Was bedeutet eigentlich Fronleichnam?

Das hab‘ ich mich gefragt. Ok, es ist ein kirchliches Hochfest, so weit so gut. Entstanden ist Fronleichnam durch die Vision der Ordensfrau Juliana von Lüttich um 1209. Diese sah darin den Mond mit einem dunklen Fleck, was später als das Fehlen einer Eucharistie-Feier gedeutet wurde. Daraufhin führte Bischof Robert von Lüttich um 1246 das Fronleichnam-Fest in seine Diazöse ein. Eine wichtige Voraussetzung für das Fest war dabei das Laterankonzil. Dieses hat die Wandlung der eucharistischen Gestalten durch die so genannte Transsubstantiationslehre (schwieriges Wort) präzisiert und dann zum Dogma erhoben. Bedeutet: Erst durch diese Lehre wurde es offiziell „möglich“ (daran zu glauben), dass in der Messe Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden können und Gott darin gegenwärtig wird. Damit verehrt und gedenkt dieses Fest auf feierliche Art und Weise dem sogenannten Altarsakrament, was ja die Wandlung versinnbildlicht.

Auch Thomas von Aquin (1225-1274) war an der Enstehung dieses Festes mit beteiligt, indem er Texte für das Offizium und die Messen zusammenstellte. Von ihm stammt die berühmte Sequenz „Lauda, Sion, Salvatorem“ (Lobe, Zion, den Erlöser).

Übrigens war Martin Luther einer der energischsten Gegner dieses Festes und bezeichnete es 1527 als das „schädlichste aller Feste“.

Im Französischen trägt der Tag übrigens den schönen Namen Fête Dieu, also das Fest Gottes. Fronleichnam findet immer am zweiten Donnerstag nach Pfingsten statt und steht damit im Osterfestkreis. Noch ein Wort zur Etymologie: Der Begriff stammt aus dem Mittelhochdeutschen. „Fron“ bedeutet „Herr“ und „Lichnam“ bezeichnet den lebendigen Leib. Gefeiert wird bei dem Fest die bleibende Gegenwart von Jesus Christus. Besonders ist bei diesem kirchlichen Fest die Prozession. Schon 1264 soll übrigens in Köln eine solche stattgefunden haben. Die Prozession führt die Gläubigen an vier Stationen vorbei, die allesamt den Anfang eines Evangeliums verkünden. In Bayern und Köln finden berühmte Prozessionen auf dem Wasser statt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Prozessionen wegen des wechselhaften Wetters heute nicht ins ‚Wasser fallen‘.

Altes Eisen?

Irgendwie ist mir heute Morgen mal wieder bewusst geworden, wie wenig uns die Generation der Älteren eigentlich wert ist. Ich saß, mit gefühlten vierzig weiteren überwiegend älteren Personen, im Wartezimmer eines Arztes. Leider war dieses Wartezimmer ziemlich voll. Zwar konnte ich mir gerade noch den letzten Sitzplatz sichern, allerdings trat schon bald wieder eine ältere Dame ein, die mir recht gebrechlich schien. Ich stand auf und bot ihr meinen Platz an. Das ist prinzipiell selbstverständlich für mich. Was mich jedoch schockierte, war, dass auch einige andere Personen meiner Alltersgruppe zur gleichen Zeit in diesem Wartezimmer saßen. Diese wirkten ganz und gar mit sich selbst beschäftigt und machten überhaupt keine Anstalten, der alten Dame entgegen zu kommen und ihren Platz anzubieten.

Einer von ihnen stach mir besonders ins Auge. Irgendwie erinnerte mich der gute Mann an unseren Fußball-Bundestrainer: Weißes Hemd und unglaublich busy. Übrigens blieb ich daraufhin stehen, da immer weitere ältere Damen und Herren in das Wartezimmer drängten. Die Herren meiner Altersklasse (es waren in diesem Fall tatsächlich ausnahmslos Herren) ließ das jedoch immer noch völlig kalt.

