Karnevalistische Zwangsneurose

Auch auf die Gefahr hin als Karnevals-Muffel zu gelten, der ich eigentlich garnicht bin bzw. nicht sein möchte, fällt mir in diesen Tagen des gemeinschaftlichen und alkoholversetzten Papp-Nasen-Frohsinns wieder einmal mehr der ach so stereotyp deutsch anmutende Hang zu einer gewissen gespielten Lockerheit auf, der seinen Grundzügen nach verkrampfter eigentlich nicht sein könnte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte an dieser Stelle nicht richten über alle Formen der karnevalistischen Subkultur und befinde diese in weiten Teilen sogar als unterhaltsam.

Aber was mich befremdet, sind die vielen stets melancholisch dreinblickenden Gestalten des deutschen Dienstleistungs-Sektors, die gerade an den Faschings-Tagen unweigerlich eine förmliche Zwangs-Symbiose mit der Narrerei eingzugehen scheinen. Von der Bäckerei-Fachverkäuferin bis hin zur Bankangestellten: Aller Orten treten mir da kostümierte Frauen und zuweilen auch Herren entgegen, die unfröhlicher garnicht erst sein könnten. Da frage ich mich natürlich zwangsläufig, ob es in den Arbeitsverträgen dieser Herrschaften eventuell eine Art ’närrischen Paragraphen‘ oder gar eine ‚Verkleidungs-Pflicht‘ für die Faschings-Tage gibt und wenn ja, ob sich da nicht etwas von gewerkschaftlicher Seite machen lässt. Der jetzige Zustand scheint mir jedenfalls sowohl für Angestellte, als auch für deren Kunden kaum tragbar.

Ich möchte Ihnen, um diese Behauptung zu untermauern, gerne ein konkretes Beispiel aufzeigen.

So empfingen mich, als ich gestern eine örtliche Bäckerei aufsuchte, die gleichen mir bekannten obligatorisch mießgelaunten Verkäuferinnen, die, in einem Anflug von gespielter Freundlichkeit, Backwaren an den Mann bzw. an die Frau brachten. Doch diesmal wurde der Szenerie eine Art unfreiwillige Komik verliehen. Denn eben diese service-orientierten Glanzlichter der deutschen Bäckerei-Fachverkäuferinnen-Zunft standen da – wie gewöhnlich völlig entnervt – doch komödiantisch bereichert um ihre Clowns-Kostüme und Papp-Nasen. Kennen Sie den Horror-Film-Klassiker von Steven King, ‚Es‘, in dem das ureigenste Symbol kindlicher Freude, der Clown, eigentlich ein böses Ungeheuer ist?

Nun: An diesem Morgen fühlte ich mich so, als würde ich gleich zwei Ausführungen dieses ‚Dings‘ gegenüber stehen. Überhaupt scheinen viele Bäckerei-Fachverkäuferinnen einen besonderen Hang dazu zu haben, uns, die Kunden, an jenen beruflichen Aspekten teilhaben zu lassen, von denen wir eigentlich nichts bzw. überhaupt nichts wissen wollen. So diskutiert man untereinander lautstark und mit einer allgemein erkennbaren Affinität zu innerbetrieblichen Abläufen über mangelhaft strukturierte Dienstpläne, zu viele Überstunden, fehlende Urlaubszeiten und darüber, das man auf das, was man da tut, prinzipiell keine Lust hat.

Die Kommunikation mit dem Kunden beschränkt sich – ich spreche jetzt mal für jene Bäckereien, die ich regelmäßig aufsuche – auf eine stets abgespeckte Form der themenzentrierten Interaktion. Ein „So!!!“, steht da beispielsweise für die einleitende Phrase ‚Sie sind nun an der Reihe, was kann ich für Sie tun?“, ein „Biddeee!“ deutet an, dass die Verkäuferin gerade den Überblick über die Reihenfolge der Wartenden verloren hat und an selbige appeliert, man möge sich doch untereinander über den weiteren Ablauf einigen. Es ist wirklich schon schlimm genug, dass ich mich in vielen Geschäften das ganze Jahr über damit abfinden muss, als Kunde zu stören.

Doch wenn dann noch ein Clown, eine Hexe oder ein motziges Cowgirl mit 120 Kilo Lebendgewicht hinter der Theke vorlukt – das ist krotesk, oder?

Übrigens: Als ich mich dann auch noch in jener Bäckerei dazu erdreistete, nach einer Serviette zu fragen, konnte ich die lodernden Funken in einem der Clowns-Gesichter quasi blitzen sehen. Die Serviette habe ich dann zwar bekommen, aber fühlte ich mich dabei recht mies – und das hatte ‚Es‘ ja wohl mit seinem diabolischen Blick bezweckt. Man muss ja auch schließlich als Clown nicht immer fröhlich sein…
Stephen Kings Es
Verkörpert einen ganz und gar unsympathischen Clown: Tim Curry als Pennywise in Stephen Kings „Es“(1990)

Warum der Westen von Syrien die Finger lässt

Wenn ich, wie heute in der FAZ, wieder einmal von den vielen Opfern der Gewaltauswüchse des syrischen Terror-Regimes in Homs lese, so drängt sich dem unwissenden Beobachter – und als solchen bezeichne ich mich in Sachen Syrien nun mal – schon die Frage auf, warum sich dort niemand der militärischen „Big Player“ dieser Welt einmischt, um dem Spuk Assads endlich ein Ende zu bereiten. Zwar bin ich persönlich der Meinung, dass Krieg immer die Ultima irratio darstellt, doch stimmt mich das zaghafte Verhalten der sonst so selbstverliebten und bisweilen gar chauvinistischen USA durchaus nachdenklich… Was ist denn hier so anders als in Libyen, wo diese gemeinsam mit Frankreich den Revolutionären Waffen-Hilfe leisteten?

Wieder und wieder werden in Syrien nach Bombenexplosionen unschuldige Menschen getötet und sogar von täglichen Massakern der staatlichen Sicherheitskräfte an der Zivilbevölkerung ist die Rede. Während der Versuch von Assads Frau Asma, sich samt ihren Kindern ins Ausland abzusetzen, unbestätigten Quellen zufolge durch einem abtrünnigen Teil der syrischen Armee verhindert wurde, scheint sich der Kampf zwischen denen, die für das Neue stehen und den sprichwörtlichen alten Garden der Regierung immer weiter zuzuspitzen. Begleitet von Panzern rückten Soldaten in Homs derweil in den Stadtteil Inshaat vor und setzten den Belagerungszustand fort, während die internationale Staatengemeinschaft über einen militärischen Eingriff von außen debattiert. Sicher ist: In realitas ist ein solches Vorhaben äußerst schwer durchzuführen. Denn schon die Streitmacht, mit der Assad seinen potentiellen Gegnern gegenüber treten würde, ließe auf eine schnelle Lösung des Konflikts – sprich den Sturz des Regimes – kaum hoffen: So ist die syrische Armee kampfstark und vor allem gut ausgerüstet. Ein rasches Vorgehen, wie es die Weltöffentlichkeit einst gegen die Truppen Gadhafis erlebte, ist also unwahrscheinlich.

