Überlegungen zur gesellschaftlichen Ungleichheit

Ich glaube, wir brauchen einmal eine neue Begriffdefinition davon, was Reichtum im eigentlichen Sinne des Wortes überhaupt bedeutet. Ich meine, es ist doch so, dass sich unsere Welt in unglaublichen Polaritäten und Gegensätzen repräsentiert. Wie kann es denn sein, dass es in einem Teil dieser Welt das höchste Ziel ist, einen Teller Suppe zu ergattern, während in einem anderen die Sucht nach übertriebenem Pomp und Luxus herrscht? Die Frage ist an dieser Stelle nicht populistisch gemeint, sondern in ihrer ganzen Brutalität formuliert. Es ist doch eine Welt der Ungleichheiten, in der das „Geboren-Sein in“ immer noch über die kollektive Stellung und die gesellschaftliche Daseinsberechtigung entscheidet. Ich meine das nicht fatalistisch. Doch grundlegend scheint für den daraus resultierenden gesellschaftlichen Determinismus des Einzelnen, der Kapitalismus Rechnung zu tragen, indem nämlich die Auswirkungen dieses Systems eine Maschinerie in Gang setzen, die sich vom niedrigen Lohn der Einen und der Profitgier der Anderen schmiert. Das, was das System des Kapitalismuns am erfolgreichsten in den letzten Jahrzehnten praktiziert hat, ist die ständige Ausbreitung seiner selbst unter dem Paradigma des Wachstums und der Gewinnmaximierung. Der Kapitalismus dominiert unsere westliche Sphäre auch, weil er rein strukturell jedem Einzelnen das Trugbild des tendenziellen materiellen Reich-Werden-Könnens vorgaukelt – ganz nach amerikanischem Vorbild.

Der Kapitalismus macht sich dabei das Prinzip der tendenziellen Belohnung zu Nutze. In dem Versprechen der möglichen, allgegenwärtigen Bedürfnisbefriedigung und des materiellen Reichtums werden aber essentielle, kollektive Problemstellungen weniger wahrgenommen, haben keinen Stellenwert. Das System des Kapitalismus kennt keine soziale Komponente und reagiert lediglich non-human auf das sich ständig wandelnde Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Auch die Medien entziehen sich seinen suppressiven Auswüchsen nicht, lenken sie doch einen Großteil ihrer Nachtrichtenströme zunehmend einseitig. Wann haben Sie das letzte Mal eine Meldung über die Not in Afrika im Radio oder in Zeitungen vernommen? In Europa, und in kapitalistisch geprägten Ländern überhaupt, ist die öffentliche Wahrnehmung meist vollends auf den eigenen Deutungshorizont beschränkt. Selbiger wiederum ist geprägt von einer fast schon redikulös wirkendenden Wechselhaftigkeit: Die Wichtigkeit einer Nachrichtenmeldung scheint sich gänzlich an deren Aktualität zu bemessen und der eigentliche Inhalt, die Quintessenz, wird scheinbar zur Nebensache degradiert. Unser Weltbild, die Art des gesellschaftlichen Erlebens, prägt unser Denken und Handeln – das ist längst nicht neu. Und zwar in der Form, dass sich Fragen über gesellschaftliche Ungleichheit für die meisten von uns überhaupt nicht stellen.

Gesellschaftliche Not lindern wir im Einzelnen, wenn überhaupt, nur punktuell. Natürlich geben wir gerne – an Weihnachten oder bei der Kollekte in der Kirche. Aber ist es nicht so, dass wir alle – im Vergleich zu anderen Menschen auf dieser Welt – reich sind und oftmals mehr geben könnten – materiell und sozial gesehen? Haben die Meisten von uns nicht mehr als sie brauchen und ist eben das nicht eine Form von Reichtum? Unsere individuelle und kollektive Gendankenwelt widmet sich jedoch, im Stile infantilen Egozentrismus, ganz und gar sich selbst und scheint en gros kein Bewußtsein von einem empathischen Miteinander zu entwickeln. Wir machen uns täglich Gedanken um das eigene Dasein, die Welt in und um uns und verlieren dabei ein Wesentliches, ein Essentielles, aus den Augen: die Anderen.