Was mir dieser kleine Vorfall einmal mehr verdeutlichte, ist die noch immer in unserer deutschen Gesellschaft gering ausgeprägte Akzeptanz gegenüber den Älteren. Ich meine: Wir gehen Oma und Opa besuchen – an Weihnachten und anderen Feiertagen – schön und gut. Aber sind wir wirklich bereit, uns auf die Bedürfnisse älterer Menschen, ja deren Existenz überhaupt, auch im Alltag einzulassen? Ich denke nicht. Aber woran liegt das eigentlich? Ist das Nicht Wahrhaben wollen des Alters vielleicht unserem Wunsch geschuldet, nicht all zu früh mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert zu werden? Vielleicht. Oder haben wir hier in Deutschland einfach den respektvollen Umgang mit älteren Menschen garnicht erst gelernt? Das von mir beobachtete Phänomen sieht man immerhin in vielen Situationen des öffentlichen Lebens. Nehem Sie Bus, Bahn, Warteschlange im Supermakt. Natürlich gibt es da auch die rüstigen Alten, die sich ihrem Alter nur bewusst sind, wenn es darum geht, daraus Vorteile zu ziehen (Junger Mann, lassen Sie mich mal vor da. usw.). Die meine ich nicht. Denn die bedürfen – jedenfalls noch – nicht unserer Fürsorge. Mir geht es um das Erkennen und Wahrhaben von alten Menschen, die von unserer Akzeptanz im Alltag in gewissem Maße abhängig sind. Und das muss ich mich schon fragen: „Liebes Deutschland, was hast du da nicht verstanden?“

Nehmen Sie als Gegenbeispiel die familiären Bande italienischer Einwanderer-Familien, die auch nach Jahren der eigentlichen Einbürgerung unglaublich stark zu sein scheinen. Hier geht nichts ohne la Mama oder la familiaüberhaupt.

Der von uns tradierte Familienbegriff ist dagegen weitaus offener und durchlässiger. Familie hat bei vielen von uns nicht den Stellenwert, der ihr eigentlich gebührt – leider.

Andererseits denke ich, wir konzentrieren uns einfach zu sehr auf uns selbst. Gestern habe ich bereits auf Ricard verwiesen, der die Akzeptanz gesellschaftlicher Interdependenz als essentielle Grundlage einer echten Selbstlosigkeit propagiert. Ja, ich denke, genau das ist es: Um den Älteren endlich überhaupt empathisch gegenüber zu treten, müssen Viele überhaupt erst einmal kappieren, dass wir von einander abhängig sind. Nur wenn wir uns als kollektiv Handelnde wahrnehmen, haben wir die Chance, von unseren Egotripps runter zu kommen.

Natürlich könnte man nun auch argumentieren:Ja, mit den zunehmenden Rollenerwartungen an uns werden wir immer mehr Stress ausgesetzt. Die „böse“ Gesellschaft ist schuld. Das will und kann ich an dieser Stelle jedoch nicht gelten lassen. Andere Gesellschaften sind genau so „komplex“ strukturiert wie die unsere. Andere Gesellschaften – nehmen Sie ganz Südeuropa – sind unserer sehr ähnlich. Kurz gesagt: Auch die in ihnen lebenden Menschen, müssen arbeiten und haben sich dennoch eine gewisse Empathie im Umgang mit dem Alter und den Alten bewahren können. Wir nehmen uns, so bin ich überzeugt, einfach viel zu wichtig.

Wenn wir von diesem Egotripp endlich mal runterkommen, wird uns vielleicht bewusst, dass wir die Zeit für Oma und Opa, Mutter und Vater, eigentlich (gehabt) hätten und dass es auch im Alltag mit ein Bißchen mehr Rücksicht weitaus menschlicher herginge. Wir sollten uns das nur mal eingestehen.

Matthieu Ricard – Gedanken zur Selbstlosigkeit

Kennen Sie eigentlich Matthieu Ricard? Wenn nicht, dann will ich Ihnen diesen Menschen vorstellen. Ricard, das ist ein französischer Philosoph – Molekularbiologe und buddhistischer Mönch. Ganz nebenbei fotografiert er übrigens auch noch. Da er als offizieller Übersetzer des Dalai Lama tätig ist und in Nepal lebt, bieten sich ihm auch entsprechende Motive. Dieser interessante Mensch hat sich Gedanken darüber gemacht, was Altruismus, also Selbstlosigkeit, eigntlich ausmacht. Seine Thesen* finde ich sehr inspirierend und möchte sie daher an dieser Stelle zusammenfassend darstellen. Demnach ist unsere „wechselseitige Abhängigkeit “ die eigentliche Grundlage unseres Altruismus. Kurz: Der wahre Altruist hat erkannt, dass er in einer Gesellschaft eingebettet und auch abhängig von Anderen ist.

