Wenn Sigmund Freud gewusst hätte…

Zeiten ändern und Menschen gleichen sich. Zumindest ihrer Natur nach. Ich habe früher gerne die Werke Siggi Freuds gelesen. Es – Ich – Über-Ich. Mein Gott, Psychoanalyse ist ja sowas von einfach zu verstehen – dachte ich. Dann ist da noch das Trauma als unbewusste Dunkelkammer der Erinnerungen, deren unverdaute Gedanken-Reste durch die Freie Assoziation des Patienten ab und an in einen Strudel selbstreflektierender Überbelichtung geschleudert werden. Für die Hysterie immerhin ein probates Mittel – damals, Anfang des vorherigen Jahrhunderts jedenfalls. Finden Sie es nicht auch ein wenig seltsam, dass vor noch hundert Jahren die holden Fräuleins aus der sogenannten besseren Gesellschaft reihenweise in Ohnmacht fielen, wenn sie ein unvorhergesehenes Ereignis in emotionale Dissonanzen geraten ließ? Wo sind die denn heute? Aber immerhin: Heutzutage haben wir ja Burn-out und Borderline, deren schwammige Syndrom-Definitionen viel Raum für Interpretation bieten und den meist privaten Trägern der Psychatrien die Patienten in die Betten spülen.

Meine gewagte These: Alles begann erst mit der Psychoanalyse, mit deren Hilfe man – oder vielmehr Frau – überhaupt erst ein Bewusstsein des zu bewältigenden Krankheitsbildes der Hysterie und des damit verbundenden, in den tiefen Abgründen der rabenschwarzen Vergangenheit wurzelnden Traumas entwickeln konnte. Ganz nach dem Motto: Du fühlst dich schlecht und kommst nicht klar? Schuld sind nur die Traumata!

Nun gut. Spielen wir das mal kurz durch. Frau geht also zu bärtigem Mann, der sagt nix, sie legt sich auf die Couch, redet, der sagt immer noch nix. Dann verliebt sie sich in ihn und dann, ja dann sagt dieser ihr, dass das alles keinen Sinn habe, nennt das Übertragung und …. Zack: Frau ist geheilt. Ich frage Sie: Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?

So schuf die Psychoanalyse damals so etwas wie das ultimative Basis-Setting für das, was man heutzutage Mädelsabend oder Männerabend nennt. Oder konkreter: das unbeschwerte Gequatsche in einer netten Atmosphäre ohne nervige (Ehe)Männer und (Ehe)Frauen.

Und wenns mal ganz schlimm wird, warten viele Freudianer mit Freuden darauf, zugequatscht zu werden von Problemen, zu denen sie nix sagen werden, weil sie sie nicht interessieren. Nur, dass diese Therapeuten die netten Plauderstunden zu zweit über die Krankenkasse abrechnen können, während die feuchtfröhlichen Mädels- und Männerabende meist mit einem weitaus schmerzhafteren dicken Kopf quittiert werden. Also: Jetzt müssen Sie sich entscheiden. Ach ja: Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna? Dann ma Prost!

Zombie-Droge? Mit Cloud Nine garnicht auf Wolke 7

Immer wieder lese ich in letzter Zeit Schlagzeilen über eine sogenannte Zombie-Droge, durch die Menschen sogar Körperteile ihres Gegenübers aufessen sollen. So sei es in den USA bereits zu ersten Übergriffen durch die Designer-Droge „Cloud Nine“ (zu deutsch: „Wolke 7“) gekommen. Im Zeitalter von Serien wie „The Walking Dead“ und Co. will ich herausfinden, was es mit dieser Droge auf sich hat und ob es sich wieder mal nur um eine medial-gehypte-zombinöse-Trittbrett-Meldung oder gar um eine echte Gefahr handelt.

Recherchiert man ein wenig den Begriff Cloud Nine, erkennt man schnell, dass die Droge schon vor längerer Zeit in Erscheinung getreten ist. So schrieb die Frankfurter Rundschau schon im Jahr 2012 über die Chemie-Keule. Cloud Nine, heißt es in dem Bericht, sei im Internet als Badesalz und Kräutermischung zu beziehen. Und schon damals habe es in Florida erste Fälle von Kannibalismus gegeben.

Genauer hätten Polizisten im Mai 2012 einen Mann erschossen, der sich nackt über einen Obdachlosen hergemacht und dessen Gesicht zerfleischt hätte. Ebenfalls in Miami hätte ein zweiter Mann unter dem Einfluss der Droge einen Polizisten angefallen. Nach Polizeiangaben habe der Mann den Polizisten angeknurrt wie ein tollwütiger Hund.

Konsumenten schwören auf die euphorisierende Wirkung von Cloud Nine. Zwar ist der Bestandteil Mephedron in Deutschland verboten, die Zusammensetzung der Formel wird jedoch von den Herstellern immer wieder so verändert, dass sie als Badelsalz legal erworben werden kann. Diese Praxis ist in den USA schon länger üblich. In Downunder ist der Besitz der Droge übrigens legal.