Tut es nicht Not einen neuen, einen utopischen Gesellschaftsbegriff zu entwickeln, der humanen Idealen wieder deutlicher Rechnung trägt? Ganz egal, wie man es nennt, sei es Altruismus oder Agape: Es geht doch darum, die Formen der gesellschaftlichen Ungleichheit aufzudecken, um ihre Wurzeln zu entkräften. Das beginnt auch schon im Kleinen. Es geht um eine Form des Widerstandes, um einen Ausdruck der Empörung, die sich vom Einzelnen quasi systemisch fortsetzt und kanalasisiert. Sicher: Wir alle sind Teil des Systems und können uns insofern nicht gänzlich von gewissen sachlichen und existentiellen Zwängen freisprechen. Allerdings können wir zumindest versuchen, der Welt offener einseitig entgegen zu treten, uns weniger um uns selbst zu drehen und bemerken dann vielleicht, wie wirklich barbarisch unsere gegnwärtige gesellschaftlich Hackordnung schon geworden ist.

Ausgeglichen: Ein Waldspaziergang

Als ich heute Morgen mit meinem Hund durch den Wald ging, da wurde mir wieder einmal bewusst, wie wesentlich das vermeintlich Unwesentliche sein kann: Wann nehmen wir uns eigentlich noch die Zeit dafür, das was uns umgibt, tatsächlich und mit allen Sinnen zu erfahren? Genau das ist es, was echten Luxus m. E. überhaupt erst aus macht. Und dieses Abschweifen in die Natur, in die Einsamkeit, kann – wenn man einmal davon absieht, dass unsere Landschaften natürlich meistens in irgendeiner Form vom Menschen kultiviert und somit beeinflusst wurden – ganz neue Horizonte eröffnen. Mit der Brille eines Kindes die Welt zu entdecken, das soll an dieser Stelle keinerlei romantisierende Gefühlsduselei sein, heißt doch, voll und ganz wahrzunehmen, das Auge für die schönen und bezaubernden Kleinigkeiten dieser Welt nicht zu verlieren. Wie konnte man sich früher über die blühende Hecke am Wegesrand oder einen neu entdeckten Kletterbaum freuen. Und brachte diese Form der infantilen Freude und Arglosigkeit uns damals nicht einen Mehrgewinn, eine besondere Form des unmittelbaren Erlebens?

Genau so war es heute im Wald: Die Blätter fielen getragen von einer seichten Brise sanft zu Boden, die Sonne durchfuhr mit ihren goldenen Strahlen die Baumwipfel, die sich dem tiefblauen Himmel entgegenstreckten. Goldenes Laub bedeckte den Waldboden und federte jeden meiner Schritte im Hall, sodaß nur ein dumpfes, kaum wahrnehmbares Geräuch beim Aufsetzen und Abrollen meines Fußes zu fernehmen war. Ein Birkenhain säumte den Weg, dessen Ausläufer mit ihrer schwarz-weißen Rinde einen starken Kontast zu dem prächtig-warmen Farbenspiel seiner hölzernen Nachbarn bildeten. Diese Auszeit, diese Form der inneren Einkehr, sollte man sich öfter gönnen.

Wie sagte schon Tucholsky: „Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt – sieh sie dir an.“ Und auch Muriel Barbery formuliert in ihrem Meisterwerk Die Eleganz des Igels ein Plädoyer für des Blickes für die bezaubernden Kleinigkeiten des Lebens:

„Die Kamelie auf dem Moos des Tempels, das Violett der Berge von Kyoto, eine Tasse aus dem blauen Porzellan, dieses Aufblühen der reinen Schönheit inmitten vergänglicher Leidenschaften, ist es nicht das, wonach wir alle streben? Und was wir, die Zivilisationen des Westens, nicht zu erreichen vermögen? Die Betrachtung der Ewigkeit in der Bewegung des Lebens.*

* Barbery, M., Die Eleganz des Igels, S. 108, dtv (2010).

