Alte Gewohnheiten…

… gehen über Bord. Schneller als einem wirklich lieb ist. Beispielhaft merkte ich das wieder mal daran, dass ich vorzugsweise mein Handy nutze, um online zu gehen, während mein Rechner in der Ecke nur noch ein jämmerliches Dasein fristet. Web 2.0, das verkommt immer weiter zum „Facebook-Anschau-Web“. Eigener Content wird kaum noch produziert, das Individuelle geht m. E. immer mehr verloren. Obendrein hat Facebook sogar noch seine Privacy Einstellungen angepasst – noch mehr Daten, noch mehr kommerzielle Kernbotschaften, die auf den User unversehens einhämmern. Nun gut: Wollen wir mal nicht zu sehr den Schwarzseher markieren. Gleichzeitig entwickeln sich ja neue Synergien, die Medienkonvergenz schreitet voran.

Medienkonvergenz – das nennen wir [die Marketer] die Annäherung verschiedener Einzelmedien zueinander. Wohl wird es darauf hinauslaufen, dass es „das Netz“ als losgelöste Surfinstanz bald nicht mehr geben wird. Viel mehr wird sich das Web 3.0 zu einer alltagsrelevanten Kerngröße entwickeln, die letztlich omnipräsent ist – beim Fernsehen, beim Lesen, immer und überall. Und da haben wir auch wieder die Parallele zu meinem Surfverhalten: Um sich weiter zu entwickeln, um echtes Mitmach-Web zu werden, wird sich das Netz noch weiter öffnen müssen. Da ist es mit einer 500 MB-Limitierung für das MobileNetz noch nicht getan, liebe Mobilfunkkonzerne. Das wird dann auch der Zeitpunkt sein, an dem Unternehmen erkennen, dass sich Synergieeffekte nicht gänzlich steuern lassen, denn Zugangsschranken zu senken, heisst gleichzeitig noch schneller ein Feedback erhalten zu können, sei es positiv oder negativ.

Gadhafi: Vom Geschäftspartner zum Feind

Zu dem Libyen-Konflikt möchte ich mal festhalten: Vor dem Krieg war für die westlichen Staaten die Terror-Herrschaft des Diktators humanitär gesehen überhaupt kein Problem. Nun begehrt das libysche Volk auf und besteht auf seine Autonomie – völlig zurecht. All die großen Staatsmänner, die vormals Gadhafi mit großem Tamtam empfingen, distanzieren sich plötzlich von ihm und haben moralische Gewissensbisse.

Doch ob Schröder, Berlusconi oder Blair: Es klebt Blut an ihren Händen. Sie haben sich längst schuldig gemacht durch Nichtstun und Unterlassung. Einmal mehr beweist die Bühne der Weltpolitik in diesen Tagen, wie launenhaft sie sein kann. Wer heute als gut und tendenziell „vertrauenswürdig“ eingestuft wird, ist morgen böse und vice versa. Beispielhaft wurde das bei Libyen nach dem fallen gelassenen Handelsembargo zelebriert, als die Großen dieser Welt sogleich das big business witterten – obwohl das libysche Volk schon Jahrzehnte lang unter dem supressiven Regime gelitten hatte. Doch da konnte man weg sehen und hatte die Moral-Brille einfach mal beiseite gelegt…

Eigentlich sollten die sogenannten Diplomaten sich dafür allesamt schämen – erklärten sie sich doch lange Zeit dazu bereit, mit dem Führungsstil Gadhafis konform zu gehen – den eigenen Geschäftsinteressen zuliebe.

In Libyen wurden im Jahr 2010 77,5 Millionen Tonnen Erdöl gefördert – da lockt es wieder: Das Big Business.

Merkel die gefährlichste Frau Europas?

Wie sich die Dinge doch gleichen. Oskar Lafontaine bezeichnet Merkel in einem Interview als gefährlichste Frau Europas. Noch im Jahr 1998 war er es, den die britische „Sun“ als den gefährlichsten Mann Europas betitelt hatte. Nun kritisiert er Mekels Unfähigkeit in Sachen Finanzverständnis und fordert unablässig die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Gut – über deren Implementierung ist man sich, neuesten Medienberichten zufolge, zumindest im deutsch-französischen ‚Bussi-Bussi“-Verhältnis Merkel-Sarkozy einig. Aber was tun mit dem griechischen Schuldenhaushalt? Auch darauf gibt Lafontaine eine unmissverständliche und klare Antwort: Millitärausgaben streichen, einen mehr oder minder freiwilligen Finanzobolus der 200 reichsten griechischen Familienclans einforden, grundsätzliche Abkopplung der Krisenländer vom Finanzmarkt und direkte Kreditvergabe durch öffentlich-rechtliche Banken. Lafontaine: „Würden die Reichen Europas die Hälfte ihres Vermögens abgeben, wären die Schulden deutlich reduziert und die Reichen wären immer noch reich.“

Frankreich denkt derzeit übrigens über die Einführung einer Reichensteuer nach. – Lieber Herr Lafontaine, recht bzw. links so.

