Proteste:Weltjugendtag in Madrid

Wie ‚von oben bestellt‘ ging über Papst Benedikt XVI. ein heftiger Platzregen nieder, als er die Gangway herunterschritt, um seinen Besuch in Madrid zu absolvieren. Was ein friedliche Visite mit himmlischen Segen werden sollte, verkam unverhohlen zu einer Art Manifestation politisch-juveniler Unzufriedenheit. Tausende Jugendliche in Madrids Straßen hatten zuvor gegen den Papstbesuch demonstriert. Grund dafür sind die Kosten, mit der die Visite des Kirchenoberhaupts zu Buche schlägt, gepaart mit der hohen Arbeitslosigkeit, der gerade Spanier zum Opfer fallen.

Was mich an diesen Protesten ein wenig irritiert, ist ihre scheinbare Naivität. Natürlich ist es immer angebracht, zum Zwecke des Meinungsausdrucks und der Verfolgung politischer Ziele auf die Straße zu gehen. Aber haben die Protestler sich einmal Gedanken darüber gemacht, wo – gerade in ihrem Lande – sonst noch sinnlos Geld verpulvert wird? Zu nennen ist da als Erstes die obsolete Adelsinstitution Königshaus, die die Spanier jährlich ein Vielfaches mehr kostet als der Besuch des Kirchenchefs. Seltsam, dass sich darüber noch keiner beklagt hat. Früher hieß die Parole: Friede den Hütten – Krieg den Palästen. Irgendwie scheint man das in Spanien vergessen zu haben. Heute ging der Weltjugendtag mit einer großen Abschlussmesse zu Ende. Viva Espagna….

Mehdorn geht von der Schiene in die Luft

Air Berlin ist Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft und soll nun von dem Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn saniert werden. Das Berliner Unternehmen schreibt seit dem Jahr 2008 rote Zahlen. Mehdorn kann sich damit erneut auf einen hoch dotierten Posten freuen und beweist mit dem Wechsel in die Luftfahrtbranche einmal mehr, dass es in der Vorstandsetage Deutscher Großunternehmen nur selten echten Fortschritt gibt. Wo sind sie denn bitteschön, unsere jung dynmaischen Manager, unsere Web 2.0 Jungs, die den Markt wirklich kennen oder zumindest jene, die sich durch jahrelange Fleißarbeit ein Mindestmaß an Erfahrung in Sachen Luftfahrtbusiness aneeignen konnten? Klar, dass es im Kern keinen betriebswirtschaftlichen Unterschied macht, wer nun für die tendenziellen Entlassungen der Air-Berlin Mitarbeiter verantwortliich sein wird, denn diese stehen an, will sich der Konzern wieder einigermaßen von seiner Negativentwicklung erholen.

Was an der Personalie Mehdorn jedoch wieder einmal deutlich wird, ist die Omnipräsenz einer Wirtschafts-Aristokratie, die sich gegenseitig fördert und ihre Macht fest in Händen hält. Wir erinnern uns: Bei der Bahn wollte man Herrn Mehdorn nicht mehr haben, nachdem sich dieser allerlei management-strategische Fehlerchen hatte zu Schulden kommen lassen. Was für Lieschen Müller und Ulrich Schmidt von Nebenan nun zweifelsfrei das endgültige Karriereaus bedeutet hätte, wird für Mehdorn zum Erfolgsgaranten mit Entwicklungspotential. Interessant erscheint mir dabei auch immer der Aspekt, der suggeriert, durch den Wechsel eines Einzelnen können Unternehmensziele erreicht und Umsätze wieder gesteigert werden – von heute auf morgen. Gut – zumindest die Aktienkurse des Unternehmens dürfte der Führungswechsel beflügeln – eine gewisse Zeit lang. Doch dann wollen auch Aktionäre und Händler valide Ergebnisse sehen. Hoffen wir, dass sich Herr Mehdorn mit dieser Aufgabe nicht verkalkuliert hat – nicht etwa um seinetwillen – sondern um den der Air-Berlin Mitarbeiter…