Ein regnerischer Umzugstag

Nach einem unglaublich anstrengenden Umzugstag ist jetzt endlich die Zeit gekommen, mich mal gemützlich zurückzulehnen und meinen Gedanken nachzuhängen. Das Verlassen von Altem bedeutet doch auch immer den Aufbruch zu Neuem. Doch wir Menschen scheuen uns vor genau dem, verharren in alten, regressiven Mustern, nur um den Funken Sicherheit zu erhaschen, den es eigentlich nie gegeben hat. Sicherheit –dieser Wunschtraum der Menschheit – ist ein Streben nach, lässt sich aber doch nie idealtypisch realisieren. „Die Menschen sind sehr offen für neue Dinge – solange sie nur genau den alten gleichen“, sagte Charles F. Kettering einmal. Das trifft es genau: Den Wunsch, eigentlich Verharren zu wollen in alten Strukturen und selbst in scheinbar Neuem, eigenltlich nur das Altbekannte zu suchen. Da stellt sich für mich die Frage, ob es das Neue in seiner Essenz überhaupt gibt oder ob uns nur die Variationen des Alten gegenübertreten. Ich glaube, Strukturen ändern sich im Leben wohl nie, sie bleiben gleich, liegen den in uns individuierten Handlungen und Motivationen immer inharänt zugrunde. Das, was sich ändert, sind die Handlungsmuster, die situativen Gegebenheiten, in denen sich die bereits in uns angelegten Strukturen realisieren. Sich Neues zu erschließen, ist immer auch ein Wagnis, dass uns auf unmissverständliche Art und Weise zeigt, wie wir als Menschen gestrickt sind und nach welchen Strukturen wir unser Handeln ausrichten.

Schreiben ist meine Leidenschaft.

Ich wurde neulich gefragt, weshalb ich schreibe. Schreiben ist eine Art Berufung – jedenfalls für mich. Es ist eine Art kreativen Ausdrucks der eigenen Persönlichkeit, eine Art besonderen Umgangs mit der Welt. Es geht um die Erfassung von Erlebnisinhalten, um deren Darstellung. Abgesehen davon, dass ich persönlich mit dem Schreiben auch mein Geld verdiene. Wobei das wiederum ein anderes Schreiben ist, als ich es in diesem Blog tue. Handelt es sich bei meinem Blog um ein persönliches Anliegen, ist das kommerzielle Schreiben eher ein professionelles Texten. Klar: Auch dafür braucht man ein gewisses Sprachgefühl und ein Wissen darum, was beispielsweise Werbetexte eigentlich ausmacht.

Es gibt – kaum zu glauben – Seminare zum Werbetexten, von denen ich – aus reinem Interesse – einige besuchte. Dort erhalten willige Texter-Lehrlinge dann das Rüstzeug an die Hand, das es braucht, um einen einigermaßen ordentlichen Werbetext zu schreiben. Einigermaßen ordentlich ist aber nicht gut und hat mit dem Herangehen eines professionellen Texters an die Sache nichts zu tun. Denn, was den professionellen Texter von dem Laien-Schreiberling unterscheidet, ist dessen Leidenschaft für’s Schreiben selbst. Daraus ergibt sich, dass das, was ein Nicht-Schreiber erst mühsam erlernen muss, für den professionellen Autor eigentlich selbstverständlich ist.

Schreiben hat in meinem Leben immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Als Kind verfasste ich Geschichten, als Jugendlicher Gedichte und ich schrieb (old fashioned aber wahr) Tagebücher. Mich faszinierten Autoren wie Heinrich Böll und Göthe, ich verfolgte den Ingeborg Bachmann Preis, kurz: ich liebte Sprache und den Umgang mit ihr.

Wenn Sie also nun vor der Entscheidung stehen, ein solches Texter-Seminar zu besuchen – nur zu. Dort erlernen Sie die Basics und wissen, wie Sie die Grundbausteine in einen Sprachrohbau verwandeln. Aber Sie können auch ein Ölmal-Seminar besuchen und werden dann eventuell nicht unbedingt zum beste Maler aufsteigen. Ich will damit sagen: Ich schreibe aus Leidenschaft, ob Werbetext, Twitter-Teaser oder Blog-Eintrag. Aus dieser Leidenschaft, diesem sprachlichen Erfassen-Wollen heraus, ergibt sich für mich (und gewiss auch für andere Autoren) ein Glücksmoment. Es ist eine Sucht. So überlese ich meine Texte oft fünf oder gar zehn mal, drehe Wörter um, teste ihr Reading, schaue ob wirklich alles stimmig ist. Die kleinste Nuance kann viel verändern. Wenn mich also beispielsweise Auszubildende in der Vergangenheit fragten, wie man erfolgreich werbetextet, wurde ich nicht müde zu betonen, dass es sich dabei eigentlich um eine Kunstform handelt – zumindest dann, wenn man diese bis zur Vollendung betreiben möchte.