Wenn der frühere amerikanische Präsidentschaftskandidat John McCain ein schnelles Eingreifen fordert, weiß er genau, warum die USA bis dato noch keine Truppen entsandt haben. Auch reine Hilfslieferungen, denkbar beispielsweise über eine Art Luftbrücke, sind ein strategisches Wagnis, denn mit einem sicheren Himmel, einem sogenannten „Save Heaven“, ohne syrisches Gegenfeuer, können jene, die gerne helfen würden, nicht rechnen. Wenn also Obama den sofortigen Rücktritt Assads herbeisehnt, ist das nichts weiter als ein frommer Wunsch. Auch er weiß genau, dass das zähe Ringen um Machterhalt und oppositionelle Neuerungen erst begonnen hat.

Das politische Klima in der arabischen Welt ist zudem seit der Arabellion ins Wanken geraten und mehr als unsicher: In der Straße von Hormus lassen der Iran und die USA ihre militärischen Muskeln spielen, während sich Israel schon auf einen atomaren Erstschlag des Mullah-Regimes vorbereitet. Wie weit der Iran mit seinem Atomprogramm nun wirklich ist, das vermögen nur Allah und die iranische Regierung allein zu sagen. Doch eine Intervention von Außen könnte in diesem köchelnden Macht-Sud schnell das Worst-Case-Szenario heraufbeschwören: Gedankenspiele, wie ein syrisch-iranischer Pakt gegen die gemeinsamen Erzfeinde Israel und USA beispielsweise, lassen apokalyptische Stimmungen aufkommen.

Die Motive für das chinesische und russische Veto gegen einen Sturz von Außen sind derweil ebenfalls diplomatisch äußerst heikel: Während China damit seine generelle Abscheu vor gewaltsamen Neuerungen durch Dritte zum Ausdruck bringt, wurzelt das Nein Russlands in einem Schulterschluss mit Syrien, der noch aus Zeiten des Kalten Krieges stammt. Zudem möchte man von russischer Seite aus einen steigenden Einfluss des Westens im Herzen Arabiens verhindern.

Fassen wir also zusammen: Die Befürworter einer militärischen Lösung stehen einem kleinen Land mit drei schwierig zu kalkulierenden Verbündeten gegenüber. Den militärischen Großmächten Russland und China sowie der potentiellen Atommacht Iran.

Dass die Schweiz unterdessen Hafez Machluf, seines Zeichens Chef des syrischen Geheimdienstes, trotz Sanktionen drei Millionen Euro freigab, um das Assad-Regime zu unterstützen, wirkt wie eidgenössischer Hohn von ganz weit ‚droben vom Berg‘. Immerhin verbleibt das Geld in den ‚besten Kreisen‘: Machlufs Familie ist mit dem Assad-Clan verschwägert. Rami Machluf, Hafez‘ Bruder und der reichste Syrer überhaupt, beeinflusst rund 60 Prozent der syrischen Wirtschaft. Aber davon will man im Lande des Käsefondues und der Gemütlichkeit, genauer im Schweizer Staatssekretariat, nichts wissen.

In der drittgrößten Stadt Syriens, im altehrwürdigen Homs, das am Fluß Nahr Al Asi gelegen ist und bereits in der Antike unter dem Namen Emesa bekannt war, gehen die Gefechte unterdessen weiter. Ein neuer Granaten-Regen verfärbt den Himmel blutrot, Schreie hallen über die staubigen Straßen. In der Hochburg des Widerstands neigt sich ein Tag des Grauens dem Ende. Bis morgen, in aller Frühe, ein neuer beginnt…

Rauchen kann tödlich sein: Die Sucht und ihre Doppelmoral

Wenn in Deutschland heutzutage über das Verkaufsverbot der sogenannten Elektronischen Zigarette nachgedacht wird, so wirft das in meinem Inneren ein paar Fragen auf. Es ist nicht das Verbot selbst, das an dieser Stelle zu diskutieren ist, vielmehr dessen Begründung, der gesundheitsgefährdende Aspekt des elektronischen Qualmens, der angeführt wird, nämlich. Wenn also das Gesundheitsamt in Nordrhein-Westfalen und andere Länderbehörden, wie gerade geschehen, öffentlich ankündigen, gegen den Verkauf der elektronischen Nikotin-Inhaler vorzugehen, ist dieser förmlich invasive Akt der Nächstenliebe schon verbunden mit einer gewissen Doppelmoral. Während nämlich weiterhin über die Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit der E-Glimmstängel diskutiert wird, dürfen die Zigarettenkonzerne ihre Lungenkrebs verursachenden, Gefäßwand schädigenden und somit nachweislich lebensverkürzenden Erzeugnisse weiterhin ungehindert an Tankstellen und in Supermarktketten absetzen, völlig unbehelligt vom Staate oder dessen ausführenden Institutionen.

Der ein oder andere mag sich dem Verdacht nicht erwehren können, dass die Spielräume der Tabakindustrie – einst erwachsen im blauen Dunst teerschwarzer Vorzeiten – mit einem rein ökonomischen Faktor – namentlich der Steuerbanderole – zu tun haben. Sie spült dem Bund seit Jahrzehnten schon aschgraue Moneten in die klammen Kassen. Das muss gesagt werden: Rauchen ist grundsätzlich schlecht – für Gesundheit, Geldbeutel und somit auch für die Gesellschaft. Aber wo endet die Gefahr des einen und wo beginnt die Gefahr des anderen Sucht-Mediums oder ist die Definition darüber reine Willkür? Sucht-Medium, ich führe das Wort an dieser Stelle ein, da sich der E-Zigaretten-Dissenz nicht einmal mehr im Suchtmittel Nikotin von der staatlich gebilligten Form der Suchtbefriedigung unterscheidet. Bei aller öffentlicher Polemik geht es scheinbar nicht, und das mag wenig überraschen, um ernst gemeinten Gesundheitsschutz.

Vielmehr trägt man staatlich noch dazu bei, eine kommerzielle Grauzone zu schaffen, in der gesundheitsgefährdende Suchtmittel gewinnbringend veräußert werden dürfen und der Eindruck entsteht, das Konsumform A ungefährlicher sei als Konsumform B. Bitteschön: Auch zum herkömmlichen Rauchen liegen genügend Langzeitstudien vor und die, die vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren einst stark ihrem Laster frönten, könnten die tödliche Wirkung des Rauchens bestätigen, wären sie nicht schon tot.

