nutzer dazu, sich wieder aus dem „Gesichter-Buch“ auszutragen, auch wenn ihre Daten in den Server-Tiefen des Unternehmens wahrscheinlich für immer verloren sind. Facebook gilt nicht zuletzt aufgrund dieser Praktiken als Datenkrake, als eine Art Sekte, die mit allen Mitteln versucht, die Weltherrschaft zu erringen. Und sind wir mal ehrlich: Zuckerbergs Auftreten und sein Narzissmus, der sich vor allem in dem Glauben daran äußert, dass sein Netzwerk es ist, in dem wir alle unser Leben peinlich genau darlegen (müssen), sind es, die diesen Gedanken gar nicht mal als so abwegig erscheinen lassen. Im Übrigen lässt auch die Werbe-Branche keine Gelegenheit aus, um zu betonen, wie wichtig ein Facebook-Aufritt für das Unternehmens-Portfolio sei und dass jeder, der dort nicht vertreten ist, besser gleich den Insolvenz-Verwalter bestelle… Ironischerweise ist es genau die Institutionalisierung des Facebook-Phänomens, die letztlich ganz schnell dazu führen kann, dass der Run auf das Netzwerk nachlässt.

Grundlegend wird die Idee des Sozialen Netzwerks, des sich Findens und sich Verbindens, wohl bestehen bleiben, aber sie wird wahrscheinlich zukünftig um einiges transparenter: Datenschutz-Richtlinien müssen entsprechend aufgeweicht werden, die Dienste, wie auch immer sie schließlich heißen mögen, werden sich zunehmend über ihren Mehrwert definieren müssen und weniger über ihren Selbstzweck. Wie dieser Mehrwert letztlich aussehen mag, das steht noch in den Sternen. Doch sind für mich zwei wesentliche Merkmale entscheidend: Zukünftige Soziale Plattformen müssen dem Prinzip der Medienkonvergenz stärker Rechnung tragen und auch dem Bedürfnis nach mobiler Kommunikation. Sollte Facebook entscheidende Trends verschlafen, wird das einigen Shareholdern wohl kaum wirklich gefallen. Vielleicht hat sich Herr Zuckerberg auch deswegen noch nicht zur Einführung eines „Dislike-Buttons“ hinreißen lassen…

Ist Mutter-Sein out?

Interessant, dass unsere Familien-Ministerin nun ein Buch herausgegeben hat mit dem ominösen Titel „Danke, emanzipiert sind wir selber.“ Gut, der Grundgedanke dieser kleinen Schrift ist nicht wirklich neu und in unzähligen anderen Werken – die in der Buchhandlung ihres Vertrauens meist unter der Rubrik „Ratgeber“ zu finden sind – wirkt ziemlich ausgelutscht. Aber was sich da auf dem literarischen Gebiet des femininen Selbstverständnisses insgesamt tut, ist wahrlich interessant und hat mit dem alt hergebrachten Gedanken der 68er-Power-Emanzen à la Alice Schwarzer nicht mehr viel zu tun. In der neuen, schönen, postmodernen femininen Welt verkommt die Institution Familie zu einem schnöden Wort-Konglomerat mit negativer Konnotation: Kinder kriegen –Mutter sein – Erziehen – die früheren Grundpfeiler des weiblichen Selbst- und, zugegeben, auch männlichen Fremdverständnisses weichen zunehmend auf und verflachen. Wer sich heute noch als Frau dazu entscheidet, ein Kind zu bekommen, der gibt sich meist der Häme seiner sogenannten Freundinnen preis. Und wagt man als Frau den Schritt hin zur Großfamilie, so wird man förmlich stigmatisiert und – hinter vorgehaltener Hand – als asozial abgestempelt.

An die Stelle der treu sorgenden und Liebe spendenden Mutter scheint ein nie dagewesener Irrglaube über die sogenannte Selbstverwirklichung getreten zu ein. Irrglaube deshalb, weil es in dem Selbstverständnis, das den Frauen da in vielen Büchern suggeriert wird, nicht um echte Selbstbestimmung oder gar individuelle Lebensentwürfe zur Verwirklichung von Lebensträumen geht, sondern vielmehr um eines: Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Es ist die Karriere, die für jede Frau das höchst erstrebenswerte Ziel zu sein hat – das jedenfalls, posaunen en gros viele Ratgeber – geschrieben meist von Frauen, wohlgemerkt. Das Leben für den Job und für die Firma wird darin zur allgemeingültigen Prämisse erhoben: Eine gute Mutter ist demnach nur diejenige, die zwischen Karriere, Golfplatz und Shopping-Touren ihrem Kind die Fünf in Mathe mit einer légèren Unterschrift signiert, um es dann lächelnd an den Ganztagshort zu opfern. So erwecken nun also Frauen bei Frauen den Eindruck, die höchste Stufe der Glückseligkeit sei im Job zu finden, ganz ohne Kind und Kegel, was gleich aus zwei wesentlichen Gesichtspunkten heraus problematisch ist. Erstens: Mit der Aufweichung des Mutterbegriffs begeben sich die Frauen erneut in eine Abhängigkeit, nämlich in die des neo-liberalen Arbeitsmarktes. Das hat nichts Emanzipatorisches, sondern vielmehr etwas Rigides. Sie machen sich somit verwertbar für diesen Markt, erheben ihn gleichsam zur neuen, heilbringenden Religion und vergessen dabei ganz sich selbst. Viele von uns Männern sind über dieses Stadium der Arbeitsgläubigkeit übrigens auch nie hinaus gekommen und definieren sich ausschließlich über das, was sie tun, statt zu sagen, wer sie sind. Alle Aufsichtsräte und Bosse dieser Welt dürften sich über so viele Glücksgefühle beim Arbeiten wirklich freuen und forcieren die Power-Worker-Mentalität mit tollen Coachings und teambildenden Maßnahmen. Na super…

Was ich generell einmal klarstellen will ist: Karriere mag für manche Frauen ja ein nettes Lebensideal sein, das noch dazu viel schicker sein kann, als die Windeln eines schreiendes Babys zu wechseln. Aber warum zur Hölle erwecken denn gerade Frauen bei Frauen den Eindruck, eine Familie zu gründen und sich der verantwortungsvollen Aufgabe der Erziehung zu stellen, sei ein gesellschaftliches Knock-Out-Kriterium? Und (damit läute ich Punkt zwei ein): Beschneiden diese Frauen, die sich so für eine Überhöhung des Berufs zum absoluten Lebensmodell einsetzen, in ihren Büchern nicht die Lebensskizzen der vielen anderen Geschlechts-Genossinnen, die ihr Glück eben in der eigenen Familie finden und bereits gefunden haben? Nun: Ich denke schon, denn Glück ist nun mal für jeden Menschen etwas völlig Subjektives, was sich nicht in irgendwelche Schablonen pressen lässt. Das sollten auch die Autorinnen der vielen Ratgeber bitteschön anerkennen – sonst werden aus ihren Werken nämlich ganz schnell Anleitungen zum Unglücklichsein.

