Kommunikation ist alles…

Alle Besitzer eines Smartphones kennen dieses Phänomen wahrscheinlich: Sie haben um 15.00 Uhr einen Arzttermin und müssen notgedrungen noch ein paar Minütchen im Wartezimmer verbringen, umringt von Unbekannten verlieren Sie sich sogleich in einer Pseudo-Anonymität, die Sie zermürbt und innerlich zu zerreißen droht… Früher war es da der Griff zur Zeitschrift, die mittels Lesezirkel ihren Weg in die Mitte des Wartezimmers und so in unseren Aufmerksamkeits-Radius fand, mit dessen Hilfe wir uns dem psychologischen zwanghaften Sitting-In-Trauma entzogen. Immerhin musste man ja, sofern man seinen Termin wahrnehmen wollte, einen gewissen Zeitraum mit diesen hustenden und oftmals seltsam riechenden Menschen an Ort und Stelle verbleiben. What a pity, wie die Engländer sagen…

Ich persönlich bevorzugte in diesen Zeiten übrigens die Print-Auswüchse der Yellow-Press, vorzugsweise BUNTE und GALA, die den deutschen Markt mit ihren leichten und partiell erlogenen Sujets über Stars und Sternchen überfluteten. Ja: Das war tatsächlich ein durchaus angenehmer Zeitvertreib für mich und letztlich ein ungeheurer Kontrast zu Habermas‘ „Erkenntnis und Interesse“ oder Chomskys „Rules and Representations“ beispielsweise. Die beiden Theoretiker hätten wohl, vorausgesetzt mein spezielles Wartezeiten-Überbrückungs-Hobby wäre jemals zu ihnen vorgedrungen, praktisch eigenhändig sofort alle ihre Werke aus meinem Bücher-Regal geworfen.

Doch heutzutage, im Zeitalter der totalen Mobilität, wird es uns, den misanthropen Zwangsneurotikern, da noch leichter gemacht. Denn mit einem Griff in die Hosentasche ist es da: Unser Lean-Back-Device, unser Draht zur digitalen Welt, unser Beziehungs-Kitter und Beziehungs-Killer – unser Handy. Fühlen wir uns erst einmal allein, gelangweilt oder wollen einfach nur besonders busy tun, wagen sich unsere Hände quasi selbständig in die konspirative Welt unserer Hosentaschen vor, tasten sich vorbei an Zigarettenschachtel, Taschentüchern und Feuerzeug, bis sie es dann sogleich zielsicher hervorziehen ins Tageslicht. Die Zeitschriften sind zwar noch immer da, aber vergilben infolge des erlernten Verhaltens und der damit verbundenen Konditionierung einsam vor sich hin. Wann immer uns eine Situation Raum zu einer sozialen Begegnung, im eigentlichen Sinne des Wortes, böte – in U-Bahnen, Aufzügen oder an Bahnsteigen beispielsweise – flüchten wir also in die Welt der Bits and Bytes, überfordert vielleicht von so viel Begegnung und plötzlicher Nähe.

Gott sei Dank bieten die kleinen elektronischen Alleskönner viele Fluchtmöglichkeiten: Ob sogenanntes Soziales Netzwerken, recherchieren irgendwelcher ganz wichtigen Begriffe auf Wikipedia oder einfach nur sinnloses Googlen: Tippen, oder vielmehr „touchen“, gehört mittlerweile wohl wirklich zum guten Ton aller Lückenfüll-Aktivitäten. Während zunächst nur die sogenannte Digitale Bohème die Notwendigkeit des mobilen Surfens erkannte und die damals noch waghalsig überzogenen Preisvorstellungen der Netzbetreiber als notwendiges Übel akzeptierte, hat sich das Surfen on the road mittlerweile zum Massenphänomen entwickelt und spiegelt wie keine andere Spielart der Kommunikation den inharänten Wunsch der Menschen nach einem permanenten Update, nach Kontakt und Nähe wider – bei gleichzeitiger Negation des realen sozialen Raumes mit all seinen Akteuren.

So füllen wir also die Zeit, die wir haben, aber eigentlich nicht wollen, mit sinnlosen Recherchen, schauen, ob es da jetzt endlich eine neue Nachricht auf Facebook für uns gibt, checken E-Mails, banken online, skypen und sind sehr kommunikativ, nur um mit denen, die uns da gegenüber sitzen, nicht kommunizieren zu müssen. An einem Gespräch „in real“ – daran kann wirklich niemand ernsthaft interessiert sein, oder? Ach ja: Wie sagte der gute Watzlawick noch gleich: Man kann nicht nicht kommunizieren!

Saarländische Ministerpräsidentin beendet jamaikanische Seifenoper

Nun ist es geschafft, und der ehemals als äußerst progressiv bewertete saarländische Reigierungs-Ausflug nach Jamaika ist beendet. Wieder einmal waren die (Neo-)Liberalen das Zünglein an der Waage und der Tropfen, der das Kramp-Karrenbauersche-Fass schließlich zum überlaufen brachte. Die Saar-FDP befindet sich, wie die Minsterpräsidentin richtig feststellte, in einem unauflösbaren „Zustand der Zerrütung“. Die FDP beweist einmal mehr, diesmal eben nur auf Länder-Ebene, was ihre größte Crux ist: Sie selbst. So verliert sich ihre inhaltliche Arbeit auch an der Saar in Personal-Querelen, die zusätzlich noch von Intrigen und strategischen Machtspielchen überschattet wurden und werden. Wie ironisch mutet es da an, dass es erst Kramp-Karrenbauers Mahnung an den FDP-Landeschef Oliver Luksic, man möge doch bitte endlich einen neuen Parteivorstand wählen, sowie dessen folgenschwere Verneinung waren, die das Ende des schwarz-gelb-grünen Farbenspiels einleiteten. Wie mag man auch mit einem Partner koalieren, dem selbst die Aufstellung eines neuen Parteivorstands als quasi unlösbare Aufgabe erscheint?