Glaubenssache…

Heute Morgen bin ich in der Kirche über einen Satz gestolpert, der mich wieder mal den absolutistischen Glaubenanspruch der Katholischen Kirche spüren ließ: Extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche, kein Heil. Er wurde in der Allgemeinen Kirchenversammlung zu Florenz (1438–1445) als Dogma festgeschrieben und manifestiert unmissverständlich, dass jeder Mensch, der nicht dem Katholischen Glauben angehört,„dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist“. Anders formuliert: Nur, wer mittels Taufe und Glaube in die Una Sancta Catholica et Apostolica Ecclesia aufgenommen wurde, hatte damals die Chance auf sein Seelenheil. Auch im Laufe der Geschichte hat sich daran zunächst nichts gändert. So stellte Papst Pius IX. (s. Bild) in seiner Ansprache „Singulari Quadam“ 1854 fest:

„Im Glauben müssen wir festhalten, daß außerhalb der apostolischen, römischen Kirche niemand gerettet werden kann; sie ist die einzige Arche des Heils und jeder, der nicht in sie eintritt, muß in der Flut untergehen. Aber ebenso müssen wir sicher daran festhalten, daß von dieser Schuld vor den Augen des Herrn niemand betroffen wird, der da lebt in unüberwindlicher Unkenntnis der wahren Religion.“

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Jahre 1966 hat man sich dann wieder mit den Verhältnissen der einzelnen Religionen untereinander auseinandergesetzt und fand dafür das Bild konzentrischer Kreise, die in sich alle den gleichen Mittelpunkt haben. Mit dieser philosophischen Vorstellungswelt hatte das Konzil endlich mit dem absolutistischen Glaubengrundsatz der Vergagenheit gebrochen.

Zwar ist die Katholische Kirche – laut den Vorstellungen des Konzils – der Wahrheit und damit dem Seelenheil immer noch am Nächsten, aber auch andere Religionen finden darin ihren Platz – natürlich entsprechend abgestuft und weiter entfernt vom „Mittelpunkt“, aber immerhin… Dass andere Religionen schließlich von der Katholischen Kirche überhaupt in gewisser Form akzeptiert wurden und werden, wirft allerdings die Frage auf, ob es nicht völlig egal ist, welcher Religion wir uns schließlich anschließen… oder nicht.

50 Jahre Mauerbau

Heute ist es schon 50 Jahre her, dass mit dem Mauerbau begonnen und Deutschland in zwei Hälften geteilt wurde. Da hatte also wohl doch jemand die Absicht, eine Mauer zu errichten. Welche Folgen dieser Schritt für uns, für unser Volk, nach sich zog, ist hinlänglich bekannt. Umso wichtiger also, nicht zu vergessen und an ein solches menschenverachtendes Vorhaben eines diktatorischen Regimes – dass sich einen pseudo-sozialistischen Anstrich verlieh – zu erinnern – ganz ohne wrklichkeits-verzerrenden Retrogedanken oder nostalgischen Touch à la Googbye Lenin.

Mauer – das hieß Leid, Tod, Getrenntsein von seinen Lieben und damit für viele das Zerreissen der individuellen Lebensbiographie. Auch wenn es mit den damals von Kohl beschworenen blühenden Landschaften nicht so schnell ging, wie es ursprünglich geplant war: Der Schritt zur Einheit war der richtige und führte zusammen, was zusammen gehörte. Dass wir Wessis, sozusagen als monetäre Gegenleistung dafür, den Soli-Zuschlag auf uns nehmen mussten – schön und gut. Damit konnte und kann ich persönlich leben – denn das Positive überwog.

Immerhin bedeutete diese Zusammenführung zweier gesellschaftlicher Systeme auch eine Annäherung hinsichtlich der Gefahr des Kalten Krieges und ließ alle Parteien in den Zwei-Plus-Vier-Gesprächen noch einmal näher zusammenrücken. Zur Erinnerung: Damals verhandelten die „noch“ beiden deutschen Staaten und die vier Siegermächte des 2. Weltkriegs gemeinsam über das deutsch-deutsche Schicksal. Wie leicht hätte da jegliche Harmonie einem Dissenz weichen können… Immerhin hatte der französische Präsident bei dem historisch wichtigen Strandspaziergang mit Kohl hinsichtlich der Wiedervereinigung ernsthafte Bedenken geäussert. Gut, dass dieses zeitgeschichtliche Großprojekt daran nicht scheiterte.

Die Gedenkfeier fand heute an der Bernauer Straße in Berlin statt. Dort wurde eine Art „Todesstreifen“-Museum eingerichtet – inklusive Stacheldraht, Wachtürmen, Peitschenlampen und der 3,60 Meter hohen Mauer – das einen gespenstischen Eindruck von dem vermittelt, was Menschen bei einem Fluchtversuch erwartete. 245 Menschen fanden an der Mauer den Tod. Vergangenheit wird zur Geschichte und das ist gut so. Ein Hoch auf den 9. November 1989.