Es ist zweifellos die fehlgeleitete Definitionsmacht des Staates, die mich förmlich zur Weißglut (!) bringt. Natürlich ließe sich sagen: Der Aufdruck von mahnenden, schwarzen Formeln auf Zigaretten-Schachteln müsste ausreichen, um den Verstand der Menschen eindringlich genug auf die Gefahr des Rauchens hinzuweisen. Doch der Sucht ist nun mal nicht mit reiner Vernunft beizukommen, da die Sehn(Sucht) der Menschen nach schädlicher Glückseligkeit vielleicht stärker ist als der Drang, ein gesundes, langes Leben zu leben. Im Übrigen würde man auch von einem Heroin-Abhängigen wohl auch kaum erwarten, dass er die Finger von der Spritze ließe, wenn sich darauf der Aufdruck „Achtung Lebensgefahr!“ befände.

Allerdings führen ja bekanntlich viele Wege nach Rom. So könnte man, und das wäre sicher nicht das Schlechteste, eine viel härtere Präventions-Politik vom Staate einfordern. Wenn also schon kein grundsätzliches Tabakverbot durchsetzbar ist, wie wäre es dann mit weitreichenden Aufklärungskampagnen in Schulen, dem Verbot sämtlicher Plakat-Werbung für Tabakprodukte sowie Waren-Anpreisungen dieser Kategorie – inklusive Aufstellern und so weiter. Das wären doch mal klarere Ansagen als die halbherzig produzierten TV-Spots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die gerade mal zwischen 19.45 Uhr und 20.00 Uhr laufen. Überhaupt: Ein staatlich verordnetes Gespräch mit einem Lungenkrebs-Patienten bewirkte wahre Wunder und im Facebook-Zeitalter ließen sich blitzschnell etwaige Inhalte viral verbreiten. Zwar könnte auch mit einem aggressiveren Anti-Sucht-Programm noch immer keine hundertprozentige Überzeugungsarbeit in Sachen Nichtrauchen geleistet werden, soviel ist sicher, aber immerhin wirkte unser Staat in dieser Hinsicht dann ein wenig authentischer und engagierter.

Leider besinnt man sich in Sachen Präventions-Vermarktung immer noch auf die gleichen, altmodischen 80ger-Jahre-Rezepte. Ja, ja das waren noch Zeiten, als es ausreichte, Hella von Sinnen in einem TV-Spot an eine Supermarkt-Kasse zu setzen und den damals noch juvenilen Ingolf Lück linkisch fragen zu lassen, was denn die Kondome kosten. Damals ging es übrigens um eine andere Gefahr, um Aids nämlich. Heute sieht man fast keinen TV-Spot mehr zu diesem Thema, obgleich die Krankheit noch da ist und einige Jugendliche sicherlich der Aufklärung bedürften.

Abgesehen davon: Das Thema Alkohol haben wir bis dato ja noch völlig aus unseren Überlegungen ausgeschlossen. Warum wird hiervor eigentlich nicht gewarnt bzw. darf dieser sogar noch zur besten Sendezeit im TV beworben werden? Wenn einem so viel Gutes widerfährt, können falsche Freunde wie Jim Beam und Herr Daniels nämlich schnell den Irrglauben wecken, dass man sich mit einem kräftigen Doppelkorn am Morgen heute wie ein König fühlt. Ob das, das einzig Wahre ist, wage ich zu bezweifeln, aber ich bin ja auch schon Asbach uralt.

Vielleicht gibt es ja so etwas wie das ‚Recht auf Rausch‘ (obgleich ich finde, dass dieser Begriff sehr negativ klingt) und viele, ja viele Deutsche scheinen ihre Rechte dahingehend sehr genau zu kennen. Erst heute Morgen, als ich mir an der Tankstelle meinen obligatorischen ‚Hallo-Wach-Kaffee‘ einflößte, beobachtete ich, wie in circa zehn Minuten zehn Menschen zehn Six-Packs kauften: Das nenne ich Magie der Zahlen. Nun braucht man wirklich kein Philosoph zu sein, um daraus entsprechende Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Befindlichkeit, anders formuliert, auf die Notwendigkeit des Rausches für diese Leute in unserer neurotisch-transformierten, postmodernen Gesellschaft zu ziehen.

Aber nochmal: Mir geht es hier um keine Wertung der Konsumenten, sondern lediglich um die fehlgeleitete, vielleicht sogar missbrauchte Definitionsmacht des Staates über das, was in Sachen Suchtmittel gesetzlich erlaubt und verboten ist. Denn immerhin werden über Ver- bzw. Gebote Bilder bei den Konsumenten erzeugt, von denen eines so aussehen könnte: „Wenn Suchtmittel X erlaubt ist, kann es ja gar nicht so schlecht sein.“

Gut, die Dosis macht ja bekanntlich das Gift, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Verzahnung von Alkohol- und Tabak-Lobby mit unserem Staate einfach stärker ist, als dessen Drang, valide Präventions-Programme anzukurbeln. Derweil zeigt uns die Tabacco-Gang wie aus dem Marketing-Lehrbuch, was es heißt, aggressiv um Konsumenten zu werben… Das glauben Sie mir nicht?

Zwar wurde auch der Marlboro-Cowboy von seiner Berufskrankheit (Lungenkrebs) dahingerafft und dürfte, selbst wenn er es noch könnte, längst keine Abenteuer mit Hust-Garantie im TV oder Kino erleben. Doch Not macht auch die Tabak-Industrie erfinderisch: Gehen Sie mal in eine Tankstelle und achten Sie bitte darauf, welche Werbebotschaften im Kassenraum auf Sie einströmen. Ich verspreche Ihnen: Die Präsenz der Tabakerzeugnisse wird Ihnen den Atem rauben, auch ohne je live an einer Kippe gezogen zu haben… Wenn der Marlboro-Cowboy das noch erlebt hätte, er hätte vielleicht rechtzeitig seinen Job gekündigt und wäre jetzt ein netter, alter Herr mit grauen Haaren – und vor allem ein Nichtraucher versteht sich…