Die Ministerpräsidentin setzt, leider, auf eine große Koalition mit der SPD. Doch zweifelsohne würde das wohl lediglich ein weiteres, zum Scheitern verurteiltes saarländisches Regierungs-Experiment einleiten, denn der nächste Wahltermin liegt in nicht all zu ferner Zukunft, im Jahre 2014 schon. Bis dahin jedoch werden die an der Saar stets traditionsreichen, großen Parteien CDU und SPD ihre Rivalitäten und gegenseitigen Zerwürfnisse wohl kaum begraben oder überhaupt eine Form des Wir-Gefühls entwickeln können.

Ob Neuwahl oder nicht: Nutznießer der politischen Seifenoper an der Saar dürfte DIE LINKE, genauer noch Oskar Lafontaine, sein. Sollte es nämlich beispielsweise zu einer großen Koalition kommen, wird sich Lafontaine als Landeschef der Partei die Hände reiben und sich in seine fraglos gekonnteste Rolle einfinden: In das Opponieren und stategische Herummäkeln an der laufenden Riegierungsarbeit. Die Zeit ist dabei stets auf Lafontaines Seite, da das wohl holprige Agitieren von CDU und SPD ihm unweigerlich die Trümpfe in Hände spielen und im Jahre 2014 wohl stets ein gutes Wahlergebnis quittieren wird.

Aber um der Demokratie Genüge zu tun, sollte und müsste es an der Saar nun Neuwahlen geben. Nur so ließe sich einem vom Volke gänzlich unbeeinflussbaren, erneutem Koalitions-Schlamassel zumindest tendenziell entgegenwirken. Unweigerlich gewinnt man nämlich den Eindruck, dass sich die großen Parteien,sind die Wahlen erst mal gelaufen und die Hochrechnungen verkündet, zum immer wieder gleichen Koalitions-Klüngel zusammenfinden, der zwar zur Mehrheit verhilft, aber politische Inhalte und Programme fast schon überflüssig macht. Es genügt eben nicht nur, des Volkes Stimme zu hören, sondern sie muss letztendlich auch wahrgenommen werden.

Ich jedenfalls drücke für DIE LINKE mal kräftig die Daumen.

Sein oder nicht sein? Ein apokalyptischer Jahresrückblick.

Laut dem vermeintlichen „Insider-Wissen“ einiger Hardcore-Weltuntergangs-Enthusiasten sagt der Maja-Kalender ja das Ende aller Tage noch in diesem Jahr voraus – was genauer betrachtet natürlich nichts anderes ist, als der übliche Tenor jeder Weltuntergangs-, Verschwörungs- oder waghalsigen Bermuda-Dreiecks-Theorie überhaupt. Denn laut den Altvorderen der ehemaligen Hochkultur beginnt nach dem Jahre 2012 eben nur eine neue Periode in ihrer Zeitrechnung. Nicht mehr und nicht weniger. Aus Maya-Perspektive lohnt also beispielsweise der Abschluss einer privaten Rentenversicherung noch immer… Obgleich einige ‚echten Kenner‘ scheinbar nur schwer abzubringen sind von dem in die Maya gesteckten Urvertrauen, sollten sich diese „Connaisseurs“ einmal fragen, warum selbige eben nicht in der Lage waren, ihr eigenes Verderben zu datieren.

Aber müssen wir unbedingt in die Welt der Esoterik abschweifen, in die Welt des Zaubers und der Magie, um eine Idee davon zu bekommen, dass Irgendetwas faul sein muss im Staate Dänemark? Blättern wir doch mal kurz zurück in der 2011ten Jahreschronik since JC was born. Im Frühjahr 2011 fegt der sogenannte Arabische Frühling über das nördliche Afrika. Beginnend mit der Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Buazizis begehrt das tunesische Volk auf und kämpft gegen die selbstverliebte Herrschaft ihres diktatorisch-tyrannischen Landesvaters an. Ben Ali flieht feige aus dem Land und vor dem Volke, das er seit Jahrzehnten im eisernen Würgegriff hielt. Doch Tunesien war ja erst der Anfang: Das Aufbegehren der arabischen Völker, der Wunsch nach tiefgreifenden Reformen erreicht auch Ägypten, Bahrain und Dschibuti – ja, der gesamte nördliche Teil des afrikanischen Kontinents scheint vom einem flammenden Revolutionswunsch beseelt. Dabei zeigen die Demonstrierenden den westlich-degenerierten Industriestaaten vorbildlich, wie mächtig das Volk doch sein kann, wenn es erst einmal einen gemeinsamen Nenner gefunden und ein Ziel vor Augen hat.

In Libyen und im Jemen sind wohl die meisten Todesopfer der revolutionären Geschehnisse zu beklagen: Die Regime der Despoten lassen sich den Preis der Freiheit ihrer Völker mit viel Blutgeld bezahlen… Sind wir mal ehrlich: Stuttgart 21 war zwar ein emanzipatorisch wichtiger Schritt für das deutsche Volk, doch ist im Vergleich zu dem von den arabischen Wutbürgern aufgebrachten Mut und Engagement wohl eher Kinderkram mit Soße.