Neo-liberalismus par excellence

Heute hat S&P, eine bekannte Ratingagentur, die Kreditwürdigkeit der USA von AAA auf AA+ zurückgestuft. Die Konsequenzen eines solchen Schrittes waren auf dem Finanzmarkt natürlich sofort spürbar. China, der größte Gläubiger der USA, hat Washington sogar dazu aufgefordert, über die Einführung einer anderen Leitwährung nachzudenken und die Sozialausgaben zu kürzen. Unglaublich, was die Botschaft eines nach wirtschaftlichen Prinzipien arbeitenden Finanzunternehmens auslösen kann.

Getreu den neo-liberalen Leitprinzipien liegt die Macht über das Geld dieser Welt längst nicht mehr bei denen, die es erwirtschaften – eine Tatsache die zwar so alt ist wie die Menschheit, deren prekäre Ungerechtigkeit mir aber immer wieder in solchen Situationen schlagartig bewusst wird. Ironischerweise hat – wenn’s ums den schnöden Mammon geht – sogar das totalitäre Regime China das Recht, die Vereinigten Staaten aufzufordern, die Ausgaben für Ihren Sozialapperat zu senken, was den Sachverhalt tendenziell schon genug pervertiert.

Der gute Obama hat im eigenen Land ja immerhin genug zu kämpfen, damit das zarte Pflänzchen der sozialen Absicherung überhaupt noch keimt. Zur Erinnerung: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es so etwas wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht, Arztrechnungen müssen aus eigener Tasche gezahlt werden und der Regelurlaub beträgt durchschnittlich gerade mal 1 Woche pro Jahr. Primär wird also alles unter das Diktat der Arbeit, unter die Verwertbarkeit für das System gestellt, eigene Gebrechen zählen nicht und können nur mit entsprechendem finanziellem Polster auskuriert und bezahlt werden.

Rund 14 Millionen Menschen sind in den USA zurzeit offiziell ohne Job – die Arbeitslosenquote entspricht damit knapp 10 Prozent. Geringverdiener, die beispielsweise nur 1mal pro Woche arbeiten, gelten dabei – statistisch gesehen – als Arbeitnehmer und sind in diese Zahlen nicht eingerechnet. Die eigentliche Arbeitslosenquote dürfte etwa bei 22 Prozent liegen. Aus den Fakten ergeben sich zwei grundlegende Fragen: Wo zur Hölle sollen die USA kürzen? Und: Welchen Sozialapparat meinen die Chinesen?

Lieber Herr Obama, hier nun meine drei Tipps für Sie:

Erstens – lassen Sie sich von einer so dahergelaufenen Ratingagentur Ihren Kurs nicht madig machen. Auch andere Länder wurden schon abgestuft und wieder upgegraded.

Zweitens – Bleiben Sie auch in Sachen soziale Absicherung am Ball: Irgendwann wird jeder noch so abgebrühte Tea-Party-Republikaner erkannt haben, welche Vorteile Ihre Politik bietet und abrücken von seinen sozialistisch-neurotischen Verschwörungstheorien.

Und Drittens: Vielleicht sollten Sie in der Zwischenzeit schon mal die Millitärausgaben senken – denn die sind, ganz nebenbei bemerkt, der größte Ausgabenposten der USA. Die Gläubiger aus Fernost würde es freuen – natürlich aus rein finanziellen Gründen. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie einen schönen Sonntag.