Dem gegenüber steht der Egozentrismus, der nach Ricard die Basis dafür darstellt, „sich und den Anderen ein erbärmliches Leben zu bescheren.“ Der Egoist ist verletztlich und sucht Schutz in der Blase seines eigenen Egos, wo Erfolge und Misserfolge für ihn eine unglaublich hohe Bedeutung bekommen.

Altruismus hingegen steht im Einklang mit der Interdepenz, mit dem Wunsch der Menschen nach Glückseeligkeit (gr. Eudaimonia), mit dem Bewusstsein von den Anderen. Dabei zählt die altruistische Liebe zu den positivsten aller Gefühlsregungen. Zwar ist der echte Altruismus schwer festzumachen, allerdings gibt es ja tatsächlich Situationen, in denen sich Menschen selbstlos verhalten. Ricard spricht sich nebenbei gegen die Existenz eines universellen Altruismus aus. Dieser geht davon aus, dass Menschen nur selbstlos sind, um sich selbst besser zu fühlen.

Es gibt, so stellt Ricard klar, verschiedene Unterarten des Altruismus. So ist die Mutterliebe als solche beispielsweise in einem bilologischen Altruismus begründet – also in einem biologisch angelegten Schutzinstinkt der Mutter gegenüber dem eigenen Kind und in der bedingungslosen Liebe der eigenen Nachkommen. Von diesem ‚Grundaltruismus‘ kann jedoch ein übergreifender Altruismus entspringen. Damit widerspricht Ricard der Theorie des egoistischen Gens von Richard Dawkins, der von einem kompetetiven und stets selektiven Verhältnis allen Lebens ausging.

Alleine durch Training und Meditation kann man seinen Altruismus weiterentwickeln und schulen, der die eigenen Grenzen sprengt. Genau das beweisen neueste Forschungen auf dem Gebiet der Neuroplastizität, die zeigen, dass sich unser Gehirn durch intensives Gefühls-Training verändert. Ich muss gestehen: Ich kannte diese Studien bereits von Geigern, Sportlern usw. Dass allerdings durch Gefühltraining möglich wird, sogar innere Haltungen nachhaltig zu verändern und beispielsweise empathisches Verhalten ausbilden kann, das hat mich erstaunt.

Untersucht wurden im Rahmen der Studien Menschen, die schon seit rund 30 Jahren meditiert haben. Bei ihnen hat man (unglaublich aber wahr) eine deutliche Veränderung der Gehirnaktivität bei der Meditiation über altruistische Liebe festgestellt, die in ihrer Intensität teilweise bis zu 1000mal stärker war, als bei nicht meditierenden Menschen. Mitgefühl ist damit keine spontane Gefühlsregung mehr, sondern ist etwas, was zur eigenen Lebensweise wird und sich auch organisch manifestiert.

Fazit: Grundmotiv des Altruismus ist, dass alle Lebewesen frei sein wollen von Leid. Er ist damit unabhängig von moralischen Kategorien, d. h. von erwarteter Bestrafung oder gar Belohnung. Ricard fundiert diese Aussagen damit, dass es immer wieder Menschen gibt, die anderen helfen – ohne Aussicht auf Belohnung oder Anerkennung, völlig selbstlos. Hier kann man dann quasi von dem authentischen Altruismus, sprechen, der sich erlernen und schulen lässt und den es zu erstreben gilt.

Mein persönliches Fazit: In den heutigen Zeiten ist es keineswegs einfach, in sich den Keim des wahren altruistischen Handelns überhaupt noch zu bewahren bzw. überhaupt auszubilden. Was Ricard und Enthoven diskutieren ähnelt daher eher einer Begriffsdiskussion, die die Motivation von wirklichem, zweckungebundenen Handeln, nicht zu entschlüsseln vermag. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich Altuismus eben nur im Handeln selber manifestiert, ohne dass wir jedoch über die Bewegründe der handelnden Person Auskunft erhalten. In der Sozialpsychologie hat man genau das erkannt und statt des Altruismus-Begriffs, den Begriff des prosozialen Verhaltens eingeführt. Auch die retrospektive Eigenbetrachtung durch die handelnden Person selbst vermag uns da nicht wirklich weiterzuhelfen. Was also meint Ricard, wenn er von einem echten, einem wahren Altruismus spricht? Wenn wir uns die verschiedenen Unterarten des Altruismus vor Augen führen, meint er sicherlich eine Art verinnertlichten Altruismus einer höheren Stufe, der auch gänzlich ohne ethische Qualifilkation gilt. Ob es uns jedoch vergönnt ist, in die von Ricard skizzierten höheren Sphären des Bewußtseins vorzustoßen und somit zum wahren Altruisten zu werden, bleibt abzuwarten.