11. März 2011: Aber auch auf der anderen Seite der Erdkugel, in Japan, überschlagen sich die Ereignisse. Es kostet die Welt einen Tsunami und den anschließenden Super GAU in Fukushima I, bis auch unsere unsere Regierung endlich (an-)erkennt, dass in Sachen Atomkraft eben immer ein gewisses Restrisiko bleibt und ihre Energie-Politik ändern möchte/muss… Erinnern Sie sich noch an die treffliche Indianer-Weisheit Erst wenn der letzte Baum gefällt… und so weiter? Das Thema Blutgeld hatten wir doch gerade erst, oder?

2. Mai 2011: Die USA müssen nach der Hinrichtung des Terror-Fürsten Osama-Bin-Laden erkennen, dass ein führendes Gesicht des Schreckens zwar fort ist, dass aber die Angst vor weiteren Anschlägen auch ohne den Master-Strippenzieher des Al Kaida-Netzweks bleiben wird.

23. Juli 2011: In Norwegen tötet der faschistoide Amokläufer Anders Behring Breivik insgesamt 77 Menschen.

19. Dezember 2011: Und als wenn das nicht alles schon schlimm genug wäre, führt der Diktator Kim Yong Un nach dem Tod seines Vaters Kim Yong-il dessen Regierungskurs fort, was für das nordkoreanische Volk mit weiteren Jahren des Hungers und Leids verbunden sein dürfte – vorausgesetzt, die zarte Flamme der Revolution findet ihren Weg nicht auch nach Asien… Nordkorea liefert im Übrigen ein Schreckens-Beispiel dafür, wie aus einer Personen- schließlich eine Erb-Diktatur werden kann. Die Kims, eine schrecklich(e), nette Familie eben.

30. Dezember 2011: Gegen Ende des Jahres ‚versüßt‘ uns dann der Iran noch mit einem apokalyptisch anmutenden Raketentest den Jahreswechsel, nachdem er laut eigenen Angaben in seinem Atomprogramm einen entscheidenden Schritt ‚weitergekommen ist‘. Die verwendeten Raketen vom Typ „Quader“ können rund 3000 Kilometer weit fliegen und bedrohen damit nicht nur sämtliche US Militär-Basen in diesem Radius, sondern auch Länder wie den Irak, Afghanistan, Pakistan und Israel.

Alles in Allem also eine explosive Mischung, die sich da zusammenbraut, finde ich – auch ohne den esotherischen Mumpitz einer abergläubichen, fehlgeleiteten Maya-Fangemeinde.

Wenn der Postmann zweimal klingelt…

An einem Tag wie diesem, an dem der Wind um das Haus heult und das Dachgebälk fast schon jaulende Geräusche von sich gibt, jagt man eigentlich keinen Hund vor die Tür – möchte man meinen. Doch ich wagte vorhin tatsächlich einmal den Schritt hinaus, in die Tristesse, und konnte mich sozusagen live von ihr überzeugen – inklusive meinem Hund, der aufgrund seiner geringen Körpergröße kräftig kämpfen musste, um gegen die starken Windböen, die an ihm rüttelten und zerrten, überhaupt anzukommen. Der kleine Kerl ist zwar recht mutig, aber als die Tür nach dem kurzen, windigen Spaziergang ins Schloss seines, unseres sicheren Domizils fiel, war er mehr als beruhigt, glaube ich. Demonstrativ schüttelte er sich und ging wie selbstverständlich auf ’seine Couch‘, wo er es sich unversehens bequem machte, einrollte und alle viere von sich streckte.

Ach ja, ein Hundeleben hat schon diverse Vorteile, erinnert es bei diesem Hund doch in weiten Teilen an eine never ending Wellness-Kur. Beginnend beim via Internet georderten Gourmet-Hundefutter (ganz nach Belieben mit Hühnchen, Leber oder allerlei anderen hundsleckeren Ingredienzien) über die täglichen Streicheleinheiten bis hin zum Spiele mit dem Lieblings-Plüschtier: Ja wirklich, dieser kleine Teppich-Porsche muss sich sau wohl fühlen in seiner Haut. So versteht es sich dann auch, dass er sich stets als Hüter des Hauses, als Leader of the Gang, als der unbestrittene Herrscher vom Esszimmer bis zur Küche gibt.

Ich erwähnte bereits, dass es sich bei diesem kampfeslustigen Gesellen um einen Chihuahua handelt? Nein? Die territorialen Ansprüche, die aus der Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung erwachsen (denn der Hund ist wohl stets davon überzeugt, ein kleiner latein-amerikanischer Chico mit deutschen Wurzeln zu sein), manifestieren sich schließlich in lautem Gebell, sobald ein Fremder in ’sein‘ Territorium eindringen möchte und so etwas Unwichtiges wie einen Brief oder ein Paket vorbeibringt. A propos Briefe und Pakete: Postboten werden ja bekanntlich schon im Rahmen ihrer Ausbildung auf die Konfrontation mit Hunden vorbereitet und müssen, denke ich, sogar diverse Unterrichtseinheiten zum Thema „Wie komme ich an den vierbeinigen Gefahrenquellen vorbei?“ absolvieren. In Anbetracht dieser Tatsache verwundert es kaum, dass, als der Postmann eines schönen Tages zweimal klingelte, der kleine Kerl wie gewohnt anschlug und sich die Hundeseele aus seinem Rachen bellte.