An deren Anfang steht immer eine Idee, ein Wunsch, den es in ein sprachliches Gewand zu hüllen gilt. Und aus diesem kreativen Prozess heraus, auf diesem weißen Blatt Papier etwas erblühen zu lassen, das macht diese Kunstform aus. Gerade im kommerziellen Sektor werden Texte all zu gerne im Nachhinein „zerredet“. Kritikfähigkeit ist zwar eine Grundeigenschaft, die ein Texter mitbringen muss, aber sein Werk zerreden lassen – das hat auch mir schon die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Was allzu gerne vergessen wird, ist das Faktum, dass der Autor oder die Autorin den Text im Vorhinein schon konzeptionell und geistig entwirft, was diesen gleichzeitig zu seinem / ihrem Werk macht und zu einem Ausdruck seiner / ihrer selbst. Schreiben macht glücklich, da schließe ich mich ganz Dan Brown an, der einmal sagte:

„Ob Schreiben glücklich macht? Das glaube ich nicht. Aber etwas geschrieben haben schon.“

Text-Adventures: Die Lust auf neues Altes

Vor Kurzem habe ich in dem Nischen-Sender „ZDFkultur“ (den gibt’s wirklich) einen interessanten Bericht über ein Phänomen gesehen, das mich besonders faszinierte. Da ich ein Kind der 80ger Jahre bin, war dieses für mich eigentlich nicht wirklich neu. Allerdings empfand ich es umso erstaunlicher, dass es gerade jetzt wieder, zumindest für eine kleine, aber feine Zielgruppe, interessant zu werden scheint. Der Bericht behandelte das Phänomen des Text-Adventures. Alles schon mal da gewesen? Sie haben recht! Doch immerhin: In unserem Zeitalter der High-End-Ego-Shooter scheint es mir so, als sei diese Rückbesinnung hin zu den Wurzeln von dem, was wir heute Computerspiel nennen, wichtiger denn je. Für diejenigen, die damit nichts anfangen können, hier eine kleine Definition aus eigener Hand.

Bei einem Text-Adventures handelt es sich um ein Computerspiel ohne Grafikkomponenten, das es dem Spieler ermöglicht, durch eine rein textuelle Auseinandersetzung mit einem allwissenden Computer-Über-Ich, einen vordefinierten Handlungsplot zu verfolgen.

Somit kann das Text-Adventure als Vorläufer gängiger Adventure-Klassiker (z. B. Indiana Jones oder Maniac Mansion) gesehen werden, die es (leider) nach und nach vom Spielemarkt verdrängten. Chronologisch betrachtet fällt das Text-Adventure damit in eine Zeit, in der Handys so groß waren wie heutzutage unsere Laptops – und jawohl: Damals gab sogar noch die ein oder andere Telefonzelle.

Die Grafik Offensive heutiger Games ist sicherlich reizvoll und hat wahrscheinlich Sucht-Potential. Nein, keine Angst – ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Sache mit der Flucht aus der Realität beginnen… Aber war nicht immer schon das, was man nicht kennt, und das, was man nicht sieht, reizvoll? Das Spiel mit dem Unbekannten: So funktionieren Text-Adventures. Ich meine: Diese Praktiken haben uns schon Filmemacher wie Hitchcock oder Murnau gelehrt. Das Unbekannte berührt und erfasst uns, macht uns Angst oder jagt uns wohlige Schauer über den Rücken. Die Imagination macht die Musik und wir lassen Figuren entstehen und gestalten sie nach unseren Vorstellungen. Wenn es uns nun alte Text-Spieleklassiker sind, die uns zeigen, dass Weniger mehr sein kann – gut! Mainstream wird’s zwar nicht werden, aber eingefleischten Spielfans kann’s Spaß machen. Ganz ehrlich: Ich finde dieses Retro-Gaming großartig!

Wo der (Ge-)Hörgang zur Qual wird

Geht Euch das eigentlich auch so? Jeden Morgen, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit bin, höre ich Radio. Schließlich will man über die Neuigkeiten in der Welt informiert sein, um auch mitreden zu können. So weit, so gut. Nun werden aber diese informellen Programmeinheiten nicht selten von den sinn- und belanglosen Redeschwallen selbstverliebter Radiomoderatoren und Moderatorinnen unterbrochen. Ich weiß – das ist ein langer Satz – aber auch der musste einmal gesagt bzw. geschrieben werden. Da wird dann pseudo-spontan getönt von irgendwelchen ‚tollen‘ Veranstaltungen, deren Erwähnung die Veranstalter wohl viel Geld gekostet haben muss.