Hinter dem Begriff Cloud Nine (auch bekannt als Monkey Dust, MTV, Magic, Super Coke und Peevee) steckt die chemische Bezeichnung Methylendioxyprovaleron (MDPV). Dabei handelt es sich um eine psychotrope Substanz, die als Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer wirkt. Diese Wiederaufnahmerhemmer hemmen die präsynaptische Aufnahme des Botenstoffs Dopamin und erhöhen dadurch dessen extrazelluläre Konzentration, was wiederum stimulierend wirkt.

Cloud Nine gehört damit logischerweise zur Wirkstoffgruppe der Stimulanzien. Physisch spiegelt sich die Einnahme beispielsweise in einem erhöhten Herzschlag, Vasokonstriktion und Schwitzen. Psyschiche Effekte sind eine erhöhte Wachsamkeit, Unterdrückung der Müdigkeit und bei höheren Dosierungen intensive Panikattacken und Übelkeit.

Im „Psychonaut Web Mapping Research Project“ aus dem Jahre 2010 wird die Kokain-änliche Wirkung der Droge betont. Aber neben einer gesteigerten Libido, Nierenschmerzen und den üblichen Verdächtigen konnte ich die Nebenwirkung „Kannibalismus“ nirgends entdecken.

Mir scheint es so, als würden die Medien dankbar auf die Zombie-Drogen-Schiene aufspringen. Klar ist Cloud Nine gefährlich und man sollte davor warnen. Doch ist dessen Darstellung als Substanz, die einen Menschen willenlos macht und zur gedankenlosen Maschine werden lässt m. E. leicht übertrieben und nur in Einzelfällen tatsächlich nachweisbar. Zwar gab es diese schrecklichen Ereignisse in den USA scheinbar, doch gerade Quellen wie 1&1, Bild.de usw. greifen Cloud Nine immer dann auf, wenn sich wieder mal sonst nichts als Sensations-Meldung eignet und sind ihrer Natur nach alles andere als seriös. Auch die famose Therorie eines massenhaft geklickten Youtube-Videos, Cloud Nine ließe die Harnstoff-Konznetration im Blut anzeigen, ist absoluter Humbug.

Und eine solche carnivore Substanz ist allemal gut genug, um darüber zu diskutieren, Foren zu füllen und – wie Sie es sich am eigenen Leibe selbst erlesen haben – Artikel zu schreiben.

Grundsätzlich sollte noch immer die alte Weisheit gelten: Finger weg von den Drogen. Dann braucht man auch keine misanthropen Essgewohnheiten à la Hannibal Lecter.

Lexikon der Drogen-Szenenamen:

Amphetamine / Speed
Arbeiterkoks, Black Beauty, Cappies, Crank, Crystal, Free Base Speed, Ice, Line, Pep, Peppers, Pink, Power, Speed, Uppers, “Vitamin A”.

Cannabis
Bon, Bendsch, Bhang, Brown, Dope, Gage, Ganja, Gras, Grass, Hasch, Haschisch, Kiff, Kraut, Grünes, Gunjah, Maconha, Marihuana, Marijuana, Mary Warner, Muggles, Piece, Pot, Riefer, Shit, Skunk, Stoff, Tea, Weed, Wood

Crack
Steine, Cracker, Rocks

Crystal Speed
Crystal, Crystal Meth, Pulver, Glass, Ice, Glass, Hard Pep, Meth, Crystal Ecstasy und alle gängigen Synonyme für Amphetamine

Heroin
Braunes, Brown Sugar, Dope, Gift, H, Mat, Material, Matti, Schnee, Schore, Shore, Speedball, Stoff

Kokain
Base, C, Cocktail, Baseball, Coke, Crack, Free Base, Koka, Koks, Lady, Line, Puder, Rocks, Roxane, Schnee, Snow, Speedball

LSD
Acid, Cubes, Deep Purple, Löschpapier, Mikros, Micros, Papers, Plättchen, Pappen, Speedball, Trip

PCP /Angel Dust
Angel Dust, Crystal, Dust, Engelsstaub, Flakes, Hog High as a Dog), Hyperdust, Killerjoint, Magic Wack, Mist, Monkey, Peacepill, Peace Powder, Space Base, Star Tripper, Superweed, Wack

Immer `nen dummen Spruch auf Lager

Ja, ja die Schwarmintelligenz. Also irgendwie glaub ich daran nicht mehr so recht. Nehmen wir mal Facebook. Das 1 Milliarde-Mega-Nutzer-Netzwerk sollte ja eigentlich für den Massengeschmack repräsentativ genug sein, oder? Was muss – na ja – was kann ich da mit meinen Augen immer wieder für schöne Sprüche über den Bildschirm flimmern sehen, die heftigst geliked, geteilt und kommentiert werden.