Soweit kein Problem, da es sich ja um die small Version, die kleine Version eines Hundes handelt… Denken Sie… Aber dieser sonst so verspielte, liebenswürdige kleine Kerl verfügt über eine nicht unwichtige Kompetenz: So ist er fähig sein originäres Stimmchen, in Anbetracht der vermeintlichen Gefahrensituation, zu einer tiefen, sonoren Stimme umzumodelieren. An jenem Tag wurde also (sie erinnern sich: Postmann, Klingeln und so weiter…) aus dem kläglichen Waff, Waff ein erschreckendes Wau, Wau. Der Postmann, seines Zeichens durch die zahlreichen Seminare, Schulungen und Trainings-Camps bestens vorbereitet, wusste genau, was zu tun war. Ganz nach dem Motto „Vorsicht ist die Mutter der Porzellan-Kiste“, rief er nach oben, ich solle den Hund, der da so bedrohlich belle, doch bitte an die Leine nehmen. In diesem Moment der Gefahr hatten sich die Trainingseinheiten hinter Hecken und Büschen mit all ihren strategischen und psychologischen Finessen scheinbar endlich für ihn gelohnt. Hier war sie nun, die viel beschworene Hundefront, the Bell-Attack, von der seine Kameraden ihm bereits so viel berichtet hatten, wobei sie sich in schauriger Erwartung der zu den Stimmen gehörenden Hunde meist sprichwörtlich postwendend auf dem Absatz umdrehten, um dann mit einem gewagten, aber nach dem Aufprall stets schmerzhaften Hechtsprung, über die Hecke zu fliehen. Dieser Schmach wollte sich „unser“ Postmann wohl entziehen…

Ja, das Ganze war schon eine äußerst surreale Szene: Ein Chihuahua, der von seiner eigenen Gefährlichkeit überzeugt ist und tief bellt auf der einen, und der Postmann, der seinerseits ebenfalls von einer Gefahr ausgeht und um die Bändigung der vermeintlichen Bestie bittet, auf der anderen Seite.

Können Sie sich das Gesicht dieses Menschen vorstellen, als er mit seinen rund zwei Metern Körpergröße, Glatze und Nackentattoo dem bellenden Übel in die Augen sah? Der Chihuahua jedenfalls sah ihn triumphierend an, und ich glaube sogar ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht erkannt zu haben…

Eine kurze Rezension zu Michel Bergmanns „Die Teilacher“

„Die Teilacher“ ist das im Jahre 2010 bei dtv erschienene Roman-Debüt von Michel Bergmann. Bergmann wird als Kind jüdischer Eltern in einem Internierungslager in der Schweiz geboren, zieht später gemeinsam mit ihnen nach Frankfurt am Main und wird schließlich freier Journalist bei der >Frankfurter Rundschau<. Der Roman nimmt den Leser mit auf eine aufregende, erschreckende, aber auch mit jiddischem Humor gefärbte Reise, ins Vor- und Nachkriegsdeutschland. Dabei beginnt das Buch mit dem Tod seines eigentlichen Protagonisten, David Bermann. Als der junge Schauspieler Alfred Kleefeld nach dessen Ableben beginnt, die Dinge seines Nennonkels zu ordnen, schweift er mit seinen Gedanken unweigerlich ab in die Welt dieses kautzigen, klugen Menschen und erfährt schließlich auf Davids Beerdigung, in einem Gespräch mit dessen Weggefährten, dessen spannende Lebensgeschichte.

In Retrospektiven wird der Leser nun in eine ganz und gar jüdischen Mikrokosmos mitten in Deutschland, in die Welt der Teilacher, der jüdischen Handelsreisenden, entführt, die mit ihren Aussteuerpaketen, den sogenannten „pekle“, in den Nachkriegsjahren über die Lande zogen.

Amüsant sind dabei besonders die quasi komischen Begegnungen zwischen den verschmitzten, aber von den barbarischen Qualen der Schoah geprägten Teilachern auf der einen, und den tolpatschigen, plumpen und hilflosen Deutschen auf der anderen Seite. Aus diesem Spannungsfeld heraus entwickelt der Roman seine schwungvolle Eigendynamik. Das Buch ist weit mehr als der oberflächliche Einblick in die Welt eines Berufsstandes, der aus der Not heraus geboren wurde. Der Autor zeichnet gekonnt und in teilweise rührender Sprache die Lebenslinien einiger imaginären Landsleute nach, die durch den aufziehenden Weltkrieg in völlig andere Richtungen gelenkt und nach dem Kriege schließlich zu einem neuen Lebensmuster verwoben werden: Da ist der aufstrebende Wäschehandel der Gebrüder Bermann beispielsweise, durch den David seine große Liebe Baby kennenlernt und der unter dem Nazi-Regime natürlich nicht fortgeführt werden kann. Alfred flieht nach Paris, tritt der Fremdenlegion bei und muss die Frau, die er liebt, in den Wirren des Krieges ziehen lassen. Nach dem Krieg schlägt er sich als Teilacher durch und versucht mit seinen Freunden in Deutschland Fuß zu fassen, das geprägt ist von Trümmern, Zerstörung und der Regression der Deutschen.

In dieser bedrückenden Atmosphäre entwickeln die jüdischen Protagonisten zarten, neuen Lebensmut und versuchen auf ihre eigene, von tief-schwarzem Humor geprägte Weise, aus dem Gegebenen das Beste zu machen.