Kommunikation ist alles…

Alle Besitzer eines Smartphones kennen dieses Phänomen wahrscheinlich: Sie haben um 15.00 Uhr einen Arzttermin und müssen notgedrungen noch ein paar Minütchen im Wartezimmer verbringen, umringt von Unbekannten verlieren Sie sich sogleich in einer Pseudo-Anonymität, die Sie zermürbt und innerlich zu zerreißen droht… Früher war es da der Griff zur Zeitschrift, die mittels Lesezirkel ihren Weg in die Mitte des Wartezimmers und so in unseren Aufmerksamkeits-Radius fand, mit dessen Hilfe wir uns dem psychologischen zwanghaften Sitting-In-Trauma entzogen. Immerhin musste man ja, sofern man seinen Termin wahrnehmen wollte, einen gewissen Zeitraum mit diesen hustenden und oftmals seltsam riechenden Menschen an Ort und Stelle verbleiben. What a pity, wie die Engländer sagen…

Ich persönlich bevorzugte in diesen Zeiten übrigens die Print-Auswüchse der Yellow-Press, vorzugsweise BUNTE und GALA, die den deutschen Markt mit ihren leichten und partiell erlogenen Sujets über Stars und Sternchen überfluteten. Ja: Das war tatsächlich ein durchaus angenehmer Zeitvertreib für mich und letztlich ein ungeheurer Kontrast zu Habermas‘ „Erkenntnis und Interesse“ oder Chomskys „Rules and Representations“ beispielsweise. Die beiden Theoretiker hätten wohl, vorausgesetzt mein spezielles Wartezeiten-Überbrückungs-Hobby wäre jemals zu ihnen vorgedrungen, praktisch eigenhändig sofort alle ihre Werke aus meinem Bücher-Regal geworfen.

Doch heutzutage, im Zeitalter der totalen Mobilität, wird es uns, den misanthropen Zwangsneurotikern, da noch leichter gemacht. Denn mit einem Griff in die Hosentasche ist es da: Unser Lean-Back-Device, unser Draht zur digitalen Welt, unser Beziehungs-Kitter und Beziehungs-Killer – unser Handy. Fühlen wir uns erst einmal allein, gelangweilt oder wollen einfach nur besonders busy tun, wagen sich unsere Hände quasi selbständig in die konspirative Welt unserer Hosentaschen vor, tasten sich vorbei an Zigarettenschachtel, Taschentüchern und Feuerzeug, bis sie es dann sogleich zielsicher hervorziehen ins Tageslicht. Die Zeitschriften sind zwar noch immer da, aber vergilben infolge des erlernten Verhaltens und der damit verbundenen Konditionierung einsam vor sich hin. Wann immer uns eine Situation Raum zu einer sozialen Begegnung, im eigentlichen Sinne des Wortes, böte – in U-Bahnen, Aufzügen oder an Bahnsteigen beispielsweise – flüchten wir also in die Welt der Bits and Bytes, überfordert vielleicht von so viel Begegnung und plötzlicher Nähe.

Gott sei Dank bieten die kleinen elektronischen Alleskönner viele Fluchtmöglichkeiten: Ob sogenanntes Soziales Netzwerken, recherchieren irgendwelcher ganz wichtigen Begriffe auf Wikipedia oder einfach nur sinnloses Googlen: Tippen, oder vielmehr „touchen“, gehört mittlerweile wohl wirklich zum guten Ton aller Lückenfüll-Aktivitäten. Während zunächst nur die sogenannte Digitale Bohème die Notwendigkeit des mobilen Surfens erkannte und die damals noch waghalsig überzogenen Preisvorstellungen der Netzbetreiber als notwendiges Übel akzeptierte, hat sich das Surfen on the road mittlerweile zum Massenphänomen entwickelt und spiegelt wie keine andere Spielart der Kommunikation den inharänten Wunsch der Menschen nach einem permanenten Update, nach Kontakt und Nähe wider – bei gleichzeitiger Negation des realen sozialen Raumes mit all seinen Akteuren.

So füllen wir also die Zeit, die wir haben, aber eigentlich nicht wollen, mit sinnlosen Recherchen, schauen, ob es da jetzt endlich eine neue Nachricht auf Facebook für uns gibt, checken E-Mails, banken online, skypen und sind sehr kommunikativ, nur um mit denen, die uns da gegenüber sitzen, nicht kommunizieren zu müssen. An einem Gespräch „in real“ – daran kann wirklich niemand ernsthaft interessiert sein, oder? Ach ja: Wie sagte der gute Watzlawick noch gleich: Man kann nicht nicht kommunizieren!

Saarländische Ministerpräsidentin beendet jamaikanische Seifenoper

Nun ist es geschafft, und der ehemals als äußerst progressiv bewertete saarländische Reigierungs-Ausflug nach Jamaika ist beendet. Wieder einmal waren die (Neo-)Liberalen das Zünglein an der Waage und der Tropfen, der das Kramp-Karrenbauersche-Fass schließlich zum überlaufen brachte. Die Saar-FDP befindet sich, wie die Minsterpräsidentin richtig feststellte, in einem unauflösbaren „Zustand der Zerrütung“. Die FDP beweist einmal mehr, diesmal eben nur auf Länder-Ebene, was ihre größte Crux ist: Sie selbst. So verliert sich ihre inhaltliche Arbeit auch an der Saar in Personal-Querelen, die zusätzlich noch von Intrigen und strategischen Machtspielchen überschattet wurden und werden. Wie ironisch mutet es da an, dass es erst Kramp-Karrenbauers Mahnung an den FDP-Landeschef Oliver Luksic, man möge doch bitte endlich einen neuen Parteivorstand wählen, sowie dessen folgenschwere Verneinung waren, die das Ende des schwarz-gelb-grünen Farbenspiels einleiteten. Wie mag man auch mit einem Partner koalieren, dem selbst die Aufstellung eines neuen Parteivorstands als quasi unlösbare Aufgabe erscheint?

Die Ministerpräsidentin setzt, leider, auf eine große Koalition mit der SPD. Doch zweifelsohne würde das wohl lediglich ein weiteres, zum Scheitern verurteiltes saarländisches Regierungs-Experiment einleiten, denn der nächste Wahltermin liegt in nicht all zu ferner Zukunft, im Jahre 2014 schon. Bis dahin jedoch werden die an der Saar stets traditionsreichen, großen Parteien CDU und SPD ihre Rivalitäten und gegenseitigen Zerwürfnisse wohl kaum begraben oder überhaupt eine Form des Wir-Gefühls entwickeln können.

Ob Neuwahl oder nicht: Nutznießer der politischen Seifenoper an der Saar dürfte DIE LINKE, genauer noch Oskar Lafontaine, sein. Sollte es nämlich beispielsweise zu einer großen Koalition kommen, wird sich Lafontaine als Landeschef der Partei die Hände reiben und sich in seine fraglos gekonnteste Rolle einfinden: In das Opponieren und stategische Herummäkeln an der laufenden Riegierungsarbeit. Die Zeit ist dabei stets auf Lafontaines Seite, da das wohl holprige Agitieren von CDU und SPD ihm unweigerlich die Trümpfe in Hände spielen und im Jahre 2014 wohl stets ein gutes Wahlergebnis quittieren wird.