Das sind aber auch philosophische Ergüsse der besonderen Art: „This is a Nudelholz, take it an hau it on a kopp of a bekloppt person“, „11 Gründe, warum Männer Fußball besser finden als Sex“…

Gut, gut. Das mag ja vielleicht noch ganz witzig sein. Richtig schön wirds dann aber erst, wenn der Poster oder die Posterin des sogenannten fiktiven Charakters (schöne Worthülse, nicht wahr???), dann tief in die Herz-Schmerz-Ich-bin-doch-so-verletzt-worden-Kiste greift. „Du wirst eines Morgens wach werden und merken, dass ich dir fehle, doch dann bin ich weg“, „Sei doch selbst mal perfekt, bevor du dir über mich dein Maul zerreisst“. Seufz…. Die Macher dieser Seiten sind garnicht mal so blöd: Immerhin finden sich in den meist inhaltsleeren Plattitüden die meisten Menschen wieder. Und was nicht passt, wird eben passend gemacht.

So verwundern die hohen Nutzer-Zahlen nicht, da die Leutchen eben nach Cyber-Emotionalität streben, da das im Real-Life mehr als ein simples Like bedingt. Hobbypsychologen aufgepasst: Ihr könnt nämlich jetzt ganz leicht auf die psychischen Befindlichkeiten eurer ‚besten‘ Freunde schließen. Schaut euch einfach mal an, welchen Spruch sie geliked haben – übrigens sollte man das Facebook-Monitoring auch in jeder Personalabteilung einführen.

Wie??? Die ganzen vielen Facebook-Freunde sind garnicht alle eure Freunde? Na dann: Noch besser. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Lieschen S schreibt, dass sie ihren Schatz soooo doll vermisse… 100 Punkte für uns! Denn wir kommentieren einfach mal unter den Post: „Komisch, habe ihn gerade mit n’er blonden Beauty in der Stadt gesehen“. Du wirst sehen: Dieses direktive Verhalten entwickelt relativ schnell eine besondere Eigendynamik.

Aber den absolut besten Spruch – read ever – muss ich hier unbedingt wiedergeben:

„Manche Leute verstehen nicht, dass Facebook kein Tagebuch ist…“ Dazu das Foto einer ernst drein blickenden Frau. Wow!

Na dieser Sprücheklopfer sollte sich bitteschön doch dringend mal mit den Ansichten Mark Zuckerbergs beschäftigen und dann schleunigst aus Facebook austreten.

Fettes „Dislike“ meinerseits….

AI at its best – Die Idee der technologischen Singularität

Die Theorie der technologischen Singularität ist nicht neu und greift eine populäre Idee auf, die wir schon längst aus dem Kino kennen: Die Maschinen haben die Macht und bedrohen unser Dasein… Doch was ist wissenschaftlich dran an der Hypothese?

Interessanterweise stieß ich vor kurzem auf das Konzept der technologischen Singularität. Während mir die Singularität als solche bereits aus der Systemtheorie bekannt war, ist sie im technologischen Kontext Teil der Futurologie und bezeichnet den Zeitpunkt, ab dem sich Maschinen via künstlicher Intelligenz selbst verbessern können und eine Eigendynamik entwickeln.

Die Grundannahmen der Theorie stützen sich darauf, dass sich Technik und Wissenschaft seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte immer schneller weiterentwickeln. So verdoppelt sich die für 1.000 US-Dollar erhältliche Rechenleistung alle 18 Monate (vgl. GORDON MOORE). Diesem exponentiellen Wachstum der künstlichen Leistungsfähigkeit steht eine weitestgehend konstante Leistung des menschlichen Geistes gegenüber. RAYMOND KURZWEIL beziffert die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns auf 10.000 Terraflops – und die wurden von einigen Supercomputern schon erreicht. Alleine die Leistungsfähigkeit als Gesamtgröße zu nennen, reicht hier jedoch nicht aus. Vielmehr kommt es auf die Vernetzung, auf das Verpacken relevanter Operationen in diverse Algorithmen und die daraus resultierende Eigendynamik – oder auch Denkfähigkeit – des Systems Computer an. Immerhin ist ja die Reflexivität (vgl. hierzu auch PIAGET, MEAD et. al.) – also die Fähigkeit, Distanz zum Selbst aufzubauen und Sachverhalte auf diese Art zu betrachten, dafür eine Basisvariable.

Was geschieht in dem Moment, in dem Maschinen anfangen, zu denken? Wie müssen wir ein ‚Ding‘ betrachten, dass seine Entscheidungsprozesse, seine Urteile und seine Handlungen völlig ohne die uns bis daher bekannten Grundgrößen – wie Sozialisation, soziale Gruppierung, persönliche Erfahrung usw. – trifft? Auch damit haben sich einige Theoretiker schon befasst. So schrieb I. J. GOOD 1965:

„Eine ultraintelligente Maschine sei definiert als eine Maschine, die die intellektuellen Fähigkeiten jedes Menschen (…) bei weitem übertreffen kann. Da der Bau eben solcher Maschinen eine dieser intellektuellen Fähigkeiten ist, kann eine ultraintelligente Maschine noch bessere Maschinen bauen (…). Die erste ultraintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat.“

Auch VERNOR VINGE sprach bereits in den 80er Jahren von einer Singularität. Von ihm stammt die Prognose, dass wir „innerhalb von 30 Jahren über die technologischen Mittel verfügen, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen. Wenig später ist die Ära der Menschen beendet.“

In seinem Artikel „The Law of Accelerating Returns“ stellt RAYMOND KURZWEIL 1993 die These auf, dass das Moorsche Gesetz ein Spezialfall ist und dass eben dieser für die gesamte technologische Entwicklung gilt.