Anmerkung meinerseits: So, und damit hier kein Mißverständnis entsteht: Ja, ich finde ‚echte‘ Emanzipation etwas Tolles und Wichtiges. Somit bin ich auch selbstverständlich dafür, dass man mehr Führungspositionen mit Frauen besetzt und diesen generell die gleichen Löhne zahlt wie ihren männlichen Kollegen (Stichwort: equal pay) und so fort. Emanzipation, das hat jedoch immer etwas mit Eigenständigkeit, Freiheit, Mündigkeit und Autonomie zu tun. Mit diesen Eigenschaften haben die oben gemeinten Bücher jedoch nichts gemein, vielmehr sind sie eine neue Form der Fremdbestimmung und somit das Gegenteil davon, was sie sein wollen.

Günter Grass-Gedicht: Über Israels Atomprogramm, Medienhype und Kultur

Was Herr Grass mit seiner letzten Tinte so runter schreibt, hat wenig mit einer poetisch anspruchsvollen, mit Jamben oder gar Trochäen gespickten Friedens-Ode zu tun. Es ist vielmehr die Bestandsaufnahme einer prekären politischen Gesamtsituation des Nahen Ostens. Das israelische Atomprogramm erfuhr in den 1950er Jahren die Unterstützung unserer französischen Nachbarn und besteht seit seinen Anfängen aus sehr vielen Unbekannten: Über die Menge der atomaren Sprengköpfe – und damit über die atomare Schlagkraft der Israelis – ist recht wenig bekannt. Als sicher gilt: Israel verfügt seit 1967 über die Atombombe und hat diese 1975 auch Südafrika zum Kauf angeboten.

Laut der Federation of American Scientists besitzt Israel rund 200 bis 250 Atomsprengköpfe für Mittelstreckenraketen und verfügt damit über ein enormes apokalyptisches Potential. Alleine das verdient schon Beachtung und unsere vollste Aufmerksamkeit, auch weil Israel bis heute nicht den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat. Nun sind der (vermeintlich) stetig an einer Atombombe werkelnde Iran und das an einem atomaren Erstschlag interessierte Israel im wahrsten Sinne des Wortes eine explosive Mischung. Wenn sich jetzt Herr Grass zu Wort meldet und dies so große Wellen schlägt, so ist das m. E. insofern von Bedeutung, als dass es uns zeigt, wie wenig die große Politik bis dato an einem gefährlichen Status Quo, an einem schwelenden atomaren Kabelbrand, an einem labilen Gleichgewicht ändern konnte und wollte.

Grass führt seine Feder und erhebt sie mahnend, erinnernd – und ja: Auch wenn man ihm, der sich im 2. Weltkrieg versündigte, eine gewisse Doppelmoral zu und seine (Alters-)Weisheit absprach – so schafft sein niedergeschriebener Monolog eines: Kultur selbst. Kultur in ihrer Urform, denn in einem künstlerischen Freiraum darf gedacht werden, was auf diplomatischem, rutschigem Parkett unsagbar – und vor allem unschreibbar – wäre. Grass selbst mag somit streitbar bleiben, sein Gedicht gar eine mehr schlechte als rechte Provokation sein, doch der vom medialen Hype durchsetzte, oberflächliche Zeitgeist greift diese doch dankbar auf. Und genau darin erkenne ich einen nutzbaren Effekt: In unserem willfährigen Zeitalter, indem die Polarisierung scheinbar nur noch schlechten Laien-Darstellern im Nachtmittags-Programm obliegt, wird es Zeit, Haltung zu beziehen, die schwülstigen Wohlstandsbäuche abzustreifen und die Playstation zur Seite zu legen. Auch wenn wir gerne daran glauben wollen: Das Leben ist nun mal kein Ponyhof und wenn Deutschland ein sechstes U-Boot nach Israel liefert, ist eben das (!) der eigentliche Skandal und demonstriert ein weiteres Mal die scheinheilige Verzahnung von Politik und Wirtschaft, die den Cashflow anbeetet und vor das Wohl der Menschheit stellt.

Ja es ist unglaublich, dass schon die rot-grünen Exportrichtlinien solche Waffen-Deals billigten, dass Deutschland von Haus aus die stählernen U-Boot-Kolosse mit zwei unterschiedlich großen Torpedo-Rohren ausstattet (sechs Rohre mit dem Standard-Durchmesser von 533 Millimetern und vier mit einem Durchmesser von 650 Millimetern, aus denen man dann auch atomare Marschflugkörper (Reichweite rund 1500 km) abfeuern könnte), dass Herr de Mezière sich dabei noch strahlend die Hände reibt und wir, ja wir alle, nichts dagegen tun und das zur besten Sendezeit ertragen, weil wir so schrecklich abgestumpft, so übersättigt, so gleichgültig wurden in unseren Kathedralen des Wohlstands, mit ordentlichem Vorgarten und Family-Van in der Garage.

Wenn der von Trägheit zerfressene Durchschnitts-Deutsche eben erst ein sogenanntes Gedicht benötigt, um sich so endlich einem drohenden atomaren Flächenbrand bewusst zu werden: Meinetwegen. Auf dass es nicht in den Tiefen der Feuilletons oder in den Höhen der Deutungs-Horizonte versauere und sich aus den Zeilen des alten Mannes auch ein paar konkrete Ideen für eine politisch konstruktive Auseinandersetzung ableiten lassen, bevor wir alle die Trompeten von Jericho hören (Jericho nennen sich übrigens auch die israelischen Boden-Boden-Raketen, die ihre atomare Fracht bis zu 7000 km vom Nahen Osten ins ferne Irgendwo tragen können).