In den Anekdoten, die Bergmann skizziert, pendelt der Leser so beständig zwischen Melancholie, Verblüffung und Erstaunen – kurz: Der Autor erschafft mit diesem Buch einen Gegenentwurf zur moralisch unmittelbar bewertenden Form der gängigen Nachkriegs-Literatur, indem er die Lebenswelt einiger Juden exemplarisch in erstaunlicher Brillianz schildert – vor und nach dem Krieg. Die zerklüftete Welt aus Leid, Pragmatismus und Liebe ist es, die Bergmann in seinem Erstlingswerk hervorragend einfängt und die uns erschauern, aber auch mal schmunzeln lässt:

„In der Stadt war man in einer wilden, ungezügelten Welt. Zwischen den Trümmern gab es Bars und Bordelle, Kinos, ET-Taxis, Schwarzmarkt am Hauptbahnhof. Ja, so lebten sie in der Welt zwischen Deutschen und Amerikanern. Die Teilacher. (…) Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt.“*

Dass dem Buch ein Deutsch-Jiddisches Glossar angehängt wurde, lässt den Leser bei den zahlreichen blumigen Gesprächen der Handelnden noch näher heranrücken an die jüdische Seele, die sich in einem von jiddischen Begriffen durchsetzten Deutsch offenbart.

Es ist die ausgewogene Mischung aus Scharm, Chuzpe und Gefühl, die diesen Roman zu einer absoluten Leseempfehlung meinerseits macht.

* Bergmann, Michel, Die Teilacher, dtv (2010), S. 103 – 104.

Überlegungen zur Sozialisation im kapitalistischen Gesellschafts-Kontext

In einem von Nebelschwaden durchzogenen, trüben und feuchten 25. Dezember finde ich nun also doch noch ein gewisses Maß an Ruhe und Entspannung. Es ist eine Form der Zeitlosigkeit, oder vielmehr, das Aus-der-Zeit-Gelöst-Sein, was mich zwischen meinen Büchern und denen sich aus ihnen entfaltenden Gedankenwelten ein wenig zur Ruhe kommen lässt. Ob man das nun besinnlich nennen mag, das wage ich zu bezweifeln. Vielmehr ist es eine Art des über das Jahr hinweg stets verlorenen geglaubten Egozentrismus, der Besinnung auf das Eigene, auf das Selbst, das endlich nicht von einem künstlichen Tagesablauf determiniert wird und sich nun endlich von der schalen, bröckelnden Fassade einsozialisierter Konventionen und Normen befreien darf.

Schade nur, dass sich dieser fragile Charakter der Freiheiten, die sich aus dem temporären Auf-der-Stelle-Treten-Dürfen ergeben, wohl nicht über das nächste Jahr hinweg bewahren lassen. Und ich denke an Marx, der sinngemäß schrieb, dass Menschen zwar ihre eigene Geschichte machten, dass diese, die Geschichte selbst, sich aber immer nur unter bereits vorgegebenen Umständen vollziehe*. Gesellschaftstheoretisch lässt diese Ansicht leider nicht viel an emanzipatorischem Potential zur Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit zu, da die Windungen des Lebensweges demnach ja schon biographisch angelegt sind, aber ich teile sie mehr als die existenzphilosophischen Ansichten eines Martin Buber oder die oft selbstgefälligen Omnipotenz-Phantasien mancher Konstruktivisten, die einer Begegnung oder dem Selbst mehr schöpferisches Potential zuschreiben, als beispielsweise einer Überweisung des Arbeitsamtes am Monats-Ersten.

Gesellschaftlich Ungleichheit lässt Menschen arm werden – materiell und geistig. Geistig insofern, als dass die materielle Armut oder auch die materielle Abhängigkeit dazu beitragen, ein systemkonformes Verhalten an den Tag zu legen. Eben das Arm-Sein ist es, aus dessen Klauen sich Betroffene aus eigener Kraft oft nur schwer befreien können, da sie eben das gesellschaftliche Korsett daran hindert. Wo materielle Ungleichheit als gelebtes Paradigma die Lebenswirklichkeit und die Lebenswelt der Menschen bestimmen, dort ist wenig Raum zur persönlichen Verwirklichung. Wo monotone Arbeitswelten eine rein mechanische Tätigkeit fordern, sind keine abschweifenden Gedanken gefragt und wo Arbeiter und Arbeiterinnen sich in dem immer komplexeren Produktionsprozess verlieren, geht auch ein wichtiger Aspekt der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit selbst, das Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Relevanz für das Gesamtsystem, verloren. Die Wurzeln der gesellschaftlichen Ungleichheit sind dabei schon zu finden in den primären Sozialisations-Instanzen, namentlich schon in der dyadischen Beziehung zwischen Mutter und Kind, dem Elternhaus und später der Schule, indem diese Instanzen es sind, die das Kind auf die für die Gesellschaft so wichtige Form der späteren Unterordnung im kapitalistischen Produktionsprozess vorbereiten. Erst durch diese, dem Grundverständnis nach subtile Formen der Sozialisation, wird das Individuum empfänglich für konformistische Perspektiven, wird es gefügig und internalisiert in ihnen den Glauben an die Notwendigkeit einer Unterwerfung, um materielle Sicherheit erlangen zu können.

Das Opfer, das es dabei erbringt, ist hoch. So reift in ihm durch derlei Sozialisationsstrukturen schon früh der Irrglaube in die mangelnde, eigene gesellschaftliche Relevanz und fördert vice versa die Perspektive des Wir-da-unten und Die-da-oben.