Die These der technologischen Singularität ist also alles andere als neu und – das muss gesagt werden – schaut man sich im Netz ein wenig um, so spinnen sich rund um Kurzweil et al. einige Endzeitgläubige ein perfides Netz, das aus Verschwörungstheorien, Apokalypse und Mad Max-Fantasien geknüpft ist.

Nichts desto trotz wirft die sprunghafte technologische Entwicklung einige philosophische Fragen auf, denen wir uns ernsthaft widmen müssen. Es wird in nicht ferner Zukunft darum gehen, sich mit einer neuen dinghaften Wesensform auseinanderzusetzen – wie auch immer diese dann aussehen mag. Diese neuartige Wesensform könnte tendenziell zu einem Bruch in der bisherigen Menschheitsgeschichte führen. Man stelle sich vor: Eine Art Super-Maschine kontrolliert die Gesellschaft und strebt vielleicht das Ziel an, das auch uns Menschen zur Selbsterhaltung dient: die Reproduktion. Wir werden also nicht umhin kommen, uns dieses gesellschaftlich völlig neuartige Szenario auszumalen – vielleicht ganz à la Matrix. Wird es künstliches Bewusstsein geben, und wenn ja, wie wird dieses aussehen?

So ist es seltsamerweise gerade das Streben des Menschen nach Entlastung, dass seine eigene Beschränktheit maßgeblich aufzeigt und wohl irgendwann auch seine Existenz bedrohen könnte. Andererseits bietet das humanistische und maschinelle Miteinander vielleicht auch Chancen, die zur gesellschaftlichen Entwicklung führen. Man stelle sich vor: Maschinen, die sich uns in ihrer Appearance anpassen und uns imitieren.

Die technologische Singularität ist – Gott sei Dank – (noch) ein theoretisches Konzept.

Warum nur fällt mir dazu immer wieder folgender Vers ein?

„Und sie laufen! Naß und nässer,
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsätzliches Gewässer!
Herr und Meister hör mich rufen! –
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.“

(Goethe, Der Zauberlehrling)

Gegen den akkustischen Klangsalat von Katy Perry und Co.

Es ist schon frustrierend: Wenn ich das Radio einschalte und mit dem von unseren Gebühren bezahlten sogenannten musikalischen Programm berieselt werde, kriechen die immer wieder gleichen Klänge der Top-Twenties in meinen Gehörgang, um sich in den neuronalen Netzen meines Gehirns ein lauschiges Plätzchen zu suchen. Nicht etwa, weil das medial verbreitete Convenience Food qualitativ so überragend wäre, sondern weil diese Massenkost profilloser ist als das Wahlprogramm von FDP und CDU zusammen und damit einprägsamer – leider.

So erweckt beispielsweise ein Bon Jovi schon über Jahrzehnte mit den immer gleichen, nichtssagenden Seusel-Sounds den Anschein, ein echter Rocker zu sein, während tausende sexuell frustrierter Hausfrauen dem kleinen Italo-Amerikaner das dann dankend abkaufen. Eine Katy Perry und Bands wie Blue und Co. reihen sich schamlos in die Riege musikalisch weichgespülter, synthetischer Filtrate der Musikindustrie ein und MTV, VIVA und andere musikwirtschaftlich gesponserte Sendeanstalten vermitteln uns, dass es sich bei diesen kleinen Sternchen wirklich um echte Stars handele – welcher Irrglaube.
Irgendwie scheint sich das musikalische Treiben auf den vorderen Rängen der Charts in zwei große Lager zu spalten: Die nichtssagende, immer gleich klingende Gute-Laune-Abteilung und die pseudo tiefgründige „Es ist alles so tragisch, aber wir können eh nix dran ändern“-Fraktion à la Unheilig, die ihre Gesellschaftskritik aufs Notwendigste beschränkt und damit reichlich konformistisch wirkt.

Nein: Musik muss ja nicht immer gleich Biermann-like sein, es geht auch ganz unpolitisch. Eher ist es die Wiederholung der immer gleichen Titel, während die von sich so überzeugten Sender mit Einspielern dann echte Programmvielfalt suggerieren. Mein Gott: Und das Schlimme daran ist, dass viele Hörer ihnen das auch noch glauben und im Worst Case in den Handel rennen, um sich die inhaltsleeren Klangschablonen noch zu kaufen.