Ein regnerischer Umzugstag

Nach einem unglaublich anstrengenden Umzugstag ist jetzt endlich die Zeit gekommen, mich mal gemützlich zurückzulehnen und meinen Gedanken nachzuhängen. Das Verlassen von Altem bedeutet doch auch immer den Aufbruch zu Neuem. Doch wir Menschen scheuen uns vor genau dem, verharren in alten, regressiven Mustern, nur um den Funken Sicherheit zu erhaschen, den es eigentlich nie gegeben hat. Sicherheit –dieser Wunschtraum der Menschheit – ist ein Streben nach, lässt sich aber doch nie idealtypisch realisieren. „Die Menschen sind sehr offen für neue Dinge – solange sie nur genau den alten gleichen“, sagte Charles F. Kettering einmal. Das trifft es genau: Den Wunsch, eigentlich Verharren zu wollen in alten Strukturen und selbst in scheinbar Neuem, eigenltlich nur das Altbekannte zu suchen. Da stellt sich für mich die Frage, ob es das Neue in seiner Essenz überhaupt gibt oder ob uns nur die Variationen des Alten gegenübertreten. Ich glaube, Strukturen ändern sich im Leben wohl nie, sie bleiben gleich, liegen den in uns individuierten Handlungen und Motivationen immer inharänt zugrunde. Das, was sich ändert, sind die Handlungsmuster, die situativen Gegebenheiten, in denen sich die bereits in uns angelegten Strukturen realisieren. Sich Neues zu erschließen, ist immer auch ein Wagnis, dass uns auf unmissverständliche Art und Weise zeigt, wie wir als Menschen gestrickt sind und nach welchen Strukturen wir unser Handeln ausrichten.

Das Daniela Katzenberger-Phänomen

Es fragt sich wirklich, wie die Pauschal-Blondine Daniela Katzenberger das geschafft hat: Vom Auftritt bei VOX in der Doku-Soap „Goodbye Deutschland“ zum Mediensternchen mit Pfälzer Bauerncharme: Star von heute auf morgen. Das „Plötzlich-ein-Star-Phänomen“ ist längst nicht neu: Spätestens seit Daniel Kübelböck und den vielen Mänowins dieser Welt ist die Benchmark vom Star zum absoluten Nichts fühlbar gesunken, und die sich im Medienfokus wiederfindenden Akteure sind nicht selten überfordert von ihrem plötzlichen Ruhm, berauscht, bisweilen betäubt – und fallen oft unverhohlen tief. Was ist es also, was zum Hervorstechen aus der anonymen Masse führt – was ein Mädchen aus Ludwigshafen zum Pop-Sternchen und zur mallorquinischen Kaffeehaus-Betreiberin mit Promi-Faktor werden lässt?

Im Falle Katzenberger ist es wohl die Kombination von einer gewissen Grundnaivität in Verbindung mit einer großen Klappe – ein Bisschen unverbindlich, aber schlagfertig. Haben wir uns nicht alle schon einmal gewünscht ein wenig katzen-like zu sein, manchmal? Doch dann eben auch nicht: Wenn das Mädchen wieder einmal unfreiwillig in eines der vielen – für sie scheinbar eigens bereitgestellten – Fettnäpfchen tappt, zum Beispiel. Die sich daraus ergebende Situationskomik lässt die Zuschauer lachen und macht die Protagonistin zur besser verdienenden Komödiantin in ihrer eigenen Lebensgeschichte. Psychologisch betrachtet bietet sie damit einerseits millionen Mädchen ein ganzes Bollwerk an Identifikationspotential, andererseits dürfte Katzenbergers offene, beherzte Art auch viele männliche Adressaten ansprechen.

Ganz nach dem Motto: „Das Besondere war gestern, es lebe der Durchschnitt“, zeigt sich im zunehmenden Interesse an Gewöhnlichkeit auch eine gesellschaftliche Tendenz zur Trivialisierung und Verflachung des Unterhaltungsanspruchs. Dass diese Entwicklung durchaus Sinn machen kann, zumindest von seiten der gesellschaftlich Mächtigen, wussten schon die Römer. Damals handelte die herrschende Klasse nach der Maxime „Panem et circenses“, „Brot und Spiele“, und es waren Gladiatoren, die den Pöbel unterhielten und ihn seine Alltagssorgen vergessen ließen. Bleibt nur zu hoffen, dass das Kätzchen in der Medienarena der heutigen Tage nicht den Löwen zum Opfer fällt und das Volk noch lange seinen Gefallen an dem Mädchen findet.

Schreiben ist meine Leidenschaft.

Ich wurde neulich gefragt, weshalb ich schreibe. Schreiben ist eine Art Berufung – jedenfalls für mich. Es ist eine Art kreativen Ausdrucks der eigenen Persönlichkeit, eine Art besonderen Umgangs mit der Welt. Es geht um die Erfassung von Erlebnisinhalten, um deren Darstellung. Abgesehen davon, dass ich persönlich mit dem Schreiben auch mein Geld verdiene. Wobei das wiederum ein anderes Schreiben ist, als ich es in diesem Blog tue. Handelt es sich bei meinem Blog um ein persönliches Anliegen, ist das kommerzielle Schreiben eher ein professionelles Texten. Klar: Auch dafür braucht man ein gewisses Sprachgefühl und ein Wissen darum, was beispielsweise Werbetexte eigentlich ausmacht.