Um den Kreis zu schließen: Oft haben Menschen nicht den Luxus erfahren, ihren eigenen Gedanken nachhängen zu dürfen. Und genau darin liegt die Crux: Denn indem einer Vielzahl von Menschen systematisch die eigene Begrenztheit eingeredet wird, sind diese zwar für den kapitalistisches Produktionsprozess das wertvollste Gut, wissen aber nicht um ihre systemrelevante Bedeutung und finden sich auf dem Boden der harten, materialistischen Realität wieder. Dort sind es die offenen Rechnungen, die überteuerten Schuhe für die Kinder, die die Lebenswirklichkeit bestimmen und die die Dependenz zwischen Arbeit, Geld und Arbeitgeber zu einer unausweichlichen, kapitalistisch-determinierten Trias erwachsen lassen, die dem Einzelnen tagtäglich vorwurfsvoll suggeriert, es sei das Höchstmaß an Glück, für sieben Euro Stundenlohn am Fließ-Band zu stehen, während sich die Konzernbosse Milliarden-Gewinne in ihre Taschen stopfen. Welch neurotisches Fundament, auf das der Kapitalismus doch fußt…

*Das ursprüngliche Zitat stammt aus der von Marx im Mai 1852 veröffentlichten Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ und soll der Vollständigkeit halber hier aufgeführt werden:

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“

Tratsch im Kaufhaus

Nun habe ich in der letzten Woche ja schon einen Artikel zum Thema Weihnachtszeit, und vor Allem zum Phänomen Weihnachtsstress, verfasst. Nichtsdestotrotz fiel mir, als ich mich dann langsam aber sicher selber daran machte, einige Geschenke zu besorgen, einmal mehr das tendenziell eher “kaufunfreundliche“ Verhalten mancher Verkäuferinnen und Verkäufer auf. Ich begab mich ja immerhin bewusst in die artifiziellen Konsumwelten der mit Parfum geschwängerten Kaufhausluft und ließ mich willentlich umher treiben vom Strudel des Schein und Seins. Da begegnete ich gleich mehrmals einer ganz besonderen Art der Verkäufer-Spezies. Vorweg: Ich bin keiner, der mit seinem erhobenen moralischen Zeigefinger zwischen Wühltischen und Werbe-Aufstellern umherirrt, um den Mitarbeitern/Innen dort zu zeigen, wie man ein verkaufsorientiertes Gespräch führt – doch die besondere Unart der Berufsausübung, der ich in einigen Fällen begegnete, ärgerte mich, wie der Bayer sagt, „schon’a Bissl“. Hier also das Erlebte en detail.

Ich streifte umher, auf der Suche nach dem einen, nach dem ultimativen Geschenk und immer dann, wenn ich einen Artikel genauer ins Auge fasste und mich gefährlich nahe an den Schnittpunkt einer möglichen Interaktion mit dem/der VerkäuferIn heranwagte, schienen die vorher noch locker-leicht umher stehenden MitarbeiterInnen ganz plötzlich völlig beschäftigt zu sein. Ja: Sie wendeten sich meist ab, und ließen mich unversehens meiner konsumorientierten Wege ziehen, ohne Beratung und ohne Verkauf. Obgleich ich kein Freund von Stereotypen bin, handelte es sich hier zu gefühlten 95 Prozent um Verkäuferinnen, die wohl roundabout Fünfzig Jahre alt sein mussten und einen konservativem Kleidungsstil präferierten. Ach ja, konservativer Kleidungsstil, damit meine ich: schwarzer Bläser, weiße Bluse und betont stylishe „Ray Ban“-Brille, kurz: ein Aufzug der zeigt, dass man, dass sie, eigentlich etwas Besseres zu tun hätten, als hinter einer solch bescheuerten Kasse zu stehen, um sich dann auch noch das dumme Geschwätz von Kunden anhören zu müssen. Diese Damen des guten Geschmacks verstanden es mit ihren genervten, betont dominanten Blicken vorzüglich, den Un-Charme ihrer Pissed-Off- Aura bis in den letzten Winkel der weihnachtlich geschmückten Kunstwelt zu versprühen. Natürlich gab es gestern auch Ausnahmen: Nette Damen, die mir behilflich waren, mir die Artikel präsentierten und so weiter.

Aber leider ist es ja nun mal das Negative, was dem Menschen im Gedächtnis haften bleibt und da frage ich mich schon: Was nutzen die teuren Werbekampagnen, wenn wir meist auf VerkäuferInnen angewiesen sind, denen der Tratsch im Kaufhaus weitaus wichtiger ist, als eine einigermaßen gute Beratung des Kunden? Wohlgemerkt: Ich spreche den Beschäftigten nicht ab, mal einen schlechten Tag zu haben – schön und gut. Vielmehr geht es mir um die selbstverständliche Arroganz, die einige von ihnen an den Tag legen. Da mag der Kunde noch so interessiert sein am Artikel, man beschränkt sich, auch wenn eine absatzorientierte Haltung immerhin partiell zur Sicherung des eigenen Gehalts beitragen würde, bewusst auf das einsortieren von Ware, übergeht die suchenden Blicke des Gegenüber und gibt diesem nicht selten das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. So beobachtete ich eine alte Dame, die wohl eine Frage zu einem Artikel hatte und hilfesuchend vor einer Vitrine stand, während sich drei Verkäuferinnen, die unmittelbar auf der anderen Seite standen, angeregt über die „bescheidene“ Pausenregelung unterhielten. Resignierend drehte die Frau nach fünf Minuten ab, ohne den Artikel.