Ich möchte nicht alles schlecht reden, was da musikalisch so verzapft wird. Aber warum zur Hölle, lassen diese Sender immer wieder das Gleiche laufen? Haben die kein Archiv, machen die sich nicht die Mühe, in den Keller zu gehen, um dort nach auditiven Schätzchen zu suchen oder will der Durchschnittshörer einfach nicht mehr, als seinen Gehörgang auf einem kaugummihaften Klangteppich auszuruhen? Irgendwie kommt mir da Marx in den Sinn: Musik ist wie Opium fürs Volk – oder wie war das nochmal …

Ach ja: Über das oft selbstbeweihräuchernde Gesülze selbstverliebter Radiomoderatoren und -innen habe ich mich in diesem Blog ja bereits ausgelassen – daher an dieser Stelle nicht mehr davon. Nur eines vielleicht: Nein, Ihr braucht euch nicht in offenen Briefen, die obendrein noch voller Rechtschreibefehler sind, öffentlich zu irgendwelchen Plattitüden eures Privatlebens zu äußern. Nein, mich interessiert es nicht, was Eure beste Freundin euch bedeutet oder was Euer Chihuahua gerade macht oder ob Ihr euch gerade ne Flasche Wasser übergegossen habt. Bitte, bitte: Legt doch einfach mal bessere und abwechslungsreichere Musik auf, das wäre doch schon was.

Und bis dahin? Machen wir unser Programm einfach selber und lauschen den Klängen unseres alten Mix-Tapes, da gibt`s statt monotonen Klang- höchstens mal Bandsalat… Guten Appetit.

Alles nur geträumt? Meine Meinung zu „Inception“

Gestern habe ich mir „Inception“ angesehen. Das siebte Werk von Christopher Nolan (Batman the Dark Night) hat eine interessante Grundidee. Im Kollektiv kann man letztendlich in das Unterbewußtsein von Träumenden eindringen, um denen auf diese Weise die geheimsten Geheimnisse (entschuldigen Sie an dieser Stelle, dass ich diesen Pleonasmus verwende) zu entlocken. Das Leitmotiv finde ich fantastisch, denn es bietet Raum für großes Popcorn-Kino.

Auch Freud hätte das wohl „gefreut“. Immerhin geht es da um die Kreation ganzer Welten, also um Konstruktivismus par excellence sozusagen. Allerdings erschöpft sich der Film an seinem eigentlichen Sujet. Wie kann man, so frage ich mich, Wirtschaftsspionage zum Inhalt eines solchen Streifens machen? Sind Bergstationen bzw. Vans wirklich die Orte, die man da als Locations erwartet? Das einzig Fantastische an diesem Film ist tatsächlich das zum Sandwich geklappte Paris (siehe dazu die TAZ-Kritik weiter unten). Durch die Einführung diverser Zeit-Ebenen wird dieser Film pseudo-verkompliziert. Auch die Einführung einer Liebes-Storyline wirkt konstruiert. Schließlich hat dann auch die Eigenlogik der Handlung ein paar Schönheitsfehler…

Da hätte ich mir mehr erwartet. Wieder einmal ein Beispiel dafür, dass 160 Millionen Dollar Produktionskosten nicht gleich Qualität bedeuten müssen.

Fazit: Der Raum für’s Fantastische wird nicht ausgenutzt. Grundidee super, Umsetzung mangelhaft, macht zusammen: 3+.

Die TAZ hat das Ganze sehr treffend formuliert:
„Die Traumwelten des Films sind vergleichsweise klar strukturiert, funktional, Fantasien vom Reißbrett. Was möglich wäre, bleibt mit der aus dem Trailer bekannten Sequenz, in der Paris zum Sandwich geklappt wird, bloße Andeutung: verrückter wird’s nicht. Höchstens, dass später mal unfahrplanmäßig die Bahn kommt.“

Winter, Winter, überall

Heute mal ein kurzes Geständnis meiner Unverständnis. Ich meine, wir haben uns doch alle schon daran gewöhnt, dass uns CNN, NTV und RTL, ja zuweilen sogar ARD und ZDF, mit melodramatischen Nachrichten-Schnipseln unseren Alltag versüßen. Da wird eine leichte Windböe zum Tornado upgegradet, dauerhaft höhere Temperaturen zum „Jahrhundersommer“ erklärt und jährlich wiederkehrende Hochwasser stets zur „Jahrhundert-Flut“ gekürt. Meist unterlegt man die zurechtgeschnittenen Trailer dann noch mit einer appellierenden Alarm-Stimmungsmusik, um die Brisanz der filmischen Eindrücke nochmal kräftig zu unterstreichen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch der Winter, diese stets sensationelle Jahreszeit gleich nach dem Herbst und vor dem Frühling, immer wieder das Opfer der investigativen Nachrichtenfalle wird. So tragen sämtliche Sendeanstalten aus allen Teilen der Republik, nach den ersten Schneefällen sämtliche Bilder zusammen, die sie von dem frostigen Gesellen so bekommen können.