Es gibt – kaum zu glauben – Seminare zum Werbetexten, von denen ich – aus reinem Interesse – einige besuchte. Dort erhalten willige Texter-Lehrlinge dann das Rüstzeug an die Hand, das es braucht, um einen einigermaßen ordentlichen Werbetext zu schreiben. Einigermaßen ordentlich ist aber nicht gut und hat mit dem Herangehen eines professionellen Texters an die Sache nichts zu tun. Denn, was den professionellen Texter von dem Laien-Schreiberling unterscheidet, ist dessen Leidenschaft für’s Schreiben selbst. Daraus ergibt sich, dass das, was ein Nicht-Schreiber erst mühsam erlernen muss, für den professionellen Autor eigentlich selbstverständlich ist.

Schreiben hat in meinem Leben immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Als Kind verfasste ich Geschichten, als Jugendlicher Gedichte und ich schrieb (old fashioned aber wahr) Tagebücher. Mich faszinierten Autoren wie Heinrich Böll und Göthe, ich verfolgte den Ingeborg Bachmann Preis, kurz: ich liebte Sprache und den Umgang mit ihr.

Wenn Sie also nun vor der Entscheidung stehen, ein solches Texter-Seminar zu besuchen – nur zu. Dort erlernen Sie die Basics und wissen, wie Sie die Grundbausteine in einen Sprachrohbau verwandeln. Aber Sie können auch ein Ölmal-Seminar besuchen und werden dann eventuell nicht unbedingt zum beste Maler aufsteigen. Ich will damit sagen: Ich schreibe aus Leidenschaft, ob Werbetext, Twitter-Teaser oder Blog-Eintrag. Aus dieser Leidenschaft, diesem sprachlichen Erfassen-Wollen heraus, ergibt sich für mich (und gewiss auch für andere Autoren) ein Glücksmoment. Es ist eine Sucht. So überlese ich meine Texte oft fünf oder gar zehn mal, drehe Wörter um, teste ihr Reading, schaue ob wirklich alles stimmig ist. Die kleinste Nuance kann viel verändern. Wenn mich also beispielsweise Auszubildende in der Vergangenheit fragten, wie man erfolgreich werbetextet, wurde ich nicht müde zu betonen, dass es sich dabei eigentlich um eine Kunstform handelt – zumindest dann, wenn man diese bis zur Vollendung betreiben möchte.

An deren Anfang steht immer eine Idee, ein Wunsch, den es in ein sprachliches Gewand zu hüllen gilt. Und aus diesem kreativen Prozess heraus, auf diesem weißen Blatt Papier etwas erblühen zu lassen, das macht diese Kunstform aus. Gerade im kommerziellen Sektor werden Texte all zu gerne im Nachhinein „zerredet“. Kritikfähigkeit ist zwar eine Grundeigenschaft, die ein Texter mitbringen muss, aber sein Werk zerreden lassen – das hat auch mir schon die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Was allzu gerne vergessen wird, ist das Faktum, dass der Autor oder die Autorin den Text im Vorhinein schon konzeptionell und geistig entwirft, was diesen gleichzeitig zu seinem / ihrem Werk macht und zu einem Ausdruck seiner / ihrer selbst. Schreiben macht glücklich, da schließe ich mich ganz Dan Brown an, der einmal sagte:

„Ob Schreiben glücklich macht? Das glaube ich nicht. Aber etwas geschrieben haben schon.“

Amy Winehouse ist tot

Amy Jade Winehouse verstarb heute im Alter von 27 Jahren. Das junge Ausnahmetalent hatte in der Vergangenheit immer wieder durch seinen enormen Alkohol- und Drogenkonsum für Schlagzeilen gesorgt. Anfang Juni beendete Winehouse erst eine Entziehungskur. „Ich sage es doch ganz offen: Ich trinke zu viel, ich rauche zu viel, ich esse manchmal zu wenig und hab Spaß im Leben – wo bitte ist da die Verdrängung“, so Winehouse schon im Jahre 2007.