*zusammengefasst aus der Arte-Sendung: „Philosophie – Altruismus“
Raphaël Enthoven diskutiert mit Matthieu Ricard zum Thema „Altruismus“: http://videos.arte.tv/de/videos/philosophie_altruismus-3821786.html

Die Freiheit nehm‘ ich mir…

Eigentlich ist diese Sache mit den Finanzen ganz einfach. Als ich meine Tochter (9 Jahre) vor einiger Zeit befragte, was sie sich denn am Liebsten von ihrem Geld kaufen würde, erhielt ich die prompte Antwort: “Ein Fahrrad.“ Das war für mich kein sonderlich großes Problem, denn immerhin hatte sie lange dafür gespart. Obendrein hatte ihr der Gang zur 1. hl. Kommunion ein respektables Finanzpolster verschafft. Unglaublich, was man da für„Einmal ein weißes Kleidchen anziehen und hübsch aussehen“ bekommt. Wenn man das mal auf einen Stundenlohn runter rechnet, wird schnell klar: Glauben lohnt sich – und zwar in diesem besonderen Falle auch finanziell. Gut, dachte ich mir,dann hat’se aus diesem Erlebnis ja was für’s Leben gelernt. Will sagen: Das Kind fand heraus, dass sie entsprechend sparen muss, wenn sie sich etwas Schönes gönnen möchte. Ein einfaches, fast parabel-artiges Erlebnis. Erst sparen – dann Belohnung. Stimulus – Reaktion. Eigentlich ganz einfach.

So hatte auch ich das bereits von meinen Eltern gelernt. Ok,
werden Sie sagen,jetzt kommt wieder das Gespräch von der harten Schule des Lebens, durch die nun jeder mal durch muss. Nö, falsch gedacht, denn das meine ich damit nicht. Vielmehr geht es mir darum, ein uraltes Prinzip zu verdeutlichen: Nur das, was ich habe, kann ich auch ausgeben. Wissen Sie, womit die Finanzkrise wirklich erst eingeleitet werden konnte, wie es wirklich los ging? Ausgelöst wurde die nämlich schon viel früher – und gesehen hat es JEDER. Wenn wir es uns als Adoleszente mit unseren Eltern gemeinsam vor dem Fernseher bequem gemacht hatten, dann schlug sie zu, die Verführung, mit all Ihren Waffen. Können Sie sich noch daran erinnern? Eine halb nackte Frau springt ins Meer, Sonne, Strand, sie schwimmt, die Wassertropfen perlen von ihrem gebräunten Körper ab. Bevor Sie sich nun in den von mir (zugegebenermaßen) provozierten Bildern verlieren, komme ich besser wieder auf die Storyline zurück.

Nun gut – diese Schönheit steigt aus dem Wasser und geht in einen Strand-Shop. Was haben wir Männer damals gedacht? Natürlich:Vielleicht hat sie ja was mit dem Typen da.. Aber nein! Nachdem die Dame ein wenig herum gestöbert hat, greift sie zu eine Sonnenbrille und zieht zum Bezahlen aus ihrem Badeanzug lässig ’ne Visa-Karte raus. Spätestens da war die Werbe-Massage auch bei uns Männern angekommen und wir wussten:Die Freiheit nimmt die sich – wenn nötig auch mit Sugar-Daddy’s Platin-Card. Ja: Dieser Werbespot war die Wurzel allen Übels.

Was damals also mit einem nett gemachten Werbefilmchen begann, das trug in den Köpfen einiger Adressaten Früchte. Sehen Sie sich die Werbeprospekte der großen Techno-Discounter an. Ohne eine Null-Prozent-Finanzierung geht da nix mehr. Der Stückchen-Kauf wird quasi zur Religion erhoben. Die Du kannst alles haben und zwar jetzt-Philosophie, pervertiert dargestellt im Wirtschaftsraum USA, greift nicht nur der Einzelhandel, sondern nehmen auch Banken dankend auf. Als ich beispielsweise vor Kurzem einen Einrichtungsgegenstand kaufte, den ich, wer hätte das gedacht, sofort bezahlte, erklärte mir ein leitender Angestellter ohne Zögern: “Und wenn Sie mehr [mehr = mehr Einrichtungsgegenstände]kaufen wollen, kein Problem, ich räume ihnen sofort einen Kredit von 5000 Euro ein.“ Dass dieser Kredit nicht wirklich für 0-Prozent zu haben war, das verschwieg der gute Mann mir natürlich. Vielmehr gab er mir zu verstehen, dass „gleich bezahlen“, heutzutage eher die Ausnahme darstellt. Verstehen Sie mich nicht falsch – in der Wirtschaft ist es wohl kaum möglich, etwas ‚Größeres‘ ohne eine finanzielle Spritze von Außen auf die Beine zu stellen – und das ein oder andere Mal gilt dies sicherlich auch im Privaten. Aber was ist, wenn ein privater Haushalt völlig aus dem Wohlstand auf Pump besteht? Vom Fernseher über die Couch bis hin zum Bett…