Und weil gerade Ostern ist – ein kleines Bibel-Zitat zum Abschluss:

Laß alle Kriegsmänner rings um die Stadt her gehen einmal, und tue sechs Tage also. Und laß sieben Priester sieben Posaunen des Halljahrs tragen vor der Lade her, und am siebenten Tage geht siebenmal um die Stadt, und laß die Priester die Posaunen blasen. (3. Mose 25.9) Und wenn man das Halljahrshorn bläst und es lange tönt, daß ihr die Posaune hört, so soll das ganze Volk ein großes Feldgeschrei machen, so werden der Stadt Mauern umfallen, und das Volk soll hineinsteigen, ein jeglicher stracks vor sich.

Josua, Kapitel 6

Landtagswahl im Saarland: Ein polemisches Fazit

Was ist nun das inhaltliche Ergebnis dieser Landtags-Wahl? Heiko Maas ist zum dritten Mal gescheitert und steht zerknirscht vor den Fernsehkameras – wieder hat ihm der Napoleon von der Saar, Oskar Lafontaine, den Schneid abgekauft und viele Wähler abgeknöpft. Und auch wenn DIE LINKE einige Verluste hinnehmen musste, so scheint es im Saarland ein starkes Bedürfnis an Politik jenseits des alten sozial-demokratischen Milieus zu geben. Dass Sigmar Gabriel und Konsorten eine Rot-Rote-Regierungskoalition im Saarland immer noch ausschließen und lieber mit der an Ausstrahlungs-Schwäche leidenden (sehr wahrscheinlich wieder) Ministerpräsidentin klüngeln, zeigt einmal mehr ihre persönliche Untreue zu den eigenen politischen Leitmotiven.

Plakativ wird die zunehmende inhaltliche Verwaschung der beiden großen Parteien auch in den personellen Umfrage-Ergebnissen zu AKK und Heiko Maas demonstriert: So kann die Mehrheit der saarländischen Befragten erst garkeinen Unterschied zwischen den beiden in Sachen Sympathie und Glaubwürdigkeit ausmachen. Mit Verlaub: Das finde ich schon schlimm genug.

Ungeachtet dessen wehte im Saarland immer schon ein ganz besonderer Koalitions-Wind jenseits der Linken. Der ‚clevere‘ Hubert Ullrich, der sich im Jahre 2009 gegen eine Zusammenarbeit mit den tief Roten entschied, muss nun – und vielleicht aufgrund dieser strategischen Fehlentscheidung – um den Einzug in den Saar-Landtag bangen.

Die neo-liberale Odysee der FDP geht derweilen weiter und das hat mit weit mehr zu tun, als mit der Befindlichkeit eines kleinen Bundeslandes im Südwesten der Republik. Vielmehr zeigt das Scheitern der FDP an der 5-Prozent-Klausel, dass man die inhaltliche Leere dieser Partei auch im Saarland endgültig erkannt hat. Etwas polemisch könnte man das Ganze auf einen Nenner bringen: Der Neo-Liberalismus hat ausgedient und es erschreckt, dass die FDP gerade mal 267 Wählerinnen und Wähler mehr mobilisiert hat als die NDP.

Ach ja: Dann wären da noch die Piraten. Auch wenn man dieser juvenilen politischen Strömung noch ein wenig Zeit geben sollte – und deren Ergebnis wahrscheinlich vielmehr einem Erst-Wähler-Bonus und Coolness-Faktor geschuldet ist, den die deutsche Parteien-Landschaft bisweilen partiell vermissen ließ – so haben die freibeuterischen Jungs und Mädels ihre Sache durchaus gut gemacht. Wie es mit ihnen weiter geht – man wird’s sehen.

Alles in allem sehe ich in Sachen Politik für das Saarland eher schwarz als rot- ganz nach dem Motto: Nach der Wahl ist vor der Wahl…

Veritas Temporis Filia – Ein kleiner nostalgischer Ausflug in die 1980ger

Wie sagte Aulus Gellius so teffend: Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Und so streben wir in unserem Alltags-Trott fort, pendeln zwischen Arbeitsstelle und Zuhause hin und her – bereisen zwei, drei oder mehr Lebenswelten, die für viele längst nur noch zu Durchgangs-Stationen geworden sind. Doch die Zeit entrinnt und schlimmstenfalls erleben wir uns schon längst nicht mehr als aktiv Handelnde. Der Soziologe Fritz Schütze würde wohl sagen, dass man in diesem Moment zum passiv Erleidenden Subjekt wird, dessen sogennante Verlaufskurve tendenziell negativ verläuft.

Es geht, so scheint es mir, darum, die eigene Umwelt, das, was uns umgibt aktiv warzunehmen – immer und jeden Tag. Das hat wenig mit den Verheißungen der sogenannten Ratgeber-Literatur zu tun, als vielmehr mit einer Form der inneren Ausgeglichenheit und Ruhe. Haben wir uns als Kinder nicht genau in der uns umgebenden Lebenswelt ausgekannt? Damals, als wir mit unseren Fahrrädern nur bis zum Punkt X fahren durften, da wussten wir noch, wenn gegenüber eine neue Familie einzog und nahmen auch wahr, wenn die Wiesen, auf denen wir spielten, einen frühlingshaften Duft verströmten. Die Jahreszeiten waren für uns in dieser Zeit noch unmittelbar wichtig, denn ob es kalt oder warm war oder regnete und schneite, entschied unmittelbar darüber, ob wir draußen toben durften oder eben nicht.

Und die Welt draußen, die hatte wirklich viel zu bieten und war unser kleiner großer Kosmos, in dem wir Staudämme bauten und auch so manches Ungeheuer unter alten Kanaldeckeln wähnten. Diese mystische Kinderwelt hatte vielleicht einen Radius von drei Kilometern – sie war aber unsere unmittelbare Lebenswirklichkeit, in der wir erfuhren, was Freundschaft, Freude und Glückseligkeit heißt. Strukturiert wurde diese Zeit vom Rhytmus der Mahlzeiten und den abendlichen Besuchen des Eismanns, der mit einem alten grün-roten VW-Bus die Viertel der Stadt bereiste. Das Geläute seiner Glocke deutete uns an, dass der Tag bald vorüber sein würde.
Eine echte Kassette!
Eine echte Kassette: So hörte man damals Musik.
Auf der Wiese, auf der wir zuvor Fußball gespielt hatten, fanden sich nun einige Erwachsene ein, die sich im Lichte der letzten Sonnenstrahlen noch ein paar Bälle zukickten. Und die Großfamilie von gegenüber feierte mit Schlagern, die man von einer Kassette (sowas gab’s damals noch) abspielte, den Abend und beschallte zum Leidwesen einiger (Spieß-)Bürger die Umwelt.