Obgleich eine gewisse VerkäuferInnen-Riege also diese Verhaltensweisen aufzeigen, erwarten einige von ihnen – vice versa – absolute Solidarität von Seiten des Kunden. Ein Beispiel: Vor Kurzem noch rechneten die Beschäftigten von Karstadt mit meiner Unterschrift, als ihnen die Entlassung drohte und Berggeruen Jr., der reiche Messias, noch nicht seine nach einem guten Geschäft lächzenden Hände ausgestreckt hatte. Eben diese Beschäftigten sind es nun, die meine Unterschrift, zumindest en gros, mit Desinteresse und Null-Bock-Mentalität quittieren. Nun gut, genug von dem Klagelied: Wenigstens habe ich jetzt alle Weihnachtsgeschenke – Mission accomplished – bis im nächsten Jahr.

Guttenberg-Virus: Auch Christian Wulff ist befallen!

Das Amt des Bundespräsidenten ist – in Sachen positioneller Macht – von stets zwiespältiger Natur. Wenngleich es – rein formal gesehen – das wichtigste aller politischen Ämter im deutschen Staate darstellt, beschränkt es sich im Daily Business doch vor Allem auf eines: Die Fähigkeit nämlich, die Bundesrepublik Deutschland vollumfänglich zu repräsentieren – sei es bei Staatsempfängen mit großem Tamtam oder bei der Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes am Bande.

Zwar hege ich persönlich Zweifel in Sachen Notwendigkeit einer solchen – für den geneigten Steuerzahler – nicht ganz unerheblichen Kostenstelle wie der des Bundespräsidenten – doch davon ein mal abgesehen: Es ist die Person des Bundespräsidenten selbst, die diesem Amt Ausdruck und Würde verleiht. An sie richtet die Allgmemeinheit einen moralischen Anspruch, der sich im Amtsträger letztlich vergegenwärtigt. Das Attribut des Bundespräsidenten ist es ja, als staatlicher Repräsentant jegliche politischen Sachverhalte aus einer distanzierten, moralischen Perspektive zu beleuchten, öffentlich Stellung zu beziehen und so einen Gegenpol zum undurchsichtigen, politischen Wirrwar zu bilden. Wenn nun also herauskommt, dass Herr Wulff das Parlament im Februar 2010 nachweislich täuschte, reiht er sich damit ein in das traurige Kabinett der politischen Nepper, Schlepper und Bauernfänger aller Guttenbergs dieser Welt. Die moralische Verfehlung lässt ihn bei jeglicher zukünftigen innen- und außenpolitischen Diskussion völlig unglaubwürdig werden. In gewisser Weise erwarte ich von einem Bundespräsidenten nämlich – wenn er dann schon mal da ist – Echtheit und Konkruenz.

Übrigens: Auch Herrn Wullffs Vorliebe für Luxus – mit der er schnell zum Vorzeige-Amigo allerlei suspekter „Wirtschafts-Prominenter“ avancierte – sind meines Erachtens nur schwer mit seinem moralisch anspruchsvollen Amt vereinbar. So pflegte der W(u)lff im Schafspelz nachweislich private Beziehungen zu Herrn Carsten Maschmeyer, dem Gründer des mehr als umstrittenen Sklaventreiber-Finanz-Unternehmens AWD und verschaffte sich dadurch ebenfalls allerlei nicht ganz uneigennützige Vorteile. Zur Erinnerung: Im Jahr 2010 gönnte er sich mit seiner Lebensgefährtin kurzehand einen Luxusurlaub in Maschmeyers Privat-Domizil – auf dessen Kosten natürlich. Mehr davon? Von Air Berlin-Chef Joachim Hunold ließ sich Wulff über den Wolken, wo die Freiheit bekanntlich ja grenzenlos ist, gerne mal in die Business-Class einladen. Aber auch der liebe Christian hatte ab und an die Spendierhosen an. So lud er seinen, nach eigenen Angaben, „Nicht“-Kreditgeber und Unternehmer-Freund Geerkens ein, ihn als Wirtschaftsberater bei Flügen ins Ausland zu begleiten. Kurz: Wulff spannte gesellschaftliche Netze und profitierte in vollen Zügen von den sich daraus ergebenden Vorteilen.

Doch halt! Auch ein Johannes Rau wäre ja schließlich immerhin schon fast ein mal über eine Affäre dieser Art gestolpert. Als dieser sich im Jahre 2000 für mutmaßlich von der West LB bezahlte Flüge hatte rechtfertigen müssen und gerade noch mit einem blauen Auge davon kam, polterte Wulff, es sei tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten habe, der seine Stimme mit Macht erheben könne. Rau sei eine Belastung für sein Amt. Nun, elf Jahre später, ist Wulff selbst ein Getriebener seiner belasteten, nicht ganz lupenreinen Vergangenheit – was ihn wohl spätestens Anfang nächsten Jahres dazu zwingen wird, seine Koffer im Schloss Bellevue zu packen, um in die von ihm doch so verschmähte Welt des Kleinbürgertums abzutauchen – natürlich nicht ohne einen lukrativen Aufsichtsrats-Posten in der Hinterhand zu haben – bei Air Berlin oder bei AWD beispielsweise…

Lindner verlässt das sinkende Schiff…

Nach dem prompten und scheinbar unerwarteten Abgang des ehemaligen FDP-Vorzeige-Grinse-Kaspers, Christian Lindner, gerät auch Frontmann Rösler immer weiter unter Druck. Die Amtsaufgabe seines Generalsekretärs schon nach rund 2 Jahren zeigt einmal mehr, wie tief die Gräben innerhalb der Partei mittlerweile geworden sind. Es sei der Moment, nun seinen Platz frei zu machen, so Lindner. Motive für seinen Abgang aus der neo-liberalen Führungsetage gab er übrigens keine an.