Proteste:Weltjugendtag in Madrid

Wie ‚von oben bestellt‘ ging über Papst Benedikt XVI. ein heftiger Platzregen nieder, als er die Gangway herunterschritt, um seinen Besuch in Madrid zu absolvieren. Was ein friedliche Visite mit himmlischen Segen werden sollte, verkam unverhohlen zu einer Art Manifestation politisch-juveniler Unzufriedenheit. Tausende Jugendliche in Madrids Straßen hatten zuvor gegen den Papstbesuch demonstriert. Grund dafür sind die Kosten, mit der die Visite des Kirchenoberhaupts zu Buche schlägt, gepaart mit der hohen Arbeitslosigkeit, der gerade Spanier zum Opfer fallen.

Was mich an diesen Protesten ein wenig irritiert, ist ihre scheinbare Naivität. Natürlich ist es immer angebracht, zum Zwecke des Meinungsausdrucks und der Verfolgung politischer Ziele auf die Straße zu gehen. Aber haben die Protestler sich einmal Gedanken darüber gemacht, wo – gerade in ihrem Lande – sonst noch sinnlos Geld verpulvert wird? Zu nennen ist da als Erstes die obsolete Adelsinstitution Königshaus, die die Spanier jährlich ein Vielfaches mehr kostet als der Besuch des Kirchenchefs. Seltsam, dass sich darüber noch keiner beklagt hat. Früher hieß die Parole: Friede den Hütten – Krieg den Palästen. Irgendwie scheint man das in Spanien vergessen zu haben. Heute ging der Weltjugendtag mit einer großen Abschlussmesse zu Ende. Viva Espagna….

Mehdorn geht von der Schiene in die Luft

Air Berlin ist Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft und soll nun von dem Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn saniert werden. Das Berliner Unternehmen schreibt seit dem Jahr 2008 rote Zahlen. Mehdorn kann sich damit erneut auf einen hoch dotierten Posten freuen und beweist mit dem Wechsel in die Luftfahrtbranche einmal mehr, dass es in der Vorstandsetage Deutscher Großunternehmen nur selten echten Fortschritt gibt. Wo sind sie denn bitteschön, unsere jung dynmaischen Manager, unsere Web 2.0 Jungs, die den Markt wirklich kennen oder zumindest jene, die sich durch jahrelange Fleißarbeit ein Mindestmaß an Erfahrung in Sachen Luftfahrtbusiness aneeignen konnten? Klar, dass es im Kern keinen betriebswirtschaftlichen Unterschied macht, wer nun für die tendenziellen Entlassungen der Air-Berlin Mitarbeiter verantwortliich sein wird, denn diese stehen an, will sich der Konzern wieder einigermaßen von seiner Negativentwicklung erholen.

Was an der Personalie Mehdorn jedoch wieder einmal deutlich wird, ist die Omnipräsenz einer Wirtschafts-Aristokratie, die sich gegenseitig fördert und ihre Macht fest in Händen hält. Wir erinnern uns: Bei der Bahn wollte man Herrn Mehdorn nicht mehr haben, nachdem sich dieser allerlei management-strategische Fehlerchen hatte zu Schulden kommen lassen. Was für Lieschen Müller und Ulrich Schmidt von Nebenan nun zweifelsfrei das endgültige Karriereaus bedeutet hätte, wird für Mehdorn zum Erfolgsgaranten mit Entwicklungspotential. Interessant erscheint mir dabei auch immer der Aspekt, der suggeriert, durch den Wechsel eines Einzelnen können Unternehmensziele erreicht und Umsätze wieder gesteigert werden – von heute auf morgen. Gut – zumindest die Aktienkurse des Unternehmens dürfte der Führungswechsel beflügeln – eine gewisse Zeit lang. Doch dann wollen auch Aktionäre und Händler valide Ergebnisse sehen. Hoffen wir, dass sich Herr Mehdorn mit dieser Aufgabe nicht verkalkuliert hat – nicht etwa um seinetwillen – sondern um den der Air-Berlin Mitarbeiter…