Sommerhit des Jahres 1987 – Die Berliner Band ‚The Other Ones‘ mit ,Holiday‘
Der Abenteuer-Spielplatz, auf dem ich aufwuchs, hatte aber noch weit mehr zu bieten. So verbrachten wir Wochen damit, die wenig befahrenen Straßen mit unseren Skateboards herunterzubrausen, mit unseren Kettcars die Garagen-Einfahrten der Nachbarschaft unsicher zu machen, Löcher zu buddeln und vieles mehr.

All meine kleinen Anekdoten sollen Ihnen zeigen, dass sich alles im Leben ändern kann, keine Variable ist konstant. Keine – außer die der Zeit – die uns unaufhöhrlich entrinnt – und in deren Schatten uns irgendwann unsere Lebensbilanz präsentiert wird… Wie es Michael Ende, der Schöpfer der zeitsuchenden Momo, treffend formuliert: „Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot. “ Da hat er recht…

Saarland-Wahlen: Große Parteien auf Kuschel-Kurs

Nächste Woche steht bei uns im Saarland die Landtagswahl an und mittlerweile ergießt sich die Wahlkampf-Propaganda der Parteien bis in die kleinste Nische unseres beschaulichen Bundeslandes. Nach dem kläglichen Scheitern des neo-liberalen jamaikanischen Regierungs-Bündnisses liegen CDU und SPD neuesten Umfragen-Ergebnissen zufolge gleich auf, DIE LINKE belegt einen respektablen dritten Platz. Die Grünen dürften, wenn alles gut läuft, auch im Landtag vertreten sein – ebenso die Piraten. Einzig und allein die FDP muss wirklich um ihren Einzug bangen. Wobei das Ausscheiden der Liberalen aus der Regierung für einen Großteil der Bevölkerung wohl durchaus verschmerzbar wäre – landes- und bundespolitisch wohlgemerkt.

Kleine Randnotiz: Die Gesichter der saarländischen FDP-Politiker sind auf aktuellen Plakaten bezeichnender Weise nur halb abgebildet, was durchaus viel Raum für Interpretationen bietet. Eine Lesart meinerseits: Die FDP macht nur halbe Sachen, zeigt nicht ihr wahres Gesicht etc. Honi soit qui mal y pense…

Die FDP-Saarland macht Wahlkampf mit halben SachenImmer deutlicher wird mir die Profillosigkeit der beiden großen – sogenannten – Volks-Parteien: Deren inhaltliche Leere dominiert selbst auf den Wahlkampf-Plakaten und die in bester Werbe-Claim-Manier geschriebenen Leitsätze der Kandidaten könnte man auch zum Bewerben eines Waschmittels, Autos oder Bieres nutzen (CDU: echt, klar, mutig). So grinsen unsere tendenziellen Volksvertreter von den nicht ganz billigen Plakaten und schauen zuweilen dämlich in die Umgebung. Frau Kramp(f)-Karrenbauer gibt sich ganz volksnah und schiebt mit sorgenvoller Miene einen Einkaufswagen vor sich her – jedenfalls soll das das aufwendig produzierte und natürlich gestellte Foto suggerieren und vielleicht von den nicht ganz unerheblichen Querelen rund um ihre Person in Sachen saarländischem Museumsneubau ablenken.

Auch im Web 2.0 hat man sich im CDU-Wahlkampf-Head-Quarter der (noch) saarländischen Ministerpräsidentin Mühe gegeben. Da ließt man auf Facebook solche tollen Sätze wie „Ich will ein Land, in dem Erfahrung zählt!“ oder „Wichtig sind stabile politische Verhältnisse“. Aber liebe Frau Kramp-Karrenbauer, hatten Sie nicht erst den saarländischen Landtag am am 26. Januar aufgelöst? Gut, aber das haben die Studenten und Studentinnen, die fleißig in Ihrem Namen posten, wohl schon vergessen.

Treffend: Zwangs-Ehe von CDU und SPDVöllig vergessen hatte die SPD im saarländischen Wahlkampf-Wirbel wohl auch ihren sozialdemokratischen Anstand: Denn die ohnehin schon unter Profil-Verwässerung leidende Partei, die sich bundespolitisch so gerne für gerechte Löhne einsetzt, hatte die Produktion ihrer Plakate kurzehand nach Polen „outgesourct“ und kostengünstig in unserem Nachbarland produzieren lassen, das nicht gerade für seine faire Lohnpolitik bekannt ist.

Wo es früher noch darum ging, politisch zu polarisieren und eine klare Kante zu zeigen, verkommt mittlerweile das politische Geschäft zu einem faden Einheitsbrei, den schließlich die Wähler und Wählerinnen auslöffeln müssen. Da werden Absprachen im Vorfeld getroffen und es geht scheinbar nur noch darum, möglichst gut miteinander auszukommen – sich zu einigen auf den größten gemeinsamen Nenner. Was jedoch bei einem solchen Weichspül-Kurs abhanden kommt, sind klare politische Linien.

Dass es oft um weit weniger als um politische Ideale geht, hat der Grüne-Landeschef, Hubert Ulrich, den Wählern schon im Jahre 2009 klar gemacht, als er aufgrund persönlicher Ressentiments gegenüber Oskar Lafontaine lieber mit der FDP als mit den Linken regieren wollte – eine Entscheidung, die so mancher „Fundi“ aus dem linken Parteiflügel ihm bis heute nicht verziehen hat.