In letzter Zeit verdichteten sich um Winehouse die schwarzen Wolken aus Sucht und privatem Unglück. Nach der Scheidung von ihrem Ehemann Fielder-Civil, wurde ihr Gefühlsleben noch weiter aufgewühlt, rutschte sie noch tiefer in ihre Drogenexzesse hinein.

Mit Amy Jade Winehouse verliert die Pop-Welt ein Ausnahmetalent, das an seinem eigenen Ruhm scheiterte. Die tiefe Melancholie ihrer rauchigen Stimme war bei nicht nur Markenzeichen, sondern auch tatsächlich gelebte Leidenschaft – mit der Akzentuierung auf Leid. Die schleichende Selbstaufgabe dieser überforderten jungen Frau letztlich ein stummer Hilfeschrei, der zwar gehört wurde, aber in den Weiten tiefer Depressionen verhallte. Ich bedauere den Heimgang dieser talentierten und an sich gescheiterten jungen Frau sehr.

Kalter Krieg 1983: So rettete ein Mann namens Petrow die Welt

Wie sich die Dinge doch gleichen: Als Ronald Reagan im Jahre 1983 die UdSSR nach dem versehentlichen Abschuss eines koreanischen Jumbos mit den Worten „Evil Empire“ bezeichnete, konnte niemand ahnen, dass rund 18 Jahre später ein gewisser George W. Bush ebenfalls eine sentimentale Schwäche für derlei metaphorische Wortkreationen hegen würde. Diesmal war es allerdings nicht die UdSSR, die den gottesfürchtigen Präsidenten zum weltpolitischen Dichter machte – Mütterchen Russland hatte sich seines obsoleten, pseudo-kommunistischen Erbes längst entledigt. Nach dem 11. September 2001 fühlte sich der damalige US-Regierungschef berufen, eine noch wuchtigere Vokabel für die mutmaßliche geographische Position der Drahtzieher der Nine-Eleven-Anschläge in den Ring zu werfen. Aus dem „Reich des Bösen“ war nun die „Achse des Bösen“ geworden, womit die Pauschalierung eines nicht unerheblichen Teils der Weltbevölkerung eigentlich nicht mehr zu überbieten war.

Richten wir unser Augenmerk allerdings wieder auf das instabile, leicht entzündliche politische Klima des Jahres 1983. Damals handelte man nach einer Maxime, die ihrer Natur nach zutiefst apokalyptisch war: Nach der Logik der atomaren Abschreckung. Diese Prämisse ging davon aus, dass es Frieden zwischen den USA und der Sowjetunion nur durch gegenseitige Aufrüstung und dem daraus resultierenden Gefühl der Angst vor einem Gegenschlag geben könne. Die zwei Supermächte beäugten sich also mit Argwohn und witterten bei jeder Bewegung des Gegenübers ein untrügliches Anzeichen des drohenden atomaren Vernichtungsschlages. Deutschland war durch die amerikanische Nachkriegspolitik längst zum Verbündeten und damit zum Spielball US-amerikanischer Interessen geworden. Auch im Herbst dieses Jahres musste man also die alljährliche Truppenübung des US-Millitärs wieder über sich ergehen lassen: Panzerlärm, Geschützfeuer und kaputte Straßen gehörten damals zum deutschen Alltag. Die US-Führung hatte sich in diesen Tagen jedoch ein ganz besonderes Szenario ausgedacht: Durch eine möglichst realistisches Trockenübung, getarnt unter dem Codenamen „Fähiger Schütze“ (Able Archer), sollte der Angriff sowjetischer Truppen auf die USA und deren Verbündete dargestellt werden, was einen noch höheren Soldaten- und Waffenbedarf als üblich bei dem NATO-Herbstmanöver notwendig machte und den russischen Geheimdienst folglich in Aufruhr geraten ließ.

Sogar die Agenten des eigens installierten US-Atom-Geheimnachrichtennetzes mit dem bezeichnenden Namen Cemetery Network waren in dieses Vorhaben eingeweiht und verwoben alle (Des-)Informationen des konspirativen Sandkastenspiels kommunikativ zu einem realistisch wirkenden Nachrichtenteppich. Das weltpolitische Geschehen spitzte sich auch andernorts weiter zu: Nach der Landung von US-Marines auf Grenada wurden dort zwar keine Massenvernichtungswaffen gefunden, aber erneut die Stärke der US-Truppen offen demonstriert. Auch hier sind gewisse historische Parallelen unverkennbar. Sie erinnern sich vielleicht noch an den Irak, Sadam Hussein und die vermeintlichen Gründe, einen Krieg anzufangen. Die Stationierung von Pershing-II-Raketen und rund 4000 Atomsprengköpfen auf deutschem Boden trugen nicht gerade zur weltpolitischen Entspannung bei. Kurz: Das alles mag für die Kreml-Führungselite im Jahre 1983 ein bedrohlich dunkles Gemälde mit chauvinistisch-atomarem US-Anstrich gezeichnet haben.