Ergänzt wird das oberflächliche Geplapper von unlustigen Bemerkungen und viel gespielter Lockerheit. Dass ich morgens zu früher Stunde noch kein politischen Feuilleton-Thema à la FAZ oder Deutschland Radio Kultur erwarten kann – schön und gut. Aber was mich an einigen Radio-Sendern wirklich stört ist deren Beliebigkeit – deren offen zur Schau gestelltes Nicht-Stellung-Beziehen. Klar: Wo Werbeplätze an jedes Unternehmen verschärbelt werden, da kann man sich echte journalistische Arbeit nicht mehr leisten. Die würde ja eventuell unbequem wirken und potentielle Werbekunden abschrecken.

Aber halt: Da gibt es natürlich auch die positiven Sender-Empfänger-Beispiele: Susi und der Morgenhans auf BigFm zum Beispiel. Die beiden Vollblut-Radiomacher verstehen es, eine klasse Show zu zelibrieren, die den Namen Morning-Show auch verdient. Hier werden übrigens – mit einem ganz unkomplizierten Gang in die Web-Community – auch kunterbunte Fragestellungen aus allen gesellschaftlichen Bereichen aufgegriffen und – mal mehr, mal weniger ernsthaft – beantwortet. Fazit: Es gibt sie noch, die passionierten RadiomacherInnen, die ganz unverkrampft eine breite Zielgruppe – von fünfzehn bis dreißig Jahren – ansprechen. Bei allen anderen Gehörgang-Belästigern befolge ich einen Rat von Peter Lustig: Einfach abschalten!

Tschüss Herr Kaiser!

Auf dem Weg zu einem der erfolgreichsten aller deutschen Versicherungskonzerne zieht die ERGO-Gruppe wirklich alle Marketing-Register. Dass sage ich ganz ohne Ironie. Lange hat die Versicherungsbranche gebraucht, um zu erkennen, wie wichtig die Transparenz gerade bei Finanzgeschäften für den Kunden ist. Versichern heißt verstehen. Dieser Claim spricht nicht nur eine junge, dynamische Zielgruppe an, sondern impliziert eine nicht hierarchische Kommunikationsstruktur von Mensch zu Mensch. Leider heißt ERGO nicht verstehen, sondern also, was mir als nicht ganz gelungen erscheint. Außer man würde ERGO als Konsequenz einer mißglückten Suche nach der passenden Versicherung definieren und dann quasi also bei der Unternehmensgruppe mit den vier Buchstaben landen.

Was fällt sonst noch auf bei dem Finanz-Branchen-Riesen? Die Brand-Awareness, also das Interesse für die Marke als solches, wurde schon von Beginn an mit Plakatwerbung geweckt. Diese Plakate waren, soweit ich mich erinnern kann, weit vor den Werbespots zu sehen. Ach ja: Die Werbespots. Auch hier haben wir eine parallele Kommunikationsstruktur von Mensch zu Mensch. Herr Kaiser hat ausgedient und ‚Menschen wie du und ich‘-Key-Visuals stehen im Vordergrund. Dass einige der Spots dabei ganz deutlich an den Cusack-Steifen High-Fidelity erinnern, lassen wir da mal außen vor.

Übrigens: Erst im Jahr 2010 wurde offiziell bekannt, dass der Düsseldorfer Branchenriese, zu dem Marken wie DKV ie und die Hamburg Mannheimer gehören, auf der Suche nach einer innovativen Werbeagentur ist, deren Aufgabe die Fokusierung auf die Dachmarke sein sollte. Budget dafür: 50 Millionen Euro. Man kann es sich leisten: Das ERGO-Grundkapital lag am Bilanzstichtag 31. Dezember 2009 bei 192.279.504,20 Euro.

Frau Pseudo-Schwarzenegger….