Am 25. März werden jedenfalls die Karten wohl kaum wirklich neu gemischt werden. Alles wird wohl auf eine Koalition aus SPD und CDU hinaus laufen. Die beiden vermeintlichen Wahlgewinner dürften sich dann endgültig in Sicherheit wähnen und ihre neu errungene politische Hoheit vollends auskosten – so ganz ohne die Seitenhiebe von Grün und Gelb…

Spielhallen – die neuen, alten Enclaven des (Un)Glücks

Immer mehr glitzernde und funkelnde Spielhallen säumen die Innenstädte. Sie scheinen sich dabei quasi viral zu verbreiten, bevölkern derweil längst verlassene Ladenlokale oder werden in städtischen Randgebieten aus dem Boden gestampft. Während für mich, der ich noch nie ein echter Spieler war, diese Orte immer eine Art Tabuzone mit Suchtpotential darstellen, scheinen sie sich gerade jetzt wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Oder wie ist ihre Allgegenwart, ihr Einnisten in jegliche urbane Nische, sonst zu erklären? Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass aus diesen halbdunklen Lokalitäten nie irgendwelche Menschen kommen – geschweige denn dort hinein gehen? Und doch scheinen die sogenannten Spielstätten auf eine gesellschaftliche Randgruppe eine gewisse Faszination auszuüben.

Das Spiel mit dem Glück – oder vielmehr das Glück im Spiel zu suchen – dieses Phänomen ist ja längst schon so alt wie die Menschheit. Gefunden haben es derweil längst nicht alle. Schon als Caesar am 10. Januar 49 v. Chr. mit seiner Armee den Rubikon überschritt und die unwiderruflichen sowie unklaren Rechtsfolgen dieser Grenzüberschreitung bewusst in seine Überlegungen mit einkalkulierte, wurde eine der bekanntesten Spiele-Metaphern geboren: Alea iacta est, was umgangssprachlich so viel heißt wie „Die Würfel sind gefallen“, oder genauer: Was jetzt geschieht, liegt nicht mehr in unserer Hand.

Menschen sehnten sich allerorten und zu allen Zeiten danach, ‚zu spielen‘. Dabei geht es meist – anders als es das unschuldige Wort „Spiel“ vermuten lässt – um weit mehr als einen Spaß – nämlich um viel Geld, um Sehnsüchte, Adrenalin und die Hoffnung, endlich doch den Funken Glück zu erhaschen, den man so lange schon verdient hätte. Der schnelle Gewinn lockt und nährt nicht selten die Illusion, den Ausgang des Spiels beeinflussen zu können. Aus Gelegenheitsspielern werden so Vielspieler und schlimmstenfalls sogar Spielsüchtige, deren pathologisches Verhalten sie und ihre Familien in den finanziellen Ruin und in die soziale Isolation treibt.

Was das Würfelspiel in der Antike und die Casinos in den letzten 200 Jahren waren, das sollen nun also die Spielhallen sein, die solch vermeintlich unschuldige Namen wie „Freizeit-Treff“ oder „Glückswelt“ tragen, womit beim arglosen Betrachter sicher auch der Anschein einer gepflegten Unterhaltungs-Alternative erweckt werden soll. Doch Spielhalle ist nun mal Spielhalle, und um vom billig, ramschigen Sucht-Image weg zu kommen, bedarf es an mehr, als dem Kind lediglich einen neuen Namen zu geben. Oder?

Während Casinos den oberen Zehntausend vorbehalten waren und ein Dresscode sowie strenge Kontrollen am Eingang den spielerischen Klassenerhalt garantierten und vor allem reglementierten, bieten die städtebaulichen Münzgräber den vormals gescholtenen Spielern immerhin Enclaven des (Un)Glücks. Diese sind bequem zu erreichen, man findet sofort einen Parkplatz und Zuhause wird der kleine Ausflug in die Welt der Sonderspiele und der blinkenden LEDs erst via Kontoauszug oder Mahnbescheid offenkundig.

An diesen Orten, fernab des Alltags, wird geschwiegen. Einige Spieler ziehen nervös an ihren Zigaretten und das einzige, was die bohrende Stille durchbricht, sind die synthetischen Sounds der Automaten und der Klang der begrabenen Münzen. Nach Uhren sucht man hier vergebens: Es gibt Orte, an denen hat Zeit keinerlei Bedeutung und dies ist so einer. Alles fließt im monotonen Rhythmus des Spiels, das für einige schon längst zum Spiel um ihr Leben geworden ist, langsam – zäh – bergab.

Was bliebt von staatlicher Seite aus zu tun? Grundsätzlich täte unser Staat gut daran, den vermeintlichen Glücks-Oasen äußerst kritisch gegenüber zu stehen und die freizügige Bautätigkeit der Betreibergesellschaften an bestimmte Bedingungen zu knüpfen und bei Bedarf auch einzuschränken. Klar ist: Solange die Erreichbarkeit der Spielhallen tendenziell verbessert wird, kann auch eine größere Zahl an Menschen mit dem Phänomen des Gewinnspiels und damit mit dem der Spielsucht konfrontiert werden.

An dieser Stelle wäre auch eine stärkere Intervention hinsichtlich weiterer gesundheitspolitischer Schritte, wie beispielsweise die Durchführung von speziellen Präventions-Programmen, wünschenswert und notwendig.

Doch wie ich in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL (9/2012) lese, denkt man von staatlicher Seite nicht an solche Dinge. Im Zuge der Novellierung derGlücksspielverordnung will das Bundeswirtschaftsministerium vielmehr einen Entwurf verabschieden, der die Liberalisierung der Glücksspiel-Branche vorsieht und den Betreibern wohl endgültig wie ein Jackpot-Gewinn vorkommen mag. So sollen weiterhin pro Spiel bis zu tausend Euro verzockt werden dürfen und die Überprüfung der Automaten durch unabhängige Sachverständige endgültig entfallen. Verwundert reibt man sich über soviel Freimut die Augen und kann es nur als logische Konsequenz ansehen, wenn mehrere Spielsuchtexperten der Anhörung am Mittwoch aus Protest fernbleiben wollen. Wie die Vorsitzende des Fachverbandes Glücksspielsucht, Ilona Füchtenschnieder, verlauten lässt: „Das Papier greift keine einzige Forderung der Suchtforschung auf.“ Alea iacta est…

Karnevalistische Zwangsneurose

Auch auf die Gefahr hin als Karnevals-Muffel zu gelten, der ich eigentlich garnicht bin bzw. nicht sein möchte, fällt mir in diesen Tagen des gemeinschaftlichen und alkoholversetzten Papp-Nasen-Frohsinns wieder einmal mehr der ach so stereotyp deutsch anmutende Hang zu einer gewissen gespielten Lockerheit auf, der seinen Grundzügen nach verkrampfter eigentlich nicht sein könnte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte an dieser Stelle nicht richten über alle Formen der karnevalistischen Subkultur und befinde diese in weiten Teilen sogar als unterhaltsam.