Glaubenssache…

Heute Morgen bin ich in der Kirche über einen Satz gestolpert, der mich wieder mal den absolutistischen Glaubenanspruch der Katholischen Kirche spüren ließ: Extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche, kein Heil. Er wurde in der Allgemeinen Kirchenversammlung zu Florenz (1438–1445) als Dogma festgeschrieben und manifestiert unmissverständlich, dass jeder Mensch, der nicht dem Katholischen Glauben angehört,„dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist“. Anders formuliert: Nur, wer mittels Taufe und Glaube in die Una Sancta Catholica et Apostolica Ecclesia aufgenommen wurde, hatte damals die Chance auf sein Seelenheil. Auch im Laufe der Geschichte hat sich daran zunächst nichts gändert. So stellte Papst Pius IX. (s. Bild) in seiner Ansprache „Singulari Quadam“ 1854 fest:

„Im Glauben müssen wir festhalten, daß außerhalb der apostolischen, römischen Kirche niemand gerettet werden kann; sie ist die einzige Arche des Heils und jeder, der nicht in sie eintritt, muß in der Flut untergehen. Aber ebenso müssen wir sicher daran festhalten, daß von dieser Schuld vor den Augen des Herrn niemand betroffen wird, der da lebt in unüberwindlicher Unkenntnis der wahren Religion.“

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Jahre 1966 hat man sich dann wieder mit den Verhältnissen der einzelnen Religionen untereinander auseinandergesetzt und fand dafür das Bild konzentrischer Kreise, die in sich alle den gleichen Mittelpunkt haben. Mit dieser philosophischen Vorstellungswelt hatte das Konzil endlich mit dem absolutistischen Glaubengrundsatz der Vergagenheit gebrochen.

Zwar ist die Katholische Kirche – laut den Vorstellungen des Konzils – der Wahrheit und damit dem Seelenheil immer noch am Nächsten, aber auch andere Religionen finden darin ihren Platz – natürlich entsprechend abgestuft und weiter entfernt vom „Mittelpunkt“, aber immerhin… Dass andere Religionen schließlich von der Katholischen Kirche überhaupt in gewisser Form akzeptiert wurden und werden, wirft allerdings die Frage auf, ob es nicht völlig egal ist, welcher Religion wir uns schließlich anschließen… oder nicht.

50 Jahre Mauerbau

Heute ist es schon 50 Jahre her, dass mit dem Mauerbau begonnen und Deutschland in zwei Hälften geteilt wurde. Da hatte also wohl doch jemand die Absicht, eine Mauer zu errichten. Welche Folgen dieser Schritt für uns, für unser Volk, nach sich zog, ist hinlänglich bekannt. Umso wichtiger also, nicht zu vergessen und an ein solches menschenverachtendes Vorhaben eines diktatorischen Regimes – dass sich einen pseudo-sozialistischen Anstrich verlieh – zu erinnern – ganz ohne wrklichkeits-verzerrenden Retrogedanken oder nostalgischen Touch à la Googbye Lenin.

Mauer – das hieß Leid, Tod, Getrenntsein von seinen Lieben und damit für viele das Zerreissen der individuellen Lebensbiographie. Auch wenn es mit den damals von Kohl beschworenen blühenden Landschaften nicht so schnell ging, wie es ursprünglich geplant war: Der Schritt zur Einheit war der richtige und führte zusammen, was zusammen gehörte. Dass wir Wessis, sozusagen als monetäre Gegenleistung dafür, den Soli-Zuschlag auf uns nehmen mussten – schön und gut. Damit konnte und kann ich persönlich leben – denn das Positive überwog.

Immerhin bedeutete diese Zusammenführung zweier gesellschaftlicher Systeme auch eine Annäherung hinsichtlich der Gefahr des Kalten Krieges und ließ alle Parteien in den Zwei-Plus-Vier-Gesprächen noch einmal näher zusammenrücken. Zur Erinnerung: Damals verhandelten die „noch“ beiden deutschen Staaten und die vier Siegermächte des 2. Weltkriegs gemeinsam über das deutsch-deutsche Schicksal. Wie leicht hätte da jegliche Harmonie einem Dissenz weichen können… Immerhin hatte der französische Präsident bei dem historisch wichtigen Strandspaziergang mit Kohl hinsichtlich der Wiedervereinigung ernsthafte Bedenken geäussert. Gut, dass dieses zeitgeschichtliche Großprojekt daran nicht scheiterte.