Banken und Großkonzernen kann man da zwar eine gewisse Teilschuld zu sprechen. Diese geben schließlich die Kreditangebote erst heraus und sind, en gros, sehr schlampig in Sachen Bonitätsprüfung.

Aber eigentlich geht es um etwas anderes. Es geht um das Erlernen einer neuen Genügsamkeit und des vernünftigen Wirtschaftens. Wieso stellen sich immer mehr Menschen unter das Diktat des Konsums, obwohl sie es (laut ihren Kontoauszügen) nicht dürften? Die Flucht in die neue Materialität in das Haben wollen hat viele Ursachen, die ich, zumindest in diesem Artikel, nicht alle untersuchen kann.

Allerdings sind für mich 3 Hauptprinzipien erkennbar:

  • Durch zunehmenden Werteverlust (z. B. in Glaube u. Religion) findet eine Entwurzelung der Individuen statt, die scheinbar nur mittels Konsum kompensiert werden kann.
  • Über gesellschaftlichen sowie medialen Druck wird das Bedürfnis nach dem ‚Glück‘ im Konsum gesteigert.
  • Durch mangelnde familiäre und pädagogische Einflussnahme wird es versäumt, ein grundlegendes Verständnis von nachhaltigem Wirtschaften überhaupt aufzubauen.

Was wir also erlernen und letztlich auch weitergeben müssen, ist das Wissen um die eigene materielle Begrenztheit. Es ist nun mal normal, dass sich nicht jeder alles leisten kann. Und das ist eigentlich so einfach, dass das auch schon ein 9-jähiges Mädchen ohne Probleme verstanden hat…

Unter die Haut gegangen

Tattoos zu haben, ist längst nicht mehr ein Zeichen plakativ zur Schau gestellter Non-Konformität. Umso normaler war daher für mich gestern der Gang in eines jener Tattoo-Studios, das, anders als es die allgemeinen Vorurteile gegenüber solchen Lokalitäten vermuten lassen, äußerst aufgeräumt und sauber daher kam. Nun bin ich persönlich kein Tattoo-Neuling, mit der Szene als solches schon länger vertraut und habe selber einige Tattoos. Wobei ich leider zugeben muss, dass ein paar davon mehr schlecht als recht gestochen wurden. Ich würde zwar nicht wirklich so weit gehen und sie als Jugendsünden bezeichen, aber unter den heutigen Tattoo-Maßstäben à la i La Ink und Co. würden sie wahrscheinlich keinen Blumentopf mehr gewinnen. Nichts desto trotz war ich es diesmal nicht selber, der sich den Händen des Tattoowierers (nein, es war keine Frau) ausliefern durfte. Wir kamen also in diesem nett aussehenden Tattoo-Studio an. Was meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war die Art und Weise wie dieser Ort gestaltet war. Da hingen saubere Tapeten an der Wand, gläserne Austellungsvitrinen beherbergten diverse Schmuckstücke. Hinter der eigentlichen Empfangstheke – die natürlich mit einem Laptop versehen war – stand der Chef des Ladens. Eigentlich kein rauher Typ, so wie man sich ihn vorstellt, sondern nett, freundlich, fast schon strahlend. Wir haben Euch schon erwartet, rief er uns entgegen, als er uns sah. Wir – das waren meine Lebensgefährtin und eine ihrer Freundinnen, die sie aus längst vergangenen Schulzeiten kannte. neues tattoo zeitgeist blog

Ok – wir gingen durch den Laden in einen hinteren Bereich und gelangten schließlich in einen kleinen Seitenraum, wo uns bereits ein junger Mann (30?) mit sauber gestochenen Unterarm-Tattoos – ein Iron-Maiden-Cover rechts sowie ein Skull im Graffity-Style links – erwartete: Unser Tattoowierer.