Aber was mich befremdet, sind die vielen stets melancholisch dreinblickenden Gestalten des deutschen Dienstleistungs-Sektors, die gerade an den Faschings-Tagen unweigerlich eine förmliche Zwangs-Symbiose mit der Narrerei eingzugehen scheinen. Von der Bäckerei-Fachverkäuferin bis hin zur Bankangestellten: Aller Orten treten mir da kostümierte Frauen und zuweilen auch Herren entgegen, die unfröhlicher garnicht erst sein könnten. Da frage ich mich natürlich zwangsläufig, ob es in den Arbeitsverträgen dieser Herrschaften eventuell eine Art ’närrischen Paragraphen‘ oder gar eine ‚Verkleidungs-Pflicht‘ für die Faschings-Tage gibt und wenn ja, ob sich da nicht etwas von gewerkschaftlicher Seite machen lässt. Der jetzige Zustand scheint mir jedenfalls sowohl für Angestellte, als auch für deren Kunden kaum tragbar.

Ich möchte Ihnen, um diese Behauptung zu untermauern, gerne ein konkretes Beispiel aufzeigen.

So empfingen mich, als ich gestern eine örtliche Bäckerei aufsuchte, die gleichen mir bekannten obligatorisch mießgelaunten Verkäuferinnen, die, in einem Anflug von gespielter Freundlichkeit, Backwaren an den Mann bzw. an die Frau brachten. Doch diesmal wurde der Szenerie eine Art unfreiwillige Komik verliehen. Denn eben diese service-orientierten Glanzlichter der deutschen Bäckerei-Fachverkäuferinnen-Zunft standen da – wie gewöhnlich völlig entnervt – doch komödiantisch bereichert um ihre Clowns-Kostüme und Papp-Nasen. Kennen Sie den Horror-Film-Klassiker von Steven King, ‚Es‘, in dem das ureigenste Symbol kindlicher Freude, der Clown, eigentlich ein böses Ungeheuer ist?

Nun: An diesem Morgen fühlte ich mich so, als würde ich gleich zwei Ausführungen dieses ‚Dings‘ gegenüber stehen. Überhaupt scheinen viele Bäckerei-Fachverkäuferinnen einen besonderen Hang dazu zu haben, uns, die Kunden, an jenen beruflichen Aspekten teilhaben zu lassen, von denen wir eigentlich nichts bzw. überhaupt nichts wissen wollen. So diskutiert man untereinander lautstark und mit einer allgemein erkennbaren Affinität zu innerbetrieblichen Abläufen über mangelhaft strukturierte Dienstpläne, zu viele Überstunden, fehlende Urlaubszeiten und darüber, das man auf das, was man da tut, prinzipiell keine Lust hat.

Die Kommunikation mit dem Kunden beschränkt sich – ich spreche jetzt mal für jene Bäckereien, die ich regelmäßig aufsuche – auf eine stets abgespeckte Form der themenzentrierten Interaktion. Ein „So!!!“, steht da beispielsweise für die einleitende Phrase ‚Sie sind nun an der Reihe, was kann ich für Sie tun?“, ein „Biddeee!“ deutet an, dass die Verkäuferin gerade den Überblick über die Reihenfolge der Wartenden verloren hat und an selbige appeliert, man möge sich doch untereinander über den weiteren Ablauf einigen. Es ist wirklich schon schlimm genug, dass ich mich in vielen Geschäften das ganze Jahr über damit abfinden muss, als Kunde zu stören.

Doch wenn dann noch ein Clown, eine Hexe oder ein motziges Cowgirl mit 120 Kilo Lebendgewicht hinter der Theke vorlukt – das ist krotesk, oder?

Übrigens: Als ich mich dann auch noch in jener Bäckerei dazu erdreistete, nach einer Serviette zu fragen, konnte ich die lodernden Funken in einem der Clowns-Gesichter quasi blitzen sehen. Die Serviette habe ich dann zwar bekommen, aber fühlte ich mich dabei recht mies – und das hatte ‚Es‘ ja wohl mit seinem diabolischen Blick bezweckt. Man muss ja auch schließlich als Clown nicht immer fröhlich sein…
Stephen Kings Es
Verkörpert einen ganz und gar unsympathischen Clown: Tim Curry als Pennywise in Stephen Kings „Es“(1990)

Warum der Westen von Syrien die Finger lässt

Wenn ich, wie heute in der FAZ, wieder einmal von den vielen Opfern der Gewaltauswüchse des syrischen Terror-Regimes in Homs lese, so drängt sich dem unwissenden Beobachter – und als solchen bezeichne ich mich in Sachen Syrien nun mal – schon die Frage auf, warum sich dort niemand der militärischen „Big Player“ dieser Welt einmischt, um dem Spuk Assads endlich ein Ende zu bereiten. Zwar bin ich persönlich der Meinung, dass Krieg immer die Ultima irratio darstellt, doch stimmt mich das zaghafte Verhalten der sonst so selbstverliebten und bisweilen gar chauvinistischen USA durchaus nachdenklich… Was ist denn hier so anders als in Libyen, wo diese gemeinsam mit Frankreich den Revolutionären Waffen-Hilfe leisteten?

Wieder und wieder werden in Syrien nach Bombenexplosionen unschuldige Menschen getötet und sogar von täglichen Massakern der staatlichen Sicherheitskräfte an der Zivilbevölkerung ist die Rede. Während der Versuch von Assads Frau Asma, sich samt ihren Kindern ins Ausland abzusetzen, unbestätigten Quellen zufolge durch einem abtrünnigen Teil der syrischen Armee verhindert wurde, scheint sich der Kampf zwischen denen, die für das Neue stehen und den sprichwörtlichen alten Garden der Regierung immer weiter zuzuspitzen. Begleitet von Panzern rückten Soldaten in Homs derweil in den Stadtteil Inshaat vor und setzten den Belagerungszustand fort, während die internationale Staatengemeinschaft über einen militärischen Eingriff von außen debattiert. Sicher ist: In realitas ist ein solches Vorhaben äußerst schwer durchzuführen. Denn schon die Streitmacht, mit der Assad seinen potentiellen Gegnern gegenüber treten würde, ließe auf eine schnelle Lösung des Konflikts – sprich den Sturz des Regimes – kaum hoffen: So ist die syrische Armee kampfstark und vor allem gut ausgerüstet. Ein rasches Vorgehen, wie es die Weltöffentlichkeit einst gegen die Truppen Gadhafis erlebte, ist also unwahrscheinlich.