Aus Bayern, vom Weißwurst-Äquator, treffen laut RTL-Mittagsmagazin erschreckende Neuigkeiten ein: So sei Rentnerin Ilse P., beim Versuch mit ihrem Dackel Waldi P. über die Straße zu gehen, ausgerutscht, und habe sich den Knöchel verstaucht, was wiederum den Münchener Oberbürgermeister dazu veranlasst haben soll, eine Winterdienst-Taskforce einzuberufen, deren Schlagkraft man sich für einen eventuellen Erstschlag des Winters in der Hauptstadt vorbehalte. NTV berichtet live aus dem Münchener Lagezentrum und führt erste Live-Interviews mit den lanjährigen Streuwagen-Fahrern Horst B. und Yusuf Z.

Auch Gerhard K., ein passionierter Langzeitarbeitsloser aus Magdeburg erblickt eine Schneeflocke, was ihn dazu motiviert, seinen zwanzigtausend Twitter-Followern den vielversprechenden Satz: „Hier schneit’s“, mitzuteilen. Diese Botschaft löst im Netz wiederum einen echten Schneesturm aus. In Sekundenschnelle weiß Chef Ferdinand H., aka DarkShadow, leidenschaftlicher Leser der tiefgründigen Kurzbotschaften, nun, dass seine Mitarbeiter Nico C., Schantalll F. und Co. wohl morgen eher nicht zur Arbeit erscheinen werden, um der Gefahr eines drohenden Blechschadens und dem Risiko eines Wegeunfalls aus dem Weg zu gehen.

ZDFneo entschließt sich nach einer rasch einberufenen Redaktionssitzung dazu, dem Wintereinbruch eine Online-Spezial-Sendung zu widmen, während die ARD sich durchringt, einen ihrer Meterologen dramaturgisch korrekt auf dem Feldberg zu platzieren, denn da soll die bis dato einzig geschlossene Schneedecke existieren. Meteorologe Wiegald D. stellt sich für das Unterfangen zur Verfügung – vorausgesetzt, der Sender stelle ihm Thermo-Unterwäsche und kuschelige Ohrenschützer zur Verfügung, so D..

Die arte-Redaktion verabschiedet derweil einen Winter-Thementag, der die Bedeutung des Winters in der Postmoderne untersuchen soll.

Das gesteigerte mediale Interesse an dem tendenziell bevorstehenden Wintereinbruch bleibt auch in Deutschlands Baumärkten nicht unbemerkt: Pflichbewusst pilgern diejenigen in langen Wagenkolonnen zu den Einkaufsoasen des Landes, denen die Liberalität der Fußwege ein echtes Anliegen ist: die deutschen Rentner. Der Absatz von Streusalz und der Verkauf von Schneeschippen der Marke „PermaFrost“ steigen daraufhin im Minutentakt, aus einigen Märkten wird von regelrechten Hamsterkäufen berichtet.

Auch in den dritten Programmen möchte man dem Winter, diesem brandheißen Thema, nun gerecht werden, weiß aber nicht wie. Ilse Z., seit sechzig Jahren Sekretärin beim Sudwestfunk, wirft ein, man könne sich ja mal im Archiv umsehen. Und tatsächlich entschließen sich die Programmchefs nach minutenlanger Recherche des Praktikanten Thorsten A. einhellig dazu, eine winterliche Folge der allseits beliebten Sendung „Kein schöner Land…“ mit Günter Wewel auszustrahlen – in Endlosschleife, Hauptsache Schnee.

All das lässt bei dem geneigten RTLII-Zuschauer und Talkshow-Liebhaber Werner K. den durchaus berechtigten, fragend-anprangernden Einwurf verstehen: „Lisbäth, dat schneit schon bald. Haben die’n Winter denn nich kommen sehn?“

Die neuen Rundfunkgebühren – ein „Service“, den keiner braucht

Wenn nun bald schon die Rundfunkgebühren endgültig für alle zu einer Art Pflichtsteuer erhoben werden, und zwar unabhängig davon, ob derjenige, der da zahlt,einen Fernseher respektive ein Radio hat oder nicht, ist das für mich schon blanker Hohn. Worin liegt eine solche Pflichtabgabe denn bitteschön begründet?