Seltsam, aber mich beschleicht, wenn ich von so einer Begebenheit höre, immer die Hoffnung, dass Herr Lindner doch noch eine Art plötzliche Einsicht, eine Katharsis in die Sinnlosigkeit des eigenen sowie partei-politischen Handelns gehabt haben mag und dass sein Rückzug nicht ausschließlich den Pannen rund um den Mitgliederentscheid geschuldet sei. Aber das ist wohl nur ein frommer Wunsch.

Wenngleich ein solcher Rücktritt auch dem/der politisch Uninteressiertesten Eines unumstößlich beweist: Politik ist mit einem solchen, von internen Querelen zermürbten, um Bedeutung ringenden, an Profillosigkeit leidenden, 5-Prozent-minus-X-Häuflein, wie dem der FDP, keine mehr zu machen…

Wie Facebook unser Innerstes befriedigt

Für mich stellt sich schon ab und an die Frage, wie sozial die sogenannten sozialen Netzwerke wirklich sind. Natürlich steht ausser Frage, dass die Begegnungsplattformen Distanzen überbrücken und auch dort wieder zarte Bande entstehen lassen können, wo etwaige Motive bereits dafür gesorgt hatten, diese, zumindest in Reallife, zu unterdrücken. Doch die Online-Freundschaftsbekundungen weisen einen stets illusionären Charakter auf, indem sie sämtliche sozialpsychologischen Phänomene zunächst aussenvor lassen oder deren Relevanz verschieben. Wo früher nämlich eine Frage, ein Annäherungsprozess stand, ist heute der Freundschafts-Button quasi vorinstalliert und ein Klick genügt, um sich online dem Gegenünber wieder auf den Schirm und in die Erinnerung zu rufen. Komplizierter Annäherungsprozess – Fehlanzeige. Freund- und Freundin-sein wird einfacher und indem das so ist, findet auch einer Art Aufweichung des Freundschaftsbegriffs selbst statt. Freundschaft heßt ja im soziologischen Sinne eine assymetrische Form der Beziehungsführung, ein volles Akzeptieren des Gegenübers mit all seinen Schwächen und ein Bekenntnis dazu. War die Freundschaft wichtig, so musste man sich nach einem Krach auch wieder versöhnen – Belastungen musste eine Freundschaft eben aushalten.

Doch Freundschaft ist eben nicht gleich Freundschaft, denn ist der Button im Netz erst einmal gedrückt und die automatisch generierte Anfrage vom Online-Ich auf der anderen Seite akzeptiert, sind es lediglich die individuellen Postings, die die sogenannten Freunde dann verbinden – eine ihrer Bedeutung nach stets eingeschränkte Form der (Be-)freundung. Gleichzeitig liegt genau darin der Reiz: Wer möchte nicht möglichst schnell, möglichst viele Freunde haben – ganz ohne freundschaftliche Verpflichtungen? War noch im Jahre 2001 besonderes Fingerspitzengefühl und ein Mindestmaß an Empathie von Nöten, um eine Freundschaft zu pflegen, haben nun endlich auch die klassischen Beziehungs-Nerds, die früher mal Budenhocker hießen, Chancen auf ein engmaschiges soziales Online-Netzwerk ganz ohne Laufmaschen und ohne Beziehungs- oder Freundschaftsarbeit.

Die sozialen Netzwerke bieten uns Menschen, und darin liegt meiner Meinung nach ihr Suchtpotential, die Verheissung auf Wahrhaftigkeit. Und das meine ich so: Indem wir via Postings unser Leben dokumentieren, illustrieren und bebildern, verleihen wir ihm eine gewisse Wichtigkeit. Wir haben das Gefühl der Wahrhaftigkeit, des Da-Gewesen-Seins. Etwas altmodisch könnte man auch sagen: Wir verewigen uns. Ja: Was früher unsere Namens-Initialen in der Eiche am Feldweg waren, sind heute die Posting. Ganz nebenbei können wir endlich eine geschönte, geglättete Version unseres Lebens, eine Art Online-Curriculum-Vitae, abgeben, die unser Leben aufregend erscheinen lässt. Denn das, was da im eigenen individuellen Newsticker erscheint, unterliegt ja unserer eigenen, inneren Zensur. Dabei verwischen gerne auch mal die Grenzen von Privatsphäre und Intimität. Im digitalen Dorf, das zuhause von der Couch besucht werden kann, vergisst man nämlich ab und an die weitreichenden Folgen eines zu freizügigen im Schottenrock Fotos von der letzten Party – Hauptsache die Fan-Gemeinde liked es ganz doll…

Ach ja der „Gefällt-mir“-Button. Ein weiterer verhängnisvolller, vielleicht sogar der verhängnisvollste Knopf im Zuckerberg-Universum überhaupt. Da es in der Natur des Menschen liegt, gefallen zu wollen, gefällt dieser unscheinbare Button und sein Resultat nämlich auch unserem limbischen System sehr. Belohnung ist schließlich etwas Tolles, nicht wahr? So streben wir alle nach den „Gefällt-mir-Credits“, nach der besonderen Form digitalen Prestiges, der sozialen Anerkennung. Wir proudly präsentieren: unsere Kinder, unseren Hund, unsere neue Kaffeemaschine, unseren Job. Kurz: Wir zeigen alles, was das Leben so hergibt. Wir legen unseren Freunden nicht nur unser Face-, sondern auch unser ureigenstes Lebens-Buch offen, was mich prompt zur Aussage des Facebook-Gründers, Herrn Zuckerberg, führt: „Die Privatssphäre ist eine veraltete Konvention.“ Na dann, p(r)ost!