Wenn der frühere amerikanische Präsidentschaftskandidat John McCain ein schnelles Eingreifen fordert, weiß er genau, warum die USA bis dato noch keine Truppen entsandt haben. Auch reine Hilfslieferungen, denkbar beispielsweise über eine Art Luftbrücke, sind ein strategisches Wagnis, denn mit einem sicheren Himmel, einem sogenannten „Save Heaven“, ohne syrisches Gegenfeuer, können jene, die gerne helfen würden, nicht rechnen. Wenn also Obama den sofortigen Rücktritt Assads herbeisehnt, ist das nichts weiter als ein frommer Wunsch. Auch er weiß genau, dass das zähe Ringen um Machterhalt und oppositionelle Neuerungen erst begonnen hat.

Das politische Klima in der arabischen Welt ist zudem seit der Arabellion ins Wanken geraten und mehr als unsicher: In der Straße von Hormus lassen der Iran und die USA ihre militärischen Muskeln spielen, während sich Israel schon auf einen atomaren Erstschlag des Mullah-Regimes vorbereitet. Wie weit der Iran mit seinem Atomprogramm nun wirklich ist, das vermögen nur Allah und die iranische Regierung allein zu sagen. Doch eine Intervention von Außen könnte in diesem köchelnden Macht-Sud schnell das Worst-Case-Szenario heraufbeschwören: Gedankenspiele, wie ein syrisch-iranischer Pakt gegen die gemeinsamen Erzfeinde Israel und USA beispielsweise, lassen apokalyptische Stimmungen aufkommen.

Die Motive für das chinesische und russische Veto gegen einen Sturz von Außen sind derweil ebenfalls diplomatisch äußerst heikel: Während China damit seine generelle Abscheu vor gewaltsamen Neuerungen durch Dritte zum Ausdruck bringt, wurzelt das Nein Russlands in einem Schulterschluss mit Syrien, der noch aus Zeiten des Kalten Krieges stammt. Zudem möchte man von russischer Seite aus einen steigenden Einfluss des Westens im Herzen Arabiens verhindern.

Fassen wir also zusammen: Die Befürworter einer militärischen Lösung stehen einem kleinen Land mit drei schwierig zu kalkulierenden Verbündeten gegenüber. Den militärischen Großmächten Russland und China sowie der potentiellen Atommacht Iran.

Dass die Schweiz unterdessen Hafez Machluf, seines Zeichens Chef des syrischen Geheimdienstes, trotz Sanktionen drei Millionen Euro freigab, um das Assad-Regime zu unterstützen, wirkt wie eidgenössischer Hohn von ganz weit ‚droben vom Berg‘. Immerhin verbleibt das Geld in den ‚besten Kreisen‘: Machlufs Familie ist mit dem Assad-Clan verschwägert. Rami Machluf, Hafez‘ Bruder und der reichste Syrer überhaupt, beeinflusst rund 60 Prozent der syrischen Wirtschaft. Aber davon will man im Lande des Käsefondues und der Gemütlichkeit, genauer im Schweizer Staatssekretariat, nichts wissen.

In der drittgrößten Stadt Syriens, im altehrwürdigen Homs, das am Fluß Nahr Al Asi gelegen ist und bereits in der Antike unter dem Namen Emesa bekannt war, gehen die Gefechte unterdessen weiter. Ein neuer Granaten-Regen verfärbt den Himmel blutrot, Schreie hallen über die staubigen Straßen. In der Hochburg des Widerstands neigt sich ein Tag des Grauens dem Ende. Bis morgen, in aller Frühe, ein neuer beginnt…

Rauchen kann tödlich sein: Die Sucht und ihre Doppelmoral

Wenn in Deutschland heutzutage über das Verkaufsverbot der sogenannten Elektronischen Zigarette nachgedacht wird, so wirft das in meinem Inneren ein paar Fragen auf. Es ist nicht das Verbot selbst, das an dieser Stelle zu diskutieren ist, vielmehr dessen Begründung, der gesundheitsgefährdende Aspekt des elektronischen Qualmens, der angeführt wird, nämlich. Wenn also das Gesundheitsamt in Nordrhein-Westfalen und andere Länderbehörden, wie gerade geschehen, öffentlich ankündigen, gegen den Verkauf der elektronischen Nikotin-Inhaler vorzugehen, ist dieser förmlich invasive Akt der Nächstenliebe schon verbunden mit einer gewissen Doppelmoral. Während nämlich weiterhin über die Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit der E-Glimmstängel diskutiert wird, dürfen die Zigarettenkonzerne ihre Lungenkrebs verursachenden, Gefäßwand schädigenden und somit nachweislich lebensverkürzenden Erzeugnisse weiterhin ungehindert an Tankstellen und in Supermarktketten absetzen, völlig unbehelligt vom Staate oder dessen ausführenden Institutionen.

Der ein oder andere mag sich dem Verdacht nicht erwehren können, dass die Spielräume der Tabakindustrie – einst erwachsen im blauen Dunst teerschwarzer Vorzeiten – mit einem rein ökonomischen Faktor – namentlich der Steuerbanderole – zu tun haben. Sie spült dem Bund seit Jahrzehnten schon aschgraue Moneten in die klammen Kassen. Das muss gesagt werden: Rauchen ist grundsätzlich schlecht – für Gesundheit, Geldbeutel und somit auch für die Gesellschaft. Aber wo endet die Gefahr des einen und wo beginnt die Gefahr des anderen Sucht-Mediums oder ist die Definition darüber reine Willkür? Sucht-Medium, ich führe das Wort an dieser Stelle ein, da sich der E-Zigaretten-Dissenz nicht einmal mehr im Suchtmittel Nikotin von der staatlich gebilligten Form der Suchtbefriedigung unterscheidet. Bei aller öffentlicher Polemik geht es scheinbar nicht, und das mag wenig überraschen, um ernst gemeinten Gesundheitsschutz.