Die Gedenkfeier fand heute an der Bernauer Straße in Berlin statt. Dort wurde eine Art „Todesstreifen“-Museum eingerichtet – inklusive Stacheldraht, Wachtürmen, Peitschenlampen und der 3,60 Meter hohen Mauer – das einen gespenstischen Eindruck von dem vermittelt, was Menschen bei einem Fluchtversuch erwartete. 245 Menschen fanden an der Mauer den Tod. Vergangenheit wird zur Geschichte und das ist gut so. Ein Hoch auf den 9. November 1989.

Neo-liberalismus par excellence

Heute hat S&P, eine bekannte Ratingagentur, die Kreditwürdigkeit der USA von AAA auf AA+ zurückgestuft. Die Konsequenzen eines solchen Schrittes waren auf dem Finanzmarkt natürlich sofort spürbar. China, der größte Gläubiger der USA, hat Washington sogar dazu aufgefordert, über die Einführung einer anderen Leitwährung nachzudenken und die Sozialausgaben zu kürzen. Unglaublich, was die Botschaft eines nach wirtschaftlichen Prinzipien arbeitenden Finanzunternehmens auslösen kann.

Getreu den neo-liberalen Leitprinzipien liegt die Macht über das Geld dieser Welt längst nicht mehr bei denen, die es erwirtschaften – eine Tatsache die zwar so alt ist wie die Menschheit, deren prekäre Ungerechtigkeit mir aber immer wieder in solchen Situationen schlagartig bewusst wird. Ironischerweise hat – wenn’s ums den schnöden Mammon geht – sogar das totalitäre Regime China das Recht, die Vereinigten Staaten aufzufordern, die Ausgaben für Ihren Sozialapperat zu senken, was den Sachverhalt tendenziell schon genug pervertiert.

Der gute Obama hat im eigenen Land ja immerhin genug zu kämpfen, damit das zarte Pflänzchen der sozialen Absicherung überhaupt noch keimt. Zur Erinnerung: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es so etwas wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht, Arztrechnungen müssen aus eigener Tasche gezahlt werden und der Regelurlaub beträgt durchschnittlich gerade mal 1 Woche pro Jahr. Primär wird also alles unter das Diktat der Arbeit, unter die Verwertbarkeit für das System gestellt, eigene Gebrechen zählen nicht und können nur mit entsprechendem finanziellem Polster auskuriert und bezahlt werden.

Rund 14 Millionen Menschen sind in den USA zurzeit offiziell ohne Job – die Arbeitslosenquote entspricht damit knapp 10 Prozent. Geringverdiener, die beispielsweise nur 1mal pro Woche arbeiten, gelten dabei – statistisch gesehen – als Arbeitnehmer und sind in diese Zahlen nicht eingerechnet. Die eigentliche Arbeitslosenquote dürfte etwa bei 22 Prozent liegen. Aus den Fakten ergeben sich zwei grundlegende Fragen: Wo zur Hölle sollen die USA kürzen? Und: Welchen Sozialapparat meinen die Chinesen?

Lieber Herr Obama, hier nun meine drei Tipps für Sie:

Erstens – lassen Sie sich von einer so dahergelaufenen Ratingagentur Ihren Kurs nicht madig machen. Auch andere Länder wurden schon abgestuft und wieder upgegraded.

Zweitens – Bleiben Sie auch in Sachen soziale Absicherung am Ball: Irgendwann wird jeder noch so abgebrühte Tea-Party-Republikaner erkannt haben, welche Vorteile Ihre Politik bietet und abrücken von seinen sozialistisch-neurotischen Verschwörungstheorien.

Und Drittens: Vielleicht sollten Sie in der Zwischenzeit schon mal die Millitärausgaben senken – denn die sind, ganz nebenbei bemerkt, der größte Ausgabenposten der USA. Die Gläubiger aus Fernost würde es freuen – natürlich aus rein finanziellen Gründen. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie einen schönen Sonntag.