Es hat schon etwas von umgekehrtem Sozialismus – also quasi von einer Plutokratie – wenn sich die obsoleten Senderbosse anmaßen, der breiten Masse einen solchen Betrag aufzuerlegen. Gerade, weil der zunehmende Bedeutungsverlust der öffentlich-rechtlichen Sender offenkundig ist. Ich meine: Der mit Heile-Welt-Pathos geschwängerte Musikanten-Stadl-Irrsin und die actiongeladenen Serien-Monster der Marken „Der Alte“ und „Rosamunde Pilcher“ finden in meinem persönlichen TV-Zeitplan jedenfalls keinen Platz. Warum auch? Neunzig Prozent des öffentlich-rechtlichen Programms sind ohnehin an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Ich erinnere an solch tolle Formate wie „Lafer! Lichter! Lecker!“, wo ein komplexitärer Sternekoch mit einer kahlköpfigen Kölner Pseudo-Frohnatur Witze reisst, die keiner hören will. Wenn man füher von öffentlich-rechtlicher Seite den Informationswert als Alleinstellungsmerkmal anführte, ist es heute gerade noch ein flaches Programm-Potpourri für ältere Herrschaften, mit dem man sich hervortut. Information und coole Serien – dafür gibt’s schon längst die Privaten. So taumeln die „Großen Zwei“ und leiden – kaum verwunderlich – unter rückläufigen Quoten. Anstatt ihre Programm-Konzepte endlich mal auf ein jüngeres Publikum zuzuschneiden, bleibt es langweilig, monoton, beliebig – bis auf wenige Ausnahmen wie die Heute-Show vielleicht. Witzig nur, dass die bald ehemalige GEZ nun auch noch „Beitragsservice“ heißen soll, dass im Jahr 2011 allein 7,5 Milliarden Euro über die staatlich-organisierte Geldeintreibe-Mafia erschlichen wurden und dass davon dann erstklassige Fernehunterhaltung wie das „Adventsfest der 100 000 Lichter“ bezahlt wird. Und was noch viel spaßiger ist: Aus dem großen Gebühren-Wunschpunsch nähren sich dann diejenigen, die einem wirklichen Programm-Relaunch im Wege stehen und ihr eigenes Süppchen kochen wollen: Neun Intendanten, zehn Fernseh-Programmdirektoren, dreizehn Fernseh-Chefredakteure und viele andere – allein bei „Das Erste“. Da muss man schon überlegen, ob man nicht dem Appell eines alten TV-Urgesteins nachkommen soll, das damals, in grauer Vorzeit, mit seiner Sendung dem ach so wichtigen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag wirklich noch nachkam: Peter Lustig. Dieser zeigte dem althergebrachten Kinderprogramm seinen „Löwenzahn“, schuf was Neues, und forderte seine jungen Zuschauer zum „Abschalten!“ auf – nach seiner Sendung natürlich. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, seinem prophetischem Credo wieder nachzukommen…

Die Neurose als systemstabilisierender Mechanismus im Sinne des Autopoiesis-Begriffs sensu MATURANA

Manchmal ist es schon sehr verwunderlich, in welchem Hamsterrad wir uns bewegen: In dem immer gleichen Wechselspiel von Arbeit und Haushalt bleibt uns eigentlich kaum noch die Zeit, Luft zu holen und wirklich mal zu entspannen. Oder wann haben Sie das letzte Mal mal in aller Ruhe ein Buch gelesen? Bei mir ist das schon etwas länger her, das kann Ihnen versichern. Ich frage mich dann manchmal, ob es an meiner Art der Selbstorganisation (interessanter Begriff der Systemtheorie, die um 1950 von BERTALANFFY entwickelt wurde) liegt, oder ob wir den Umstand, dass so wenig Zeit für dies und das vorhanden ist, einfach ganz allgemein auf die (post-)moderne Zeit schieben sollen… Ich meine: Solch eine Schuldzuweisung ist nun mal schnell ausgesprochen… Aber dennoch wäre das m. E. eine sehr starke Generalisierung. Sicher sind wir in einen Trott eingebunden, aus dem wir, wenn die entsprechenden Ausgleichmechanismen nicht vorhanden sind, subjektiv nicht herauskommen. Aber das war doch auch in anderen Zeiten so. Ich meine: Denken Sie nur einmal zurück an die Industrialisierung, als der stickige Qualm der Schornsteine den Himmel über den Städten verdunkelte und die Menschen zwischen zehn und zwölf Stunden schufteten und sich abmühten. Auch sie waren dem Diktat der Arbeit unterworfen und noch stärker essentiell an sie gebunden, an das Wohlwollen des Fabrikbesitzers. Aber was sich seit diesen Zeiten wohl geändert hat, um ganz bei der Systemtheorie zu bleiben, ist die ständig gestiegene Komplexität des Systems Gesellschaft und seiner Attraktoren – quantitativ und qualitativ.

Betrachten wir Menschen uns auf der Individual-Ebene als ständig um Ausgleich bemühte Teile des Systems, die ganz im Sinne des Autopoiesis-Konzepts (MATURANA, 1972) immer darin bestrebt sind, das System als solches und damit den gesamtgesellschaftlichen Kontext zu erhalten, werden gleichwohl die Zwänge offensichtlich, die mit einer solchen Ausgleichbewegung einhergehen. Mit ihr tritt nämlich ein signifikantes Charakteristikum eines Systems zutage: Dessen Emergenz (HOLLAND et. al., 1990), also die Entstehung von neuen systemischen Teilelementen aus sich selbst heraus, ohne dass sich die Existenz der neuen Elemente auf die bereits vorhandenen Teilelemente im einzelnen stützen ließe. Nicht ohne Grund wird in der Philosophie des Geistes das Konzept der Emergenz auch zur Erklärung für die Entstehung von Bewußtsein angewandt, zumindest von einigen Philosophen. Wenn wir nun die Genese des Bewußtseins also als emergenten Prozess verstehen, und dessen Resultat als quasi generiertes Filtrat des Systems begreifen, wird ersichtlich, wie sehr menschliches Bewußtsein im gesellschaftlichem Kontext verwoben ist.