Vielmehr trägt man staatlich noch dazu bei, eine kommerzielle Grauzone zu schaffen, in der gesundheitsgefährdende Suchtmittel gewinnbringend veräußert werden dürfen und der Eindruck entsteht, das Konsumform A ungefährlicher sei als Konsumform B. Bitteschön: Auch zum herkömmlichen Rauchen liegen genügend Langzeitstudien vor und die, die vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren einst stark ihrem Laster frönten, könnten die tödliche Wirkung des Rauchens bestätigen, wären sie nicht schon tot.

Es ist zweifellos die fehlgeleitete Definitionsmacht des Staates, die mich förmlich zur Weißglut (!) bringt. Natürlich ließe sich sagen: Der Aufdruck von mahnenden, schwarzen Formeln auf Zigaretten-Schachteln müsste ausreichen, um den Verstand der Menschen eindringlich genug auf die Gefahr des Rauchens hinzuweisen. Doch der Sucht ist nun mal nicht mit reiner Vernunft beizukommen, da die Sehn(Sucht) der Menschen nach schädlicher Glückseligkeit vielleicht stärker ist als der Drang, ein gesundes, langes Leben zu leben. Im Übrigen würde man auch von einem Heroin-Abhängigen wohl auch kaum erwarten, dass er die Finger von der Spritze ließe, wenn sich darauf der Aufdruck „Achtung Lebensgefahr!“ befände.

Allerdings führen ja bekanntlich viele Wege nach Rom. So könnte man, und das wäre sicher nicht das Schlechteste, eine viel härtere Präventions-Politik vom Staate einfordern. Wenn also schon kein grundsätzliches Tabakverbot durchsetzbar ist, wie wäre es dann mit weitreichenden Aufklärungskampagnen in Schulen, dem Verbot sämtlicher Plakat-Werbung für Tabakprodukte sowie Waren-Anpreisungen dieser Kategorie – inklusive Aufstellern und so weiter. Das wären doch mal klarere Ansagen als die halbherzig produzierten TV-Spots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die gerade mal zwischen 19.45 Uhr und 20.00 Uhr laufen. Überhaupt: Ein staatlich verordnetes Gespräch mit einem Lungenkrebs-Patienten bewirkte wahre Wunder und im Facebook-Zeitalter ließen sich blitzschnell etwaige Inhalte viral verbreiten. Zwar könnte auch mit einem aggressiveren Anti-Sucht-Programm noch immer keine hundertprozentige Überzeugungsarbeit in Sachen Nichtrauchen geleistet werden, soviel ist sicher, aber immerhin wirkte unser Staat in dieser Hinsicht dann ein wenig authentischer und engagierter.

Leider besinnt man sich in Sachen Präventions-Vermarktung immer noch auf die gleichen, altmodischen 80ger-Jahre-Rezepte. Ja, ja das waren noch Zeiten, als es ausreichte, Hella von Sinnen in einem TV-Spot an eine Supermarkt-Kasse zu setzen und den damals noch juvenilen Ingolf Lück linkisch fragen zu lassen, was denn die Kondome kosten. Damals ging es übrigens um eine andere Gefahr, um Aids nämlich. Heute sieht man fast keinen TV-Spot mehr zu diesem Thema, obgleich die Krankheit noch da ist und einige Jugendliche sicherlich der Aufklärung bedürften.

Abgesehen davon: Das Thema Alkohol haben wir bis dato ja noch völlig aus unseren Überlegungen ausgeschlossen. Warum wird hiervor eigentlich nicht gewarnt bzw. darf dieser sogar noch zur besten Sendezeit im TV beworben werden? Wenn einem so viel Gutes widerfährt, können falsche Freunde wie Jim Beam und Herr Daniels nämlich schnell den Irrglauben wecken, dass man sich mit einem kräftigen Doppelkorn am Morgen heute wie ein König fühlt. Ob das, das einzig Wahre ist, wage ich zu bezweifeln, aber ich bin ja auch schon Asbach uralt.

Vielleicht gibt es ja so etwas wie das ‚Recht auf Rausch‘ (obgleich ich finde, dass dieser Begriff sehr negativ klingt) und viele, ja viele Deutsche scheinen ihre Rechte dahingehend sehr genau zu kennen. Erst heute Morgen, als ich mir an der Tankstelle meinen obligatorischen ‚Hallo-Wach-Kaffee‘ einflößte, beobachtete ich, wie in circa zehn Minuten zehn Menschen zehn Six-Packs kauften: Das nenne ich Magie der Zahlen. Nun braucht man wirklich kein Philosoph zu sein, um daraus entsprechende Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Befindlichkeit, anders formuliert, auf die Notwendigkeit des Rausches für diese Leute in unserer neurotisch-transformierten, postmodernen Gesellschaft zu ziehen.

Aber nochmal: Mir geht es hier um keine Wertung der Konsumenten, sondern lediglich um die fehlgeleitete, vielleicht sogar missbrauchte Definitionsmacht des Staates über das, was in Sachen Suchtmittel gesetzlich erlaubt und verboten ist. Denn immerhin werden über Ver- bzw. Gebote Bilder bei den Konsumenten erzeugt, von denen eines so aussehen könnte: „Wenn Suchtmittel X erlaubt ist, kann es ja gar nicht so schlecht sein.“

Gut, die Dosis macht ja bekanntlich das Gift, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Verzahnung von Alkohol- und Tabak-Lobby mit unserem Staate einfach stärker ist, als dessen Drang, valide Präventions-Programme anzukurbeln. Derweil zeigt uns die Tabacco-Gang wie aus dem Marketing-Lehrbuch, was es heißt, aggressiv um Konsumenten zu werben… Das glauben Sie mir nicht?

Zwar wurde auch der Marlboro-Cowboy von seiner Berufskrankheit (Lungenkrebs) dahingerafft und dürfte, selbst wenn er es noch könnte, längst keine Abenteuer mit Hust-Garantie im TV oder Kino erleben. Doch Not macht auch die Tabak-Industrie erfinderisch: Gehen Sie mal in eine Tankstelle und achten Sie bitte darauf, welche Werbebotschaften im Kassenraum auf Sie einströmen. Ich verspreche Ihnen: Die Präsenz der Tabakerzeugnisse wird Ihnen den Atem rauben, auch ohne je live an einer Kippe gezogen zu haben… Wenn der Marlboro-Cowboy das noch erlebt hätte, er hätte vielleicht rechtzeitig seinen Job gekündigt und wäre jetzt ein netter, alter Herr mit grauen Haaren – und vor allem ein Nichtraucher versteht sich…