Hätten Sie gedacht, dass die pure Mitgliedschaft in einem Fitness-Studio ausreicht, um die Psyche positiv zu beeinflussen? Sicher ,werden Sie sagen, Weiss doch jeder, dass sich Sport positiv auf das Wohlbefinden auswirkt. Ja – Ihre Schlußfolgerung besticht durch ihre Klarheit… Aber das, was ich meine, hat nix, aber auch garnix, mit Sport zu tun.

Leider konnte ich das sogleich angesprochenene Phänomen bis dato nur bei weiblichedn Mitbürgerinnen beobachten. Ja: Einigen Frauen reicht die Existenz einer Mitgliedskarte für einen solchen Fett-Weg-Tempel schon aus, um ihren Egos wieder Flügel zu verleihen. Und sind wir (Männer) mal ehrlich: Das ist eigentlich die clevere Alternative, im Vergleich zu den dauer-monoten Schwitz-Übungen stupider Muskelprotze.

Diese Mädels haben’s nämlich verstanden, dass das, um was es da geht, die eigene Selbstaufwertung nämlich, schon viel früher beginnt als erst in den Fängen von besessenen Fitness-Couches und dauer-lächelnden Chouchinnen.

Das gute Gefühl stellt sich nicht erst bei anstrengenden Übungen an extra dafür konzipieren Quälmaschinen oder gar bei wummenden Bässen durchgeführten Pseudo-Spaß-Mach-Tänzen ein. Die neue Generation dieser Fitness-Card-Inhaberinnen hat die Fitness quasi in der Tasche (genauer: in der Geldbörse), immer dabei, vorweisbar und plakativ – aber ohne die lästigen sportlichen Verbindlichkeiten. Vorzeigen genügt, so wie bei einem Ausweis.

Der einzige Nachteil: Dazugehören kostet Geld. Aber der Preis, sich auch ohne Anstrengungen, nur à la Carte wohlzufühlen, ist im Vergleich zum psychischen Mehrgewinn niedrig. Schade nur, dass das so viele männliche Fitness-Junkies noch nicht verstanden haben. Aber man kennt das ja: Irren ist bekanntlich männlich.

So ein Sauwetter …

…wie heute hat schon irgendwie etwas leicht Morbides, finden Sie nicht? Also nehm‘ ich mir mal Zeit für mich und spaziere zum Frisör. Ja – auch als Mann hat man von diesem Besuch seine Vorteile, finde ich jedenfalls. Da ist immerhin der schöne, fade Beigeschmack der unverbindlichen Konversation. Ein unverbindliches Gespräch in einer unverbindlichen Umgebung, ergänzt durch das angenehme Gefühl, besser auszusehen als vorher. Hat man das vielleicht schonmal psychoanalytisch untersucht?

Eigentlich garnicht so schlecht das Frisörhandwerk, denke ich mir. Gut, die Bezahlung ist nicht die beste… Und wenn ich mir, vice versa, ein dummes Gespräch von jemandem, den ich nicht kenne, anhören müsste… Nö, das wollte ich dann doch nicht wirklich. Nach einer Tasse Kaffee und mit ein wenig kürzeren Haaren schlendere ich nach Hause…

Aggro Schwimmen?

Da es die Witterung zuließ, nutzte ich die Gelegenheit und ging Schwimmen. Also ich versuchte es zumindest. Als ich nämlich im Freibad angekommen war, erwies es sich garnicht mal also so einfach, in dieser Menschen-Suppe überhaupt eine Bahn zu „ziehen“. Ich versuchte es dennoch – motiviert wie ich nun mal bin. Ergebnis: Da kreuzten allerlei Menschen meinen „Weg“. Von der Mama, die in energischem Ton ihren drei 3,4 und 5-jährigen Kindern erklärte, wie das mit dem Schwimmen funzt und dabei vergaß, die wichtigste aller Regeln (Schwimm im Sportbecken niemals im Kreis) zu nennen über die klassischen Wir-sind-den-ganzen-Tag-im-Schwimmbad- Kiddies, die mit ihren Schnorcheln die aufregende Unterwasserwelt des Sportbeckens erkunden wollen bis hin zu gebräunten Thomas Anders-Verschnitten, die am Beckenrand (Füße ins Wasser) thronen und dich blöd angucken, wenn du als Schwimmer dort hin willst. Ja das Sportbecken – dieser Schmelztiegel der Kulturen – scheint in Sachen geordnete Schwimmverhältnisse wahrlich ein rechtsfreier Raum zu sein…