Ein gewisser Oberst Petrow verrichtete in diesen explosiven Herbsttagen wie üblich seinen Dienst. Petrov war mit seiner Mannschaft verantwortlich für die Überwachung jeglicher Atom-Aktivitäten des Gegners. Hätte ein atomarer Raketenabschuss stattgefunden – in dieser Leitzentrale hätte man es bemerkt. Dienst schieben, das hieß: Rauchen, einen Teller Suppe – und dann wieder stundenlanges Starren auf Monitore. An diesem Abend werden die Männer von einen gellenden Alarmsignal aufgeschreckt: „Atomarer Angriff“, heißt es da auf Russisch. Petrov starrt wie gebannt auf seinen Monitor und ist mit einem Male wieder hell wach. Alle blicken zu ihm – erwarten den Befehl für den Gegenschlag, denn die sowjetische Befehlskette ist straff gespannt – ein sogenannter „Vergeltungsschlag“ hat unmittelbar zu erfolgen – das fordern die Regularien. Petrow überlegt. Da ertönt das Signal noch einmal. Das System meldet mittlerweile mehre US-Raketen in der Luft und im Anflug auf russisches Gebiet. Petrov bleibt nicht viel Zeit. Telefone klingeln – die Gesichter seiner Untergebenen sind wie erstarrt. Was machte dieser Mann, dessen Namen die meisten Menschen noch nicht einmal kennen, in einer solchen ausweglosen Situation? Wie handelte er? Er handelte weise. Auch wenn alle politischen Zeichen auf eine nahende Konfrontation deuteten, unterbrach Oberst Petrov durch sein Nicht-Tun die rigide atomare Ablaufmaschinerie und entscheidet: „Kein Gegenschlag.“ Er zweifelte von Anfang an: Die geringe Anzahl der Atomraketen, die da in der Luft sein sollten, machte für ihn aus millitärischer Sicht keinen Sinn. Für einen validen Erstschlag der Amerikaner wären weitaus mehr der strahlenden Todesbringer notwendig gewesen.

Auch wenn sich Petrov durch seinen Alleingang bei den alten Herren im Kreml unbeliebt und sogar verhasst machte, war seine Entscheidung die richtige. Wie später heraus kam, verbarg sich hinter dem vermeintlichen Atomangriff eine kleine Ursache: Die fehlerhafte Software eines russischen Cosmos Satelliten hatte Sonnenstrahlen als Blitze von Atompilzen interpretiert und dies an die Computer im Überwachungszentrum entsprechend weitergemeldet. Petrov mutiert für mich mit seinem Ausbruch aus der Befehl-Gehorsam-Idiotie, trotz Wissen um die ihm drohenden Konsequenzen, zum ersten und einzigen Kriegshelden, den der Kalte Krieg je hervorbrachte. Danke, Oberst Petrov!

Ronald Reagan erkannte irgendwann, dass er mit seinen militärischen Muskelspielchen den Gegner in Angst versetzte und die Existenz unserer Welt damit in Gefahr brachte… Welch naheliegende Erkenntnis. Man fragt sich, wann solche Einsichten unsere Politiker ereilen… In einem Moment tiefster Besinnung vielleicht, indem man seine moralische Grundhaltung noch einmal überdenkt? In der Kirche beim Gebet? Nun: Bei Reagan war der Moment seines Sinneswandels ein weitaus banalerer. Gemeinsam mit seiner Frau Nancy sah er sich den Film „The day after“ an, der die Folgen einer Atombomben-Explosion aufzeigt und entschloss sich daraufhin, langsam, ganz langsam und nach vielen unterzeichneten Verträgen später, die atomare Abrüstungspolitik einzuleiten. Ich frage mich, wo wir heute wären, wenn Reagan sich diesen ‚gemütlichen‘ TV-Abend nicht gemacht hätte…