Aber um der Demokratie Genüge zu tun, sollte und müsste es an der Saar nun Neuwahlen geben. Nur so ließe sich einem vom Volke gänzlich unbeeinflussbaren, erneutem Koalitions-Schlamassel zumindest tendenziell entgegenwirken. Unweigerlich gewinnt man nämlich den Eindruck, dass sich die großen Parteien,sind die Wahlen erst mal gelaufen und die Hochrechnungen verkündet, zum immer wieder gleichen Koalitions-Klüngel zusammenfinden, der zwar zur Mehrheit verhilft, aber politische Inhalte und Programme fast schon überflüssig macht. Es genügt eben nicht nur, des Volkes Stimme zu hören, sondern sie muss letztendlich auch wahrgenommen werden.

Ich jedenfalls drücke für DIE LINKE mal kräftig die Daumen.

Sein oder nicht sein? Ein apokalyptischer Jahresrückblick.

Laut dem vermeintlichen „Insider-Wissen“ einiger Hardcore-Weltuntergangs-Enthusiasten sagt der Maja-Kalender ja das Ende aller Tage noch in diesem Jahr voraus – was genauer betrachtet natürlich nichts anderes ist, als der übliche Tenor jeder Weltuntergangs-, Verschwörungs- oder waghalsigen Bermuda-Dreiecks-Theorie überhaupt. Denn laut den Altvorderen der ehemaligen Hochkultur beginnt nach dem Jahre 2012 eben nur eine neue Periode in ihrer Zeitrechnung. Nicht mehr und nicht weniger. Aus Maya-Perspektive lohnt also beispielsweise der Abschluss einer privaten Rentenversicherung noch immer… Obgleich einige ‚echten Kenner‘ scheinbar nur schwer abzubringen sind von dem in die Maya gesteckten Urvertrauen, sollten sich diese „Connaisseurs“ einmal fragen, warum selbige eben nicht in der Lage waren, ihr eigenes Verderben zu datieren.

Aber müssen wir unbedingt in die Welt der Esoterik abschweifen, in die Welt des Zaubers und der Magie, um eine Idee davon zu bekommen, dass Irgendetwas faul sein muss im Staate Dänemark? Blättern wir doch mal kurz zurück in der 2011ten Jahreschronik since JC was born. Im Frühjahr 2011 fegt der sogenannte Arabische Frühling über das nördliche Afrika. Beginnend mit der Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Buazizis begehrt das tunesische Volk auf und kämpft gegen die selbstverliebte Herrschaft ihres diktatorisch-tyrannischen Landesvaters an. Ben Ali flieht feige aus dem Land und vor dem Volke, das er seit Jahrzehnten im eisernen Würgegriff hielt. Doch Tunesien war ja erst der Anfang: Das Aufbegehren der arabischen Völker, der Wunsch nach tiefgreifenden Reformen erreicht auch Ägypten, Bahrain und Dschibuti – ja, der gesamte nördliche Teil des afrikanischen Kontinents scheint vom einem flammenden Revolutionswunsch beseelt. Dabei zeigen die Demonstrierenden den westlich-degenerierten Industriestaaten vorbildlich, wie mächtig das Volk doch sein kann, wenn es erst einmal einen gemeinsamen Nenner gefunden und ein Ziel vor Augen hat.

In Libyen und im Jemen sind wohl die meisten Todesopfer der revolutionären Geschehnisse zu beklagen: Die Regime der Despoten lassen sich den Preis der Freiheit ihrer Völker mit viel Blutgeld bezahlen… Sind wir mal ehrlich: Stuttgart 21 war zwar ein emanzipatorisch wichtiger Schritt für das deutsche Volk, doch ist im Vergleich zu dem von den arabischen Wutbürgern aufgebrachten Mut und Engagement wohl eher Kinderkram mit Soße.

11. März 2011: Aber auch auf der anderen Seite der Erdkugel, in Japan, überschlagen sich die Ereignisse. Es kostet die Welt einen Tsunami und den anschließenden Super GAU in Fukushima I, bis auch unsere unsere Regierung endlich (an-)erkennt, dass in Sachen Atomkraft eben immer ein gewisses Restrisiko bleibt und ihre Energie-Politik ändern möchte/muss… Erinnern Sie sich noch an die treffliche Indianer-Weisheit Erst wenn der letzte Baum gefällt… und so weiter? Das Thema Blutgeld hatten wir doch gerade erst, oder?

2. Mai 2011: Die USA müssen nach der Hinrichtung des Terror-Fürsten Osama-Bin-Laden erkennen, dass ein führendes Gesicht des Schreckens zwar fort ist, dass aber die Angst vor weiteren Anschlägen auch ohne den Master-Strippenzieher des Al Kaida-Netzweks bleiben wird.

23. Juli 2011: In Norwegen tötet der faschistoide Amokläufer Anders Behring Breivik insgesamt 77 Menschen.

19. Dezember 2011: Und als wenn das nicht alles schon schlimm genug wäre, führt der Diktator Kim Yong Un nach dem Tod seines Vaters Kim Yong-il dessen Regierungskurs fort, was für das nordkoreanische Volk mit weiteren Jahren des Hungers und Leids verbunden sein dürfte – vorausgesetzt, die zarte Flamme der Revolution findet ihren Weg nicht auch nach Asien… Nordkorea liefert im Übrigen ein Schreckens-Beispiel dafür, wie aus einer Personen- schließlich eine Erb-Diktatur werden kann. Die Kims, eine schrecklich(e), nette Familie eben.

30. Dezember 2011: Gegen Ende des Jahres ‚versüßt‘ uns dann der Iran noch mit einem apokalyptisch anmutenden Raketentest den Jahreswechsel, nachdem er laut eigenen Angaben in seinem Atomprogramm einen entscheidenden Schritt ‚weitergekommen ist‘. Die verwendeten Raketen vom Typ „Quader“ können rund 3000 Kilometer weit fliegen und bedrohen damit nicht nur sämtliche US Militär-Basen in diesem Radius, sondern auch Länder wie den Irak, Afghanistan, Pakistan und Israel.

Alles in Allem also eine explosive Mischung, die sich da zusammenbraut, finde ich – auch ohne den esotherischen Mumpitz einer abergläubichen, fehlgeleiteten Maya-Fangemeinde.