Auch an diesem Mann mit gegelten und sauber geschnittenen Haaren konnte ich kein auflehnendes – aufrührerisches Element entdecken. Im Gegenteil: Er wirkte zuvorkommend, freundlich und wies gerade jenes Moment an Empathie auf, das es Frauen und Mädchen wohl ermöglichte, sich in seine Hände zu begeben. Übrigens: Das gilt natürlich auch für Männer – denn oft schon habe ich von bei der Tattoowier-Prozedur in Ohnmacht gefallenen Kerlen gehört.

Nun war also alles geklärt und meine Lebensgefährtin wohl in guten Händen. Als das Summen der Nadel zu mir durch drang – ich hatte es mir mit einer orientalischen Spezialität, einem Kebapteller im Vorraum bequem gemacht – kam auch mir wieder die Lust am „Tattoowieren lassen“ und ich stöberte einige Motivordner durch. Biomechanik, das gefiel mir und in mir reifte der Plan, in naher Zukunft mit dem netten Tattoowierer namens Michael, alles Weitere zu besprechen. Die Tattoowier-Sitzung als solches dauerte ingesamt rund vier Stunden. Gut gesättigt und mit viel Kaffee (siehe meinen vorherigen Artikel) ließ sich die Zeit jedoch gut überbrücken. Mehr noch: Es war tatsächlich interessant. So erfuhr ich beispielsweise, dass eine Tattoo-Ausrüstung der Marke Hot Needle rund 2000 Euro kostet (inkliusive Farben versteht sich) und dass Michael (der nette Tattoowierer), außer beim Tattoowieren, unter zitternden Händen leidet. Wie beruhigend, dachte ich mir. Aber zugegeben, dass was er da auf den Oberarm meiner Liebsten zauberte, konnte sich durchaus sehen lassen und zeugte von echtem Talent. Was ich an einer solchen künstlerischen Tätigkeit wirklich bewundere, ist die Konzentration, die der Künstler über einen langen Zeitraum aufbringen muss. Danach muss man sich doch unglaublich müde fühlen, oder?

Welche Bedeutung hat also das Tattoowieren heute noch – oder hat es gar keine mehr? Dies muss man, so denke ich, aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Für eine große gesellschaftliche Gruppe ist ein Tattoo zum Ausdruck ihres jeweiligen Lebensgefühls geworden. Klar – Lebensgefühle haben Tattoos schon immer symbolisiert – allerdings waren diese zuvor latent aggressiver und eigentlich Ausdruck der Auflehnung gegen das verhasste Establishment, den Maintream. Heutzutage bedienen Tattoos letztlich die Bedürfnisse gesellschaftlich betrachtet sehr heterogener Teilgruppen. Lassen Sie es mich so sagen: Ein Mädchen, das auf japanische Animés steht, geht genau so in das Studio wie der Raver. Während noch vor 25 Jahren das Tattoo quasi öffentlich stigmatisiert wurde, ist es heute kulturell ein Zeichen eines zumindest partiell genehmigten Identitäts-Ausdrucks. Damit büsst das Tattoo sicherlich an emanzipatorischem Potential ein, beraubt sich aber andererseits nicht seiner Daseinsberechtigung. Es hat sich sozusagen, den an es gestellten veränderten Anforderungen, angepasst. Das war auch nötig. Denn die Generation der 68er stibt langsam aus. Spaß beiseite: Es geht hier nicht um die 68er, sondern um die Gruppe der sozial – heute sagt man dazu glaube ich – Devianten. Wenn Eigenart jedoch zum Mainstream wird, findet für genau diese Gruppe in Sachen Tattoo sozusagen ein Prozess der Desymbolisierung statt und es macht für sie keinen Sinn mehr sich die Arme damit zu bestechen. Soviel zum Verlust an emanzipatorischem Potential bei Tattoowierungen.

Ein anderer Punkt, der die Kommerzialisierung des Tattoos einleitete, scheint mir die Veränderung des Schönheitsbegriffs und des Verständnis davon, was wirklich schön ist. Auch hier hat das Tattoowieren wiederum einendes Potential. Über viele gesellschaftliche Gruppe hinweg gelten Tattoos jedenfalls als subjektiv schön. Gut – das hat letztlich auch mit dem gestiegenen Qualitäts- und Leistungsstandard innerhalb der Tattoowier-Szene zu tun. Man braucht nicht erst die einschlägigen Magazine durchzublättern, um festzustellen, dass da oftmals echte Künstler am Werk sind. Anker und Meerjungfrauen werden da zu seltenen Exemplaren.