Nun ist in unserer Zeit die Zahl der Attraktoren innerhalb des Systems in der Form gestiegen, als dass wir durch eine hoch spezialisierte Infra- und Kommunikationsstruktur sowie im Allgemeinen einen höheren Lebensstandard usw. erst ein Bewußtsein davon entwickeln, was unsere Möglichkeiten sind. Durch einen permanenten Prozess der Rückkopplung werden wir dabei ständig adjustiert und readjustiert und wirken ebenso auf andere Elemte des Systems. Das gesamtgesellschaftliche Bewußtsein, mit dem wir z. B. mittels Werbung und Medien konfrontiert werden, vermittelt uns schließlich einen idealtypischen Eindruck davon, welche scheinbar erstrebenswerten Ziele (z. B. Sachwerte) es zu erreichen gilt, während uns unsere Sozialisatoren einen eben solchen normativen Grundrahmen in der Kindheit gezeichnet haben. Sind die in diesen beiden Prozessen generierten unerreichbaren normativen Gebote für das Individuum irritierend, können Momente entstehen, in denen die persönliche Selbstorganisation nur unzureichend erfolgen kann und das Individuum das Systemgleichgewicht gefährdet sieht. Doch ist das Bestreben des Subjekts hin zum Gleichgewicht noch immer so stark, dass die Herstellung eben dieses Gleichgewichts durch internalisierte Normen und Werte als oberste Prämisse definiert wird. Die Internalisierung und die durch weitere Attraktoren auf das Subjekt einströmende gesellschaftliche Informationsflut geht mit einer wachsenden Zahl von Obligationen einher, das Gefühl der Überforderung entsteht.

So denke ich doch, dass die Verwendung des Autopoiesis-Konzepts schließlich auch für die Erklärung neurotischer Bewältigungsstrategien herangezogen werden kann, nämlich dann, wenn wir die Neurose als nicht rational-zweckgebundene Handlung begreifen, die aus dem System Mensch heraus als pathologische Bewußtseinsform entsteht, und ihrer Natur nach doch zutiefst der Erhaltung des gesellschaftlichen Systems dient. Die Neurose führt eine partielle, aber temporär bruchstückhafte Homöostase herbei. Bruchstückhaft deshalb, weil die Stabilisierung des Systems zwar erfolgt, jedoch das Individuum sich über die fehlgeleitete Ausgleichbewegung seines Bewusstseins stets gewahr wird und aus diesem Erkenntnisprozess heraus in seinem Empfinden Prozesse des Erleidens entstehen, die sich in neuen emergenten Formen des Bewusstseins manifestieren.

TV aus der Retro-Konserve

Ich frage mich wirklich manchmal, in welchem Licht wir später auf unsere heutige Zeit blicken werden, auf das Hier und Jetzt. Medial scheinen wir uns jedenfalls ausnahmslos im Rückblende-Modus zu befinden – zumindest in den zahlreichen Retro-Shows, die gefühlt an jedem Arbeit über die Mattscheibe – pardon – den Flachbildschirm flimmern. Da wird in schwärmerischem Pathos von irgendwelchen D-Promis über pseudo-nostalgische Gefühle gefaselt, die besagte Personen mit Musik-Hit X oder Ereignis Y verbinden, nichtssagend, beliebig. Es ist gerade dieser permanente Wunsch nach Rückbesinnung, der in der Illusion des „Früher war doch alles besser“-Wahns gipfelt, der mich ein wenig nachdenklich werden lässt. Haben wir das nötig, uns ununterbrochen umzudrehen und über unsere Schultern zu gucken? Ist das Ganze nicht ein wenig verklärend? Oder drückt die Verklärung der Vergangenheit nicht vielleicht sogar aus, wie überdrüssig die Menschen der Gegenwart geworden sind? Während es früher die großen, aufwendig inszenierten Unterhaltungs-Shows waren, die die Zuschauer aus der Realität in einen weichgespülten Unterhaltungs-Kosmos beamten, scheint für eine Realitätsflucht heutzutage weniger auszureichen, was die Produzenten solcher Shows sehr freuen dürfte. Immerhin wird so ein Maximum an Quote mit minimalem Einsatz erreicht – ökonomische Effizienz nennt man das wohl. Olli Geissen und Co. dürften uns wohl noch weiter erhalten bleiben, und das nicht zuletzt auch deshalb, weil wir die kleine Entführung ins Reich der romantischen Jugend oder des Erwachsenwerdens so lieben. Wirklich neuartige Sende-Konzepte mit echtem Gegenwarts-Bezug bleiben dabei vorerst auf der Strecke, leider…