Wenn der Postmann zweimal klingelt…

An einem Tag wie diesem, an dem der Wind um das Haus heult und das Dachgebälk fast schon jaulende Geräusche von sich gibt, jagt man eigentlich keinen Hund vor die Tür – möchte man meinen. Doch ich wagte vorhin tatsächlich einmal den Schritt hinaus, in die Tristesse, und konnte mich sozusagen live von ihr überzeugen – inklusive meinem Hund, der aufgrund seiner geringen Körpergröße kräftig kämpfen musste, um gegen die starken Windböen, die an ihm rüttelten und zerrten, überhaupt anzukommen. Der kleine Kerl ist zwar recht mutig, aber als die Tür nach dem kurzen, windigen Spaziergang ins Schloss seines, unseres sicheren Domizils fiel, war er mehr als beruhigt, glaube ich. Demonstrativ schüttelte er sich und ging wie selbstverständlich auf ’seine Couch‘, wo er es sich unversehens bequem machte, einrollte und alle viere von sich streckte.

Ach ja, ein Hundeleben hat schon diverse Vorteile, erinnert es bei diesem Hund doch in weiten Teilen an eine never ending Wellness-Kur. Beginnend beim via Internet georderten Gourmet-Hundefutter (ganz nach Belieben mit Hühnchen, Leber oder allerlei anderen hundsleckeren Ingredienzien) über die täglichen Streicheleinheiten bis hin zum Spiele mit dem Lieblings-Plüschtier: Ja wirklich, dieser kleine Teppich-Porsche muss sich sau wohl fühlen in seiner Haut. So versteht es sich dann auch, dass er sich stets als Hüter des Hauses, als Leader of the Gang, als der unbestrittene Herrscher vom Esszimmer bis zur Küche gibt.

Ich erwähnte bereits, dass es sich bei diesem kampfeslustigen Gesellen um einen Chihuahua handelt? Nein? Die territorialen Ansprüche, die aus der Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung erwachsen (denn der Hund ist wohl stets davon überzeugt, ein kleiner latein-amerikanischer Chico mit deutschen Wurzeln zu sein), manifestieren sich schließlich in lautem Gebell, sobald ein Fremder in ’sein‘ Territorium eindringen möchte und so etwas Unwichtiges wie einen Brief oder ein Paket vorbeibringt. A propos Briefe und Pakete: Postboten werden ja bekanntlich schon im Rahmen ihrer Ausbildung auf die Konfrontation mit Hunden vorbereitet und müssen, denke ich, sogar diverse Unterrichtseinheiten zum Thema „Wie komme ich an den vierbeinigen Gefahrenquellen vorbei?“ absolvieren. In Anbetracht dieser Tatsache verwundert es kaum, dass, als der Postmann eines schönen Tages zweimal klingelte, der kleine Kerl wie gewohnt anschlug und sich die Hundeseele aus seinem Rachen bellte.

Soweit kein Problem, da es sich ja um die small Version, die kleine Version eines Hundes handelt… Denken Sie… Aber dieser sonst so verspielte, liebenswürdige kleine Kerl verfügt über eine nicht unwichtige Kompetenz: So ist er fähig sein originäres Stimmchen, in Anbetracht der vermeintlichen Gefahrensituation, zu einer tiefen, sonoren Stimme umzumodelieren. An jenem Tag wurde also (sie erinnern sich: Postmann, Klingeln und so weiter…) aus dem kläglichen Waff, Waff ein erschreckendes Wau, Wau. Der Postmann, seines Zeichens durch die zahlreichen Seminare, Schulungen und Trainings-Camps bestens vorbereitet, wusste genau, was zu tun war. Ganz nach dem Motto „Vorsicht ist die Mutter der Porzellan-Kiste“, rief er nach oben, ich solle den Hund, der da so bedrohlich belle, doch bitte an die Leine nehmen. In diesem Moment der Gefahr hatten sich die Trainingseinheiten hinter Hecken und Büschen mit all ihren strategischen und psychologischen Finessen scheinbar endlich für ihn gelohnt. Hier war sie nun, die viel beschworene Hundefront, the Bell-Attack, von der seine Kameraden ihm bereits so viel berichtet hatten, wobei sie sich in schauriger Erwartung der zu den Stimmen gehörenden Hunde meist sprichwörtlich postwendend auf dem Absatz umdrehten, um dann mit einem gewagten, aber nach dem Aufprall stets schmerzhaften Hechtsprung, über die Hecke zu fliehen. Dieser Schmach wollte sich „unser“ Postmann wohl entziehen…

Ja, das Ganze war schon eine äußerst surreale Szene: Ein Chihuahua, der von seiner eigenen Gefährlichkeit überzeugt ist und tief bellt auf der einen, und der Postmann, der seinerseits ebenfalls von einer Gefahr ausgeht und um die Bändigung der vermeintlichen Bestie bittet, auf der anderen Seite.

Können Sie sich das Gesicht dieses Menschen vorstellen, als er mit seinen rund zwei Metern Körpergröße, Glatze und Nackentattoo dem bellenden Übel in die Augen sah? Der Chihuahua jedenfalls sah ihn triumphierend an, und ich glaube sogar ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht erkannt zu haben…

Eine kurze Rezension zu Michel Bergmanns „Die Teilacher“

„Die Teilacher“ ist das im Jahre 2010 bei dtv erschienene Roman-Debüt von Michel Bergmann. Bergmann wird als Kind jüdischer Eltern in einem Internierungslager in der Schweiz geboren, zieht später gemeinsam mit ihnen nach Frankfurt am Main und wird schließlich freier Journalist bei der >Frankfurter Rundschau<. Der Roman nimmt den Leser mit auf eine aufregende, erschreckende, aber auch mit jiddischem Humor gefärbte Reise, ins Vor- und Nachkriegsdeutschland. Dabei beginnt das Buch mit dem Tod seines eigentlichen Protagonisten, David Bermann. Als der junge Schauspieler Alfred Kleefeld nach dessen Ableben beginnt, die Dinge seines Nennonkels zu ordnen, schweift er mit seinen Gedanken unweigerlich ab in die Welt dieses kautzigen, klugen Menschen und erfährt schließlich auf Davids Beerdigung, in einem Gespräch mit dessen Weggefährten, dessen spannende Lebensgeschichte.

In Retrospektiven wird der Leser nun in eine ganz und gar jüdischen Mikrokosmos mitten in Deutschland, in die Welt der Teilacher, der jüdischen Handelsreisenden, entführt, die mit ihren Aussteuerpaketen, den sogenannten „pekle“, in den Nachkriegsjahren über die Lande zogen.