Aber leben wir tatsächlich in der Welt der unbegrenzten Toleranz? Sicher nicht. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die hoch gelobte Akzeptanz von Allem und Jedem einer gewissen Doppelmoral nicht entbehren kann. Ehrlich gesagt – ich bin selber tattoowier – tritt mir allerdings ein all zu passionierter Anhänger des Ich-bemale-meinen-Körper-Kults gegenüber, so erlebe auch ich in mir zunächst einen inneren Distanz-Mechanismus. Dies hat sicherlich mit einsozialisierten Normen und Werten zu tun, vielleicht sogar mit einer Art evolutionär bedingtem Schutzmechanismus. In einer gewissen gesellschaftlichen Klasse (ja, ich verwende an dieser Stelle diesen Begriff) gelten Tattoos nämlich schlichtweg als ‚unpassend‘. Zu nennen ist hier die ‚echte‘ aristokratische Klasse einerseits, sowie deren `Ableger‘, die Finanzbranche, andererseits. Warum auch immer, aber hier wird noch auf ein möglichst seriöses Auftreten der Angestellten gesetzt. Dass Tattoos dabei als unseriös gelten, diese Entscheidung entstammt wohl aus Besprechungen längst vergangener Tage. Machen Sie etwa Ihre Entscheidung, wem Sie Ihr Geld geben, davon abhängig, ob der- oder diejenige Ihnen mit oder ohne Tattoowierung gegenüber tritt? Hoffentlich nicht.

Fazit: Auch wenn viele Schwarzmaler den Untergang des Tattoo-Kults schon mehrmals vorausgesagt haben, bin ich der festen Überzeugung, dass die bunten Permanent-Bildchen überleben werden. Sie sind und bleiben Teil eines kulturellen und gesamtgesellschaftlichen Ausdrucks, der sich aufgrund seiner vielfälltigen Ausprägungen nie erschöpft. Im Akt des Tattoowieren lassens streben wir doch genau das an: Das eine Motiv, das uns von den Anderen unterscheidet und das uns aus der anonymen Masse heraustreten lässt. Dabei handelt es sich um ein all zu menschliches Bedürfnis: Der Wunsch nach gelebter Einzigartigkeit, gepaart mit einer gehörigen Portion Narzissmus, der im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht.

Die K-Frage und meine Antwort

Kaum hat man die magische Alters-Schallmauer „30“ erreicht, scheint alles anders zu werden. Woran ich das fest mache, fragen Sie? Nun: Eines schönen Tages, an einem nicht minder schönen Morgen, machte ich mir Zucker in den Kaffee. Gut. Nun ist ‚Zucker in den Kaffee machen‘ nicht unbedingt der Altersindikator schlecht hin. Denken SIE! Als einer der größten Kaffee-Trinker aller Zeiten (ob mir dieser Titel nun rechtmäßig zusteht oder nicht, das vermögen nur andere zu beurteilen) zählte und zählt die schwarze Brühe zu meinen Grundnahrungsmitteln. Und zwar voll und ganz. Abgesehen davon, dass ich zu früher Stunde nur mit enstprechender K-Dosis aus dem Tiefschlaf erwache, ist Kaffee also von je her ein essentieller Teil meines Lebens. Je stärker, desto besser. Doch dann, an diesem Morgen, bemerkte ich Folgendes: Als die ersten Tropfen des Gebräus meine Lippen benetzten, war mir Selblige zu stark – zu intensiv. Nachdem ich dieses erschreckende Ereignis als einmalige Verirrung meiner Geschmacksknospen deutete und unweigerlich an dem gewohntem Ritual des Schwarzen-Kaffeeschlürfens festhielt, musste ich feststellen, dass diese ‚Verirrung‘ …. nun….. keine war. Egal wo ich versuchte, den Kaffee schwarz zu schlürfen: Es war mir unmöglich. Einfach zu bitter.

Was also an jenem sonnigen Morgen mit der bitteren Erkenntnis meiner Zunge begann, wurde nun zur traurigen Gewissheit für mich: Er (der Kaffee) war zu stark – also bin ich zu schwach… Mit einem Mal wurde mir klar, dass diese kleine Veränderung in meinem Leben – ganz wie ich das aus The Butterfly Effect kannte – unweigerlich bittere Folgen nach sich ziehen würde. Was, wenn dieser kleine Griff zur Zuckerdose erst der Beginn ist von einer Kette unglaublicher Begebenheiten?