Ein regnerischer Umzugstag

Nach einem unglaublich anstrengenden Umzugstag ist jetzt endlich die Zeit gekommen, mich mal gemützlich zurückzulehnen und meinen Gedanken nachzuhängen. Das Verlassen von Altem bedeutet doch auch immer den Aufbruch zu Neuem. Doch wir Menschen scheuen uns vor genau dem, verharren in alten, regressiven Mustern, nur um den Funken Sicherheit zu erhaschen, den es eigentlich nie gegeben hat. Sicherheit –dieser Wunschtraum der Menschheit – ist ein Streben nach, lässt sich aber doch nie idealtypisch realisieren. „Die Menschen sind sehr offen für neue Dinge – solange sie nur genau den alten gleichen“, sagte Charles F. Kettering einmal. Das trifft es genau: Den Wunsch, eigentlich Verharren zu wollen in alten Strukturen und selbst in scheinbar Neuem, eigenltlich nur das Altbekannte zu suchen. Da stellt sich für mich die Frage, ob es das Neue in seiner Essenz überhaupt gibt oder ob uns nur die Variationen des Alten gegenübertreten. Ich glaube, Strukturen ändern sich im Leben wohl nie, sie bleiben gleich, liegen den in uns individuierten Handlungen und Motivationen immer inharänt zugrunde. Das, was sich ändert, sind die Handlungsmuster, die situativen Gegebenheiten, in denen sich die bereits in uns angelegten Strukturen realisieren. Sich Neues zu erschließen, ist immer auch ein Wagnis, dass uns auf unmissverständliche Art und Weise zeigt, wie wir als Menschen gestrickt sind und nach welchen Strukturen wir unser Handeln ausrichten.

Das Daniela Katzenberger-Phänomen

Es fragt sich wirklich, wie die Pauschal-Blondine Daniela Katzenberger das geschafft hat: Vom Auftritt bei VOX in der Doku-Soap „Goodbye Deutschland“ zum Mediensternchen mit Pfälzer Bauerncharme: Star von heute auf morgen. Das „Plötzlich-ein-Star-Phänomen“ ist längst nicht neu: Spätestens seit Daniel Kübelböck und den vielen Mänowins dieser Welt ist die Benchmark vom Star zum absoluten Nichts fühlbar gesunken, und die sich im Medienfokus wiederfindenden Akteure sind nicht selten überfordert von ihrem plötzlichen Ruhm, berauscht, bisweilen betäubt – und fallen oft unverhohlen tief. Was ist es also, was zum Hervorstechen aus der anonymen Masse führt – was ein Mädchen aus Ludwigshafen zum Pop-Sternchen und zur mallorquinischen Kaffeehaus-Betreiberin mit Promi-Faktor werden lässt?

Im Falle Katzenberger ist es wohl die Kombination von einer gewissen Grundnaivität in Verbindung mit einer großen Klappe – ein Bisschen unverbindlich, aber schlagfertig. Haben wir uns nicht alle schon einmal gewünscht ein wenig katzen-like zu sein, manchmal? Doch dann eben auch nicht: Wenn das Mädchen wieder einmal unfreiwillig in eines der vielen – für sie scheinbar eigens bereitgestellten – Fettnäpfchen tappt, zum Beispiel. Die sich daraus ergebende Situationskomik lässt die Zuschauer lachen und macht die Protagonistin zur besser verdienenden Komödiantin in ihrer eigenen Lebensgeschichte. Psychologisch betrachtet bietet sie damit einerseits millionen Mädchen ein ganzes Bollwerk an Identifikationspotential, andererseits dürfte Katzenbergers offene, beherzte Art auch viele männliche Adressaten ansprechen.

Ganz nach dem Motto: „Das Besondere war gestern, es lebe der Durchschnitt“, zeigt sich im zunehmenden Interesse an Gewöhnlichkeit auch eine gesellschaftliche Tendenz zur Trivialisierung und Verflachung des Unterhaltungsanspruchs. Dass diese Entwicklung durchaus Sinn machen kann, zumindest von seiten der gesellschaftlich Mächtigen, wussten schon die Römer. Damals handelte die herrschende Klasse nach der Maxime „Panem et circenses“, „Brot und Spiele“, und es waren Gladiatoren, die den Pöbel unterhielten und ihn seine Alltagssorgen vergessen ließen. Bleibt nur zu hoffen, dass das Kätzchen in der Medienarena der heutigen Tage nicht den Löwen zum Opfer fällt und das Volk noch lange seinen Gefallen an dem Mädchen findet.