Amüsant sind dabei besonders die quasi komischen Begegnungen zwischen den verschmitzten, aber von den barbarischen Qualen der Schoah geprägten Teilachern auf der einen, und den tolpatschigen, plumpen und hilflosen Deutschen auf der anderen Seite. Aus diesem Spannungsfeld heraus entwickelt der Roman seine schwungvolle Eigendynamik. Das Buch ist weit mehr als der oberflächliche Einblick in die Welt eines Berufsstandes, der aus der Not heraus geboren wurde. Der Autor zeichnet gekonnt und in teilweise rührender Sprache die Lebenslinien einiger imaginären Landsleute nach, die durch den aufziehenden Weltkrieg in völlig andere Richtungen gelenkt und nach dem Kriege schließlich zu einem neuen Lebensmuster verwoben werden: Da ist der aufstrebende Wäschehandel der Gebrüder Bermann beispielsweise, durch den David seine große Liebe Baby kennenlernt und der unter dem Nazi-Regime natürlich nicht fortgeführt werden kann. Alfred flieht nach Paris, tritt der Fremdenlegion bei und muss die Frau, die er liebt, in den Wirren des Krieges ziehen lassen. Nach dem Krieg schlägt er sich als Teilacher durch und versucht mit seinen Freunden in Deutschland Fuß zu fassen, das geprägt ist von Trümmern, Zerstörung und der Regression der Deutschen.

In dieser bedrückenden Atmosphäre entwickeln die jüdischen Protagonisten zarten, neuen Lebensmut und versuchen auf ihre eigene, von tief-schwarzem Humor geprägte Weise, aus dem Gegebenen das Beste zu machen.

In den Anekdoten, die Bergmann skizziert, pendelt der Leser so beständig zwischen Melancholie, Verblüffung und Erstaunen – kurz: Der Autor erschafft mit diesem Buch einen Gegenentwurf zur moralisch unmittelbar bewertenden Form der gängigen Nachkriegs-Literatur, indem er die Lebenswelt einiger Juden exemplarisch in erstaunlicher Brillianz schildert – vor und nach dem Krieg. Die zerklüftete Welt aus Leid, Pragmatismus und Liebe ist es, die Bergmann in seinem Erstlingswerk hervorragend einfängt und die uns erschauern, aber auch mal schmunzeln lässt:

„In der Stadt war man in einer wilden, ungezügelten Welt. Zwischen den Trümmern gab es Bars und Bordelle, Kinos, ET-Taxis, Schwarzmarkt am Hauptbahnhof. Ja, so lebten sie in der Welt zwischen Deutschen und Amerikanern. Die Teilacher. (…) Der Teilacher, als Vertreter des Einzelhandels, ist das kleinste spaltbare Teilchen, das Atom der Kaufmannswelt.“*

Dass dem Buch ein Deutsch-Jiddisches Glossar angehängt wurde, lässt den Leser bei den zahlreichen blumigen Gesprächen der Handelnden noch näher heranrücken an die jüdische Seele, die sich in einem von jiddischen Begriffen durchsetzten Deutsch offenbart.

Es ist die ausgewogene Mischung aus Scharm, Chuzpe und Gefühl, die diesen Roman zu einer absoluten Leseempfehlung meinerseits macht.

* Bergmann, Michel, Die Teilacher, dtv (2010), S. 103 – 104.

Überlegungen zur Sozialisation im kapitalistischen Gesellschafts-Kontext

In einem von Nebelschwaden durchzogenen, trüben und feuchten 25. Dezember finde ich nun also doch noch ein gewisses Maß an Ruhe und Entspannung. Es ist eine Form der Zeitlosigkeit, oder vielmehr, das Aus-der-Zeit-Gelöst-Sein, was mich zwischen meinen Büchern und denen sich aus ihnen entfaltenden Gedankenwelten ein wenig zur Ruhe kommen lässt. Ob man das nun besinnlich nennen mag, das wage ich zu bezweifeln. Vielmehr ist es eine Art des über das Jahr hinweg stets verlorenen geglaubten Egozentrismus, der Besinnung auf das Eigene, auf das Selbst, das endlich nicht von einem künstlichen Tagesablauf determiniert wird und sich nun endlich von der schalen, bröckelnden Fassade einsozialisierter Konventionen und Normen befreien darf.

Schade nur, dass sich dieser fragile Charakter der Freiheiten, die sich aus dem temporären Auf-der-Stelle-Treten-Dürfen ergeben, wohl nicht über das nächste Jahr hinweg bewahren lassen. Und ich denke an Marx, der sinngemäß schrieb, dass Menschen zwar ihre eigene Geschichte machten, dass diese, die Geschichte selbst, sich aber immer nur unter bereits vorgegebenen Umständen vollziehe*. Gesellschaftstheoretisch lässt diese Ansicht leider nicht viel an emanzipatorischem Potential zur Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit zu, da die Windungen des Lebensweges demnach ja schon biographisch angelegt sind, aber ich teile sie mehr als die existenzphilosophischen Ansichten eines Martin Buber oder die oft selbstgefälligen Omnipotenz-Phantasien mancher Konstruktivisten, die einer Begegnung oder dem Selbst mehr schöpferisches Potential zuschreiben, als beispielsweise einer Überweisung des Arbeitsamtes am Monats-Ersten.

Gesellschaftlich Ungleichheit lässt Menschen arm werden – materiell und geistig. Geistig insofern, als dass die materielle Armut oder auch die materielle Abhängigkeit dazu beitragen, ein systemkonformes Verhalten an den Tag zu legen. Eben das Arm-Sein ist es, aus dessen Klauen sich Betroffene aus eigener Kraft oft nur schwer befreien können, da sie eben das gesellschaftliche Korsett daran hindert. Wo materielle Ungleichheit als gelebtes Paradigma die Lebenswirklichkeit und die Lebenswelt der Menschen bestimmen, dort ist wenig Raum zur persönlichen Verwirklichung. Wo monotone Arbeitswelten eine rein mechanische Tätigkeit fordern, sind keine abschweifenden Gedanken gefragt und wo Arbeiter und Arbeiterinnen sich in dem immer komplexeren Produktionsprozess verlieren, geht auch ein wichtiger Aspekt der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit selbst, das Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Relevanz für das Gesamtsystem, verloren. Die Wurzeln der gesellschaftlichen Ungleichheit sind dabei schon zu finden in den primären Sozialisations-Instanzen, namentlich schon in der dyadischen Beziehung zwischen Mutter und Kind, dem Elternhaus und später der Schule, indem diese Instanzen es sind, die das Kind auf die für die Gesellschaft so wichtige Form der späteren Unterordnung im kapitalistischen Produktionsprozess vorbereiten. Erst durch diese, dem Grundverständnis nach subtile Formen der Sozialisation, wird das Individuum empfänglich für konformistische Perspektiven, wird es gefügig und internalisiert in ihnen den Glauben an die Notwendigkeit einer Unterwerfung, um materielle Sicherheit erlangen zu können.