Frauentausch: Ein Leben nach Maß

Wieder einmal ertappe ich mich dabei, dass ich Donnerstags abends das Fernsehen anschalte. Nicht irgendeinen Sender – nein – RTL2. Ja – ich gebe es zu: ICH bin Frauentausch-Gucker… Nun habe ich mich oft schon in einem inneren Dialog über die Motive dieser Sendungs-Auswahl befragt. Gut – das Gezeigte amüsiert mich. Amusement kann letztlich durchaus als Motiv herhalten. Allerdings amüsiert die Sendung auf RTL2 auf besonders deficile Art und Weise. Was da gezeigt wird, das berührt und zwar daher, dass das, was wir da sehen, scheinbar das normale Leben zeigt. War die frühere Fernseh-Landschaft geprägt von den öffentlich-rechtlichen Unterhaltungs-Attacken eines Dieter Thomas Heck oder eines Wim Tölke (wer kennt den eigentlich noch?), so bildet die mediale Allmacht der Fernsehsender uns mit unseren Schwächen und unseren Wünschen ab. Ja – bei einer Tüte Chips vor der Flimmerkiste und mit meiner aufgesetzten Distanz-Brille ist das eigene Leben viel schöner. Nennen Sie es die Befriedigung eines meiner elemtarsten Bedürfnisse, aber: Ja, Frauentausch hat mir gezeigt, dass alles noch schlimmer kommen kann. Und das beruhigt. Warum also aufregen über die nicht runtergeklappte Klobrille oder den vollen Mülleimer? Ja, die Macher dieses High-End Downgrad TV-Formats zeigten mir, dem Ordnungsjunkie auf eine unaufdringliche, von Werbepausen durchsetzte, Art und Weise: „Bleib doch einfach cool, Junge!“ Die innerpsychischen Antriebsmomente des Frauentausch-Syndroms wären somit hinreichend anylsiert und abgehakt. Allerdings bin ich nicht nur Gutmensch – nein – manchmal, manchmal da kann ich richtig böse sein. Und da liegt das zweite archaische Bedürfnis begraben, dass durch diese weekly TV-Soap befriedigt wird… Wo soll ich anfangen? Ist Ihnen nicht auch schon mal aufgefallen, dass wir in einer absolut verweichtlichten Gesellschaft leben? Geprägt von dem Ariel-Weichspühl-Charakter knuddeln wir uns förmlich noch zu Tode. Ehekrisen werden in Paarseminaren ausdiskutiert, während Straßen-Kids aus Mainhatten bei Richterin Barbara Salesch in pädagogische Einzelhaft genommen werden. Na ja – und wenn’s dann doch nicht klappt, dann hilft Peter Zegat oder so…

Unglaublich, dass RTL diese Pseudo-Helfer mit dem Claim „Macht stark für das Leben“ versehen hat, denn sie zeigen uns ja nur die Inszinierung dessen. Nochmal zurückspulen. Worauf ich bei Frauentausch eigentlich hinaus wollte, ist der Punkt, dass ich genau hier, von 21.15 bis 23.15 meine Verachtung für die Menschen rauslassen kann, die sich für so eine, mit Verlaub, Scheiße, hergeben.

Das kann ich zwar auch auf dem Fußballplatz ABER: Zu Hause, da hört’s wirklich keiner – und das ist gut so. Nun aber zur Überschrift – und damit auch zum endlich seriösen und garnicht polemischen Teil dieses Artikels. Wenn ich schreibe „ein Leben nach Maß“, dann meine ich Folgendes: Bei der Sendung Frauentausch ist Nichts, aber auch Garnichts, spontan. Dass, was uns da als das „normales Leben“ vorgegaukelt wird ist nichts weiter als dessen abstrakte Inszinierung. Alle Menschen, die hier auftreten, werden instruiert – neudeutsch nennt sich das dann Scripted Reality. Heisst: Es existiert immer so etwas wie ein Drehbuch. Aber das wussten Sie ja hoffentlich vorher schon. Oder? Also setzen Sie, wie meine Wenigkeit, wieder ganz schnell die Distanzbrille auf, bevor Sie sich über soviel Mist beginnen aufzuregen und denken Sie immer an den bezeichnenden Sender-Slogan, der uns, ganz in guter Slogan-Formulierungs-Manier, mittels 3 wohl ausgewählter Worte klar macht, was das Ganze eigentlich ist: „It’s Fun“.