Das Opfer, das es dabei erbringt, ist hoch. So reift in ihm durch derlei Sozialisationsstrukturen schon früh der Irrglaube in die mangelnde, eigene gesellschaftliche Relevanz und fördert vice versa die Perspektive des Wir-da-unten und Die-da-oben.

Um den Kreis zu schließen: Oft haben Menschen nicht den Luxus erfahren, ihren eigenen Gedanken nachhängen zu dürfen. Und genau darin liegt die Crux: Denn indem einer Vielzahl von Menschen systematisch die eigene Begrenztheit eingeredet wird, sind diese zwar für den kapitalistisches Produktionsprozess das wertvollste Gut, wissen aber nicht um ihre systemrelevante Bedeutung und finden sich auf dem Boden der harten, materialistischen Realität wieder. Dort sind es die offenen Rechnungen, die überteuerten Schuhe für die Kinder, die die Lebenswirklichkeit bestimmen und die die Dependenz zwischen Arbeit, Geld und Arbeitgeber zu einer unausweichlichen, kapitalistisch-determinierten Trias erwachsen lassen, die dem Einzelnen tagtäglich vorwurfsvoll suggeriert, es sei das Höchstmaß an Glück, für sieben Euro Stundenlohn am Fließ-Band zu stehen, während sich die Konzernbosse Milliarden-Gewinne in ihre Taschen stopfen. Welch neurotisches Fundament, auf das der Kapitalismus doch fußt…

*Das ursprüngliche Zitat stammt aus der von Marx im Mai 1852 veröffentlichten Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ und soll der Vollständigkeit halber hier aufgeführt werden:

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“

Tratsch im Kaufhaus

Nun habe ich in der letzten Woche ja schon einen Artikel zum Thema Weihnachtszeit, und vor Allem zum Phänomen Weihnachtsstress, verfasst. Nichtsdestotrotz fiel mir, als ich mich dann langsam aber sicher selber daran machte, einige Geschenke zu besorgen, einmal mehr das tendenziell eher “kaufunfreundliche“ Verhalten mancher Verkäuferinnen und Verkäufer auf. Ich begab mich ja immerhin bewusst in die artifiziellen Konsumwelten der mit Parfum geschwängerten Kaufhausluft und ließ mich willentlich umher treiben vom Strudel des Schein und Seins. Da begegnete ich gleich mehrmals einer ganz besonderen Art der Verkäufer-Spezies. Vorweg: Ich bin keiner, der mit seinem erhobenen moralischen Zeigefinger zwischen Wühltischen und Werbe-Aufstellern umherirrt, um den Mitarbeitern/Innen dort zu zeigen, wie man ein verkaufsorientiertes Gespräch führt – doch die besondere Unart der Berufsausübung, der ich in einigen Fällen begegnete, ärgerte mich, wie der Bayer sagt, „schon’a Bissl“. Hier also das Erlebte en detail.

Ich streifte umher, auf der Suche nach dem einen, nach dem ultimativen Geschenk und immer dann, wenn ich einen Artikel genauer ins Auge fasste und mich gefährlich nahe an den Schnittpunkt einer möglichen Interaktion mit dem/der VerkäuferIn heranwagte, schienen die vorher noch locker-leicht umher stehenden MitarbeiterInnen ganz plötzlich völlig beschäftigt zu sein. Ja: Sie wendeten sich meist ab, und ließen mich unversehens meiner konsumorientierten Wege ziehen, ohne Beratung und ohne Verkauf. Obgleich ich kein Freund von Stereotypen bin, handelte es sich hier zu gefühlten 95 Prozent um Verkäuferinnen, die wohl roundabout Fünfzig Jahre alt sein mussten und einen konservativem Kleidungsstil präferierten. Ach ja, konservativer Kleidungsstil, damit meine ich: schwarzer Bläser, weiße Bluse und betont stylishe „Ray Ban“-Brille, kurz: ein Aufzug der zeigt, dass man, dass sie, eigentlich etwas Besseres zu tun hätten, als hinter einer solch bescheuerten Kasse zu stehen, um sich dann auch noch das dumme Geschwätz von Kunden anhören zu müssen. Diese Damen des guten Geschmacks verstanden es mit ihren genervten, betont dominanten Blicken vorzüglich, den Un-Charme ihrer Pissed-Off- Aura bis in den letzten Winkel der weihnachtlich geschmückten Kunstwelt zu versprühen. Natürlich gab es gestern auch Ausnahmen: Nette Damen, die mir behilflich waren, mir die Artikel präsentierten und so weiter.

Aber leider ist es ja nun mal das Negative, was dem Menschen im Gedächtnis haften bleibt und da frage ich mich schon: Was nutzen die teuren Werbekampagnen, wenn wir meist auf VerkäuferInnen angewiesen sind, denen der Tratsch im Kaufhaus weitaus wichtiger ist, als eine einigermaßen gute Beratung des Kunden? Wohlgemerkt: Ich spreche den Beschäftigten nicht ab, mal einen schlechten Tag zu haben – schön und gut. Vielmehr geht es mir um die selbstverständliche Arroganz, die einige von ihnen an den Tag legen. Da mag der Kunde noch so interessiert sein am Artikel, man beschränkt sich, auch wenn eine absatzorientierte Haltung immerhin partiell zur Sicherung des eigenen Gehalts beitragen würde, bewusst auf das einsortieren von Ware, übergeht die suchenden Blicke des Gegenüber und gibt diesem nicht selten das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. So beobachtete ich eine alte Dame, die wohl eine Frage zu einem Artikel hatte und hilfesuchend vor einer Vitrine stand, während sich drei Verkäuferinnen, die unmittelbar auf der anderen Seite standen, angeregt über die „bescheidene“ Pausenregelung unterhielten. Resignierend drehte die Frau nach fünf Minuten ab, ohne den Artikel.

Obgleich eine gewisse VerkäuferInnen-Riege also diese Verhaltensweisen aufzeigen, erwarten einige von ihnen – vice versa – absolute Solidarität von Seiten des Kunden. Ein Beispiel: Vor Kurzem noch rechneten die Beschäftigten von Karstadt mit meiner Unterschrift, als ihnen die Entlassung drohte und Berggeruen Jr., der reiche Messias, noch nicht seine nach einem guten Geschäft lächzenden Hände ausgestreckt hatte. Eben diese Beschäftigten sind es nun, die meine Unterschrift, zumindest en gros, mit Desinteresse und Null-Bock-Mentalität quittieren. Nun gut, genug von dem Klagelied: Wenigstens habe ich jetzt alle Weihnachtsgeschenke – Mission accomplished – bis im nächsten Jahr.